
Progressive Rock • Symphonic Prog
(50:41; Vinyl (2LP), CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music; 12.06.2026)
Wer sind Yes eigentlich noch? Eine Frage, die man inzwischen fast zuverlässiger beantworten kann als die nach dem Wetterbericht. Oder vielleicht auch nicht. Schließlich befinden wir uns mittlerweile in der bemerkenswerten Situation, dass Yes mit Steve Howe und Geoff Downes mehr Gründungsmitglieder von Asia in ihren Reihen versammeln als Gründungsmitglieder von Yes selbst – nämlich exakt zwei zu null. Historisch betrachtet ließe sich also durchaus argumentieren, dass wir hier eine bemerkenswert progressive Spätphase von Asia erleben. Nur funktioniert diese Theorie spätestens dann nicht mehr, wenn die Musik einsetzt. Denn das Faszinierende an "Aurora" ist zunächst etwas, das eigentlich banal klingt, in der Praxis aber erstaunlich selten geworden ist: Dieses Album ist trotz aller Besetzungswechsel sofort als Yes erkennbar. Und ich meine damit nicht das obligatorische Roger-Dean-Ästhetikpaket, das erneut irgendwo zwischen Fantasy-Roman-Cover, nordischer Mythologie und psychedelischer Traumwelt pendelt. Nein, tatsächlich klingt auch die Musik wieder nach Yes.
Da ist Jon Davison, der hörbar in der Tradition von Jon Anderson steht, ohne jemals ganz aus dessen Schatten herauszutreten. Da ist Billy Sherwood, dessen Bassspiel unverkennbar von Chris Squire geprägt bleibt, ohne dessen melodische Gravitation vollständig zu erreichen. Und da sind Steve Howe und Geoff Downes, die längst in einer Phase angekommen sind, in der sie nach sich selbst klingen dürfen – auch wenn ihre jeweiligen Hochzeiten inzwischen mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Trotzdem entsteht hier etwas, das den drei eher enttäuschenden Davison-Alben "Heaven & Earth", "The Quest" und "Mirror To The Sky" weitgehend fehlte: Eine Yes-Seele. Nicht als nostalgische Rekonstruktion vergangener Größe, sondern als Gefühl, dass diese Band wieder als Einheit funktioniert.
Der Titeltrack 'Aurora' zeigt dabei exemplarisch die Stärken und Schwächen dieses Albums. Der orchestrale Einstieg wirkt auf mich ehrlich gesagt ziemlich überladen, fast schon kitschig. Das dazugehörige Video verstärkt diesen Eindruck eher noch. Und wenn Jon Davison über Nordlichter, Brahma-Atemzüge, karmische Kreisläufe und innere Erleuchtung sinniert, wird es stellenweise schwer, nicht unwillkürlich nach einer Räucherstäbchen-Packung zu greifen. Während Roger Dean die Nordlichter malt, liefert Jon Davison die passenden Kalendersprüche dazu. „Everything I seek is inside / Everything I long for inside myself“ bewegt sich irgendwo zwischen spiritueller Erkenntnis und dem Wandtattoo eines besonders ambitionierten Yogastudios. Gleichzeitig gibt es Steve Howe, dessen Gitarrenarbeit hier deutlich mehr nach Spielfreude als nach Pflichtprogramm klingt. Man kann das als Gedudel abtun, für mich wirkt es jedoch erfreulich lebendig. Auch Geoff Downes tritt endlich wieder stärker in Erscheinung und begleitet nicht nur, sondern setzt tatsächlich Akzente. Problematisch bleibt jedoch die Kombination aus orchestraler Überfrachtung und Davisons Hang zur spirituellen Überhöhung. Zusammen ist das stellenweise schlicht etwas zu viel des Guten, weshalb der Titeltrack für mich eher zu den schwächeren Momenten der Platte zählt.
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Deutlich besser gelingt anschließend 'Turnaround Situation'. Inhaltlich bewegt sich Davison erneut auf spirituell-moralischem Terrain, diesmal allerdings deutlich greifbarer. Statt kosmischer Erleuchtung geht es um Gewissen, Fehlentscheidungen und den Versuch, irgendwann doch noch die richtige Ausfahrt zu nehmen. Musikalisch profitiert das Stück von seinem direkten Aufbau und einer angenehm lockeren Dynamik.
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Mit 'Love Lies Dreaming' nimmt das Album anschließend spürbar Tempo heraus. Der Song lebt weniger von großen Gesten als von seiner entspannten Atmosphäre und seinem ausgesprochen angenehmen Klangbild. Steve Howe darf sich ausgiebig auf der Akustischen austoben, Billy Sherwood steuert einen wunderbar warmen Basssound bei, und selbst Jon Davison bleibt diesmal erfreulich zurückhaltend. Kein spirituelles Sendungsbewusstsein, keine kosmischen Erleuchtungsformeln, sondern schlicht ein gut geschriebener Song, der vor allem durch seine Gelassenheit überzeugt. Eine beinahe schwebende Verschnaufpause zwischen den größeren Kompositionen des Albums – und gerade deshalb einer der sympathischsten Momente auf "Aurora".
