Midsummer Prog, 24.06.17, Valkenburg, Openluchttheater

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A Prog Midsummernight’s Dream


»What’s the news with thee?«
William Shakespeare, A Midsummernight’s Dream I,1
Der Entschluss war leicht gefallen. Kurz nach Veröffentlichung der News von einem neuen Festivalformat der geschmackssicheren Mijnheers Rob Palmen (u.a. Glassville Music) und Ingo Dassen (u.a. Lesoir und Muziekgieterij, Maastricht) zur Sommersonnenwende stand fest: Das muss man sich geben.

Erschwerend kam hinzu, dass Eingeweihte von einem wirklich schönen Amphitheater raunten. Das fand sich wunderbar bestätigt – uns kam das Freilufttheater mit stark ansteigendem Zuschauer-Areal wie eine Miniatur-Wunderland-Ausgabe der Loreley vor, gekreuzt mit der Balver Höhler, da es hinter der Festivalbühne auch eine für kleinere Konzerte nutzbare Grotte zu geben scheint. Kollege Marco hingegen fiel nachvollziehbarerweise auf, dass das Gelände zumindest bei der richtigen Beleuchtung wie „das Red Rocks der Niederlande“ wirkt.

»Let me play the lion too: I will roar that I will do any man’s heart good to hear me. I will roar that I will make the duke say ‚Let him roar again, let him roar again’« I,2

Welchselbiges Gelände die Betreuer aufgrund von lebensnotwendig vorzuschaltenden, sich aber leider schwierig gestaltenden Einkäufen erst exakt zum Beginn des Auftritts von Caligula’s Horse erreichten. Zusätzliche logistische Schwierigkeiten bereitete der an sich erfreuliche Umstand, dass zeitgleich zum Festival und in unmittelbarer Nähe ein breite Volksmassen anziehender „Caveman“-Hindernislauf stattfand. Tatsächlich hechelten die teils bemerkenswert attraktiven Höhlenmenschen direkt am Eingang zum Openluchttheater vorbei. Als auch dieses Hindernis genommen war, gab es für uns und viele andere endlich die Livepremiere der australischen alternative Progmetal-Hausmarke Caligula’s Horse – in vollem Galopp! Der Kontrast von Jim Greys (u.a. Arcane) hoher, zarter Stimme und enorm melodischen Leads mit dem teils erbarmungslosen Riffing der Band wie Löwengebrüll entfaltete bei Songs wie ‚Marigold‘, ‚Bloom‘ (schmelz), ‚Firelight‘ und dem besonders zauberhaften ‚Rust‘ eine durchhaus vergleichbare Wirkung zum Genuss eines pangalaktischen Donnergurglers: „als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen.“

»But first I will release the fairy queen […] My Oberon, what visions have I seen!« IV, 1
Zum Start von Iamthemorning ist das Auditorium des ausverkauften Festivals dann auch wirklich gut gefüllt, aber ohne beängstigend eng zu werden. Das war auch wichtig, da gleich mehrere, der Redaktion teils bekannte Progfans im Knirpsformat zugegen waren. Das Set der vergleichsweise ruhigsten Band des Billings schien allgemein ausgezeichnet anzukommen, dem Autor war der Gesang von Front-Elfe Marjana bei Tracks wie dem Tori Amos-artigen ‚Scotland‘ oder ‚Romance‘ ein wenig zu überpräsent, fast schneidend nach vorne gemischt. Grundsätzlich verdiente der Sound des Festivals allerdings höchstes Lob, ebenso wie die erneut apart wirkenden Arrangements mit Cello und Geige. Und wie gesagt – Iamthemorning wurden gefeiert. Von uns allerdings nach drei Songs langem Fotografieren mit ein klein wenig mehr Distanz.

»The course of true love never did run smooth.« I,1
Apropos Nähe-Distanz-Probleme: Mit Pain Of Salvation und insbesondere dem Wirken ihrer autokratisch herrschenden Frontdiva Daniel Gildenlöw verbindet den diensthabenden Betreuer eine jahrzehntelange Geschichte mit vielen Stationen von Verliebtheit über unreflektierte Bewunderung bis hin zu Enttäuschung und Entliebung.

