Zu heiß, zu spät, aber genau richtig
Nach den Jahren im idyllischen Openluchttheater von Valkenburg hatte sich der Innenhof der Muziekgieterij in Maastricht inzwischen als neue Heimat des Midsummer Prog Festivals etabliert – und das war gut so. Natürlich fehlte weiterhin ein wenig die kuschelige Atmosphäre des Amphitheaters mit seiner einzigartigen Baumkulisse und dem fast schon magischen Mittsommer-Flair. Dafür bot die neue Location schlicht die bessere Infrastruktur: kürzere Wege, bessere Abläufe und deutlich mehr Festival-Komfort.
Auch auf der Tribüne hatte sich etwas getan: Die Zeiten, in denen die Sitzkonstruktion bei jeder Bewegung ihr eigenes knarrendes Begleitriff beisteuerte, waren vorbei. Eine stabile Metalltribüne sorgte inzwischen dafür, dass sich die akustische Aufmerksamkeit wieder ausschließlich auf die Bühne richtete.
Auch terminlich war das MSP wieder auf sein angestammtes Wochenende zurückgekehrt – allerdings nicht ohne kleine Verrenkungen. Statt wie gewohnt Freitag und Samstag fand das Festival in diesem Jahr am Samstag und Sonntag statt. Der Grund dafür war durchaus hochkarätig: Nur durch die Verschiebung ließ sich der Auftritt des Headliners TesseracT realisieren.
Für alle, die ihre Übernachtungen bereits geplant und gebucht hatten, war diese Änderung natürlich weniger erfreulich. Besonders unglücklich wurde es, als einige Zeit später zusätzlich noch der Freitag als weiterer Abend angekündigt wurde – allerdings als separate Pre-Party, die nicht im eigentlichen Festivalticket enthalten war. Ein wenig erinnerte das an 2024, als nach dem eigentlichen Festivalwochenende noch das Midsummer Concert mit Motorpsycho am Sonntag stattfand. Wer montags wieder am Arbeitsplatz erscheinen musste, hatte also erneut gewisse logistische Herausforderungen zu meistern.
Den Veranstaltern musste man allerdings zugutehalten, dass sie alles daransetzten, den Besuchern entgegenzukommen. So endete das Set des Sonntags-Headliners bereits um 21:15 Uhr – eine geradezu ungewöhnlich familien- und arbeitsfreundliche Festivalzeit.
Pre-Party
Los ging es bereits am Freitagabend mit dem Warm-Up. Offiziell handelte es sich zwar lediglich um eine separat zu bezahlende Pre-Party, für viele Besucher markierte sie dennoch den eigentlichen Start ins Midsummer-Prog-Wochenende.
Anders als an den folgenden Tagen verlagerte sich das Geschehen dafür vom Innenhof in den großen Saal der Muziekgieterij. Mit A Liquid Landscape, Avkrvst und der niederländischen Dream-Theater-Tribute-Band Regressive Hypnosis hatte man ein durchaus ansehnliches Programm zusammengestellt. Als eigenständige Veranstaltung hätte es den Autor allerdings wohl kaum nach Maastricht gelockt – als entspannter Einstieg ins Festivalwochenende passte die Mischung dagegen ganz hervorragend. Zwar war die Halle nicht ausverkauft, allerdings doch gut besucht.
A Liquid Landscape
Den Anfang machten vier Niederländer, die erst einmal keinen Anlass sahen, irgendjemanden zu überfordern. Atmosphärische Gitarrenflächen, vorsichtiger Spannungsaufbau, ein Hauch von Marillions "Brave" – alles wirkte angenehm entschleunigt. Bis plötzlich beherzt in die Saiten gegriffen wurde. Aha. Da war also doch deutlich mehr Druck im Kessel.
Überhaupt lebte der Auftritt von genau diesen Kontrasten. Die Gitarren flirrten phasenweise herrlich postrockig durch den Saal, ohne dass A Liquid Landscape gleich zur nächsten Post-Rock-Band mutierten. Dafür sorgte schon der deutlich präsenter eingesetzte Gesang. Und immer wieder schimmerte etwas Pink Floyd durch die Songs, gerade genug, um nostalgische Glückshormone auszuschütten, ohne zur Kopie zu werden.
Ganz ohne kleinere Längen blieb das allerdings nicht. Die eine oder andere Instrumentalpassage nahm sich einen Tick mehr Zeit, als ihr wirklich guttat. Kaum setzte der Gesang wieder ein oder die Band zog das Tempo und die Intensität an, war dieser Gedanke allerdings auch schon wieder vergessen. Genau in diesen Momenten wurden A Liquid Landscape richtig stark.
Ein gelungener Auftakt also. Für den ganz großen Funken reichte es allerdings noch nicht. Das Publikum spendete ordentlichen Applaus, wirkte dabei aber eher wohlwollend als euphorisiert. Vielleicht musste der Festivalmotor an diesem Abend einfach erst noch warmlaufen

Besetzung:
• Fons Herder - Gesang, Gitarre
• Niels van Dam - Gitarre
• Robert van Dam - Bass
• Coen Speelman - Schlagzeug
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Avkrvst
Nach dem eher atmosphärischen Einstieg durch A Liquid Landscape wurde es mit Avkrvst deutlich schwerer – und gleichzeitig nicht weniger detailverliebt. Nach zwei starken Alben, "The Approbation" und "Waving At The Sky", war die Erwartungshaltung entsprechend hoch. Und musikalisch erfüllten die Norweger tatsächlich alles, was man sich erhoffen durfte.
