
Post Metal • Progressive Metal • Post Rock • Ambient • Electronic
(1:09:22; Vinyl (2 LP), CD, Digital; Pelagic Records/Cargo; 25.09.2026)
"Solaris" in der Doppelbetreuung
Teil 1: flohfish
The Ocean haben sich schon immer in regelmäßigen Abständen neu erfunden. Und sind sich dabei, bis zu einem gewissen Grad, trotzdem treu geblieben. Eine konstante Metamorphose könnte man sagen – bei konsequenter Beibehaltung der eigenen DNA. Mit "Solaris" steht nun wieder einmal ein solcher Neustart an. Nach den massiven Besetzungswechseln der vergangenen Jahre ist vom bisherigen Kollektiv nur noch ein Teil übrig geblieben. Und trotzdem klingt vieles erstaunlich vertraut.
Mit Lane Shi und Enrico Tiberi stehen gleich zwei neue Stimmen im Zentrum, erstmals auch eine weibliche. Shi kennt man von Elizabeth Colour Wheel und unter ihrem Solonamen Otay:Onii, Tiberi vom Progressive-Metal-Projekt Dark Side Bright Side. Dazu kommen mit Emmanuel Jessua von Hypno5e und Marco Gennaro von Dark Side Bright Side zwei neue Gitarristen sowie Jordi Farré von Crippled Black Phoenix und Dolch am Schlagzeug. Eine ziemlich bunte Ansammlung musikalischer Lebensläufe also. Als The-Ocean-Besetzung funktioniert das trotzdem erstaunlich geschlossen. Die neuen Stimmen haben eigene Klangfarben, doch ihre Phrasierung fügt sich so selbstverständlich in den Bandkosmos ein, als hätten sie dort schon länger gewohnt. Auch die Vocals bleiben Teil jenes großen Klangkörpers zwischen Melodie, Atmosphäre und Ausbruch.
Besonders spannend ist die Entwicklung bei den Tasten. Mit dem Ausstieg von Peter Voigtmann gibt es keinen festen Keyboarder mehr, abgeschafft wurde seine Funktion allerdings keineswegs. Beim Pelagic Fest zeigten Lane Shi und Enrico Tiberi, dass sie Synthesizer selbst bedienen können. Auf "Solaris" verteilt sich die Aufgabe ohnehin auf mehrere Schultern: Tiberi bringt als Pianist und Multiinstrumentalist Celesta, Flügel, Rhodes, Hammond und Synthesizer ein. Dazu kommen Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream und Orestis Zafiriou von Playgrounded. Selbst Peter Voigtmann ist bei 'Light Pollution' noch einmal an den Tasten zu hören – die markante Synthesizer-Eröffnung des Stücks stammt aus seiner Arbeit. Dazu steuert Simen Eifring von Spurv Posaune bei, während Jiawei Zhang mit dem Vibraphon eine weitere ungewöhnliche Farbe ins Arrangement bringt. Aus dem fehlenden festen Keyboarder ist damit eher eine ziemlich großzügig besetzte Tastenabteilung geworden.
Musikalisch setzt "Solaris" dort an, wo "Holocene" aufgehört hat, ohne dessen Konzept einfach fortzuschreiben. Post-Metal, Progressive Metal, Ambient und Elektronik stehen nicht mehr sauber nebeneinander, sondern werden immer stärker ineinander geschoben. Gleichzeitig sorgen akustische Instrumente und organische Klangfarben immer wieder für Erdung. 'Light Pollution' zeigt das besonders schön: Vertraute Synthesizerflächen erinnern zunächst an "Holocene", bevor der Song langsam an Gewicht gewinnt und in ein gewaltiges, schwerfälliges Finale kippt. Flügel, Rhodes, Hammond und Celesta erweitern dabei das Klangbild, ohne dass daraus eine akademische Tastenparade wird. Die progressive Komplexität versteckt sich eher im Arrangement, als ständig mit einem Schild herumzulaufen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Überhaupt ist Kontrast weiterhin eines der wichtigsten Werkzeuge von The Ocean. Schwere Gitarren treffen auf fragile Passagen, akustische und organische Instrumente auf synthetische Klänge, klare Stimmen auf die bekannten Ausbrüche. 'Simulacra' und 'Belligerence' verschieben dabei die Gewichte immer wieder, ohne dass das Album auseinanderfällt. Gerade diese Reibung verhindert, dass "Solaris" trotz seiner elektronischen und progressiven Ausrichtung in einer einzigen Klangwelt stecken bleibt.
