Thomas Andersen, Gazpacho, zu „Night Of The Demon“

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Dämonisch gut und teuflisch nett

ThomasAndersen-GazpachoDas ist unsereinem in all den Jahren auch noch nicht passiert: Ein Interview-Partner, der weiß, mit dem Vertreter welches Mediums er spricht, der Dich mit seinem Tablet skypend durch sein Studio führt und der Antworten zu den Fragen auf dem Keyboard vorspielt, interessierte Gegenfragen stellt und schließlich seine Mobiltelefonnummer offeriert – nein, nicht was ihr jetzt wieder denkt! Sondern um das nächste Interview, das zu „Molok“, vor dem Konzert im Oktober auf dem kurzen Dienstweg absprechen zu können….

Eigentlich hatte es mit der Vorbereitung dieses nettesten Interviews seit langem zunächst etwas problematisch ausgesehen: Wenn ein Werk reichlich Macken hat, fragt es sich ja leicht… Aber zu dem perfekten Livedokument zu einem offensichtlich großartigen Konzert in einem der favorisierten Clubs auf Erden und das Ganze mit der Lieblingsplatte des Jahres 2014 des Rezensenten als Hauptthema? Doch mit einem Gesprächspartner wie Gazpacho-Keyboarder Thomas Andersen verfliegt die Sorge schnell – mit Thomas könnte man sich vermutlich über einfach alles unterhalten..!

Es gibt ja nun mal bereits „A Night At Loreley“ (DVD, 2CD, 2009) und das Live-Album „London“ (2011) – warum jetzt schon wieder eine Live-Konserve?

Weil wir eine so kleine Band sind! Immer wenn wir auf Tour gehen, sagen Fans „Kommt nach Mexiko“, „Spielt in Spanien!“ und so weiter… Was ja auch sehr erfreulich und freundlich ist. Doch das letzte Mal, als wir in Spanien gespielt haben, das war während der „Tick Tock“-Tour, sind nur 60 Menschen zum Konzert gekommen. Wirtschaftlich machen solche Eskapaden also leider keinen Sinn. Durch Downloads, Streaming und Verkäufe über Plattformen wie iTunes hat sich die Situation noch verkompliziert: Nun kannst Du nicht einmal mehr nach Plattenverkäufen gehen, wenn Du abschätzen willst, wo sich eine Tournee tragen wird (was alles ist, das wir verlangen). Was also bleibt, sind Statistiken wie die zu unserer Facebook-Seite. Rate mal, welche Nation die meisten Hits auf Gazpacho @ FB generiert!

Keine Ahnung, die Niederlande?

Nein. Versuch’s nochmal!

Spanien?

Du wirst überrascht sein: Iran! Allerdings haben wir dort bislang noch keine Tour geplant (lacht). Jedenfalls müssen wir immer wieder mal Fans enttäuschen, weil sich eine Tour in ihrem Land nicht „lohnt“, so gerne wir auch dort spielen würden. So entstand die Idee, für die Fans, die nicht auf ein Gazpacho-Konzert gehen können oder wollen, eines mit zu filmen, eins zu eins, genauso, wie es war. Wenn ich mir Live-DVDs anschaue, dann wird dort oft ein Riesenaufwand betrieben, um „besonders“ zu sein: Special effects, spezielle Kulisse, spezielle Gästeliste…

Und lustige, schwer bearbeitete Szenen aus Tourbus und Hotel natürlich.

Genau! Ich hab gefragt, ob es nicht möglich ist, einen Konzertfilm mal ohne all das zu machen – und siehe da, es ging! Die einzige Veränderung, die wir vornehmen mussten: da das Konzert zweieinhalb Stunden gedauert hat, mussten wir ein wenig schneiden, dem sind ‚Mary Celeste‘ („March Of Ghosts“) und ‚Ghost‘ („Bravo“) zum Opfer gefallen. Und noch ein dritter Song, der mir grad nicht einfällt….

‚Death Room‘?

Nein, diesen Song von „Demon“ werden wir erst auf der Tour dieses Jahr spielen. Die Idee letztes Jahr war, nicht zu viel mit dem ganz neuen Material zu riskieren – nur einen Teil von „Demon“ zu bringen und die knapp 20 Minuten von ‚Death Room‘ noch aufzusparen – übrigens meinem Lieblingssong von diesem Album. Das werden wir nun also auf Tour im Oktober/November erstmals spielen, gemeinsam mit Material von unserem neuen Album „Molok“, das im September erscheinen wird, wenn alles nach Plan läuft. Und danach sieht es derzeit aus.

Und wann können sich die Fans auf die Vinyl-Reissues freuen?