Die Mischung aus Prog Metal und Retro-Prog funktionierte live hervorragend: wuchtige Gitarren, butterweiche Keyboardteppiche und Soli, bei denen man am liebsten einfach die Augen schloss und die Musik wirken ließ. Gerade die Keys verliehen den Songs jene schwebende Atmosphäre, während die Band immer wieder zwischen brachialer Härte und melodischer Sanftheit wechselte.
Schade nur, dass die Bühne dabei deutlich weniger Eindruck hinterließ. Das Bühnengehabe war sehr zurückhaltend – insbesondere Sänger Simon Bergseth wirkte in der Rolle des Frontmanns etwas verloren. Wobei das fast schon nebensächlich wurde, sobald die Musik erklang. Denn dann überzeugten Avkrvst mit einer dichten Klangwand, starken Gitarrenmomenten und einem besonders beim letzten Stück beeindruckenden Drumming.
Im Prismenregenbogenschillerlicht zeigte sich einmal mehr: Avkrvst sind vielleicht keine große Showband, aber musikalisch definitiv eine Macht.

Besetzung:
• Simon Bergseth - Gesang, Gitarre, Bass
• Martin Utby - Schlagzeug, Synthesizer
• Øystein Aadland - Bass, Keyboards
• Edvard Seim - Gitarre
• Auver Gaaren - Keyboards
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Regressive Hypnosis
Eine Dream-Theater-Coverband als Festival-Pre-Party-Programmpunkt – musste das nun wirklich sein? Nicht unbedingt, dachte ich zumindest zunächst. Nach Avkrvst war die Erschöpfung dann doch spürbar, und die Halle glich trotz Klimaanlage eher einem Dampfbad als einem Konzertsaal. Also gönnte ich mir erst einmal eine längere Pause und verpasste den Beginn der Niederländer.
Ob ich damit tatsächlich etwas verpasst hatte, merkte ich spätestens in dem Moment, als ich irgendwann wieder die Halle betrat. Denn was da aus den Boxen schallte, war gesanglich tatsächlich eine Ansage: Die Stimme übertraf so manches, was James LaBrie in den vergangenen Jahren ins Mikrofon befördert hatte.
Und Regressive Hypnosis hatten noch einen weiteren Vorteil gegenüber dem Original: die Nähe. Während Dream Theater mittlerweile oft auf großen Bühnen agieren, ließ sich hier die Spielfreude der Musiker beinahe greifen. Die komplexen Kompositionen wirkten plötzlich wieder intim und lebendig.
'Peruvian Skies' schmolz dahin, 'The Mirror' entpuppte sich als echtes Brett und 'Octavarium' entfaltete auch ohne Originalbesetzung seine komplette epische Wirkung. Dass als Zugabe noch ein fabulöses 'Pull Me Under' folgte, setzte dem Ganzen schließlich die Krone auf.
Braucht man danach also noch das Original? Natürlich. Schließlich müssen die Vorlagen ja irgendwo herkommen. Aber Regressive Hypnosis bewiesen eindrucksvoll, dass man manchmal gar nicht das Original braucht, um daran erinnert zu werden, warum diese Songs einst so verdammt gut waren.
Besetzung:
• Jermain van der Bogt - Gesang
• Barry van Smeden - Gitarre
• Marco Hoogerheide - Keyboards
• Leroy Klein - Bass
• Eelco van der Meer - Schlagzeug
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Tag 1
Benthos
Nachdem das Midsummer Prog im vergangenen Jahr beinahe im Regen versunken wäre, zeigte sich Petrus diesmal von der anderen Seite: trocken. Sehr trocken. Und vor allem: brennend heiß. Eine Abkühlung brachte dann auch der erste musikalische Beitrag des Tages nicht – im Gegenteil. Die Italiener von Benthos legten zur Mittagsstunde direkt einmal den musikalischen Heizstrahler auf volle Leistung.
Für manch sanft besaiteten Prog-Rock-Liebhaber dürfte dieser Einstieg etwas zu deftig ausgefallen sein. Wer allerdings noch die Nachwirkungen des Vorabends in den Knochen spürte, bekam genau den richtigen Weckruf serviert. Denn der avantgardistische Prog Metal von Benthos war nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern vor allem eines: energiegeladen.
Dabei zeigte sich schnell, dass die Band live deutlich stärker über ihre Musik als über große Showelemente funktionierte. Insbesondere Sänger Gabriele Landillo bewies allerdings, dass Bühnenpräsenz nicht zwangsläufig in ausufernden Gesten bestehen muss. Ganz anders als zuvor bei Avkrvst zog er das Publikum mit seiner Präsenz regelrecht auf die Bühne – zumindest gedanklich.
Musikalisch erfüllten Benthos all das, was bereits ihr aktuelles Album "From Nothing" versprach: komplexe Strukturen, harte Ausbrüche, jazzige Verspieltheit und immer wieder überraschende Wendungen. Zwischen technischen Gitarrenläufen, vertrackten Rhythmen und metallischer Wucht blitzten auch die melodischen Momente auf – wenngleich das Verhältnis zwischen den verschiedenen Facetten live gerne noch etwas ausgewogener hätte sein dürfen.
So blieb am Ende der Eindruck einer Band, die mit enormer Spielfreude und beeindruckender Präzision ablieferte, aber vielleicht noch ein kleines bisschen mehr Luft zwischen den musikalischen Extrempunkten hätte gebrauchen können. Trotzdem: Benthos waren ein ziemlich unmissverständliches Signal, dass der zweite Festivaltag keine Zeit zum gemütlichen Einrollen ließ.
Besetzung:
• Federico Riva - Gesang, Gitarre
• Davide Radice - Gitarre
• Andrea Corti - Bass
• Stefano Franceschini - Schlagzeug
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OK Goodnight
Gerade erst hatte mich OK Goodnight mit ihrem aktuellen Album "Stop/Go" bezirzt, und nun taten sie es schon wieder. Nur besser. Denn live offenbarte sich vor allem, warum diese Band einen ganz entscheidenden Trumpf besitzt: Casey Lee Williams. Ihre ausdrucksstarke Stimme war der emotionale Anker in einem musikalischen Gewitter, das zwischen Zerbrechlichkeit, Wahnsinn und purer Energie hin und her sprang.
