
»Pralle Progparty – von Rosalie bis Lazuli«
Tu felix Bavaria. Andernorts müssen Konzert- oder Festivalveranstalter die Segel streichen. In München entstehen derweil komplett neue Formate. Andy Lind und Thomas Burlefinger (u.a. The Ancestry Program) und ihr engagiertes Helfer-Team um Moritz Eigner ist es Mitte Mai gelungen, eine rundum beeindruckende erste Ausgabe des TAPFest an den Start zu bringen. Hier überzeugte einfach alles — die coole Location, das wirklich abwechslungsreiche Programm von interessanten "Newcomern" bis hin zu recht großen Namen. Und nicht zuletzt die zum Fest erschienene Gemeinde, bei der es zwei Tage lang zu zahlreichen netten (Wieder-)Begegnungen kam. Auch wenn ich den Saga-Schlagwerker Mike Thorne der zugegen gewesen sein soll, wohl übersehen habe.

Alle Fotos: Simone Möller
Samstag
Die vorzüglich erreichbare Alte Kongresshalle hatte dem Rheinländer zuvor gar nichts gesagt. Entpuppte sich aber als ein aus den Fünfzigern stammender Bau in "retrofuturistischer" Bauweise (das allein ist ja schon purer Prog) — einerseits großzügig, andererseits noch gemütlich und mit "menschlichen Proportionen. Und mit einem zumindest potenziell ausgezeichneten Sound, wie die nächsten zwei Tage zeigen sollten. Der erste Stock beherbergte neben einer Empore zum Saal hin mehrere immer noch emsig be- und durchsuchten CD-Stände (Proggies sind da sowas von antizyklisch!), Kaffeeausschank sowie eine Bilderausstellung. Vor der Halle ein großer, zum Plauschen in Konzertpausen lockender Platz. Sowie zwei "Foodtrucks". Wer hier nicht fündig wurde, ging halt noch 20 Schritte weiter und fand ein typisches Wirtshaus inklusive Biergarten vor.
The Glassmoon Connection
Am frühen Samstagnachmittag hatten sich schon etliche Hundert Neugierige für dieses attraktive Nebenprojekt von Gastgeber Andy Lind eingefunden. Einem Gastgeber, der vor drei Wochen noch krank/bettlägerig gewesen war!

Neben seinem bewährten Drumming waren auch die Gitarrenparts von Stephan Weyerer und der vielleicht ein wenig kühle, aber dabei auch stets elegante jazzige Gesang von Marie Brandis spontan sehr einnehmend. Für Stephans Scat-Solo bei 'Human Touch' gab es Szenenapplaus. 'Look Up Child' brachte danach eine Dobro und ein herrliches Bass-Solo (Thorsten Soos) mit viel Flanger-/Phaser-Effekt sowie flirrende Keyboards von Jan Lehner zum Einsatz.

Mehr zum Debütalbum dieser interessanten Formation gibt es übrigens hier.

Blind Ego

"Wir legen noch einen drauf, es wird härter" — so wurde Kalle Wallners Soloprojekt neben RPWL (vgl. der Festival-Sonntag) anmoderiert.

In der Tat hätte der Kontrast zur Glasmondmusik zwischen Jazz-Lounge und Fusion kaum größer sein können. Doch diese Vielfalt machte mehr Reiz als Irritation aus. Irritierend war lediglich der plötzlich schepperige, fast basslose Sound. Hier konnte aber im Verlauf der ersten Songs erfolgreich nachgesteuert werden.

Schnelles Material wie 'Spiders' wechselte sich ab mit Balladigem wie 'Never Escape The Storm' — Variation also auch innerhalb eines Gigs, gut so.

Century’s Crime

Der einzigen reinrassigen Coverband auf dem Festivalposter wurde zunächst teils mit Fragezeichen begegnet. Warum? Aufklärung Nr. 1, die Besetzung des Tribute Acts, bei der sogleich Gastgeber Thomas auffällt: Thomas Burlefinger - Gesang, Piano, Keyboards; Heiko Sahl - Saxofon, Klarinette, Mundharmonika; Pino G - Gesang, Gitarre, Piano; Wolf Heil - Schlagzeug; Jürgen Kochler - Bass.

Erklärung Nr. 2: Die sind tierisch gut! Die dargebotenen Versionen von z. B. 'Take The Long Way Home', 'From Now On', 'Hide In Your Shell', 'Rudy' oder 'Fool’s Overture' wurden nicht nur äußerst kompetent interpretiert, sie machten auch von der ersten Sekunde an gehörig Laune!

Belohnt wurde dies mit Standing Ovations und Fans, die nicht auf das Erscheinen am Merch warten mochten, sondern sofort nach dem Gig die Bühne lange umlagerten.

Rosalie Cunningham

The Sixties are back! So hätte man mit geschlossenen Augen meinen können, aber es wäre schade gewesen, die lange geschlossen zu halten. Zu professionell ist mittlerweile die Bühnenshow von Paradiesvogel Rosalie und ihrer phantastisch eingespielten Band: Rosco Wilson - guitar, vocals; Claudia Gonzalez Diaz - bass, flute, backing vocals; Aaron Boll Thompson - keyboards, organ; Bo Walsh - drums.

Während z. B. Rosco teils buchstäblich laid-back am Bühnenrand lehnend spielte, begeisterte Claudia durch virtuose Querflötensoli.


Bühnenmagnet bei Material wie aber bleibt stets die quirlige Bandleaderin.

Kraan
Um hier mal einen anwesenden Musik-Kumpel zu zitieren: "Ich hab die noch nie live gesehen, meine Frau zweimal, weil sie wie die Band aus Ulm stammt. 55 Jahre in Stammbesetzung auf der Bühne – da hat man nicht mehr viele Fragen.