Die erscheinen auch alle noch dieses Jahr… „Tick Tock“ ist schon draußen, „March Of Ghosts“ ist erschienen oder zumindest fertig, bei „Missa Atropos“ habe ich das Artwork bereits gesehen und am Artwork von „Bravo“, „When Earth Lets Go“ und Night wird schon gearbeitet.

Warum eigentlich die Boerderij?

Der niederländische Filmemacher Jon Vis wollte immer schon einmal einen Film über uns drehen. Insofern bot es sich an, als sich die Idee zu „Night Of The Demon“ konkretisierte, es in seinem Land zu tun, Jon wohnt sogar in der Nähe der Boerderij. Tatsächlich hat er uns auf der vorletzten Tour dort bereits gefilmt, aber wir hatten außer dem Stereosignal vom Mischpult kein Audio aufgezeichnet. Und dieses Signal taugt nicht viel, weil es sich nicht mit dem Sound im Raum mischt, weil das Schlagzeug zu leise ist etc. Ein weiteres Argument für De Boerderij war der Umstand, dass unser Lichtmixer auf Tour, René Haak, der Lichtbeauftragte dieses Clubs ist!
(kleine Pause)
Der dritte Grund: Das war die größte Show der ganzen Tour. Und so ein Gig vor 700 Menschen sieht nun mal besser aus als vor 200.

Man sieht allerdings nicht viel vom Publikum… Tatsächlich sieht man auch von Euch nicht viel, jedenfalls kaum jemals die Gesichter – das wenige Licht kommt meist von hinten…

(lacht) Das stimmt. Aber auch das ist ja nur realistisch – so sehen unsere Shows wirklich aus. Auch am Sound wurde nichts verändert.

Die DVD klingt phantastisch!

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Danke, den Mix hat Mikael (Krømer, Violine, Mandoline, Gitarre) versorgt, das Mastering ist von Thor Legvold Sonovo). Und dieser wahre Meister hat eine ganze Woche investiert, wo die meisten Profis an einem Tag fertig werden. Das hört man.

War es denn sooo dunkel im Raum, wie es auf der DVD aussieht?

Ja, absolut. Ich glaube auch, dass Musik am besten in einer Umgebung genossen wird, die so dunkel wie möglich ist. Für die „Night“-Tour hatte ich mir eine komplett schwarze Bühne gewünscht, die nur von Kerzen beleuchtet ist – was natürlich leider an Feuerschutzbestimmungen scheiterte…

Und es ist richtig, dass man nicht ganz so viel von uns sieht. Wir sind ja nun mal keine Boygroup. Ich mein, schau uns an! (lacht) Wir bewegen uns auch nicht so viel, meistens sind wir sehr konzentriert, fast in uns versunken.
Ja, es ist relativ düster bei uns. Wir hoffen, dass unser Publikum sich so entspannen und auf die Musik konzentrieren kann, statt geblendet wie auf einem Zahnarztstuhl zu sein.

Das erinnert stark daran, dass Kristoffer (Gildenlöw, der für Gazpacho Shows eröffnet hat und dies ja auch bald, am 31.05. in Hagen, für Arstidir tun wird) uns mal erzählte, dass er Gesang am liebsten allein im Studio aufnimmt – in völliger Dunkelheit).

Glaube ich gern! Singen ist ja eigentlich eine recht persönliche Angelegenheit. Wenn Gefühle im Spiel sind, kann es geradezu intim sein. Und von Männern wird ja immer noch eher erwartet, ultraharte Kerle zu sein… Daher kann ich mir gut vorstellen, dass der Gesang so besser wird, authentischer, ehrlicher. Und darum geht es auch bei unseren Konzerten. Obwohl die natürlich öffentlich sind, haben sie sehr private Momente.

Euer Konzertfilm bezieht viel Atmosphäre aus (meist dunklen) Farben und den Projektionen. Waren die alle neu oder nur die zum „Demon“-Material?

Nur die zu „Demon“. Wir haben übrigens lange diskutiert, ob wir mehr oder weniger Projektionen benutzen wollen. Sie können cool aussehen, aber auch eine Ablenkung darstellen, wie wenn jemand auf einer Feier den Fernseher laufen lässt (imitiert einen ständig auf den Screen schielenden Partygast). Was meinst Du denn?

Bei „NotD“ haben die Kurzfilme eine Ebene hinzugefügt, aber ohne die Aufmerksamkeit jemals zu „zwingen“ – ich fand sie für den Zweck sehr gelungen, weil es keine wilden, aggressiven Schnitte und Lichtwechels gibt.

Ausgezeichnet, danke, dann lassen wir das also so. (das sagt Thomas tatsächlich!)

