Gekommen um zu bleiben
Eigentlich sollte 2024 nur gefeiert werden. 15 Jahre Pelagic Records, Festival in Maastricht, einmal ordentlich auf den Putz hauen und danach wieder zurück zum Tagesgeschäft. Dumm nur, wenn so ein Jubiläumsfestival plötzlich funktioniert. Aus der einmaligen Sause wurde erst eine Wiederholung und inzwischen ein jährlich wiederkehrender Pflichttermin. Pelagic Fest ist also gekommen, um zu bleiben – und das, obwohl man sich beim Programmieren weiterhin vor allem im eigenen Plattenregal bedient.
Das hat durchaus Methode. Denn wer das Pelagic-Universum kennt, weiß ungefähr, was ihn erwartet: Post Metal, Post Rock, Progressive, Ambient, Experimentalgedöns und andere musikalische Formen, bei denen sich das Adjektiv „düster“ erstaunlich zuverlässig einsetzen lässt. 2026 wurde das eigene Roster dennoch um einige labelfremde Namen ergänzt, die klanglich so gut ins Bild passten, dass man sie eigentlich nur deshalb als Gäste erkennen konnte, weil ihr Logo nicht auf einer Pelagic-Platte stand. Wheel, A.A. Williams, The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble und Slift gehörten zu dieser Fraktion.
Der eigentliche Fixpunkt des Wochenendes kam dagegen aus dem eigenen Hause: The Ocean standen erstmals in neuer Formation auf einer regulären Festivalbühne. Das kleine Konzert in Marokko lassen wir dabei großzügig als Sonderfall durchgehen.
Ansonsten hielt sich die diesjährige Ausgabe erfreulich zurück, was organisatorische Überraschungen anging. Ein paar Bands wurden lediglich innerhalb des Zeitplans hin- und hergeschoben, SOM mussten aus unbekannten Gründen kurzfristig durch Aiming For Enrike ersetzt werden. Und weil das Festival am Samstag schon gegen Mittag loslegte, hatte man diesmal sogar eine Essenspause ins Programm geschrieben. Ein erstaunlich zivilisierter Fortschritt gegenüber der Erkenntnis, dass man zwischen zwei Bands irgendwann auch mal etwas essen möchte.
Für die Presse gab es am Samstagmorgen zudem eine Listening Session zu "Solaris", dem neuen Album von The Ocean. Damit war bereits vor dem ersten regulären Festivalton ziemlich eindeutig, wer an diesem Wochenende zumindest einen kleinen Heimvorteil besaß.
Freitag
Preyrs
Unglaublich, aber der kleine Saal der Muziekgieterij war voll. Und das schon bei Preyrs, die offenbar längst nicht jeder auf dem Zettel gehabt hatte. Das irische Quartett um Amy Montgomery brauchte allerdings nicht lange, um sich die Aufmerksamkeit zu sichern. Montgomery stand in Lack und Leder auf der Bühne und dominierte das Geschehen mit ihrem Reibeisenorgan. Rau, kratzig und kraftvoll, dazu dieser sympathische irische Akzent, der selbst den Ansagen eine eigene Note verlieh.
Die Band lieferte dazu ein Fundament mit ordentlich Wumms: Das Schlagzeug drückte, der Bass knarzte und die Gitarren setzten immer wieder melodische Akzente. Besonders beim Traditional 'Down To The River To Pray' zeigte sich, wie gut diese Mischung funktionierte. Zwischen Siouxsie And The Banshees und Årabrot angesiedelt, verbanden Preyrs kantigen Alternative Rock mit atmosphärischen Momenten und reichlich Druck.
Ein ziemlich überzeugender Start in den Festivaltag.
Besetzung:
• Amy Montgomery
• Michael Mormecha
• Nolan Donelly
• Ciarán McGreevy
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Spurv
In der großen Halle war es inzwischen ebenfalls gerammelt voll. Spurv schoben sich mit majestätischer Gelassenheit auf die Bühne und ließen den Rest des Festivals für einen Moment ziemlich klein aussehen. Vom dritten Balkon hatte ich zunächst einen spektakulären Blick auf die Bühne, der leider kurz darauf zugebaut wurde. Schade, denn von dort oben ließ sich wunderbar beobachten, wie sich diese Musik langsam auftürmte.