Und dann kommt 'Countermovement'. Fast vierzehn Minuten lang sprudelt dieses Stück vor Ideen, als hätten Steve Howe und Geoff Downes irgendwo einen Jungbrunnen entdeckt. Kompositorisch mag das kein neues 'Close To The Edge' sein, aber das Stück entwickelt eine Energie, die man dieser Band 2026 kaum noch zugetraut hätte. Themen wechseln, Motive tauchen auf und verschwinden wieder, überall passiert etwas. Besonders angenehm fällt auf, dass Billy Sherwood über weite Strecken die Lead Vocals übernimmt. Seine etwas dunklere Stimme verleiht dem Song eine Frische, die Davison alleine vermutlich nicht erreicht hätte.
Was beim Titeltrack noch nicht funktionierte, gelingt anschließend bei 'Ariadne' deutlich besser. Die Verschmelzung cineastischer Orchesterflächen mit Davisons Stimme wirkt hier konzentriert statt überladen. Geoff Downes steuert wunderbar spacige Keyboardlandschaften bei, während Steve Howe mit dezenten Akustikgitarren-Akzenten genau die richtigen Farbtupfer setzt. Weder kitschig noch zerfasert – schlicht ein sehr gelungener Song.
Und dann folgt mit 'All Hands On Deck' einer jener Momente, in denen man kurz irritiert auf das Display schaut, um sicherzugehen, dass tatsächlich noch Yes läuft. Harte Gitarren, eine herrlich röhrende Hammond-Orgel und erneut Billy Sherwood am Mikrofon. Für einen Moment fühlt sich das Ganze eher nach einer Begegnung von Deep Purple und Asia an als nach einer Band, die einst "Tales From Topographic Oceans" veröffentlicht hat. Vor allem Steve Howe sorgt hier für einige hochgezogene Augenbrauen. Stellenweise klingen die Gitarren derart kernig und direkt, dass man unwillkürlich überprüft, ob sich nicht doch Trevor Rabin ins Studio geschlichen hat. Natürlich bleibt Howe technisch unverkennbar Howe, doch diese ungewohnte Härte hätte ich auf einem Yes-Album des Jahres 2026 nun wirklich nicht erwartet. Auch Sherwoods etwas dunklere Stimme tut dem Stück hörbar gut. Zusammen mit der Hammond-Orgel entsteht eine erdigere, rockigere Atmosphäre, die man bei Yes nur selten zu hören bekommt.
Mit 'Outside The Box' folgt ein echtes Experiment – ein Stück, das sich bewusst jeder klassischen Yes-Logik entzieht. Statt Songstruktur gibt es Vokalschichtungen, fragmentierte Ideen und diese irritierend-verspielten „La-La-La“-Passagen, die irgendwo zwischen Experiment und Choralspielerei hängen. Manche Kritiker der Band dürfte das auf die Palme bringen, mir selbst gefällt das Ding ausgesprochen gut.
Den Abschluss bildet 'Emotional Intelligence'. Schon der Titel lässt leichte Befürchtungen aufkommen, man könnte nun in einem TED-Talk über künstliche Intelligenz und zwischenmenschliche Kommunikation landen. Tatsächlich greift Davison genau solche Themen auf, doch musikalisch bleibt das Stück überraschend lebendig und bildet einen stimmigen, leicht verspielten, atmosphärischen Ausklang, der weniger auf große Progression als auf Stimmung und Nachhall setzt.
Interessant ist dabei vor allem, wie sehr "Aurora" von seinen Erwartungen profitiert. Wer hier auf ein neues "Relayer", "Fragile" oder "Close To The Edge" hofft, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Diese Zeiten sind vorbei. Die aktuelle Besetzung scheint das allerdings selbst verstanden zu haben. Und genau deshalb funktioniert dieses Album. Niemand tut so, als befände man sich noch im Jahr 1972. Stattdessen entsteht etwas wesentlich Sympathischeres: Eine Band, die ihre eigene Realität akzeptiert hat und innerhalb dieser Realität erstaunlich gute Musik macht. Die großen Stücke bleiben aus. Die ganz schlechten aber ebenfalls. Dazwischen liegt ein Album voller kleiner und größerer Momente, die mehr Substanz besitzen, als man nach den letzten Jahren erwarten durfte.
"Aurora" ist kein Triumph, aber es ist auch kein Irrtum. Und für eine Band, die inzwischen mehr Asia als Yes in ihren Gründungsreihen trägt, ist das vielleicht sogar die überraschendste Erkenntnis von allen.
Bewertung: 10/15 Punkten
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Besetzung:
• Steve Howe - Gitarre
• Geoff Downes - Tasteninstrumente
• Jon Davison - Gesang
• Billy Sherwood - Bass, Gesang
• Jay Schellen - Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.

