Anneke, "Mandylion" und die Frage nach der Zukunft
Die Mittneunziger waren große Jahre für Bands, die ursprünglich einmal aus dem Death Doom gekommen waren und plötzlich beschlossen, dass man statt bleischwerem Elend vielleicht auch Atmosphäre, Emotionen und musikalischen Fortschritt in den eigenen Sound integrieren könnte. Während andere Metalbands noch darüber diskutierten, ob Keyboards den Untergang des Abendlandes bedeuteten, veröffentlichten Tiamat mit "Wildhoney", Anathema mit "Eternity", Paradise Lost mit "Draconian Times", My Dying Bride mit "The Angel And The Dark River" oder Amorphis mit "Elegy" einige der spannendsten Alben ihrer jeweiligen Karrieren. Und dann waren da noch The Gathering.
Die Niederländer hatten von all diesen Bands vermutlich die radikalste Transformation hingelegt. Denn mit dem Einstieg von Anneke van Giersbergen wirkte die Band, die zuvor "Always…" und "Almost A Dance" veröffentlicht hatte, plötzlich wie eine Raupe nach ihrer Verwandlung in einen Schmetterling. Die harschen männlichen Vocals verschwanden, stattdessen stand da nun diese Stimme im Raum. Warm, klar, schwerelos und gleichzeitig voller Kraft. Vor allem aber eine Stimme, wie man sie in dieser Form als tragendes Lead-Instrument im Metal damals schlicht noch nicht gehört hatte. Auch musikalisch vollzogen The Gathering einen gewaltigen Schritt. Weg vom Death Doom, hin zu einem atmosphärischen, progressiveren Ansatz, bei dem die Härte der Anfangstage zwar nicht verschwand, sondern vielmehr nach unten in den Sound rutschte. Als Fundament. Als Kontrast. Als grollender Unterbau für van Giersbergens Gesang.
"Mandylion" schlug ein wie eine Bombe. 'Strange Machines' avancierte zu einem kleinen Szenehit und plötzlich waren The Gathering in aller Munde. Mit "Nighttime Birds" (1997) und dem bis heute monumentalen "How To Measure A Planet?" (1998) entfernte sich die Band immer weiter von ihren metallischen Wurzeln und bewegte sich zunehmend in Richtung Progressive Rock, Post Rock und Trip Hop. „Trip Rock“ nannten die Niederländer das damals selbst. Und ja, das klang ungefähr so prätentiös, wie Prog-Rock-Fans sich das erträumt hatten. Glücklicherweise funktionierte es aber auch musikalisch.
Mit "if_then_else" (2000), "Souvenirs" (2003) und "Home" (2006) folgten drei weitere starke Alben mit Anneke van Giersbergen, ehe diese die Band verließ und später durch die Norwegerin Silje Wergeland ersetzt wurde. Eine Phase, die viele Fans gerne ignorieren, obwohl gerade das letzte Studioalbum "Beautiful Distortion" (2022) durchaus wieder Qualitäten der späten Neunziger aufgriff und bewies, dass The Gathering auch ohne Anneke noch immer musikalisch relevant sein konnten. Doch natürlich blieb da immer diese Sehnsucht. Diese Hoffnung. Dieses „Was wäre wenn...?“.
2024 kündigte die Band schließlich vier Reunion-Shows für das Folgejahr zum 30-jährigen Jubiläum von "Mandylion" an. Die Konzerte waren praktisch sofort ausverkauft. Meine Akkreditierungsanfrage übrigens ebenfalls sofort abgelehnt. Wegen der hohen Nachfrage keinerlei Presse. Verständlich. Wahrscheinlich wollte man verhindern, dass alte Männer kollektiv in Tränen ausbrechen und dabei ihre Notizblöcke durchnässen. Die Resonanz auf diese Shows muss gewaltig gewesen sein. Denn plötzlich tauchte der Name „The Gathering with Anneke van Giersbergen“ auf immer mehr Festivalplakaten für 2026 auf. Selbst das Wacken Open Air war (als einzige Deutschlandshow) dabei. Und irgendwann gesellten sich dann auch noch sechs Hallenshows hinzu. Ohne weiteren Deutschlandtermin, dafür aber glücklicherweise mit einem Halt in Esch-sur-Alzette. Direkt bei mir um die Ecke. Kaum angekündigt, hatte ich mein Ticket bereits in der Tasche. Man lernt schließlich aus seinen Fehlern. Als Support hatten The Gathering dabei LizZard im Gepäck. Und alleine deren Auftritt wäre die Reise nach Luxemburg bereits wert gewesen.