Besonders die Trompete und das Glockenspiel setzten immer wieder helle Farbtupfer in das ansonsten wuchtige Post-Rock-Gewitter. Warum werden solche Instrumente eigentlich nicht viel öfter eingesetzt? Dazu kamen lange Spannungsbögen, gewaltige Steigerungen und zwischendurch richtig fett bratzende Metal-Gitarren. Gesang gab es nur an wenigen Stellen, dann aber so passend ins Arrangement gesetzt, dass er eher wie eine weitere Klangfarbe wirkte. Genau diese Mischung machte die Musik so körperlich, dass man irgendwann nicht mehr nur davorstand, sondern darin verschwand.
Als der Frontmann einmal die Arme hochriss, ging das Publikum sofort mit. Und dann das letzte Stück: erst noch halbwegs kontrolliert, bevor es sich wie eine Lawine in Bewegung setzte und immer mehr Wucht entwickelte. Am Ende blieb von der Bühne eigentlich nur noch ein gewaltiger Klangkörper übrig. Spurv eben – majestätisch, aber keineswegs harmlos.
Besetzung:
• Gustav Jørgen Pedersen
• Herman Otterlei
• Hans-Jakob Jeremiassen
• Eirik Ørevik Aadland
• Simon Ljung
• Simen Eifring
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Red Dwarf Star
Red Dwarf Star hatten ihren Platz in der Running Order kurzfristig mit Abraham getauscht und standen damit früher auf der Bühne als ursprünglich geplant. Das Projekt um Coley Dennis bewegte sich irgendwo zwischen Post Rock, Indie, Prog und Shoegaze. Mal kam ordentlich Hardcore-Energie auf, dann wurde es wieder verwaschen, flächig und fast schon gazig. Gerade diese Wechsel funktionierten live ganz gut. Der Vocoder-Gesang fügte sich dabei erstaunlich selbstverständlich ein und wirkte weniger wie ein Effekt aus dem Technikfundus als wie ein weiteres Instrument im Sound.
Ansonsten blieb der Auftritt für mich etwas unter seinen Möglichkeiten. Der Sound war atmosphärisch genug, die Gitarren hatten Ecken und Kanten und auch die proggigen Momente kamen nicht zu kurz. So richtig packen wollte mich das Ganze trotzdem nicht. Nach Spurv war die Messlatte allerdings auch ziemlich hoch – und Red Dwarf Star schafften es an diesem Nachmittag nicht ganz, darüberzuspringen.
Besetzung:
• Coley Dennis - guitar, vocals
• Mathias Poese - Keffk
• Blaise Brechbühl - bass
• Alessandro Pascolo - drums
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Abraham
Direkt danach ging es in der kleinen Halle mit Abraham weiter. Die Schweizer ließen es schwer und schleppend angehen, irgendwo zwischen Sludge und Post Metal. Dazu wurde die Bühne dermaßen eingenebelt, dass die Musiker zeitweise eher als Schemen denn als tatsächlich anwesende Menschen auszumachen waren. Für den Sound war das durchaus passend: viel Wucht, wenig Licht und eine ordentliche Portion Dreck.
Besonders hängen blieb der singende Schlagzeuger, der hinter seinem Kit gleichzeitig den Takt vorgab und sich die Vocals aus dem Leib brüllte. Die Kombination verlieh dem ohnehin schon massiven Sound noch einmal zusätzliche Körperlichkeit. Abraham machten also ziemlich genau das, was man von schwerem Sludge-Post-Metal erwartet – wuchtig, düster und angenehm dreckig. Komplett umgehauen hat es mich trotzdem nicht. Nach Spurv war die Messlatte allerdings auch ziemlich unverschämt hoch.
Besetzung:
• David Schlagmeister
• Jakkob Wierdmann
• Verde DiCabillo
• Steven Ditta d'Oro
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EF
Wie schon vor zwei Jahren standen EF direkt hinter Spurv auf der Hauptbühne. Und wieder einmal war das ein Genuss. Diesmal stand anlässlich des Jubiläums das Album "Give Me Beauty... Or Give Me Death!" von 2006 im Mittelpunkt. Entsprechend ließ sich die Band viel Zeit, die Stücke aufzubauen. Zarte Passagen, Cello, dieser unverwechselbare Gesang – alles schob sich langsam ineinander, bevor die ersten größeren Wellen anrollten. Dann wieder zurücknehmen, Luft holen, erneut Anlauf nehmen. Die Dramaturgie funktionierte nicht über möglichst viele große Explosionen, sondern über die Spannung dazwischen.
