
Alternative Rock • Post Rock • Singer/Songwriter • Experimental Rock
(43:42; Vinyl, CD, Digital; Errant Child/Cargo, 18.09.2026)
Nach dem karg-intimen "Engine Of Hell" hat Emma Ruth Rundle offenbar beschlossen, dass man die Welt nicht unbedingt allein am Klavier zugrunde gehen lassen muss. "These Killing Times" holt deshalb wieder die Band aus dem Proberaum und die Außenwelt gleich mit dazu. Aus der persönlichen Innenschau wird ein deutlich größerer, stellenweise erstaunlich wuchtiger Klangkosmos, in dem fragile Passagen, verzerrte Gitarren, Doom-Schwere und postrockartige Aufwallungen aufeinanderprallen. Unterstützt wird Emma Ruth Rundle dabei unter anderem von Marissa Nadler, Patrick Shiroishi (The Armed), Gina Gleason (Baroness), Nick Reinhart (Tera Melos), Amelia Baker (Cinder Well) und Lukas Frank (Storefront Church), die dem Album zusätzliche Klangfarben verpassen, ohne daraus ein musikalisches Gästebuch zu machen.
Dabei bleibt Emma Ruth Rundle ihrer düsteren Grundstimmung treu, nur klingt diese diesmal weniger nach Rückzug als nach Aufbegehren. Krieg, Klimakatastrophe, Macht, Kapitalismus und gesellschaftliche Verwahrlosung liefern reichlich Stoff für schlechte Nachrichten. Trotzdem richtet sich "These Killing Times" nicht bequem im Weltschmerz ein. Zwischen Wut und Verzweiflung steckt immer wieder Gemeinschaft, Nähe und ein Rest Hoffnung. Die Welt ist also weiterhin kaputt, aber Emma Ruth Rundle steht diesmal nicht allein davor.
Und dann ist da diese Stimme. Im Zusammenspiel mit der Musik erinnert sie mich immer wieder an Tori Amos, gelegentlich sogar an Alanis Morissette. Nicht weil Emma Ruth Rundle plötzlich deren Platten nachspielt, sondern weil diese Mischung aus Verletzlichkeit, Nachdruck und emotionalem Überschwang ähnliche Assoziationen weckt. Die Nähe zu A.A. Williams und Chelsea Wolfe bleibt ebenfalls spürbar, vor allem dort, wo aus Intimität schwere, dunkle Klangmassen entstehen.
Auch die Songs spielen geschickt mit diesen Gegensätzen. 'Powerless' beginnt zurückhaltend und wächst zu einer gewaltigen Gitarrenwand.
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'God's Picture' hingegen sorgt mit Saxofon und weit aufgezogenen Passagen für erste Irritationen.
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'Anvil' verbindet dunkle Schwere mit Violine, Cello und einem zunehmend entfesselten Finale, 'Catherine Wheel' setzt auf wuchtigen Grungegaze. 'Don't Delay Heaven' nimmt danach fast vollständig das Tempo heraus und wirkt wie eine kurze Umarmung zwischen all dem Elend, bevor 'Enough' mit hypnotischen und dissonanten Passagen wieder deutlich ungemütlicher wird.
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'Human Kindness' zieht sich über einen langen Spannungsbogen von Doom-Schwere hin zu vorsichtiger Hoffnung, während 'Oceans Of Time' mit Piano, Stimmen und viel Raum einen erstaunlich verletzlichen Schlusspunkt setzt.
Was mich an "These Killing Times" allerdings am stärksten erwischt, sind gar nicht zwingend die Texte. Selbst wenn ich die Worte einmal ausblende, funktioniert das Album emotional erstaunlich unmittelbar. Stimme, Melodien und Dynamik reichen aus, um etwas auszulösen. Da muss mir niemand erst erklären, worüber Emma Ruth Rundle gerade singt. Die Musik erledigt das schon selbst.
Gerade deshalb funktioniert die neue Wucht so gut: Sie ist kein Versuch, "Engine Of Hell" einfach mit mehr Verstärkern zu wiederholen, sondern gibt der dortigen Verletzlichkeit einen Gegenpol. Besonders Patrick Shiroishi sorgt mit seinem Saxofon für Momente, in denen das ohnehin schon reichlich angeschlagene Gleichgewicht endgültig ins Wanken gerät.
"These Killing Times" ist damit für mich nicht einfach das größere oder lautere Schwesteralbum von "Engine Of Hell". Es ist die konsequente Weiterentwicklung einer Künstlerin, die ihre Düsternis nicht abgelegt, sondern aus der Einsamkeit herausgeholt hat. Emotional packend, musikalisch abwechslungsreich und an den richtigen Stellen erfreulich unberechenbar. 43:42 Minuten Weltuntergang, Kapitalismuskritik und emotionale Selbstzerlegung – erstaunlicherweise ohne eine einzige Minute Leerlauf. Mehr Elend auf einmal wäre dann aber vermutlich auch nur noch unnötiger Luxus.
Bewertung: 13/15 Punkten
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Besetzung:
• Emma Ruth Rundle - Gesang, Gitarre, Keyboards
• Jess Gowrie - Schlagzeug
• Troy Zeigler - Bass
Gastmusiker:
• Nick Reinhart - E-Gitarre
• Gina Gleason - E-Gitarre
• Patrick Shiroishi - Saxophon, Gesang
• Camille Getz - Violine
• Jason Adams - Cello
• Bryan Tulou - E-Gitarre
• George Clarke - Gesang
• Sonny DiPeri - Swarmatron
• Bryan Funck - Gesang
• Lucas Frank - Gesang
• Amelia Baker - Gesang
• Marissa Nadler - Gesang
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Cargo zur Verfügung gestellt.