LizZard
Denn das französisch-britische Trio lieferte im angenehm schwitzigen Rockhal Club eine Demonstration dessen ab, warum diese Band seit Jahren sträflich unterbewertet ist. LizZard verbinden melodische Eingängigkeit mit vertrackten Rhythmen und einer beinahe körperlich spürbaren Groovigkeit. Der Bass drückte ordentlich, ohne dabei alles zu erdrücken, der Sound war überhaupt erfreulich differenziert und klar, während die Ventilation tatsächlich für spürbar frischen Wind sorgte. Ein Umstand, der in kleinen Clubs inzwischen ungefähr denselben Seltenheitswert besitzt wie bescheidene Prog-Musiker. Die Band selbst stand dabei allerdings fast regungslos auf der Bühne. Keine großen Gesten. Keine Rockstar-Posen. Praktisch keine Kommunikation.
Erst gegen Ende fielen überhaupt ein paar Worte. „Are you sure?“ fragte Sänger und Gitarrist Mathieu Ricou irgendwann irritiert ins Publikum hinein, vermutlich weil die Zuschauer trotz völliger Ansagen-Abstinenz erstaunlich begeistert reagierten. Musikalisch allerdings war das schlicht großartig.
Schon 'Blowdown' entfaltete diese herrlich organische Mischung aus Groove und verkopfter Rhythmik, während 'Blue Moon' mit seinem grungigen Einschlag zunächst fast balladesk wirkte, ehe der Song sich zunehmend zu einem monströs groovenden Monster entwickelte. Überhaupt erinnerte vieles rhythmisch latent an Tool, allerdings ohne deren mathematische Selbsthypnose. LizZard klangen wärmer, emotionaler und weniger so, als hätten sie zuvor sieben Semester Polyrhythmik studiert.
'The Orbiter' war schließlich einfach ein Brett. Jaulende Gitarrenlinien, massive Riffs, progressive Vertracktheit und trotzdem dieser unglaubliche Flow. „Das ist Metal!“, dachte man unweigerlich, obwohl die Band optisch eher wirkte wie drei nette Kunststudenten, die versehentlich in Progrock geraten waren.
Mit 'Tear Down The Sky' verabschiedeten sich LizZard schließlich fast sanft. Zarter Beginn, warme Klangfarben, langsame Dynamiksteigerung und erneut diese herrlich singende Gitarre, die irgendwo zwischen Prog, Alternative und Post Rock schwebte. Ein ruhiger Abschluss für einen Auftritt, der weit mehr war als bloßes Vorprogramm.
Besetzung:
• Katy Elwell - Drums
• Mathieu Ricou - Guitars & Vocals
• William Knox - Bass
The Gathering
Dann wurde es dunkel. Und plötzlich standen sie da: Die Herren von The Gathering wirken heute optisch ungefähr wie die netten Niederländer von nebenan. Niemand verströmt auch nur ansatzweise irgendeine Metalaura. Keine Lederwesten. Keine Corpsepaint-Reste. Keine „Wir sind Legenden“-Attitüde. Einfach sympathische Typen mittleren Alters, die offenbar beschlossen hatten, heute Abend eines der wichtigsten Metal-Alben der Neunziger zu spielen. Anneke van Giersbergen übrigens ebenfalls völlig frei von irgendwelchen Rockstar-Allüren. Ihre Präsenz funktioniert ohnehin komplett anders. Wärmer. Natürlicher. Fast schwer zu greifen.