Dazwischen tauchte sogar ein Schuss Punk-Energie auf – eine kleine Godspeed-Schlagseite, deren Wurzeln schließlich bekanntlich in der Punk-Szene liegen. Ansonsten großes Post-Rock-Kino mit tollen Zwischen-Crescendi, während es in der Halle mucksmäuschenstill blieb, fast schon Andachtsstimmung. Die Steigerungen kamen gezielt und wirkten gerade deshalb umso stärker.
Zum Ende hin wurde es dann noch einmal besonders schön: mehrstimmiger A-cappella-Gesang, über den sich anschließend Orgelklänge legten. Ein Moment, der die vorherige Spannung plötzlich in etwas fast Sakrales überführte. Genau diese Mischung aus Zurückhaltung, Steigerung, ungewöhnlichen Klangfarben und gezielt gesetztem Bombast macht EF für mich live immer wieder zu einem Genuss.
Besetzung:
• Erik Jardestig
• Niklas Åström
• Thomas Torsson
• Kim Ruiz
• Daniel Juline
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Predatory Void
In der kleinen Halle warteten anschließend Predatory Void. Die ersten beiden Stücke waren erst einmal ordentlich auf die Zwölf: schwer, düster und ziemlich kompromisslos. Als drittes Stück kam dann 'Make Me Whole' von der neuen Platte – clean gesungen, deutlich eingängiger und plötzlich fast eine andere Band. Genau solche Brüche machen Predatory Void für mich interessant.
Richtig geil war dabei der zweistimmige weibliche Gesang von Lina R und Bassistin Kris Auman. Das funktionierte live sogar besser als noch mit Tim De Gieter. Überhaupt steht der Band der klare Gesang verdammt gut. Wenn die Stimmen so schön miteinander funktionieren, darf es für meinen Geschmack ruhig noch ein bisschen öfter clean sein. Danach kann man ja immer noch wieder alles niederreißen.
Besetzung:
• Lina R - vocals
• Lennart Bossu - guitar
• Kris Auman - bass, vocals
• Thijs Decloedt - guitar
• Vincent Verstrepen - drums
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Wheel
Auf der Hauptbühne folgte mit Wheel eine der labelfremden Bands und gleichzeitig der erste wirklich klassische Prog-Moment des Tages. Als Co-Headliner mussten die Finnen dann auch nicht mehr groß beweisen, dass sie ihr Handwerk beherrschen. Wheel lieferten solide ab, gut wie immer – ohne dass sich die Show groß von anderen Auftritten unterschied. Routine eben. Aber eine ziemlich überzeugende.
Dazu stimmte diesmal auch der Sound bis ins letzte Detail. Schöner Hall, sauber ausbalancierte Höhen und Tiefen, insgesamt ordentlich Druck. Nach den teilweise eher durchwachsenen Sounderfahrungen früherer Wheel-Auftritte war das fast schon Luxus. Bei 'Wheel' vom Debütalbum kam dann der Moment, auf den ich besonders gewartet hatte:
Shut Up And Give Me Your Medicine!
Dazu ein Wahnsinns-Drumsound. Was für eine Version des Stücks! Wheel müssen inzwischen niemandem mehr beweisen, dass sie live funktionieren. Sie spielen ihr Programm einfach verdammt souverän – und manchmal ist genau das völlig ausreichend.
Besetzung:
• James Lascelles - Gesang, Gitarre
• Santeri Saksala - Schlagzeug
• Jussi Turunen - Gitarre
• Jere Lehto - Bass
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Aiming For Enrike
Auf der Nebenbühne übernahmen Aiming For Enrike kurzfristig den Headliner-Posten, nachdem SOM aus unbekannten Gründen aus dem Programm verschwunden waren. Für ein Duo ist das sowieso schon eine recht sportliche Angelegenheit. Wenn dann allerdings Simen Følstad Nilsen seine Gitarre durch eine offenbar unüberschaubare Armada aus Pedalen, Effekten und Loops jagt, fragt man sich ohnehin, wie man bei so vielen Schaltern überhaupt noch weiß, was man gerade drückt.