Eines der Dinge, die mir an „Demon“ so gefallen, ist wie hier der Flügel gewissermaßen „führt“: die wichtigsten Themen werden am Klavier eingeführt und später weiterentwickelt und umgeformt. Kannst Du das nachvollziehen?

Kann ich. Ich kam nach Hause, nachdem ich den sehenswerten Film „Let The Right One In““ erlebt hatte. Und mir geisterten diese Bilder und diese Atmosphäre im Kopf herum. Und ein Thema… (setzt sich an sein Keyboard und spielt die herrliche „Fanfare“ des ‚I’ve Been Walking‘-Hauptmotivs an) Das Stück wird tatsächlich vom Piano geführt.

Im bildhübschen Booklet spricht die Band von der erforderlichen Konzentration und auch mehrfach davon, wie schwer es ist, ‚I’ve Been Walking‘ zu spielen. Das zu betonen ist ein wenig ungewöhnlich, schließlich seid Ihr eine Prog-Band und solltet zum Frühstück 9/15tel verspeisen?

(lacht) Ja, als ich die DVD gesehen habe, dachte ich ehrlich gesagt: „wir sehen so bedrückt aus!“ Und da wollte ich halt gerne erklären, dass wir schon jede Sekunde genossen haben. Aber uns halt auch sehr konzentrieren mussten. Vor allem wegen den langen Samples (spielt wieder einen Teil von ‚Walking‘ und imitiert das Sample der Opernsängerin). Wir müssen das hier passend zu ihrem Gesang spielen. Wenn wir das verhunzen oder aus dem Takt kommen, verschieben sich der Live-Sound der Band und ein 15 Minuten langes Sample gegeneinander. Das willst Du nicht wirklich….

Warum so ein langes Sample? Kann man das nicht modularer halten – und bei Bedarf ggfs. das Tempo pitchen?

Doch das geht, beispielsweise Mark Kelly von unseren Freunden Marillion macht das so – er triggert jedes einzelne Sample. Aber der Preis dafür ist relativ hoch, selbst wenn der Computer mal nicht abstürzt (was er bei Konzerten eigentlich immer tut): Mark ist der erste, der beim Aufbau auf der Bühne steht und der letzte, der sie beim Abbau verlässt. Da haben wir lieber geübt, wie die Wilden, um es alle gemeinsam synchron zum langen Sample hinzubekommen.

Live-Alben verführen häufig zu einer Art „Interpretationsvergleich“ mit den Originalversionen: Kann die Band wirklich live alles reproduzieren? Gibt es vielleicht etwas, was live ganz anders oder sogar besser geworden ist? Bei „NotD“ glaube ich, den größten „Sprung“ bei Mikael beobachtet zu haben, kann das sein? Was er bei ‚The Wizard Of Altai Mountains‘ an der Geige veranstaltet, ist kaum glaublich…

Absolut. Diese Parts (spielt sie an) sind ja eigentlich für Akkordeon geschrieben und Mikael musste wie ein Wahnsinniger üben, um sie auf der Geige hinzubekommen. Das sieht und spürt man. Gleichzeitig ist er sehr viel entspannter auf der Bühne geworden.

Letzte Frage: Ihr verbeugt Euch tief, ihr lächelt glücklich (jedenfalls nach dem Konzert), ihr bedankt Euch in fließendem Niederländisch beim Publikum, ihr bedankt Euch bei Euren Merch-Verkäufern – seid Ihr wirklich so nette Typen? Wo ist das Rockstar-Gehabe?

Wir sind keine Rockstars! Wir sind normale Typen, die ihr Geld alle mit normalen Jobs verdienen, nicht mit der Musik. Insofern sind wir da in einer wunderbaren Position: Wir können die Musik machen, die uns viel bedeutet, ohne auf Verkäufe schielen zu müssen. Und wir sind wirklich unserem Publikum wirklich dankbar, dass es uns das Wertvollste geben, was sie haben, ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit. Wer wäre da nicht dankbar. Das ist doch ein wahr gewordener Kindheitstraum!

PS: Kurzsteckbrief Gazpacho – Night Of The Demon
(79:29 + 2 h, CD+DVD+Mediabook, Kscope/Edel, 2015)
Aufgezeichnet am 12.04.14 in De Boerderij, Zoetermeer (NL), gefilmt von u.a. Jon Vis, Editing: Gert-Jan Schoonbeek nach einem Konzept von Drummer Lars Erik Asp.
Bewertung:14/15 PunktenGazpacho-NightOfTheDemon-2015-Cover

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NotD Trailer (YT)

Fotos: Eric de Bruijn, KScope

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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