
(1:10:08; Vinyl (2LP), 2CD, CD, Artbook (3CD+Blu-ray), Digital; InsideOut Music/Sony Music; 29.05.2026)
Manchmal hat man ja das Gefühl, der progressive Zirkus der großen Gesten habe sich längst selbst überholt. Dann kommt irgendwo zwischen orchestralen Endzeitvisionen plötzlich wieder so ein Album wie Devin Townsends "The Moth" um die Ecke und tut so, als wäre „zu viel“ nicht nur Stil, sondern ein bewusst gewähltes Organisationsprinzip. 24 Tracks (bzw. Fragmente), Orchester, Chor, Theater, Konzept, Transformation – kurz: das volle Programm für alle, die musikalische Zurückhaltung ohnehin eher als theoretisches Konstrukt betrachten.
Und doch ist das Überraschende hier nicht die schiere Größe, sondern die Art, wie sie gebändigt wird. Wo "Empath" noch wie ein bewusst offen gelassener Overload wirkte, erscheint "The Moth" erstaunlich fokussiert, fast schon zielgerichtet in seiner Ausdehnung. Vielleicht liegt es daran, dass hier weniger zerstreut experimentiert, sondern ein über Jahre gereifter Entwurf konsequent ausformuliert wird – vielleicht aber auch daran, dass man als Hörer irgendwann lernt, solche Klanglandschaften nicht mehr gegen sich arbeiten zu lassen, sondern sie als eigenen Zustand zu akzeptieren.
In diesem Zusammenhang hat sich bei mir auch die grundsätzliche Perspektive verschoben: "The Moth" funktioniert weniger als klassisches „Prog-Metal-Album mit Orchester“, sondern eher umgekehrt – als ein großformatiges, fast klassisch gedachtes Werk, in das Prog-Metal-Elemente gezielt eingestreut sind. Diese Verschiebung ist subtil, aber entscheidend, weil sie das Album stärker als kompositorisches Gesamtkonstrukt erscheinen lässt und weniger als genretypische Eskalationsstufe.
Auffällig ist dabei auch, dass das Orchester hier nicht nur dekorative Größe oder zusätzliche Klangmasse liefert, sondern Devin selbst hörbar erdet. Wo frühere Großwerke oft zwischen Kontrollverlust und maximaler Überladung schwankten, wirkt "The Moth" an vielen Stellen wie ein bewusst gezügelter Ausnahmezustand – nicht im Sinne von Reduktion, sondern im Sinne von Stabilisierung durch Struktur. Gerade diese klassische Orchesterlogik scheint dem Material eine Art äußeres Skelett zu geben, das die sonst typische Townsend-Überfülle in Form hält.
Besonders interessant ist die Entstehungsgeschichte: Das Werk existierte laut Presseinfo zunächst über Jahre hinweg als diffuse Idee, bevor es überhaupt eine feste Form bekam – und wurde dann nicht klassisch im Studio „fertiggebaut“, sondern zunächst live mit Orchester und Chor in den Niederlanden uraufgeführt. Dieses frühe Bühnenleben hört man dem Album weniger im Sinne von Rohheit an, sondern eher als strukturelle Selbstsicherheit: Es wirkt nie wie ein nachträglich zusammengesetztes Großprojekt, sondern wie ein Werk, das seine Form bereits im Raum gefunden hat, bevor es auf Tonträger fixiert wurde.
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Diese Live-Herkunft zahlt sich aus. "The Moth" wirkt nicht wie ein episodisches Sammelsurium orchestraler Ideen, sondern wie ein durchkomponierter Spannungsbogen, der seine eigene Überlänge nicht entschuldigt, sondern nutzt. Gerade weil das Album sich nicht permanent neu erfinden will, entsteht eine erstaunlich stabile Sogwirkung – eine Art kontrollierter Ausnahmezustand, der sich über seine eigene Dauer definiert.
Getragen wird das Ganze von einem mittlerweile eingespielten, fast selbstverständlich wirkenden Ensemble: Darby Todd am Schlagzeug, Mike Keneally an zusätzlichen Gitarren und Keyboards und James Leach am Bass bilden das flexible Rückgrat, auf dem sich Orchester und Chor frei entfalten können, ohne dass das System kollabiert. Das North Netherlands Orchestra & Choir ist dabei längst kein dekorativer Zusatz mehr, sondern gleichberechtigter Teil dieser überdimensionierten Klangmaschine.
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Die emotionale Verdichtung entsteht wie so oft über die Stimmen. Devin selbst bleibt Zentrum und Narrator, aber die Gastbeiträge öffnen gezielt Ventile nach außen: Townsends Muse Anneke van Giersbergen bringt diese charakteristische Mischung aus Klarheit und emotionaler Durchlässigkeit ein, während Steve Vai mit seiner gewohnt entrückten Virtuosität selbst die orchestralen Spitzen noch einmal leicht ins Surreale verschiebt. Lynn Wu (OU (謳)) ergänzt das vokale Geflecht um zusätzliche Textur und trägt dazu bei, dass das Album weniger wie eine Ein-Mann-Vision wirkt, als vielmehr wie ein kollaboratives Großsystem.
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Inhaltlich bleibt Townsend seinem zentralen Motiv treu: Transformation, Selbstauflösung, Konfrontation mit inneren Mustern, die nicht mehr tragen. Die Motten-Metapher funktioniert dabei weniger als symbolische Zuspitzung, sondern als dauerhafte Zustandsbeschreibung eines Prozesses, der nie wirklich abgeschlossen ist, sondern sich permanent selbst weiterfrisst und erneuert.
Im Vergleich zu "The Moth" wirkt Einar Solbergs "Vox Occulta" – ein anderer aktueller musikalischer Großentwurf mit orchestralem Ansatz – fast kammermusikalisch zurückgenommen. Townsend dagegen baut keine Räume der Reflexion, sondern Räume der Überwältigung, die sich dennoch erstaunlich gut begehbar anfühlen.
Unterm Strich lande ich mit diesem Opus deutlich versöhnlicher als noch bei "Empath". "The Moth" wirkt nicht nur strukturierter, sondern auch in sich geschlossener, ohne seine eigene Größe zu verleugnen. Und wahrscheinlich spielt auch hier wieder ein sehr persönlicher Faktor hinein: Mit einer inzwischen besser eingestellten medikamentösen Grundstabilität lässt sich dieser typische Townsend-Overload nicht mehr nur als akustische Überforderung lesen, sondern als Zustand, den man tatsächlich betreten kann, ohne sofort wieder aussteigen zu wollen.
Am Ende bleibt ein Werk, das sich konsequent jeder klassischen Bewertungslogik entzieht, dabei aber selten so kohärent innerhalb seines eigenen Chaos gewirkt hat. Kein kontrollierter Rückzug, kein reines Spektakel – sondern eines der wenigen Beispiele, in denen Überwältigung nicht auseinanderfällt, sondern trägt.
Bewertung: 13/15 Punkten
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Besetzung:
• Devin Townsend - Lead Vocalist, Guitars, Choir
• North Netherlands Orchestra - Orchester
• Jukka Iisakkila - Conductor
• Darby Todd - Drums
• Mike Keneally - Guitar, Keyboards
• James Leach - Bass Guitar
Gastmusiker:
• Anneke van Giersbergen - Lead & Backing Vocals
• Lynn Wu - Lead & Backing Vocals
• Aman Kohsla – Acoustic Guitar
• Steve Vai - Guitar
Surftipps:
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.