Experimentell wie eh und je, bauten die beiden rein instrumental aus Gitarre, Schlagzeug, Loops und Electronica einen erstaunlich vielseitigen Sound. Mal breiteten sich ambientartige Flächen aus, dann schoben die Beats das Ganze plötzlich in Richtung Tanzfläche. Und Tobias Ørnes Andersen ist dabei schlicht ein fucking Freak hinter dem Kit. Der ehemalige Leprous-Drummer trommelt sich dermaßen durch das Material, dass er vermutlich auch ein komplettes Konzert alleine bestreiten könnte, ohne dass es nach fünf Minuten langweilig würde. Gerade diese Mischung hat mich diesmal richtig erwischt: eben noch irgendwo zwischen Ambient und hypnotischem Gefrickel, im nächsten Moment plötzlich so tanzbar, dass man sich fragt, warum man eigentlich noch stillsteht. Fucking danceable! Für mich definitiv mehr als nur ein glücklicher Ersatz für SOM.
Besetzung:
• Tobias Ørnes Andersen
• Simen Følstad Nilsen
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The Ocean
Der Headliner des Abends – und wohl der meisterwartete Auftritt des gesamten Wochenendes – waren natürlich The Ocean. Erstmals stand die Band mit dem neuen, auf sieben Köpfe angewachsenen Line-up auf einer regulären Festivalbühne, erstmals mit dem dritten Gitarristen Marco Gennaro und zugleich mit einem Programm, das mehrheitlich aus dem neuen Album "Solaris" schöpfte. Von den elf Stücken waren 'Ultima Esperanza', 'Milk Of My Dreams' und '51°28′30″S, 73°6′11″W' sogar Live-Debüts. Und obwohl von der bisherigen Besetzung gerade einmal zwei Musiker übrig geblieben sind, war nach den ersten Takten sofort klar: Das hier sind The Ocean. Nur eben The Ocean 4.0.
Vor allem die zwei Stimmen, Lane Shi und Enrico Tiberi, setzten einen starken Kontrapunkt. Shi stand dabei mit Skimaske auf der Bühne und sah damit zeitweise eher wie eine ziemlich entschlossene Bankräuberin als wie eine Sängerin aus. Auch ältere Stücke bekamen durch den Dualgesang eine völlig neue Dynamik. 'Pleistocene', 'Preboreal', 'Jurassic | Cretaceous' und 'Miocene | Pliocene' wurden teilweise deutlich umarrangiert – und das erstaunlich gelungen. Lane Shi und Enrico Tiberi haben ihre eigenen Melodien und Harmonien eingebracht und damit tatsächlich eine neue Facette in den Ocean-Sound geschoben. Dazu kamen immer wieder Hardcore-lastige Ausbrüche, während das neue Material deutlich elektronischer und tanzbarer wirkte. Mit 'Swallowed By The Earth' tauchte sogar ein Stück auf, das seit 2012 nicht mehr live gespielt worden war.
Es war erst die zweite Show des neuen Line-ups überhaupt und die erste, bei der alle sieben Musiker gemeinsam auf der Bühne standen. Entsprechend durfte man gespannt sein, wie die erweiterte Besetzung funktioniert. Die Antwort fiel ziemlich eindeutig aus: gut. Robin Staps stand ebenfalls am Mikro, während am Ende vom Schlagzeug kaum noch etwas übrig blieb und nur noch elektronische Beats den Raum füllten. Die letzten Stücke entwickelten sich dadurch immer stärker in Richtung Clubmusik. Beim letzten Song ging Lane Shi singend zum Bodysurfing ins Publikum. Anschließend stand sie wieder hinter einem der Synthesizer, gemeinsam mit Enrico Tiberi. Aus dem Metal-Konzert wurde endgültig ein Rave.
Und genau dieser Schluss passt erstaunlich gut zu dem, was die Band mit "Solaris" gerade ausprobiert: nicht einfach alte Songs mit neuen Leuten zu spielen, sondern The Ocean immer wieder anders aussehen und klingen zu lassen. Nach Jahren, in denen 'Jurassic | Cretaceous' zuverlässig den großen Schlussakkord setzte, war dieses elektronische Auslaufen beinahe schon unverschämt unspektakulär. Und gerade deshalb ziemlich spannend.