Die Verbindung zum Berklee College of Music ist dabei nicht nur eine nette Randnotiz. Hier stehen Musiker auf der Bühne, die ihr Handwerk offensichtlich bis ins kleinste Detail beherrschen. Doch OK Goodnight präsentieren ihre technische Klasse nicht als Selbstzweck, sondern verpacken sie in Songs, die trotz aller vertrackten Wendungen immer wieder nach vorne gehen.
Als Gesamtpaket erinnerten die Briten immer wieder an District 97 oder Bent Knee – diese Mischung aus Prog, Alternative Rock, Metal und einer gewissen Vorliebe für das Schräge. Allerdings ohne ganz so extravagant wie Bent Knee zu werden. OK Goodnight bleiben zugänglicher, ohne ihre Ecken und Kanten abzuschleifen.
Gerade Williams machte dabei den Unterschied: mal fragil und fast zerbrechlich, dann wieder mit einer Wucht, die problemlos gegen die instrumentale Wand der Band ankämpfte. So wurde aus den komplexen Songstrukturen kein akademisches Gedankenspiel, sondern ein lebendiger Auftritt mit echter emotionaler Schlagkraft.
Ein weiterer Beweis dafür, dass Prog nicht zwangsläufig im heimischen Kopfhörer enden muss – manchmal funktioniert der Wahnsinn auch mitten auf einer Festivalbühne.
Besetzung:
• Casey Lee Williams - Gesang
• Martín de Lima - Keyboards, Gitarre, Backing Vocals
• Augusto Bussio - Schlagzeug, Gitarre, Backing Vocals
• Peter de Reyna - Bass, Backing Vocals
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Blowbeat
Ein Name, der mir bislang völlig unbekannt war. Dabei handelte es sich bei Blowbeat keineswegs um eine junge Band, die gerade ihre ersten Gehversuche machte, sondern um eine Formation gestandener Herren aus den Niederlanden, die bereits einiges an Bühnenkilometern gesammelt hatte.
Musikalisch boten Blowbeat eine eigenwillige Mischung aus Rock, Blues und Beat-Elementen, die immer wieder mit leicht verschachtelten Strukturen aufwartete. Gerade die Anleihen an die experimentellere Seite von King Crimson aus den 80ern blitzten für mich immer wieder durch – dazu kamen warme Blues- und Rock-Farben, die der Musik ihren eigenen Charakter gaben.
Handwerklich gab es wenig Anlass zur Kritik. Die Band agierte routiniert und zeigte, dass hier Musiker auf der Bühne standen, die ihr Zusammenspiel über viele Jahre perfektioniert hatten. Allerdings erwischte mich die Mischung an diesem Nachmittag nicht wirklich. Vielleicht lag es auch an der brütenden Hitze, die langsam ihren Tribut forderte.
So gönnte ich mir schließlich eine längere Pause im schattigen und angenehm kühlen Bereich des Geländes. Manchmal gehört auch das zum Festivalerlebnis: nicht jede Band muss erobert werden – manchmal sucht man sich einfach den besseren Platz im Schatten.
Besetzung:
• Ton Engels - Gesang, Gitarre
• Leendert Haaksma - Gitarre
• Eric Coenen - Bass
• Arthur Lijten - Schlagzeug
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Daniel Cavanagh
Daniel Cavanagh gehörte in diesem Jahr zu den wenigen Musikern, die bereits zum dritten Mal beim Midsummer Prog auf der Bühne standen. Im Gründungsjahr des Festivals war er noch mit Anathema dabei, im vergangenen Jahr mit Weather Systems – und diesmal stand tatsächlich sein eigener Name auf dem Line-up.
Wer allerdings gehofft hatte, einen Ausflug in sein Solowerk "Monochrome" aus dem Jahr 2017 zu bekommen, wurde enttäuscht. An der musikalischen Ausrichtung änderte der Namenswechsel nämlich wenig: Statt Solomaterial gab es vor allem vertraute Anathema-Klassiker, ergänzt durch Stücke der Nachfolgeband Weather Systems sowie das Pink-Floyd-Cover 'High Hopes', das ebenfalls schon bei Anathema auf der Setlist stand.
Dabei präsentierte sich Cavanagh als klassischer Multiinstrumentalist. Neben Keyboard und Gitarre setzte er immer wieder auf Loops, die er live aufbaute und in die Songs einwob. Ein Ansatz, der den Auftritt zwar um eine zusätzliche, fast schon intime Ebene erweiterte, aber auch dazu beitrug, dass vieles etwas reduziert und zurückgenommen wirkte.
Für einen bekennenden Anathema-Fan war das natürlich trotzdem ein kleines Fest. Diese Mischung aus Melancholie, großen Melodien und jener ganz besonderen Atmosphäre funktionierte auch Jahre später noch hervorragend. Objektiv betrachtet war es allerdings der schwächste der drei Cavanagh-Auftritte beim Midsummer Prog. Irgendetwas fehlte diesmal. Die Darbietung wirkte über weite Strecken etwas reserviert, fast schon vorsichtig – und konnte trotz der wunderbaren Setlist nicht ganz die Magie früherer Auftritte entfalten.
Ein besonderer Moment blieb dennoch hängen: Vor 'Regret' widmete Danny den Song seinem Bruder Vincent Cavanagh mit den Worten:
This song I dedicate to Vincent Cavanagh. He is still the number one guy in the world.
