
Progressive Metal • Djent • Alternative Metal • Electronic Metal
(46:13; Vinyl, CD, Digital; Kscope/Edel; 19.06.2026)
Es kommt selten vor, dass ich eine Rezension mit den Texten eines Albums beginnen möchte. Meist stehen bei mir die Musik, das Songwriting oder die Produktion im Mittelpunkt. Bei "Prince Of Failure" ist das anders. Denn bevor Daniel Tompkins und Multiinstrumentalist Paul Ortiz überhaupt den ersten Ton erklingen lassen, lohnt es sich zu verstehen, warum dieses Album entstanden ist.
In einem Videobeitrag spricht Daniel Tompkins offen über seine ADHS-Diagnose und räumt dabei mit einem Begriff auf, der in den vergangenen Jahren beinahe inflationär verwendet worden ist. ADHS als Superkraft? Für ihn greift diese Sichtweise viel zu kurz. Sie blende all das aus, was ihn die Erkrankung gekostet habe: Beziehungen, berufliche Chancen, Selbstvertrauen, psychische Gesundheit – kurz: unzählige Bereiche seines Lebens, die Außenstehende nie gesehen hätten. Seine treffendste Beschreibung lautet deshalb, ADHS gleiche eher Kryptonit mit einigen nützlichen Nebenwirkungen. Natürlich könne sie sich manchmal auch zu seinem Vorteil auswirken. Die Gesamterfahrung sei jedoch vor allem eines gewesen: erschöpfend.
Diese Worte sind letztlich der Schlüssel zu "Prince Of Failure". Denn das Album erzählt keine lineare Geschichte und erhebt auch keinen therapeutischen Anspruch. Vielmehr wirkt es wie eine Sammlung innerer Monologe über Selbstzweifel, Überforderung, Identität, Angst und den ständigen Versuch, in einer Welt zurechtzukommen, deren Anforderungen oft größer erscheinen als die eigenen Möglichkeiten. Genau deshalb stehen für mich ausnahmsweise einmal nicht die Songs, sondern ihre Texte im Mittelpunkt. Eine Seltenheit. Vielleicht auch deshalb, weil ich Tompkins' Sichtweise aus eigener Erfahrung erstaunlich gut nachvollziehen kann.
Dabei wäre es allerdings ein Fehler, die Musik lediglich als Transportmittel dieser Inhalte zu betrachten. Denn oberflächlich betrachtet schlägt "Prince Of Failure" durchaus die Brücke zu TesseracT. Daniel Tompkins' unverwechselbare Stimme, seine mehrschichtigen Gesangsharmonien, die melancholische Grundstimmung und das Gespür für große Spannungsbögen erinnern immer wieder an seine Hauptband. Wer nach den ersten Minuten glaubt, hier lediglich ein TesseracT-Album ohne Bandlogo zu hören, irrt jedoch gewaltig.
Der entscheidende Unterschied trägt den Namen Paul Ortiz. Der Chimp-Spanner-Mastermind übernimmt nicht nur einen Großteil der Instrumentierung und Produktion, sondern prägt den Charakter des Albums mindestens ebenso stark wie Tompkins selbst. Wo TesseracT ihre Schwere überwiegend aus tiefgestimmten Djent-Riffs, komplexer Polyrhythmik und Gitarrenwänden beziehen, entsteht die Wucht von "Prince Of Failure" vor allem durch elektronische Beats, pulsierende Synthesizer, verzerrte Klangflächen und modernes Sounddesign. Gitarren bleiben zwar präsent, übernehmen jedoch meist eine atmosphärische oder akzentuierende Rolle, anstatt permanent den musikalischen Motor zu bilden.
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Gerade diese Verschiebung macht den Reiz des Albums aus. Daniel Tompkins und Paul Ortiz gelingt es mühelos, eine intensive, beinahe greifbare Atmosphäre entstehen zu lassen. "Prince Of Failure" wirkt von der ersten bis zur letzten Minute bemerkenswert authentisch. Nichts klingt aufgesetzt oder kalkuliert, sondern wie das Resultat zweier Musiker, die ihre Gedanken und Erfahrungen ohne künstlerische Schutzschicht offenlegen. Die Verbindung aus Djent, Electronica und einer verträumt-reflektierenden Grundstimmung funktioniert dabei ausgesprochen organisch. Das Album besitzt eine emotionale Dichte, der man sich nur schwer entziehen kann.
Ganz frei von Kritik ist die Platte allerdings nicht. So makellos die Produktion auch geraten ist, wirkt sie stellenweise fast ein wenig zu glattgebügelt. Jeder Sound sitzt perfekt, jede Atmosphäre ist bis ins Detail ausgearbeitet. Gerade dadurch fehlt den Songs gelegentlich etwas Reibung. Während TesseracT ihre Spannung immer wieder aus komplexen Rhythmuswechseln, überraschenden Wendungen und progressiven Ausbrüchen beziehen, setzen Tompkins und Ortiz konsequent auf Eingängigkeit und emotionale Wirkung. Das Ergebnis erinnert streckenweise eher an modernen Metalcore mit Prog- und Djent-Einflüssen als an klassischen Progressive Metal.
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Das ist keineswegs verkehrt – im Gegenteil. Gerade die größere Zugänglichkeit dürfte vielen Hörern den Einstieg erleichtern. Allerdings geht diese Entscheidung auch auf Kosten der musikalischen Tiefe. Die stilistische Mischung bleibt über weite Strecken erstaunlich konstant, sodass sich gegen Ende gewisse Abnutzungserscheinungen bemerkbar machen. Der Spannungsbogen, den die ersten Stücke so eindrucksvoll aufbauen, lässt sich bis zum Finale nicht vollständig aufrechterhalten. Wo die persönliche Ebene des Albums fasziniert, hätte die musikalische Umsetzung an einigen Stellen mehr Mut zu unerwarteten Momenten vertragen können.
Vielleicht ist genau das aber auch der Preis für ein Album, das weniger beeindrucken als berühren möchte. Denn selbst wenn "Prince Of Failure" zweifellos seine starken Momente besitzt, bleibt der ganz große musikalische Befreiungsschlag aus. Daniel Tompkins und Paul Ortiz gelingt es, ihre persönlichen Erfahrungen in eine glaubwürdige und atmosphärisch dichte Klangwelt zu übersetzen. Die emotionale Offenheit und die intensive Stimmung gehören zweifellos zu den größten Stärken des Albums.
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"Prince Of Failure" ist damit ein ehrliches und überzeugendes Debüt, das vor allem durch seine persönliche Ebene gewinnt. Es verschiebt keine Grenzen und erreicht nicht die kompositorische Raffinesse der stärksten TesseracT-Veröffentlichungen, besitzt aber eine eigene Identität und eine bemerkenswerte emotionale Wirkung. Ein Album, das nicht durch technische Komplexität beeindruckt, sondern durch die Offenheit, mit der zwei Musiker ihre innersten Gedanken nach außen tragen.
Bewertung: 11/15 Punkten
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Besetzung:
• Daniel Tompkins
• Paul Ortiz
Gastmusiker:
Kristyn Hope
Surftipps:
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• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.