Besetzung:
• Robin Staps - Gitarre, Gesang, Samples
• Mattias Hägerstrand - Bass
• Jordi Farré - Schlagzeug
• Enrico Tiberi - Gesang, Synthesizer
• Lane Shi - Gesang, Synthesizer
• Emmanuel Jessua - Gitarre
• Marco Gennaro - Gitarre
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Samstag
Hanry
Der zweite Festivaltag begann mit Hanry – und zarter hätte man das Wochenende kaum fortsetzen können. Statt der üblichen Post-Rock-Dramaturgie aus leise, lauter, riesig und wieder leise gab es hier vor allem langsame Verschiebungen. Keine großen Crescendi, keine Explosionen, sondern Musik, die sich Zeit ließ und ihre Wirkung aus kleinen Veränderungen zog. Dazu weiche, leicht melancholische Klangflächen, in denen man sich ziemlich bequem einrichten konnte.
Auffällig waren für mich vor allem die Keys, die immer wieder aus diesen sphärischen Post-Rock-Teppichen herausstachen und dem Ganzen zusätzliche Farbe gaben. Darunter lag ein erstaunlich tiefer, teilweise geradezu dominanter Bass, der einen schönen Gegenpol zu den schwebenden Gitarren bildete. Dadurch bekam die Musik trotz aller Zartheit ordentlich Fundament. Gemütlich, melancholisch und tiefenentspannt – Hanry machten am frühen zweiten Tag erst einmal klar, dass Post-Rock auch ohne den obligatorischen Gänsehaut-Crescendo-Zwang funktionieren kann.
Besetzung:
• Jean-Anaël Aubaux
• Hadrien Benazet
• Anthony Leliard
• Marc Mifune
• Clément Champigny
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Norna
In der kleinen Halle ging es mit Norna direkt in die entgegengesetzte Richtung. Zwei Leute, Gitarre und Schlagzeug, und dazwischen ein einziger Sludge-Sumpf. Doomig, Midtempo und verdammt schwer. Die Gitarren wälzten sich dermaßen zäh durch den Raum, dass man irgendwann den Eindruck bekam, hier werde nicht gespielt, sondern schlicht akustisch planiert.
Viel Bewegung war dafür nicht nötig. Die Riffs kamen in Zeitlupe, das Schlagzeug hielt alles mit stoischer Wucht zusammen und über allem lag diese herrlich dreckige, bedrückende Schwere. Schöngeister würden das vermutlich als Malträtierung bezeichnen. Ich würde sagen: genau dafür ist die kleine Halle da.
Besetzung:
• Marc Theurillat - Drums, Samples
• Tomas Lijedahl - Vocals, Guitar
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The Devil's Trade
Auf der Hauptbühne ging es mit The Devil's Trade weiter. Ganz anders als beim Soloauftritt 2024 im Foyer, wo Dávid Makó mit Akustikgitarre und intensivem Klagegesang irgendwo zwischen Gewitter und Steppenhexe verschwand, stand diesmal ein Quartett auf der Bühne. Aus dem früheren Doom-Folk ist inzwischen ein ziemlich massiver Mix aus Sludge, Doom und Post-Metal geworden. Die Songs blieben dabei aber erstaunlich greifbar: klare Strukturen, eingängiger Gesang und teilweise ungarische Texte, die dem Ganzen noch eine zusätzliche, fremdartige Note gaben.
Gerade dieser Kontrast funktionierte hervorragend. Schwere Gitarren und zähe Riffs trafen auf Folk-Einschlag und tatsächlich memorierbare Melodien. Nichts für Schönwetterromantiker, aber eben auch kein stumpfes Herumgewalze. Beautiful, dark and heavy – und damit deutlich mehr als nur musikalische Malträtierung.
Besetzung:
• Dávid Makó
• Gaspar Binder
• Márton Szabó
• Péter Szabó
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Zatokrev
Auf der kleinen Bühne machten Zatokrev anschließend ordentlich Druck. Heavy Doom, aber durchaus zugänglich, dazu eine erstaunlich dynamische Bühnenpräsenz. Der Gesang pendelte zwischen Schreien und leidendem Klagen und erinnerte mich stellenweise ein wenig an My Dying Bride. Musikalisch wurde es sehr atmosphärisch, gleichzeitig aber immer wieder mit Post-Metal-Aggression aufgeladen. Manche Passagen krochen regelrecht in Zeitlupe dahin, bevor wieder mehr Bewegung in den Sound kam.