Eine einfache Liebeserklärung unter verstrittenen Brüdern? Oder vielleicht doch ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl? Ob daraus irgendwann vielleicht wieder etwas Gemeinsames entsteht, bleibt offen. Aber bei Anathema-Fans dürfte dieser Satz wohl zumindest für ein paar hoffnungsvolle Gedanken gesorgt haben.
Besetzung:
• Daniel Cavanagh - Gitarre, Keyboards, Looper
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Quidam
Der andere Musiker, der an diesem Tag bereits zum dritten Mal beim Midsummer Prog auf der Bühne stand, war Maciej Meller. Nach zwei Auftritten mit Riverside kehrte er diesmal zu seiner eigentlichen Stammband Quidam zurück – und sorgte damit für einen der nostalgischeren Momente des Festivals.
Ob diese Rückkehr in Zusammenhang mit seinem erst kürzlich bekannt gewordenen Abschied von Riverside stand? Möglich wäre es. Nachdem bereits Mariusz Duda seinen Ausstieg verkündet hatte, folgte nun auch Meller – und damit steht hinter der Zukunft der polnischen Prog-Institution zumindest ein großes Fragezeichen. Quidam hingegen schienen für ihn weiterhin ein musikalisches Zuhause zu sein.
Und genau das war auf der Bühne spürbar. Die Band präsentierte melodischen Prog mit viel Gefühl und einer beeindruckenden Ruhe. Statt auf technische Selbstdarstellung setzte Quidam auf Atmosphäre, Dynamik und die große Kunst, aus einzelnen Tönen ganze Stimmungsbilder entstehen zu lassen. Besonders Meller zeigte dabei einmal mehr, warum er zu den herausragenden Gitarristen der polnischen Prog-Szene zählt: Seine Soli wirkten weniger wie Fingerübungen, sondern wie Geschichten, die erzählt werden wollten.
Das Programm konzentrierte sich vor allem auf Material der späteren Quidam-Phase, mit Stücken von "Alone Together" und "Saiko". Dass die Band ihre Spielzeit am Ende sogar etwas ausdehnen durfte, war angesichts der begeisterten Reaktionen des Publikums wenig überraschend. Zum Abschluss sorgte zudem ein überraschender Einschub aus 'Riders On The Storm' für einen zusätzlichen Gänsehautmoment.
Ein Auftritt, der nicht nur zeigte, dass Quidam auch nach langer Pause nichts von ihrer Faszination verloren haben – sondern vielleicht auch, dass Maciej Meller auf dieser Bühne ein Stück musikalische Heimat gefunden hat.

Besetzung:
• Zbigniew Florek - Keyboards, Backing Vocals
• Bartosz Kossowicz - Gesang
• Maciej Meller - Gitarre, Backing Vocals
• Maciej Wróblewski - Schlagzeug
• Jacek Zasada - Flöte, Percussion
• Mariusz Ziółkowski - Bass
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Einar Solberg
Manche Medien hatten berichtet, dass dies der erste Soloauftritt von Einar Solberg mit seinem Soloprogramm sein würde. Was natürlich Quatsch ist – schließlich durften wir den Herrn bereits 2023 beim Prognosis und beim Euroblast solo erleben. Eine Premiere war der Auftritt beim MSP trotzdem: Zum ersten Mal standen Stücke seines zweiten Soloalbums "Vox Occulta" auf der Setlist. Und darauf durfte man durchaus gespannt sein.
Denn während "16" bereits gezeigt hatte, wohin Solbergs Soloreise gehen könnte, legt "Vox Occulta" in Sachen Cineastik, Dramatik und orchestraler Opulenz noch einmal eine ordentliche Schippe drauf. Solberg selbst bezeichnet sich ja gerne als den cineastischen Menschen im Prog. Große Ansage. Aber wenn man sich die Musik anhört, muss man ihm zumindest zugestehen: Er arbeitet ziemlich konsequent daran.
Spannend war natürlich auch die Besetzung. 2023 hatte Solberg mit Leuten wie Ben Levin und Chris Baum eine ziemlich illustre Truppe um sich geschart. Diesmal war – abgesehen vom bereits bekannten Agent-Fresco-Drummer Hrafnkell Örn Guðjónsson – alles neu: Eero Maijala (Royal Sorrow) am Bass, Quentin Godet (Kadinja, ten56) an der Gitarre, Harrison White (Novena) an den Keys und Maya Fridman (Faun) am Cello. Für den Sound sorgte Andre Six (Omnerod).
Und als diese Herren und Damen allesamt in feiner Abendgarderobe die Bühne betraten, war eigentlich schon klar, dass das hier kein gewöhnlicher Prog-Metal-Gig werden würde. Das passte nicht nur hervorragend zum Artwork von "Vox Occulta", sondern auch zur Musik. Cineastischer und theatralischer geht moderner Progressive Metal kaum – Devin Townsend einmal außen vor.
Der Star des Abends war natürlich trotzdem Einar Solberg selbst. Wer seine Soloauftritte bisher vor allem mit Piano und zerbrechlicher Kopfstimme verbunden hatte, bekam diesmal auch die andere Seite präsentiert. Kopf- und Bruststimme sowieso, dazu Growls in einer Häufigkeit, wie man sie von Solberg schon seit Jahren nicht mehr gehört hatte. "Vox Occulta" lebt schließlich genau von diesen Gegensätzen: zerbrechlich hier, brachial dort, dazwischen möglichst viel Drama. Und davon gab es reichlich.
Bemerkenswert dabei: Diese zusammengewürfelte Truppe wirkte überhaupt nicht wie eine zusammengewürfelte Truppe. Die Band harmonierte bestens miteinander, obwohl sie in dieser Besetzung zuvor noch nie gemeinsam gespielt hatte. Besonders Maya Fridman erwies sich dabei als Glücksgriff. Ihr Cello sorgte für einen großen Teil jener orchestralen Farbe, die den Bandsound vom normalen Progressive Metal abhebt.