Und dann erklang dieses Gefiepe. Dieses ikonische Keyboardmotiv von 'Mandylion'. Leider nur kurz von Keyboarder Frank Boeijen angespielt, ehe 'Eleanor' losbrach. Schade eigentlich, denn das Instrumentalstück gehört zu den großen unterschätzten Highlights des Albums. Andererseits: Welcher Song auf "Mandylion" ist das eigentlich nicht?
Mit 'Eléanor' zeigte vor allem Schlagzeuger Hans Rutten sofort, warum The Gathering trotz aller atmosphärischen Entwicklungen nie ihre Härte verloren hatten. Sein Drumming rollte grollend durch den Club wie eine Lawine, die einen immer wieder unter sich begrub. Gewaltig. Druckvoll. Und darüber schwebte Annekes Stimme. An diesem Punkt wurde klar: Das hier ist keine nostalgische Pflichtveranstaltung. Das hier lebt.
'Feel The Sea' brachte etwas mehr Raum in den Sound, blieb aber weiterhin erstaunlich druckvoll. Annekes Vibrato klang wunderschön und überhaupt wirkte ihre Stimme heute gereifter, ausdrucksstärker und emotional noch eindringlicher als Mitte der Neunziger.
Mit 'In Motion #1' begann schließlich endgültig das große Schweben. Die Keyboards. Dieses Gitarrensolo. Diese Mischung aus melancholischer Verträumtheit und subtiler Härte. Man merkte plötzlich wieder, warum The Gathering damals so revolutionär wirkten. Weil sie Emotionalität zuließen, ohne kitschig zu werden.
Nach einer ersten kurzen Ansage – „We are so happy to be here. The last show of the first run of six.“ – ging es mit 'On Most Surfaces (Inuït)' weiter. Und wieder funktionierte dieser Kontrast aus metallischer Schwere und Annekes fast himmlischer Stimme unfassbar gut. Die Keyboards klangen herrlich atmosphärisch, während aus dem Publikum erstmals vereinzelte „Hey hey hey“-Rufe aufbrandeten. Metalfans drehen eben völlig frei, sobald sie glücklich sind.
Mit 'Broken Glass' vom 2003er "Souvenirs" wurde es zunehmend trippiger. Die Keyboards pulsierten rhythmischer, René Ruttens Gitarren flirrten beinahe postrockig durch den Raum und der Sound in der Rockhal war schlicht sensationell. Man hörte wirklich jeden einzelnen Beckenstrich.
Überhaupt beeindruckte, wie organisch The Gathering heute ihre unterschiedlichen Phasen (der Anneke-Ära) miteinander verbanden. 'Waking Hour' von "Home" entfaltete sich mit großartiger Dynamik und wunderschönem Prog-Solo, ehe 'Probably Built In The Fifties' endgültig klarmachte, dass "How To Measure A Planet?" wohl tatsächlich das Magnum Opus dieser Band ist. Trip Rock at its best. Warme Keyboards, psychedelische Distortion, hypnotische Grooves und eine stetige Verdichtung, die sich am Ende zu einer gewaltigen Wucht auftürmte. Das Publikum ging komplett mit dem Gitarrenriff mit.
'Analog Park' brachte anschließend beinahe so etwas wie „Happy Doom“. Trippige Elektronik, warme Flächen, leicht progressive Gitarrenlinien und plötzlich schwere, tiefe Riffs mit enormem Tiefgang. Nicht schnell. Nicht aggressiv. Aber massiv.
Mit 'In Motion #2' wurde es dann endgültig schwerelos. Vor allem dank der herrlichen Gitarrenarbeit von Jelmer Wiersma, der für diese Reunion ebenfalls zurückgekehrt war. Diese Gitarren erzählten Geschichten. Keine Soli zum Angeben. Keine technischen Kraftdemonstrationen. Einfach pure Atmosphäre.