Gerade diese Wechsel zwischen massiver Schwere, fast schon fragilen Momenten und aggressiven Ausbrüchen machten den Auftritt interessant. Auch die gelegentlich sinister klingenden Vocals passten perfekt in dieses düstere Szenario. A Swarm Of The Sun als entfernte Referenz drängte sich dabei durchaus auf – nur dass Zatokrev deutlich mehr Schlamm und Doom unter die Atmosphäre mischten. Schön düster, schwer und trotzdem erstaunlich eingängig.
Besetzung:
• Frederyk Rotter
• Steffen Kunkel
• Lucas Löw
• David Burger
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Lost In Kyiv
Lost In Kiev heißen inzwischen politisch korrekt Lost In Kyiv – und ich fühlte mich in Maastricht ebenfalls ziemlich lost. Allerdings nicht, weil ich mich in der Musik verloren fühlte, sondern ganz im Gegenteil: In diesem richtig geilen, treibenden Post Rock konnte ich mich wunderbar verlieren. Die Gitarren bauten große cineastische Flächen auf, dazu kamen treibende Rhythmen, elektronische Details und diese herrlich melancholischen Momente, bevor der nächste massive Schub durch die Halle rollte.
Lost In Kyiv bedienen zwar durchaus das eine oder andere Post-Rock-Klischee, machen das aber so verdammt gut und mit so viel Dynamik, dass mir das herzlich egal ist. Maastricht statt Kyiv, verloren gegangen bin ich trotzdem.
Besetzung:
• Jean-Christophe Condette - Bass, Synths
• Dimitri Denat - Guitars
• Maxime Ingrand - Guitars, Synths, Machines, Programming
• Jérémie Legrand - Drums, Programming
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Slow Crush
In der kleinen Halle ging es mit Slow Crush weiter. Shoegaze und Grunge, dazu ordentlich Energie von der Bühne – eigentlich beste Voraussetzungen für einen schönen Abriss. Leider sorgten der erneut kaum verständlicher Gesang für einen nicht gerade kleinen Dämpfer. Das war bei Gloomaar schon ähnlich: Damals war der Gesang von Isa Holliday kaum mehr als ein windiges Säuseln aus der PA.
Diesmal hatte ich fast den Eindruck, dass diese Art des Gesangs tatsächlich zum Konzept gehört. Schade eigentlich, denn bei dieser schönen Stimme erschließt sich mir der Sinn dahinter jedenfalls nicht so ganz.
Besetzung:
• Isa Holliday
• Jelle Ronsmans
• Frederik Meeuwis
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Oh Hiroshima
Oh Hiroshima knüpften stilistisch dort an, wo Lost In Kyiv aufgehört hatten, legten aber noch eine ordentliche Schippe drauf. Intensiver, treibender und vor allem zwingender – geil! Der Gesang war dabei richtig schön eindringlich und passte perfekt zu den mächtigen Gitarrenwänden. Gleichzeitig blieb das Ganze erstaunlich melodisch und hatte immer wieder diese Indie-Schlagseite, stellenweise sogar mit ganz leichten Eddie-Vedder-Vibes.
Musikalisch war das noch einmal eine Spur mehr auf Sog und Bewegung ausgelegt als bei Lost In Kyiv. Treibende Rhythmen, dicke Gitarrenflächen, viel Hall und dazwischen immer wieder melodische Momente, die sich direkt festsetzten. Genau die richtige Mischung aus Post Rock, Shoegaze und Indie, um sich darin für eine Weile ziemlich komplett zu verlieren.
Besetzung:
• Jakob Hemström
• Oskar Nilsson
• Joakim Liebgott
• Jarl Furingsten
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Otay:Onii
Otay:Onii war der Soloauftritt von Lane Shi, Frontfrau von Elizabeth Colour Wheel und inzwischen auch neue Sängerin von The Ocean. Für alle, die sie bisher noch nicht erkannt hatten, gab es damit spätestens hier die Auflösung.
Was folgte, war allerdings weniger Konzert als Performance-Kunst. Extrovertiert, extravagant und extra speziell – Lane Shi zog konsequent ihr eigenes Ding durch und machte die Bühne zur Spielwiese für eine ziemlich eigenwillige Mischung aus Sound, Bewegung und Performance. Genau diese Mischung aus Avantgarde, Pop und kontrolliertem Wahnsinn passte ziemlich gut zu dem, was auch "Love Is In The Shit" auszeichnet.