Überhaupt fühlte sich der Auftritt stellenweise eher wie ein klassischer Konzertabend an. Nur dass das Orchester diesmal aus einem Cellisten, einer Handvoll Rockmusikern und ziemlich viel Metal bestand. Und genau das funktionierte erstaunlich gut.
Die "Vox Occulta"-Stücke, die fast in ihrer Gesamtheit gespielt wurden, gewannen live noch einmal deutlich an Wirkung. Was auf dem Album bisweilen beinahe nach kontrollierter Überfrachtung klingt, bekam auf der Bühne eine körperliche Wucht, die den ganzen cineastischen Ansatz plötzlich ziemlich plausibel erscheinen ließ.
Mit 'A Beautiful Life' und 'Over The Top' gab es zudem zwei Stücke von "16", während 'The Last Milestone' aus dem Leprous-Katalog stammte und sich erstaunlich problemlos zwischen das neue Solberg-Material einfügte.
Nach manchen intimen Piano-&-Vocals-Momenten seiner früheren Soloauftritte war dies nun also die große Variante: weniger Kammermusik, mehr großes Kino. Und wenn Einar Solberg schon unbedingt der cineastische Mensch im Prog sein möchte – bitte schön. An diesem Abend hat er jedenfalls ziemlich überzeugend den Beweis angetreten, dass er sich diesen Titel nicht völlig unberechtigt an die Abendgarderobe geheftet hat.
Ein grandioser Auftritt und eine der besten Darbietungen Solbergs, der ich bisher beiwohnen konnte.
Besetzung:
• Einar Solberg - Gesang, Keyboards
• Hrafnkell Örn Guðjónsson - Schlagzeug
• Eero Maijala - Bass
• Quentin Godet - Gitarre
• Harrison White - Keyboards
• Maya Fridman - Cello
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Geoff Tate
Geoff Tate. Legendärer Frontmann von Queensrÿche und seit Jahren auf Solopfaden unterwegs. Beim Midsummer Prog Festival stand allerdings kein gewöhnlicher Soloauftritt auf dem Programm, sondern die komplette Aufführung von "Operation: Mindcrime" – einem der Referenzwerke des konzeptionellen Progressive Metal.
Ich selbst hatte mit diesem Album lange so meine Probleme. Als ich Anfang der 90er zum Prog fand, klangen Queensrÿche für mich weniger nach Progressive Metal als nach Hard Rock und Spandex-Metal. Das aus derselben Zeit stammende "Seventh Son Of A Seventh Son" von Iron Maiden erschien mir damals jedenfalls deutlich progressiver. Mit den Jahren änderte sich mein Zugang – und irgendwann lernte ich gerade die breitbeinige Attitüde und Geoff Tates typischen 80er-Jahre-Metal-Gesang zu schätzen. "Operation: Mindcrime" entwickelte sich so vom schwierigen Fall zu einem Konzeptalbum, das ich heute immer wieder gerne auflege.
Und plötzlich stand genau dieses Album vor mir. Live. Mit Geoff Tate.
Und der Mann ist, für alle, die ihn noch nie live gesehen haben, eine Rampensau vor dem Herrn. Seine Bühnenpräsenz schien heller zu strahlen als die glühende Sonne, die das Publikum den ganzen Tag ins Schwitzen gebracht hatte. Tate zog die Zuschauer vom ersten Ton an in seinen Bann – mit seiner Präsenz, aber vor allem mit einer Stimme, die auch nach all den Jahren noch erstaunlich viel Kraft besitzt.
Begleitet von gleich drei Gitarristen geriet "Operation: Mindcrime" dabei deutlich druckvoller, als man es von der Platte gewohnt ist. Das besondere Etwas lieferte Keyboarderin Clodagh McCarthy, die ihren Platz am hinteren Ende der Bühne immer wieder verließ, um Tate auch gesanglich eindringlich zu unterstützen.
Wie es sich für ein Konzeptalbum gehört, wurde "Operation: Mindcrime" komplett dargeboten – vom von der Band eingespielten Intro 'I Remember Now' bis zum abschließenden 'Eyes Of A Stranger'. Doch damit war die Mindcrime-Reise noch nicht beendet: Mit 'The Answer' folgte direkt anschließend ein Stück aus dem im Mai 2026 erschienenen dritten Teil der Konzeptalbum-Reihe, der unter Tates eigenem Namen veröffentlicht wurde.
Es blieb das einzige Stück des Abends, das nicht aus der Queensrÿche-Feder stammte. Danach gab es allerdings noch einmal drei Klassiker aus zwei unterschiedlichen Phasen der Band: 'Empire' und 'Jet City Woman' vom "Operation: Mindcrime"-Nachfolger "Empire" sowie 'Take Hold Of The Flame' vom 1984er Debüt "The Warning".
Eine Vorstellung, die rundum begeisterte und kaum Wünsche offenließ. Einen kleinen Wermutstropfen gab es dann allerdings doch: Während Quidam am Nachmittag noch eine Zugabe spendiert bekommen hatten, blieb diese beim Headliner aus. Und so musste das Publikum schweren Herzens auf 'Silent Lucidity' verzichten, das auf der aktuellen Tour eigentlich zum Standardprogramm gehört.
Schade. Aber angesichts dessen, was Geoff Tate und seine Mannschaft zuvor auf die Bühne gestellt hatten, tatsächlich nicht mehr als eine kleine Randnotiz.