Spätestens bei 'Leaves' wurde endgültig klar, wie absurd gut "Mandylion" eigentlich gealtert ist. Vogelgezwitscher leitete den Song ein, das Publikum hing kollektiv an jeder einzelnen Note und plötzlich dachte man sich: Ja, verdammt, dieses Album ist wirklich eine 15-Punkte-Scheibe. Jeder einzelne Song ein Klassiker.
Und dann kam 'Sand & Mercury'. Anneke verließ zunächst die Bühne und The Gathering bewiesen eindrucksvoll, dass sie selbst als reine Instrumentalband hervorragend funktionieren würden. Die kosmischen Keyboards vor dem Sternenhimmel im Hintergrund. Diese unglaubliche Atmosphäre. Irgendwo zwischen Pink Floyd, Marillions 'Brave' und Post Rock. Ganz großes Kino. Pippi sammelte sich langsam in den Augen. Als Anneke schließlich zurückkehrte, wurde es endgültig überwältigend. Vermutlich das proggigste Stück, das The Gathering jemals geschrieben haben. Und gleichzeitig eines der schönsten.
Über 'Strange Machines' muss man eigentlich ohnehin keine Worte mehr verlieren. Der Song ist längst größer als die Band selbst. Emotionen. Tränen. Ausgelassene Euphorie. Nach dem Break gingen Publikum und Band gemeinsam völlig auf. Überall ausgestreckte Arme. Menschen, die jede Zeile mitsangen. Für ein paar Minuten fühlte sich der kleine Saal der Rockhal plötzlich erstaunlich groß an.
Die Zugaben begannen mit 'Travel', dessen Mischung aus Weite und Härte einmal mehr bewies, wie gut Hugo Prinsen Geerligs’ Bassspiel eigentlich ist. Der Song wogte permanent auf und ab, beinahe wie eine Reise durch unterschiedliche Klangräume.
Und dann kam 'Saturnine'. The Gathering goes Massive Attack. Zumindest kurz. Bis der Song plötzlich doch wieder metallisch anschwoll. Das Publikum feierte völlig ausgelassen, viele sangen mit und die wunderschönen Klavierakzente verliehen dem Ganzen zusätzliche Tiefe. Selbst ganz am Ende schwebte Annekes Stimme noch über allem, während der Rest der Band fest im Boden verankert blieb. Große „Ohohoh“-Chöre. Jubel. Ekstase. Und schließlich dieses Finale. Was für ein Ende.
Am Ende bleibt allerdings auch eine Frage: Wie geht es weiter mit The Gathering? Silje Wergeland hat die Band inzwischen verlassen. Anneke van Giersbergen wiederum ist offiziell noch immer kein festes Mitglied, sondern geht im Herbst erst einmal wieder auf Solotour. Gleichzeitig wirkte diese Reunion auf der Bühne aber eben auch nicht wie ein gelegentliches Klassentreffen ehemaliger Kollegen, sondern erschreckend selbstverständlich. Fast so, als hätte es diese Trennung nie gegeben. Natürlich könnten The Gathering auch instrumental hervorragend funktionieren. Dieses Konzert bewies das eindrucksvoll. Doch was geschieht dann mit all diesen alten Songs? Mit einer Stimme, die inzwischen so eng mit der Identität der Band verwoben ist wie kaum eine andere im Progressive Rock? Noch einmal ein radikaler stilistischer Bruch wie Mitte der Neunziger? Wieder ein Anneke-Soundalike? Oder vielleicht doch die dauerhafte Rückkehr der Sängerin? Was die Fans angeht, dürfte die Antwort ziemlich eindeutig ausfallen.
Besetzung:
• Anneke van Giersbergen - Gesang
• René Rutten - Gitarre
• Jelmer Wiersma - Gitarre
• Hugo Prinsen Geerligs - Bass
• Hans Rutten - Schlagzeug
• Frank Boeijen - Keyboard
Fotos: Prog in Focus
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