Ein sehr sympathischer 74jähriger Helmut Hattler am Bass, mit einem Klassenkameraden aus Grundschulzeiten plus dessen Bruder - und einem Keyboarder, der den Altersschnitt deutlich runterzog. Klasse Konzert!"

Andy Nogger! Beziehungsweise Amen! Das war doch ein schönes Schlusswort für den ersten Festivaltag.

Sonntag
proken

Mit dieser Münchner Combo betraten nun alte, schon häufiger mit Freuden live erlebte Freunde die Bühne. Zu etwas völlig Neuem wurde das Erlebnis dennoch, allein schon durch den neuen Leadgitarristen Rocky Sferruzza , ein Virtuose und Showman vor dem Herrn!

Bei ansonsten unveränderter Besetzung (Mark Tobler - Gesang); Tom Jarzina - Schlagzeug; Toni Edlbauer - Bass; Benedikt Horsthemke - Keyboards; Mike Piccolavia - Gitarre) spielte sich das Sextett souverän durch ein Best-of-Programm, aus dem die Twin Lead Parts für 'Broken Dreams', der Titelsong des aktuellen Albums "Dividing Times", aber auch die Live-Premiere 'Suicide Man' besonders positiv abstachen.




Nach dem Auftritt erhob sich das Publikum wie ein Mann und applaudierte lange stehend.

Flying Circus

"Progressive Folk" sagen die einen dazu. "Vielleicht doch mehr Folk- und Blues- als Hardrock" die anderen. Gefallen hat der Auftritt der Grevenbroicher aber allen, mit denen der Autor hernach sprach.

Rüdiger Blömer - keys, vln; Dietmar Berteld - bss; André Roderigo - drms, voc; Michael Rick - guit; Michael Dorp - lead voc.

Die prägnant heisere Stimme des Letztgenannten liefert neben speziellen Klangfarben, die die Geige einbringt und einfach starkem Material wie 'Green', 'Never Again', 'Follow The Empress', 'Derry', 'Time Machine' oder, als Zugabe, 'Seasons' ausreichend Gründe für ein hingerissenes Publikum. Und dafür, sich mit dieser Band weiter zu beschäftigen.

Marek Arnold’s Artrock Project

Der folgende Act firmierte zwar wie das gleichnamige All-Star-Album von unserem Hans Dampf auf allen Tasten, Marek. Er lieferte aber so viel mehr: Ein Potpourri aus nahezu allen seinen Projekten und Stationen, also z. B. Seven Steps To The Green Door, Toxic Smile (R.I.P.), Cyril, Damanek, Stern Combo Meissen, UPF, Flaming Row!

Und so lieferte ein Wiederhören von Toxic Smiles 'Hidden Brand', wie stets gesungen von Larry Brödel den persönlichen emotionalen Höhepunkt des ganzen Festivals. Da hätte nur noch die sächselnde Version von 'Country Roads' gefehlt, um das Glück ganz perfekt zu machen 😉.

'Stay' vom Artrock Project, Cyrils 'Gate Of Reflection' oder 'Scarlet Walking' kamen auch toll über die Rampe. Apropos 'Scarlet…' – die grandiosesten Soli des gesamten Festivals steuerte wie beiläufig, keinerlei Aufhebens darum machend, ein junger Gitarrist bei. Sensationell, wer ist dieser Typ nur?

Wieder zurück zu Toxic Smile. Einer auf acht Minuten heruntergebrochene Fassung von 'Confidence In Deception' blieb aber immer noch das "Röslein auf der Heide" sowie saftige Rap-Parts erhalten.

The Ancestry Program

TAP stellten zwar die Festival-Organisation, beanspruchten aber sympathischerweise deswegen nicht automatisch die Headliner-Position.


Uneitel bis ausgesprochen lustig geriet schon der Soundcheck, der bei diesem Format stets vom Publikum miterlebt wird, soweit es halt in der Halle bleibt.


Die erwartbaren Highlights ihres Auftritts waren das mächtige 'Pangreta’s Box', 'Gusty Ghost', 'Pun Intended', vor allem aber die schon hitverdächtig eingängigen Top-TAP-Songs 'Tiny Monsters' und 'Tangerine Parties'.

Lazuli

Für die gewohnt virtuos an Gitarre, Keyboard und Schlagzeug, Léode oder Waldhorn aufspielenden Franzosen darf bzw. muss wieder der Kollege ran: "Was soll man sagen? Die Band hat nach vielen, vielen Deutschlandauftritten eine immer größere Fangemeinde gewonnen, was absolut verdient ist.


Grandiose Stimmung im Publikum. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass Lazuli erwachsener und weniger "Party" geworden sind.
Ständige Projektionen lenken von der Band ab, viele Songs werden ernster.


Das Schlussstück '9 Hands Around The Marimba' verliert auch ein wenig an Reiz, wenn man es schon oft gesehen hat.


Dennoch macht es immer wieder große Freude, dieser sympathischen Band zuzusehen. Und ich weiß noch gut, wie ich sie zum ersten Mal gesehen habe und weggeblasen war."

RPWL

Den Sack zu machen durften Freising’s Finest. Vergleiche das zu Lazuli gesagte: Die Band kann aber auch rein gar nichts dafür, wenn der Herr Kritiker sie einfach schon sehr, sehr oft live erlebt hat.

Besonders positiv in Erinnerung geblieben sind jedenfalls das ewig schöne '3 Lights', Yogi Moog-Solo zu 'A New Wolrd' und das gelungene Cover von 'Welcome To The Machine'.

Surftipps zu Veranstaltung und Gastgebern
• Homepage TAPFest
• Homepage The Ancestry Program
• Bandcamp

Weiterer Surftipp:
Homepage Alte Kongresshalle

