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    Du bist hier:Home»Konzertberichte»The Necks, 05.05.26, Ljubljana (SI), Kino Šiška

    The Necks, 05.05.26, Ljubljana (SI), Kino Šiška

    2
    By Uwe Faltermeier on 25. Mai 2026 Konzertberichte

    Mit geschlossenen Augen

    Versuch einer Annäherung


    Wenn ich mich nach Ljubljana zum Arbeiten zurückzieh (luxury!), besorge ich mir umgehend das im besten Sinn bunte Veranstaltungsprogramm des elegant-lässigen Kino Šiška. Namhafte internationale Acts kommen gern hierher. So auch diesmal: Das hochdekorierte, also hochgelobte Improvisationstrio The Necks macht in der Hauptstadt Sloweniens Station. Ein Reise- und Konzertbericht.

    »Play ethnicky jazz
    to parade your snazz
    on your five grand stereo«
    Dead Kennedys, 'Holiday in Cambodia' (1980)

    The Necks - 5/2026, UFA
    Synästhetisches Experiment: Meine Interpretation des 2023er-Albums „Travel“, The Necks
    Nur ein paar Tage bleiben mir, mich zu akkreditieren, meinen Stift zu spitzen und mich mit dem Werk der Australier zu beschäftigen. Das ist allerdings umfangreich – mit 21 Studio- und fünf Live-Alben hab ich nicht gerechnet. Freund und Musiknerd (ist ein Kompliment!) Stefan empfiehlt mir die Plattform Bandcamp, wo 18 davon zum mehrmalig kostenlosen Streamen bereitliegen. Ich geh chronologisch vor, beginnend mit dem ersten Album „Sex“ von 1989. Da klingen The Necks noch nach (Entschuldigung!) herkömmlichem, klassischem Jazz-Piano-Trio, falls es das überhaupt gibt (mir fällt Bill Evans ein). Sex muss auch nicht immer atemberaubend sein. So in etwa hatte ich die Band durch die wenigen bisherigen Berührungspunkte vorschnell abgespeichert. Nicht wild, aber ein Irrtum.

    The Necks - UFA, 5/2026
    Erinnerung an vergangene Tage. Die Vorstadt Šiška grenzt an das Stadtwäldchen Tivoli-Park. „Enlightenment“. Ljubljana, 2026

    Laibach (sprich: Lublana)
    Im Stadtteil Šiška (sprich: Schischka) treibt sich außer mir kaum ein Fremder rum. Die Anziehungspunkte der Altstadt sind in der Vorsaison bereits mehr als gut belebt. Da muss ich nur hin, wenn Besuch von außerhalb droht. Meist sonntags lass ich mich durch den Rest der Stadt treiben, um Stimmungen mit meiner XPro 2 zu sammeln.
    Von Vorteil, dass ich fließend mit nordslowenischem Dialekt spreche, ich würde sagen, besser als Englisch. Hab ich nicht mal lernen müssen, da zweisprachig erzogen, meine Mutter stammte aus Šmarca, einem umliegenden Dorf. Man freut sich hier noch über einen Fremden, der ihnen in ihrer Sprache versucht klarzumachen, dass seine Fotos gemacht werden müssen. The Blues Brothers würden darauf verweisen, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Ich hab nur keinen.

    The Necks - UFA, 5/2026
    Die Eleganz der 60er-Jahre: in der ersten Etage des Kino Šiška
    Kino Šiška
    „Werfen Sie unbedingt einen Blick in die unteren Toilettenräume“ empfiehlt visitljubljana.com, Kein Ding, da muss ich sowieso hin. 2008 verwandelte sich das ehemalige Lichtspielhaus ins „Zentrum für urbane Kultur“. Das Café / die Bar des 1961 errichteten modernistischen Baus strahlt auch tagsüber eine angenehme Atmosphäre aus, das Publikum kommt eher intellektuell daher, es könnten ein paar Studierende darunter sein und die unvermeidlichen Szenemenschen natürlich. Ich kann schlecht schätzen.