Das letzte Studioalbum hatte die Hoffnung genährt, dass es wieder in Richtung Liebe gehen könnte, die letzte POS-Personalie (fristlose Kündigung von Ragnar Zolberg) hingegen deutete an, dass es weiter schwierig bleiben dürfte. Doch siehe, Daniel war bestens bei Stimme und Stimmung, interagierte wie ein Teenager mit dem für Ragnar zurückgekehrten Johan Hallgren und begeisterte wüst headbangend mit einem nicht übermäßig von „ItpLoD“ dominierten Gig, dem Fans eigentlich nur vorwerfen konnten, dass ‚Second Love‘ nicht gespielt wurde (dafür aber ‚A Trace Of Blood‘, Rope Ends‘ und ‚Ashes‘!). Übrigens wohlwollend verfolgt von Daniels Bruder und ehemaligem Bandmitglied Kristoffer.

»Thou art as wise as thou art beautiful« III, 1
Es blieb skandinavisch, wurde mit Gazpacho zwar etwas ruhiger, doch sogar noch intensiver. In die stillen Passagen des zum Heulen schönen Auftritts der Norweger im langsam schwindenden Tageslicht mischte sich abendlicher Vogelgesang. Wenn es eine Musik gibt, der es gut tut, im Freien genossen zu werden, dann Songs wie ‚The Walk‘, ‚Know Your Time‘, ‚Dream Of Stone‘, ‚Splendid Isolation‘ oder ‚Winter Is Never‘. ‚I’ve Been Walking (Part 2)‘ bewies zwischendurch elegant, wie überaus heftig Gazpacho trotz der Güte der Konzepte und der Klugheit der von Thomas geschriebenen und von Jan-Henrik so innig gesungenen Texte live rocken können – und das ganz ohne Spreizsprünge und Mattenkreisen. Für uns (neben dem Freilufttheater selbst) der wahre Headliner des Festivals.

»That will ask some tears in the true performing of it. If I do it, let the audience look to their eyes. I will move storms. I will condole in some measure«, I, 2
Technisch gesehen folgte der Top Act aber natürlich noch – mit Anathema. Eingeleitet von einer Zuspielung von Pink Floyds ‚A New Machine‘ entspann sich ab 22 Uhr ein Set, in dem sich die flammenneuen ‚The Optimist‘, ‚Leaving It Behind‘ oder ‚Can’t Let Go‘ ganz prächtig neben ‚Untouchable‘ von „Weather Systems“ oder ‚Dreaming Light‘ bzw. ‚Thin Air‘ von „We’re Here Because We’re Here“ machten. Das Doppelschlagwerk von Daniel Cardoso und John Douglas trieb die melancholischen bis schluchzenden Kompositionen wuchtig voran, worüber sich majestätisch die Stimmen von Vincent Cavanagh und Lee Douglas in den Nachthimmel erhoben. Auch Daniel Cavanagh schien sich der märchenhaften Atmosphäre im Rund nicht entziehen zu können, jedenfalls stahl sich immerhin manchmal ein Lächeln auf seine Züge, spätestens als das Publikum zum abschließenden ‚Distant Satellites‘ wieder ein Lichtermeer aus Handy-Junikäfern erzeugten.

Entschieden nochmals breiter aber war am Ende das Lächeln der Besucher. Für nahezu jeden, den wir trafen, war klar, dass dies nicht das letzte Mal in Valkenburg gewesen sein soll. Einen Termin für das nächste Midsummer Prog gibt es auch schon: den 23.06.2018. Ebenso wie Tickets, von denen aktuell übrigens schon über ein Viertel verkauft ist – bislang ohne Ankündigung einer einzigen Band!

»I have had a most rare vision. I have had a dream, past the wit of man to say what dream it was.«, IV,1

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Fotos: Tobias Berk

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Midsummer Prog, 24.06.17, Valkenburg, Openluchttheater

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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