Besetzung:
• Geoff Tate - Gesang
• Clodagh McCarthy - Gesang
• James Brown - Gitarre
• Dario Parente - Gitarre
• Kieran Robertson - Gitarre
• Jack Ross - Bass
• Robert Ray Baker Jr. - Schlagzeug
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Tag 2
Ursa
Ursa waren vielleicht die härteste Band, die das Midsummer Prog Festival in seiner bisherigen Geschichte erlebt hatte. Vor allem Sänger Jan Buekers sorgte mit seinen Growls dafür, dass hier ziemlich schnell klar wurde, dass der Sonntagvormittag nicht zwingend für zarte Gemüter reserviert war. Die Belgier walzten mit ihren schweren Riffs und der massiven Wucht geradezu über die Bühne.
Dabei konnten sie durchaus mehr als nur gepflegt auf die Zwölf. Gerade in den ruhigeren instrumentalen Passagen schimmerten immer wieder Melodien durch, die zwischen all der Härte überraschend viel Raum zum Schwelgen ließen. Genau diese Kontraste machten den Auftritt interessant: Auf der einen Seite brachiale Gitarrenarbeit und Growls, auf der anderen Seite atmosphärische Momente, in denen die Musik plötzlich Luft bekam.
Auch optisch passte Sänger Jan Buekers prächtig zu dem musikalischen Brett, das Ursa auffuhren. Hier stimmte das Gesamtpaket einfach: Die Musik war hart, der Auftritt wirkte entsprechend kompromisslos und trotzdem blieb zwischen den ganzen schweren Brocken genügend Platz für die melodischen Zwischentöne.
Und eigentlich war es sogar ganz gut, dass Ursa so früh am Tag spielten. Nicht etwa, weil sie für einen späteren Festivalzeitpunkt ungeeignet gewesen wären. Im Gegenteil. Aber wer mit dieser Art von Härte zum Sonntagsfrühstück nichts anfangen konnte, hatte immerhin noch eine elegante Alternative: einfach etwas länger im Bett zu bleiben.
Für alle anderen waren Ursa der perfekte Weckruf. Kaffee konnte man sich danach jedenfalls sparen.
Besetzung:
• Jan Buekers - Gesang
• Alexandre Belli - Gitarre, Gesang
• Luciano Monsegue - Gitarre
• Staf Wouters - Bass
• Niels Valkeners - Schlagzeug
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Overhead, The Albatross
Beim letztjährigen Gloomaar Festival waren Overhead, The Albatross für mich eine der größten Überraschungen und heimlich sogar das Highlight des Festivals gewesen. Und wie schon im November in der Neuen Gebläsehalle verzauberten die Iren aus Baile Átha Cliath nun auch am frühen Nachmittag das Midsummer-Prog-Publikum.
Das Spannende an der Musik war wieder einmal der Kontrast aus verzaubernden Melodien, Post Rock, oftmals ziemlich komplexer Rhythmik und den charakteristischen Spoken-Word-Rezitationen von Luke Daly. Ihnen stand mit David Prendergast ein Sänger gegenüber, dessen Vocals einen ganz anderen Akzent setzten. Zusammen ergab das einen ziemlich eigenwilligen Bandsound, bei dem erstaunlicherweise alles bestens zusammenpasste, obwohl man bei dieser Zutatenliste zunächst eher auf einen musikalischen Unfall hätte tippen können.
Was mir bis dahin allerdings noch nicht klar gewesen war, war die Herkunft des Bandnamens. Das änderte sich innerhalb weniger Sekunden, als der Organisator die Band ankündigte und dabei die ersten Zeilen aus Pink Floyds 'Echoes' anstimmte:
Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
Ach so. Daher wehte also der Albatros.
Ansonsten gab es wenig aufzuklären. Overhead, The Albatross machten einfach wieder das, was sie offenbar besonders gut konnten: mit ihrer eigenwilligen Mischung das Publikum verzaubern. Schon wieder.
Besetzung:
• Luke Daly - Gitarre, Spoken Word
• Vinny Casey - Gitarre
• Stevie Darragh - Bass
• Ben Wanders - Schlagzeug
• David Prendergast - Keyboards, Synthesizer, Laptop, Gesang
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Franck Carducci & The Fantastic Squad
Franck Carducci hatte ich irgendwie als Künstler abgespeichert, dessen Musik mich bislang nur peripher tangiert hatte. Schuld daran war ein knapp ein Jahrzehnt zurückliegender Auftritt beim Night of the Prog Festival, an den ich mich eigentlich schon gar nicht mehr erinnern konnte.
Also nutzte ich den Auftritt von Franck Carducci & The Fantastic Squad zunächst für eine etwas ausgedehntere Essens- und Verschnaufpause. Was sich ziemlich schnell als Fehler herausstellen sollte.
Denn als ich zur zweiten Hälfte des Auftritts auf den Richie Backfireplein zurückkehrte, überraschten mich Herr Carducci und sein fantastischer Trupp mit der vermutlich fröhlichsten und farbenprächtigsten Darbietung, die das Midsummer Prog in seiner Geschichte zu Gesicht bekommen hatte. Tanzende Musikerinnen, wehende Tücher, glitzernde Engelsflügel, schillernde Kostüme, geflochtene Ziegenbärtchen und viel Kajal – hier war offenbar die komplette Farbpalette über der Bühne ausgeschüttet worden.
Mittendrin stand Meister Carducci höchstpersönlich, der mit seinem Auftreten und seiner Erscheinung entfernt an Alice Cooper erinnerte. Mindestens ebenso sehr ins Auge fiel allerdings seine Double-Neck-Gitarre, die bei diesem Spektakel schon fast als zusätzliches Bühnenmitglied durchging.
Und tatsächlich sprach mich das Ganze nicht nur optisch an. Auch musikalisch erwischte mich die Truppe ziemlich kalt. Bei den vielfältigen Einflüssen und dem Mix aus Rock'n'Roll und klassischem Progressive Rock hätte ich vielleicht einfach etwas weniger lange Pause machen sollen.
