Daniel Gildenlöw, Pain of Salvation, zum kommenden Album, einem Alter Ego und Rückwärtssaltos

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»Speziell? Ich? Nee!«

Im Juli veröffentlichte Century Media über InsideOut Music eine spezielle Neuauflage des ursprünglich 2002 erschienenen Pain of Salvation-Albumklassikers „Remedy Lane“ mit dem Titel „Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived)“. Darüber hinaus arbeitet die Band an einem neuen Studioalbum, das „In The Passing Light Of Day“ heißen wird. BetreutesProggen.de nutzte die Gelegenheit, um Bandleader Daniel Gildenlöw nach Details zu fragen (english version of the interview).

Daniel Gildenlöw, 2016 ist ein aufwühlendes Jahr. Du hast viel Zeit im Studio verbracht. Dein Langzeit-Label InsideOut Music veröffentlichte am 1. Juli Euer Album „Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived)“ und die Reaktionen sind sehr positiv. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich gut an. Ich hatte auf dieses Jahr bezogen ein gutes Gefühl. Wie einige meiner Freunde (die mir auf Facebook folgen) wissen, habe ich dieses Jahr „Garbo“ genannt. Ich kam einfach zu dem Schluss, dass Jahre benannt/getauft werden müssen. Viel mehr als manch andere getauften Dinge unserer modernen Welt, wie ich finde. Haha. Naja, jedenfalls ist Garbo streng aber gerecht. Wir haben da so eine Sachen laufen, sie und ich. Wir verstehen uns. (lacht)

Du fasstest den Hintergrund des Remix-Projektes wie folgt zusammen: “Jens Bogren, auch bekannt als Fascination Street Studios, sprach uns ein paar Jahre nach der Veröffentlichung von “Remedy Lane“ an, sagte er sei ein Fan der Band und bot uns freundlicherweise seine Dienste an. Er war später an „BE“ und „Scarsick“ beteiligt, und bis dahin am Rande, als wir bei unserem Sound und der Produktion neue Richtungen einschlugen. Seine wahre Stärke liegt in der Produktion einer beeindruckend hohen Sounddichte (Wall of Sound), wie wir sie für “The Perfect Element“ und “Remedy Lane“ angestrebt hatten, und ich habe mich immer gefragt, wie jene Alben wohl geklungen hätten, wenn sie durch diese fähigen Hände gegangen wären. Vielleicht war es an der Zeit das herauszufinden?“ Bist Du mit den Resultaten zufrieden?

Es war ein eigentümliches Abenteuer, erneut durch diese Aufnahmen zu reisen, und es war nett, ein wenig den Focus auf ein paar Details zu legen, die etwas im alten Mix verloren gegangen waren. Wir fingen wirklich von Null an, schickten Gitarrensignale durch die Amplifier und lauschten Ihnen aufs Neue. Gleichzeitig wollten sowohl Jens als auch ich sicher gehen, dass wir im Album-eigenen Universum blieben, ehrlich und seinem Vermächtnis treu bleibend. Wenn es nicht kaputt ist, dann repariere es nicht – so in der Art. Das war wie auf einem schmalen Grat zu wandeln, aber ich denke, dass Jens dabei eine wundervolle Arbeit geleistet hat, so wie ich es erwartet hatte, wenn man seine lange Vergangenheit mit der Band und diesem speziellen Album in Betracht zieht.

Und was ist als nächstes mit einem Remix von „The Perfect Element“?

Wir haben diesbezüglich nichts geplant, ich meine, dass mir Remedy Lane Re:mixed einfach als gute Idee in den Sinn gekommen war, weil wir all diese alten Mixe ansprachen während wir für die ProgPower USA-Show probten, wo wir Remedy Lane zum ersten Mal durchspielten. Es ist mir zugefallen, sozusagen als Begleiter zu den Live-Aufnahmen. Und jetzt haben viele Fans die gleiche Frage gestellt wie Du gerade eben, also sollten wir das vielleicht in Erwägung ziehen.

Der zweite Teil der Veröffentlichung ist eine Aufnahme von Eurer Komplettaufführung des Albums beim ProgPower USA-Festival von 2014. „Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived)“ ist als 2CD-Digipak, Download und einzeln als “Remedy Lane Re:mixed” und “Remedy Lane Re:lived” auf Schallplatte mit dazugehöriger CD erhältlich. Neben der schwarzen Gatefold-Version wurde das Album auch als transparent orangenes und durchsichtiges Vinyl veröffentlicht. Wie viele Kopien sind von diesen Sondereditionen im Verkauf?

Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Die Anzahl wurde bereits vor der Veröffentlichung festgesetzt und, wie ich beobachtete, werden sie tendenziell ausverkauft bevor die Nachfrage gestillt ist. Meist gehe ich selbst ohne diese limitierten Editionen aus, weil ich oft nachgebe und meine Kopie jemandem gebe, der sie scheinbar dringender braucht als ich, haha.

Besitzt Du einen Plattenspieler?

Ja, das tue ich. Nicht irgendeinen schicken modernen High-Definition-Super-Plattenspieler oder irgendwas (wie ich feststellte haben Musiker nur selten super teure Stereo-Systeme – meist geben sie ihr Geld für Instrumente und Film-Kollektionen aus, oder irgendeine andere Art von Sammlung). Für mich dreht sich alles um Nostalgie und Atmosphäre. Auf einem Wohltätigkeitsbasar habe ich ein billiges LP-System gefunden. Es hat jede Menge Persönlichkeit und fügt allem was man damit abspielt viel Charakter hinzu. Liebend gerne hätte ich einen sehr guten Plattenspieler, aber der muss auch richtig aussehen und sich richtig anfühlen. Bevorzugt aus fein gemasertem Holz hergestellt mit einem rauchfarbenem Kunststoffdeckel (braun oder grau). Graue Lautsprecherfronten mit silbernen Fäden wären das Größte, und ein gekipptes Logo in der linken oberen Ecke. Speziell. Ich? Nee!

2014 traten Pain of Salvation mit dieser speziellen Remedy Lane-Show bei ProgPower USA und mit einer weiteren bei ProgPower Europe auf. Früher in dem Jahr musstest Du aufgrund einer lebensbedrohenden Bakterieninfektion viele Wochen im Krankenhaus verbringen. Das neue Studioalbum “In The Passing Light Of Day” wurde für später in diesem Jahr angekündigt und Du beschriebst: “Mit dem Album wird man uns zu unseren schwereren Wurzeln zurückkehren sehen, mit einer Rache, und wir fühlen alle, dass wir ein super starkes neues Kapitel in der Historie der Band schreiben.” Wie wird das neue Album durch Deine Erfahrungen von Anfang 2014 beeinflusst?

Nun, eine Menge davon leitet sich tatsächlich sehr speziell von meiner Zeit im Krankenhaus ab – diese als Blickwinkel verwendend und als Ausgangsbasis für viele andere Aspekte des Lebens. Ich will jetzt nicht alles verraten, aber die Verbindung wird sehr offensichtlich sein.

Momentan siehst Du vollkommen gesund aus und Du verbringst viel Zeit mit Sport. Es erscheint wie eine Trotzreaktion nachdem Du knapp dem Tode entronnen bist. Welche Auswirkung hatte diese ernste Erkrankung auf Dein Leben?

Zuallererst, man kann es nicht „Sport“ nennen. Sollte ich es als Sport definieren, könnte ich das Interesse verlieren und damit aufhören, hahaha. Also, nachdem ich etliche Monate im Krankenhaus verbracht hatte konnte ich nach der Entlassung nicht einmal ein paar Stufen gehen. Aber ich bin ein sehr dickköpfiger Mensch (wenige, die mich getroffen haben würden das bestreiten), und ich fing an mir einen Weg zurück zu bahnen. Mein Körper war immer schon sehr anpassungsfähig, und ich bin überraschend schnell gesund geworden, und machte einfach weiter. Es wurde mir einfach bewusst, was für eine bemerkenswerte Maschine der Körper ist, und das hat mich neugierig gemacht – wenn man Geschwindigkeit aufgenommen hat, warum dann nicht den Schwung nutzen? Also fing ich mit Capoeira und Parkour an. Mein recht unrealistisches Ziel (welches die einzig interessanten Ziele sind) war es irgendwann einen Rückwärtssalto ohne Hilfsmittel (auf dem Boden, ohne Trampolin, Ebenen o.ä.) zu schaffen. Ich glaube ein Teil von mir war sich ziemlich bewusst, dass das im Alter von 42 zu erreichen, so ganz ohne Vorgeschichte bei Sport oder Gymnastik, eine Art Mond-erreicht-die-Baumwipfel-Ziel darstellte. Glücklicherweise versuchen andere Teile von mir ihr Bestes um diese Seite zu unterdrücken. Hatte ich Dir erzählt, dass ich stur bin? Als ich meinen ersten Rückwärtssalto schaffte (und ja, ich hatte Todesängste), sagte einer meiner Freunde beim Parkour zu mir „Nicht schlecht – um das zu lernen habe ich Jahre gebraucht“. Er ist auch einer der älteren Typen dort. Er ist 17.