Und dann wird es plötzlich tanzbar. 'Milk Of My Dreams' und '51°28'30" S, 73°6'11" W' driften zunehmend in Richtung Clubsound. Gerade hier sind die Synthesizer von Thorsten Quaeschning besonders präsent und verleihen dem Ende des Albums einen Hauch kosmischer Rave-Euphorie. The Ocean auf der Tanzfläche? Funktioniert erstaunlich gut. Wer das nicht glauben möchte, sollte die Band live erleben: Beim Pelagic Fest in Maastricht verwandelte sich das Metal-Publikum während der Zugaben 'Milk Of My Dreams' und '51°28'30" S, 73°6'11" W' jedenfalls kurzerhand in eine kleine Rave-Gemeinde. Man kann offenbar auch zu The Ocean tanzen. Die Welt ist damit endgültig kompliziert genug.
Auch konzeptionell bleibt "Solaris" auf Kurs. Schon der erste Titel, '52°30'11" N, 13°26'12" E', führt nicht zu einem fernen Planeten, sondern zum Berliner Studio- und Proberaum der Band. Von dort geht es hinaus in den Kosmos von Andrei Tarkovskys 1972er Film "Solaris", ergänzt um reale Entdeckungsfahrten und die weniger romantische Frage, was passiert, wenn menschliche Neugier irgendwann in Herrschaftsanspruch umschlägt. Exploration, Technologie und der Drang nach Erkenntnis werden dabei nicht als Heldengeschichte erzählt, sondern als ziemlich ambivalente Angelegenheit.
Die Reise endet mit '51°28'30" S, 73°6'11" W' am Seno Última Esperanza in Chiles Región de Magallanes. Der Name bedeutet "letzte Hoffnung" und geht auf den spanischen Seefahrer Juan Ladrillero zurück, der im 16. Jahrhundert glaubte, dort einen Zugang zur Magellanstraße gefunden zu haben. Tatsächlich landete er in einer Sackgasse. Für ein Album über Aufbruch, Entdeckung und das permanente Überschreiten von Grenzen ist das ein ziemlich passender Endpunkt.
Denn genau hier schließt sich auch der Kreis zu The Ocean. Vom frühen Post Hardcore und Post Metal über "Pelagial" und die "Phanerozoic"-Alben bis zu "Holocene" und nun "Solaris" hat die Band ihre musikalische Landkarte immer wieder erweitert. Nicht jeder Weg führte dabei in dieselbe Richtung. Genau das scheint inzwischen aber weniger Problem als Methode zu sein. Die Identität dieser Band hängt längst nicht mehr an einer bestimmten Besetzung, einem einzelnen Sänger oder einem festen Instrumentarium. Sie steckt in der Bereitschaft, die eigene Form regelmäßig auf den Prüfstand zu stellen.
"Solaris" ist deshalb kein Album, das trotz des personellen Umbruchs funktioniert. Es funktioniert gerade deshalb. Die neuen Mitglieder bringen genügend eigene Ideen mit, um den bekannten The-Ocean-Kosmos tatsächlich zu erweitern, ohne ihn dabei unkenntlich zu machen. Elektronik und Metal wachsen enger zusammen, die Stimmen verändern die Farbpalette, Piano und Synthesizer bekommen mehr Raum, und spätestens beim Rave-Finale ist klar, dass hier niemand versucht, die Vergangenheit zu konservieren.
The Ocean suchen weiter. Und diesmal ist der Weg nicht nur überraschend, sondern verdammt gut.