Und dann gab es mit dem a cappella vorgetragenen 'On The Road To Nowhere“ noch diesen einen Moment, der mir tief unter die Haut ging und vermutlich nicht nur bei mir noch lange nachhallte. Als Zugabe war das zugleich ein wunderbar ungewöhnlicher Abschluss eines ohnehin ziemlich bunten Auftritts.
Manchmal war eine Essenspause eben doch eine ziemlich schlechte Ausrede.
Besetzung:
• Franck Carducci - Gesang, Bass, Gitarre
• Mary Reynaud - Gesang, Theremin, Percussion
• Barth Sky - Gitarre, Gesang
• Léa Fernandez - Schlagzeug
• Alexandre Auriol - Keyboards, Mellotron
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Amarok
Weniger begeistern konnte mich dann allerdings der Auftritt von Amarok. Das ausgefallene Bühnenbesteck mit Theremin, Harmonium, Gong und diversen Rasselchen hatte bei mir durchaus Erwartungen geweckt. Musikalisch bewegten sich die Polen zwischen Progressive Rock, Ambient und elektronischen Klanglandschaften, wobei auch Folk-Anklänge und gelegentlich fast cineastische Passagen auftauchten. Die Gitarren sorgten dabei eher für Atmosphäre als für technische Fingerakrobatik, während elektronische Sounds und die ungewöhnlichen Klangquellen dem Ganzen zusätzliche Farben verliehen.
Auch dem Gesang von Frontmann Michał Wojtas war gut zuzuhören. Eigentlich stimmten also die Zutaten. Trotzdem fehlte mir über weite Strecken der entscheidende Funke – der Schmackes, das Salz in der Suppe, irgendetwas, das aus einem handwerklich ordentlichen Auftritt ein bleibendes Festivalerlebnis gemacht hätte.
Vielleicht lag es auch daran, dass Franck Carducci & The Fantastic Squad zuvor mit ihrem bunten Spektakel die Messlatte ziemlich hoch gelegt hatten. Amarok lieferten danach durchaus Hörenswertes, ließen mich am Ende aber mit einem etwas ratlosen „Da wäre mehr drin gewesen“ zurück.
Besetzung:
• Michał Wojtas - Gesang, Gitarre, Keyboards, Synthesizer
• Marta Wojtas - Gesang, Percussion, Gong
• Kornel Popławski - Bass, Violine, Keyboards, Gesang
• Konrad Zieliński - Schlagzeug, Gesang
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Bruce Soord
Bruce Soord, Gründer, Stimme und Gitarrist von The Pineapple Thief, stand in diesem Jahr nicht etwa mit seiner Stammband auf der Bühne, sondern als Solokünstler. Ganz alleine kam er allerdings auch nicht, denn mit Bsssist Jon Sykes hatte er seinen Bandkollegen im Gepäck. Immerhin zwei Viertel von The Pineapple Thief standen damit auf der Bühne. Mit den Ananasdieben hatte der Auftritt musikalisch dann allerdings nur wenig zu tun. Stattdessen gab es zunächst ausschließlich Stücke von Soords drei Soloalben "All This Will Be Yours", "Luminescence" und "Ghosts In The Park".
Und während ich Bruce Soords Solomaterial bislang eher als die ruhigere, weniger ohrwurmverdächtige Seite seines Schaffens abgespeichert hatte, funktionierte es live erstaunlich gut. Vielleicht lag das auch daran, dass die Songs in dieser reduzierten Besetzung viel unmittelbarer wirkten. Akustikgitarre, Stimme, ein paar elektrische Farbtupfer – mehr brauchte es nicht, um die persönliche Atmosphäre der Stücke zur Geltung zu bringen.
Vor allem aber waren es Soord und Sykes selbst, die mich überraschten. Denn wo The Pineapple Thief bei ihren Auftritten gerne einmal den Eindruck erweckten, als müsse selbst der kleinste Ton vor dem Publikum noch einmal einer Qualitätskontrolle unterzogen werden, präsentierten sich die beiden heute geradezu verblüffend nahbar. Sie plauderten, bezogen das Publikum ein und wirkten überhaupt nicht so, als müssten sie irgendjemandem beweisen, wie perfekt sie ihre Songs beherrschten. Ganz einfach zwei Musiker, die sichtlich Spaß an dem hatten, was sie da gerade taten.
Dazu passten die persönlichen Geschichten hinter den Songs. Gerade bei den Stücken von "Ghosts In The Park" wurde deutlich, wie eng Soords Musik mit eigenen Erinnerungen, Verlust und den kleinen und großen Zumutungen des Lebens verbunden war. Die Erklärungen zwischen den Songs machten aus dem Auftritt deshalb weit mehr als eine bloße Präsentation von Solomaterial. Es entstand eine Intimität, die bei The Pineapple Thief zuletzt doch eher selten aufgekommen war.
Vielleicht war diese ungewohnte Nahbarkeit aber auch einfach darauf zurückzuführen, dass der sonst eher scheue Gavin Harrison heute nicht dabei war. Man weiß es nicht.
Einen eigentlichen Höhepunkt im klassischen Sinne brauchte dieser Auftritt gar nicht. Er lebte weniger von großen Spannungsbögen oder spektakulären Instrumentalpassagen als von seiner unmittelbaren Atmosphäre. Und vielleicht war genau das seine größte Stärke: denn da standen plötzlich zwei Musiker, die einfach miteinander musizierten und dabei offensichtlich selbst eine gute Zeit hatten.