    Kurz vor dem Gig ist der großzügige Vorplatz des Šiška trotz des Nieselregens gefüllt mit dieser Klientel, rauchend und diskutierend, Bier in der Hand. Ein Typ hat The Necks schon fünfmal gesehen, die Musik kann er trotzdem schlecht beschreiben. Also "irgendwie Jazz".

    The Necks - UFA, 5/2026
    Die Steiner Alpen, von Šmarca aus betrachtet. „The road“ II (Version), 2025
    Route 104
    Die Uhr eine Stunde zurückgedreht: Etwa 20 Kilometer sind es von meinem Büro nach Ljubljana, die erhabenen, sich jeden Tag in anderem Licht präsentierenden Steiner Alpen lass ich hinter mir und nehm die Schnellstraße. Der Güllegeruch der Felder dringt nur, äh, sanft ins Wageninnere. Aber egal, weil sich das Neubauten-Album „Alles in Allem“ (2020, schlimmes Cover) im CD-Spieler dreht. Wer das Titelstück nicht kennt, unbedingt nachholen. Der Song passt unfassbar gut in diese ländliche Region, obwohl sich die ganze Platte, quasi ein Konzeptalbum, Berlin zum Thema nimmt: „Ein Fluss mit 5, 6 Inseln / eine ist schon festgewachsen / sperrt ihren Rachen auf“. Musik aus Deutschland; man bringt eben doch gern etwas aus der Heimat mit. Neo-Volksmusik sozusagen. Mitunter selbstentworfene Instrumente, Material aus dem Baumarkt. Mit der von Ziehharmonika getriebenen Folkloremusik, die man hier überall hört, bin ich aber gnadenlos überfordert. Weil alles auf einmal.
    The Necks - UFA, 5/2026
    Die ersten zehn Minuten, aber ohne Blitz – sehr tolerant.
    Katedrala
    Der andere, zweite Saal im Šiška heißt Komuna. In die Kathedrale passen knapp 1.000 Gestalten, für The Necks sind etwa 400 gekommen. Nahezu ausverkauft, sagt die Pressefrau, die kleine Halle ist heute bestuhlt. Ideale Größe für einen Act, größer bzw. voller muss es für mich jedenfalls nicht sein.

    Andächtig erwartet das kundig wirkende Publikum die drei Herrschaften, fast wie bei einem Klassik-Konzert. Wer The Necks kennt, weiß, dass sie/ihn hundertprozentig etwas Neues erwartet, weil jedes ihrer Stücke improvisiert ist. Nie wiederholend. Einer, diesmal der Pianist Chris Abrahams, beginnt mit einem sanften Lauf, macht ein Angebot, sich beinahe vorsichtig nähernd, steigen die beiden anderen, Schlagzeuger Tony Buck und Lloyd Swanton am Bass, ein. Erstaunlich find ich (oder?), trotzdem vorab eine Setlist in Händen zu halten. „Not entirely avantgarde, nor minimalist, nor ambient, nor jazz“, ist auf ihrer Website zu lesen. Dann mal los...

    The Necks - Chris Abrahames. UFA, 5/2026
    Chris Abrahams Piano
    I. 'Latvian Hempseed Halva'
    Das zweiteilige Set besteht aus zwei, je etwa 50-minütigen Stücken. Ist bei The Necks inzwischen Usus, ob auf Platte oder live, einer musikalischen Blüte zwischen 40 und 60 Minuten Zeit zu geben, sich zu entfalten. Schließt man die Augen, wird es eine Soundtrack-getriebene Reise durch sich langsam verändernde Landschaften.
    The Necks - Lloyd Swanton, UFA, 5/2026
    Lloyd Swanton Bass
    II. 'Orange Juice Music'
    In der halbstündigen Pause erzählt mir Kollegin Nika, erstmals seit zwölf Jahren ohne Kamera auf einem Konzert zu sein. Hat sie ein bisschen nervös gemacht, aber sie genießt es. Mit geschlossenen Augen nimmt sie begeistert mindestens ein kleines Orchester wahr, keinesfalls „nur“ ein Trio. Für mich klingt es nach einem imposanten Gewölbe, wie aus lebendigem Efeu geflochten, kein starrer Beton. Die Meisterklasse der Improvisation. Traumhaft selbstverständlich dargeboten, technisch und emotional. Kate Hennessy im empfehlenswerten Kulturmagazin The Quietus: „Jazz by name but not by nature“.