Bewertung: 15/15 Punkten

Teil 2: Carsten Agthe
"Solaris" ist bei Stanislaw Lem ein Ozean (!) auf dem gleichnamigen Planeten, der die Erinnerungen der hier gelandeten Protagonisten Gestalt annehmen lässt. Der visionäre Regisseur Andrei Tarkowski machte daraus 1972 einen beklemmenden Film (von dem es dreißig Jahre später ein Remake mit George Clooney und Natascha McElhone gab, das aber längst nicht die Atmosphäre des Originals vermitteln konnte). Eine perfekte Ausgangssituation also für The Ocean (!), die ebenfalls eine nicht unerhebliche Zäsur über sich ergehen lassen mussten.
Bandgründer Robin Staps veränderte nach 25 Jahren Bandgeschichte die Konstellation fast von Grund auf. Bassist Mattias Hägerstrand und Schlagzeuger Jordi Farré sind geblieben. Neu hinzu kamen Sängerin Lane Shi (aka Otay:Onii) und Sänger Enrico Tiberi sowie die beiden Gitarristen Emmanuel Jessua und Marco Gennaro. Mit Gästen wie Thorsten Quaeschning (Tangerine Dream) und Orestis Zafiriou (Playgrounded) an Keys und Synths wird derweil die elektronische Richtung, in welche sich die Band beziehungsweise das Kollektiv mit dem Vorgängeralbum "Holocene" konsequent hinbewegte, vehement fortgesetzt und erweitert. Mit geschlagenen siebzig Minuten kommt "Solaris" in der Form eines Doppelalbums, die acht hier enthaltenen Tracks erreichen dabei epische Ausmaße von bis zu siebzehn Minuten ('Simulacra').
Mit '52°30'11'' N, 13°26'12'' E', dem Opener, geben The Ocean erst einmal den Standort ihres Studios preis und starten, für Bandverhältnisse, überaus entspannt und chillig, was natürlich wieder einmal auf die falsche Fährte führt. Natürlich zünden The Ocean nicht mehr die postmetallischen Extrembrocken vergangener Tage. Trotzdem sind da immer noch Extreme, wie etwa im überambitioniert-kompromisslosen 'Belligerence', in dem Enrico Tiberi sangestechnisch den Fiesling mimt und anzeigt, dass ihm stimmlich keine Grenzen auferlegt sind, die so erst einmal verarbeitet werden müssen. Die aus China stammende Musikerin Lane Shi bringt dagegen nicht unerhebliche worldmusikalische Aspekte ein, wobei die Duette mit dem Kollegen hin und wieder reichlich Female-Fronted-Metal-affin gerieten. Erwähnter 17-Minüter 'Simulacra' schwingt sich schon einmal zu einer Achterbahnfahrt aus Progressive Rock und Metal auf, in 'Ultima Esperanza' hat Lane Shi, trotz gehöriger Metalbreitseiten, genügend Räume, um anzuzeigen, dass sie auch den Soul intus hat.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mit den überaus elektronisch geprägten 'Milk Of My Dream' sowie '51°28′30″S, 73°6′11″W' schlägt die Stunde des Thorsten Quaeschning, der The Ocean mit seinen Sequencer-Beats nun auch noch Rave-kompatibel macht. Auch gut. Eben das fehlte noch auf der Agenda des Kollektivs! Somit ist "Solaris", stilistisch gesehen, auch das abwechslungsreichste Album einer bisher überaus abwechslungsreichen Band.
Bewertung: 14/15 Punkten
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

• Robin Staps - Gitarre
• Mattias Hägerstrand - Bass
• Jordi Farré - Schlagzeug, Percussion
• Enrico Tiberi - Gesang, Keyboards
• Lane Shi - Gesang
• Emmanuel Jessua - Gitarre
• Marco Gennaro - Gitarre
Gastmusiker:
• Thorsten Quaeschning - Keyboards, Modular-Synthesizer
• Orestis Zafiriou - Keyboards
• Peter Voigtmann - Keyboards ('Light Pollution')
• Simen Eifring - Posaune
• Jiawei Zhang - Vibraphon
Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hold Tight zur Verfügung gestellt.