Dass am Ende mit 'Snowdrops' dann doch noch ein Stück aus dem The-Pineapple-Thief-Kosmos erklang, versöhnte schließlich auch die letzten Ananasdiebe im Publikum. Und mich gleich mit. Denn so unscheinbar dieser Auftritt zwischen all den großen Festivalnamen zunächst gewirkt haben mochte, so nachhaltig blieb er doch hängen.

Besetzung:
• Bruce Soord - Gesang, Gitarre, Looper
• Jon Sykes - Bass, Looper
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TesseracT
Als Headliner des Tages und zugleich als letzte Band des gesamten Festivals standen TesseracT aus Milton Keynes auf dem Programm. Ein echter Hochkaräter des Djent und Progressive Metal und, wie ich aus eigener Erfahrung wusste, eine verdammt gute Liveband. Ich konnte also durchaus nachvollziehen, dass die Festivalmacher ihren Termin sogar verschoben hatten, um diese fünf Herren ins niederländische Maastricht zu bekommen.
Eigentlich hätte an diesem Abend also kaum etwas schiefgehen dürfen. TesseracT spielten präzise, druckvoll und technisch auf einem Niveau, bei dem man als Musiker vermutlich irgendwann einfach neidisch in die Ecke gehen konnte. Auch die beiden Sängerinnen passten hervorragend ins Klangbild, während Daniel Tompkins mit bemerkenswerter Energie über die Bühne wirbelte.
Mein Problem war allerdings ein anderes: Mir war das alles ein bisschen zu perfekt.
Denn so beeindruckend die musikalische Leistung auch war, so wenig hatte ich das Gefühl, dass zwischen Bühne und Publikum wirklich eine Verbindung entstand. TesseracT zogen ihr Programm durch. Song für Song, Ton für Ton, alles saß. Und genau das wurde irgendwann zum Problem. Der ohnehin extrem präzise und dichte Sound wirkte stellenweise fast steril – als hätte die Musik noch schnell einen Qualitätsprüfer mit auf die Bühne genommen.
Dabei gab es durchaus Momente, die mich packten. 'King' und 'Juno' funktionierten hervorragend und spätestens beim Monstertrack 'War Of Being' wurde noch einmal ganz tief in die Prog-Metal-Kiste gegriffen. Vor der Bühne wurde das entsprechend lautstark abgefeiert. Nur wollte der Funke für mein Empfinden nicht so recht auf das komplette Festivalpublikum überspringen.
Vielleicht lag es am Sound, vielleicht an der durchgetakteten Show, vielleicht auch einfach am direkten Vergleich mit den Bands davor. Denn gerade nach dem wunderbar persönlichen Auftritt von Bruce Soord wirkte TesseracT mit ihrer technischen Perfektion noch ein gutes Stück unnahbarer.
Und dann war nach etwa 80 Minuten Schluss. Keine Zugabe. Einfach Licht an, Feierabend. Dabei hätte die Band laut Festivalzeitplan noch rund 15 Minuten zur Verfügung gehabt. Gerade am letzten Abend ihrer Europatournee und als Abschluss dieses Festivals hatte ich mir doch noch ein kleines Bonbon erhofft. Einen zusätzlichen Song. Einen spontanen Moment. Irgendetwas, das die perfekte Fassade für ein paar Minuten zum Wackeln gebracht hätte.
So blieb ein Auftritt, der musikalisch zweifellos beeindruckte, mich emotional aber weniger erreichte als andere Bands dieses Wochenendes. TesseracT waren ein würdiger Headliner – nur eben einer, der mir zum Abschied noch einmal eindrucksvoll demonstrierte, dass technische Perfektion und persönliche Nähe zwei ziemlich unterschiedliche Dinge waren.
Besetzung:
• Daniel Tompkins - Gesang
• Acle Kahney - Gitarre
• Amos Williams - Bass
• Jay Postones - Schlagzeug
• James Monteith - Gitarre
• Choir Noir - Begleitgesang
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Fazit:
Alles in allem war das MSP 2026 wieder ein rundum gelungenes Festival. Ein ausgewogenes Programm mit vielen Newcomern und einigen echten Highlights. Maastricht hat sich nun wirklich als neue Heimat des Midsummer Prog etabliert.
Blöd nur, dass es diese Terminverschieberei gegeben hat. Letztlich war die Entscheidung, das Festival zu verlegen, wohl die richtige – immerhin konnten dadurch TesseracT als Headliner gewonnen werden. Und so gesehen hat sich der ganze Aufwand dann doch gelohnt.
Und während es im vergangenen Jahr noch gefühlt pausenlos geregnet hatte, war es diesmal zu heiß, ja fast schon wieder ein bisschen zu trocken. Irgendwas ist halt immer.
Besonders reizvoll war der Freitagabend, an dem neben der MSP-Pre-Party noch zwei weitere Veranstaltungen im Muziekhuiszerwijk stattfanden – und das zeitgleich. Im kleinen Saal lief ein Punk- und Hardcore-Festival, während draußen ein Open-Air-Konzert stattfand, das irgendwo zwischen Rock und niederländischem Schlager angesiedelt war. Das Besondere daran: Beide Veranstaltungen waren kostenlos. So trafen an diesem Abend drei Generationen und gleich mehrere musikalische Welten aufeinander, schnupperten zumindest einmal in die jeweils andere hinein oder kamen bei einem kalten Bier miteinander ins Gespräch. Ein schöner Nebeneffekt, der dem Festivalwochenende noch eine ganz eigene Note verlieh.
Ich jedenfalls freue mich schon auf 2027. Dann gibt es ein Wiedersehen mit Airbag und Pain of Salvation – und zum ersten Mal dürfen wir obendrein die wunderbare Anneke van Giersbergen beim Midsummer Prog begrüßen. Klingt nach ziemlich guten Aussichten.
Fotos:
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