Ich fand das spannend, zumindest für eine gewisse Zeit. Irgendwann war dann aber auch der Punkt erreicht, an dem mir die Performance wichtiger vorkam als die Musik.
Besetzung:
• Lane Shi - Gesang
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The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble
The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble waren mir bisher komplett unbekannt. Warum eigentlich? Gut jedenfalls, dass sich das jetzt geändert hat. Für mich war dieses Kollektiv die Wildcard des Festivals und entwickelte sich ziemlich schnell zum Joker.
Ein ganzes Ensemble von Musikern lud in eine völlig eigene Klangwelt ein, irgendwo zwischen Score, Ambient, Electronica, Post Rock, Doom und natürlich Jazz. Das passt ziemlich gut zu einer Band, die ursprünglich von Jason Köhnen und Gideon Kiers als Projekt für die musikalische Begleitung von Stummfilmen wie "Nosferatu" und "Metropolis" gegründet wurde. Auch live wirkte die Musik entsprechend weniger wie ein gewöhnliches Konzert als wie der Soundtrack zu einem Film, den man gerade im eigenen Kopf ablaufen ließ.
Dabei schien alles ständig in zehn Richtungen gleichzeitig abzudriften. Jazz traf auf Doom, elektronische Sounds auf Post Rock, Ambient auf düstere Filmmusik – und trotzdem kam am Ende ein erstaunlich stimmiges Ganzes heraus. Mal schwebend, mal bedrohlich, mal fast schon noir, dann wieder völlig entrückt. Beeindruckend, aber verdammt schwer zu beschreiben. Vielleicht ist genau das die Kunst von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble.
Besetzung:
• Jason Köhnen - Programmierung, Bass
• Gideon Kiers - Programmierung
• Hilary Jeffery - Trompete
• Nina Hitz - Cello
• Charlotte Cegarra - Gesang
• Eelco Bosman - Gitarre
• Sadie Anderson - Violine
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A.A. Williams
A.A. Williams packt mich einfach jedes Mal. Diese Stimme, diese Ausstrahlung – da braucht es nicht viel mehr, um mich abzuholen. Die Halle war jedenfalls viel zu klein für diese unglaublich erhabene Stimme und den majestätischen, teilweise orchestral angehauchten Post Rock. Doomige Schwere trifft auf weit aufgefächerte Gitarren und diese sanften, beinahe zerbrechlichen Momente, die ihre Musik so besonders machen.
Und dann steht da diese Stimme über allem, warm, dunkel und unglaublich präsent. Alles wirkte groß, weit und beinahe überdimensioniert für den Raum. Eigentlich hätte man dafür die Wände der Muziekgieterij einfach ein Stück weiter auseinanderziehen müssen.
Besetzung:
• A.A. Williams - lead vocals, piano, electric guitar, cello
• Matt de Burgh Daly - electric guitar, electric bass guitar, drums, additional guitar
• Wayne Proctor - drums
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Slift
Als Headliner übernahmen schließlich Slift. Das Trio brachte ordentlich Power auf die Bühne und machte ziemlich schnell klar, dass jetzt Schluss mit andächtigem Post-Rock-Schweben war. Die Halle war zwar nicht mehr ganz so voll, dafür aber in bester Stimmung – und tatsächlich wurde getanzt. Nach dem Rave-Finale von The Ocean am Vorabend war das allerdings auch nichts völlig Neues mehr.
Slift klangen live wie die wabernde, psychedelische Version von Motorpsycho. Rock'n'Psych mit ordentlich Druck, treibenden Drums, fetten Gitarren und diesem leicht spacigen Schwebezustand, der auf "Fantasia" schon so gut funktioniert. Nur eben live noch unmittelbarer und zwingender. Das Ganze hatte deutlich mehr Power als auf Platte und entwickelte stellenweise fast schon eine hypnotische Sogwirkung. Ein ziemlich geiler Abschluss für das Festival, der zeigte, dass auch ein nicht auf Pelagic beheimatetes Trio verdammt gut in dieses Festivaluniversum passt, selbst als Headliner.
Besetzung:
• Jean Fossat - Gitarre, Gesang, Synthesizer
• Rémi Fossat - Bass
• Canek Flores - Schlagzeug
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Fotos: Prog in Focus
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