    Einen Moment lang hör ich Krautrock, den manchmal trotzigen Willen zur Monotonie. Auf einer Stufe mit den Besten, sagen wir: Can (hier läuft gerade, rein zufällig natürlich, „Future Days“). Aber mir begegnen auch Steve Reich oder der improvisierte Free Jazz von Cecil Taylor, der es am Ende zu etwa 108 (!) Alben brachte. Was man halt so kennt. Und ich gesteh an dieser Stelle, ein großer Freund rein instrumentaler Kompositionen zu sein. Ist manchmal einfach zu viel Text. Apropos, ich komme auch hier mal lieber zum Ende...

    The Necks - Tony Buck, UFA, 5/2026
    Tony Buck Drums
    „Piano Bass Drums“ (1998)
    Mit Cousine Ana und ihrem Freund Alexander (lep pozdrav! Sprich: liebe Grüße) diskutieren wir noch eine ganze Stunde nach dem Konzert über Stil und Bedeutung, Gott und die Welt. Nachdem ich The Necks auf Bandcamp leergehört hab, was die kostenlosen Streams betrifft, erlaub ich mir mal eine Empfehlung: „The Boys“ von 1998 und „Body“ (2018) werd ich mir jedenfalls auf Tonträger besorgen. Auf rateyourmusic.com steht das Album „Hanging Gardens“ (Full Album on YouTube, leider unterbrochen von Werbung) auf Platz eins, Stefan mag das hypnotische „Open“ besonders. Für die New York Times jedenfalls „one of the greatest bands in the world“. Unterschreibe ich – so alles in allem.
    The Necks - UFA, 5/2026
    Der Rhythmus von „White“ vom „Silent Night“ Album (1996)
    Live-Fotos: Uwe Faltermeier


    Surftipps zu The Necks:
    • Homepage
    • Bandcamp

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    Ambient Australien Avantgarde Chris Abrahams Drone Experimental Improvisation Jazz Kino Šiška Ljubljana Lloyd Swanton Slowenien The Necks Tony Buck Trio Uwe Faltermeier minimalistisch
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    2 Kommentare

    1. Steave Hargen on 27. Mai 2026 16:57

      Met gesloten ogen lijkt de reis naar Ljubljana bijna een soort overgang tussen werk en inspiratie. De stad heeft iets elegants en tegelijk ontspannen, vooral wanneer je onverwacht terechtkomt in culturele plekken zoals Kino Šiška, waar internationale artiesten en experimentele muziek samenkomen.

      Het optreden van The Necks past perfect in zo’n omgeving: minimalistisch, improviserend en toch intens aanwezig. Zulke concerten laten je even uit de dagelijkse routine stappen en volledig opgaan in geluid en sfeer.

      Het is precies dat soort momenten dat reizen voor werk ook iets onverwacht waardevols kan krijgen — niet alleen verplichting, maar ook ontdekking.

      “Zet etnische jazz op om je stijl te tonen op je vijfduizendste stereo-installatie”
      Dead Kennedys, “Holiday in Cambodia” (1980)

      Reply
      • Uwe Faltermeier on 27. Mai 2026 18:06

        Danke Steave,
        ich weiß Deine fein gewählten Worte zu schätzen.

        Schöne Zeiten
        ufa

        Reply
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