
Hauntology • IDM • Downtempo • Psychedelic • Progressive Electronic
(1:09:51; Vinyl, CD, Digital; Warp, 29.05.2026)
13 Jahre Funkstille. Also nicht diese moderne „wir teasen mal ein kryptisches Snippet auf TikTok“-Pause, sondern echte Boards-of-Canada-Abwesenheit – die Sorte, bei der Fans anfangen, VHS-Rauschen zu transkribieren wie mittelalterliche Mönche, nur mit schlechterer Körperhaltung und mehr Reddit.
Und dann kommen sie zurück. Natürlich nicht mit einer normalen Ankündigung, sondern mit Kassetten, Hexagon-Sun-Symbolik und dem Gefühl, dass irgendwo zwischen Kurzwellenradio und Archivmaterial wieder etwas sehr Großes passiert. Man könnte es ermüdend finden. Oder man akzeptiert einfach: Diese Band hat ihr eigenes religiöses Betriebssystem installiert.
Das neue Album "Inferno" von Boards of Canada macht jedenfalls sehr schnell klar, warum dieser Kult überhaupt noch funktioniert. Es ist dieses typische Paradox: maximal inszenierte Mystik, aber musikalisch sofort wieder erschreckend direkt im Körper.
Mein erster Eindruck liegt irgendwo zwischen „Überwältigung wie damals bei "Geogaddi" und dem leicht irritierten Gedanken, dass ich eigentlich keine Lust mehr auf Weltuntergangsmetaphysik in 18 Kapiteln hatte. "Geogaddi" bleibt dabei meine Inselplatte im Electronica-Bereich – und genau deshalb hat "Inferno" diese absurd hohe Fallhöhe. Und trotzdem passiert es wieder: Dieses Gefühl, dass sich die Musik nicht einfach anhört, sondern einen langsam in eine andere Wahrnehmungslogik kippt.
Allerdings ist "Inferno" weniger paranoid als "Geogaddi". Weniger dieser klebrige, kindheitsvergiftete Horror im Hinterzimmer. Stattdessen eher kosmische Andacht, apokalyptische Weite, fast schon eine seltsam spirituelle Klarheit. Die Tracktitel sagen ohnehin alles: 'Prophecy At 1420 MHz', 'Hydrogen Helium Lithium Leviathan', 'The Word Becomes Flesh', 'All Reason Departs'. Das ist nicht mehr nur Hauntology – das ist Hauntology mit Universitätsabschluss in Theologie und Astrophysik.
Klanglich bleibt das Duo sich treu: analoge Wärme, zerfallene Samples, diese typische Erinnerung-an-etwas-das-nie-passiert-ist-Ästhetik. Aber neu ist der deutlich stärkere Einsatz von Live-Drums und Gitarren. Und genau da wird es interessant: Plötzlich wirkt das Ganze weniger hermetisch, phasenweise fast anschlussfähig für Leute, die sonst eher im Prog- oder Post-Rock-Regal stehen.
Beste Beispiele:'Arena Americanada' 'You Retreat In Time And Space': Ersteres könnte ohne Probleme in einem Paralleluniversum laufen, in dem Vangelis die Filmmusik für ein verlorenes NASA-Projekt schreibt, Kraftwerk plötzlich emotional geworden sind, Tangerine Dream nie aufgehört haben zu schweben und Mike Oldfield beschlossen hat, doch noch einmal ins All zu gehen. Wer damit nichts anfangen kann, hat vermutlich auch mit Musik generell schon aufgegeben.
Zweiteres hat fast schon „herkömmlichere“ Musikstrukturen, als man das bei diesem Duo überhaupt hätte erwarten können.

Und ja, das Album ist lang. Und ja, es ist wieder extrem selbstmythologisch aufgeladen. Und ja, man könnte böse sagen: Das ist alles ein bisschen viel Nebel um ziemlich viel Nebel. Aber das Problem ist: Dieser Nebel klingt halt verdammt gut.
Denn trotz aller Kritikpunkte bleibt diese Band praktisch konkurrenzlos darin, aus verrosteten Klangfragmenten emotionale Zustände zu bauen, die gleichzeitig warm, traurig und unterschwellig bedrohlich sind. "Inferno" ist weniger Rückkehr als erneute Bestätigung eines eigenen Kosmos – und der funktioniert leider immer noch.
Am Ende steht genau dieses unangenehm ehrliche Fazit: Man kann sich darüber lustig machen. Man kann die Mystik nervig finden. Aber sobald die ersten Minuten laufen, ist man wieder drin.
Bewertung: 15/15 Punkten
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Besetzung:
• Michael Sandison
• Marcus Eoin Sandison
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Warp Records zur Verfügung gestellt.

