Gazpacho, 25.10.20, St. Croix, Oslo (NO) – Fireworking at St. Croix (Live Stream)

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Falsche Erwartungen können leicht zu Enttäuschungen führen, auch wenn die Qualität des Produktes makellos ist.

Es war verwunderlich, dass Jan-Henrik Ohme (Gesang) und Thomas Andersen (Keyboards) nur wenige Minuten vor Beginn ihres Live-Streams noch Fragen beantwortend im Video-Live-Chat bei Facebook saßen. Sollten die beiden Norwegen nicht gleich ihr neues Album „Fireworker“, gemeinsam mit ihren Bandkollegen Jon-Arne Vilbo (Gitarre), Kristian Torp (Bass), Lars-Erik Asp (Schlagzeug) und Mikael Krømer (Violine, Gitarre, Mandoline) in ihrem Proberaum südlich von Oslo aufführen?

Wie auch einige andere Fans war der zuständige Redakteur der Ankündigung des Live-Streams „Fireworking at St. Croix“ auf den Leim gegangangen. Denn die Bekanntgabe eines festen Zeitpunktes für den Stream-Beginn (12.12.20, 20:00 Uhr) hatte doch sehr auf die Übertragung eines Live-Konzertes schließen lassen. „Fireworking at St. Croix“ war allerdings schon gut anderthalb Monate früher, nämlich am 25. Oktober 2020 aufgenommen worden, so dass es sich nicht um die Live-Übertragung eines Konzertes, sondern lediglich um die Premiere der Übertragung einer Live-Aufnahme handelte (und selbst die war bereits Tage vorher abrufbar, d. Schlussred.).

Wer schon einmal einem Konzert von Gazpacho live beigewohnt hat, der weiß, dass die Norweger weder klassische Rockstars noch Rampensäue sind. Gazpacho-Konzerte haben etwas Erhabenes, ja fast Andächtiges an sich. Bei Live-Auftritten der Norweger stehen nie die Musiker im Mittelpunkt des Geschehens, sondern stets die Musik.

© Nina Krømer Photography

Für „Fireworking at St. Croix“ war der Proberaum der Band mit schwarzen Vorhängen abgehangen worden, vor welchen sich die Band im Dreiviertelkreis platzierte und lediglich von weißem Licht in Szene gesetzt wurde. Keyboarder Thomas Andersen beschreibt das Setting wie folgt:

No fixes, no polish, no light show and no nothing. Not even catering. Just the pure rendition of the music..

Diese Inszenierung wurde durch das statische Gebahren der Band nur noch unterstrichen, da sich die Musiker nie von ihren Plätzen wegbewegten. Auch die Bildregie/Schnitt des Auftrittes war auf ein Minimum reduziert und wechselte lediglich zwischen der Totalen und verschiedenen Großaufnahmen der sechs Musiker. Optische Dynamik, welche einen großen Anteil am Live-Erleben von Musik hat, blieb bei der Aufführung von „Fireworker“ vollkommen aus. Und so kam es, dass man nicht wirklich etwas verpasste, wenn man seine Augen auch einmal für ein paar Minuten vom Bildschirm abwendete.

Stattdessen wurde die Aufmerksamkeit des Zuschauers komplett auf die Musik gelenkt, welche so makellos erklang, dass man sie für eine Studioaufnahme hatte halten können. Ein Eindruck, der durch die Post-Produktion des Videos nur noch verstärkt worden ist. Die strikte Einhaltung der Song-Abfolge, wie man sie vom „Fireworker“-Album kennt, tat natürlich ihr übriges. Daran änderte auch die Zugabe in Form einer etwas ausgedehnten Version von ‚Chequered Light Buildings‘ vom 2007er Bandklassiker „Night“ keinen Deut.

Und so war der Live-Stream „Fireworking at St. Croix“ unterm Strich viel mehr eine stimmungsvolle und minimalistische visuelle Ergänzung zum aktuellen hochqualitativen „Fireworker“-Album, als dass es ein authentisches Dokument eines Live-Auftrittes gewesen wäre.

Für den Autor war diese Tatsache eine ernüchternde Enttäuschung. Für die Band dagegen, war es wohl genau das, was Thomas Andersen und seine Kollegen mit ihrem Live-Stream beabsichtigt hatten:

When the Fireworker tour was cancelled we were devastated as we felt we had a very special album in the pocket and were understandably keen to take it on the road. We love playing live shows and every night is special to us. We also felt that setting up on a stage and playing a show to an empty venue would be depressing and feel wrong. A concert is something that is created equally between the performers and the audience and much like romantic adventures, just not the same when performed alone to the sound of your tears of rejection.

Der Konzert-Stream von „Fireworking at St. Croix“ ist noch bis zum 1. Januar 2021 online abrufbar. „Tickets“ kosten 10 bzw. 20€.


Surftipps zu Gazpacho:
Homepage
Rezension: „Fireworker“ (2020)
Festivalbericht: VIII. Progdreams Festival, 21.09.2019, Zoetermeer (NL), De Boerderij
Konzertbericht: 01.06.18, Köln, Kantine
Rezension: „Soyuz“ (2018)
Festivalbericht: Midsummer Prog 2017, 24.06.17, Valkenburg aan de Geul (NL), Openluchttheater
Festivalbericht: iO Pages Festival 2016, 12.11.16, Ulft (NL), Dru Cultuurfabriek
Interview: Dezember 2015
Fotostrecke: 28.10.15, Essen, Zeche Carl
Interview: Mai 2015
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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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