Während Deines Krankenhausaufenthaltes haben viele Pain Of Salvation-Fans Deine Genesung in den sozialen Medien begleitet. Du hast aus Deinem Umfeld sehr viel Unterstützung bekommen und trotz Deines schlechten Zustandes bist Du sehr kreativ gewesen. Ein Highlight war eine Fotoreihe, die Du über Instagram veröffentlicht hattest, in der Dein Alter Ego “Mr. M”, gespielt von einer Deiner Mayones-Gitarren, das Leben im Krankenhaus bewältigt. Werden wir ihn wiedertreffen, vielleicht als gedruckte Version in einem netten kleinen Fotobuch oder auf Leinwand?

Ich selber hatte mit dieser Idee auch schon herumgespielt. Kreativität war schon immer meine Ausdrucksart, und sie rettet mich immer wenn es wirklich schlecht aussieht. Als das erste Foto veröffentlicht wurde, dachte meine Frau „Okay, entweder er kommt jetzt wieder zu sich, oder er ist komplett verloren“. Ich hoffe immer noch, dass es Ersteres ist, aber wer weiß das schon. Ich würde diese Fotoserien liebend gerne in einem quadratischen Hochglanzbuch sehen, 24 x24 cm, die Fotos in 12 x 12, glänzend auf mattem Papier. Speziell? Ich? Nee! Natürlich hätte das Buch einen rauchfarbenen Kunststoffdeckel. Verdammt, vielleicht war es nun doch Zweiteres (scherzt).

The diametrical opposite of unplugged.

Ein von Daniel Gildenlöw (@danielgildenlow) gepostetes Foto am

…and there was always someone ahead of him in the shower line.

Ein von Daniel Gildenlöw (@danielgildenlow) gepostetes Foto am

Dir scheint Artwork für Deine Alben ebenfalls sehr wichtig zu sein. „Remedy Lane Re:visited (Re:mixed & Re:lived)“ hat eine überarbeitete Gestaltung und ein erweitertes Booklet-Design. Hast Du das Artwork für euer nächstes Album “In The Passing Light Of Day” bereits fertiggestellt?

Nö, ich versuche immer als erstes einen besonders hohen Aufregungslevel zu erreichen, und komme Abgabeterminen sehr nahe. Nee, aber das ist normalerweise eine der letzten Sachen, die man festlegt, weil es so viele Dinge bzgl. der Pressung gibt, die die Aufmerksamkeit zuerst benötigen. Ich habe eine Vorstellung von dem was ich verwirklichen will, und mit dem Fotografen Lars Ardarve habe ich auch schon eng zusammengearbeitet um das Material für eine Idee aufzunehmen, die wir haben. Es wird spannend sein zu sehen, wie das zusammenpasst.

Wann ist der Veröffentlichungstag?

Zuletzt hörte ich vom 13. Januar des nächsten Jahres. (Ich habe das Datum ausgewählt, es ist natürlich ein Freitag.)

„In The Passing Light Of Day“ wird produziert von Daniel Bergstrand (In Flames, Meshuggah, Strapping Young Lad, etc.). Du erklärtest: „Diese Kooperation fühlt sich wie eine im Himmel geschaffene Verbindung an (oder vielmehr einem anderen coolen Ort, an den ich tatsächlich glaube) und er war genauso begeistert mit uns zu arbeiten wie wir mit ihm.“ Kannst Du seinen Einfluss auf die Aufnahmen beschreiben?

Also, so wie ich, ist er auch ein Mann der Details, ein Mann, der sich seinem Beruf widmet und der Extraarbeit auf sich nimmt, wann immer er denkt dass damit eine Verbesserung erreicht wird. Er ist leidenschaftlich, ein Künstler. Er wird alles probieren und ist auch bereit eine Idee unter Aufgabe seiner Standardroutinen augenblicklich zu verwerfen, wenn diese nicht funktioniert. Gleichzeitig verwendet er althergebrachte Methoden und bleibt standhaft wenn er an etwas glaubt. Selbstverständlich habe ich mich in seiner Gegenwart gleich wie zu Hause gefühlt. Und der Schlagzeugsound ist herausragend, er entströmte den Lautsprechern genauso, wie ich ihn schon immer klingen hören wollte!

Und bitte erzähle uns mehr von dem Ort an den Du glaubst.

Nee, damit war einfach irgendein cooler Ort gemeint. Anstelle vom Himmel, an den ich einfach nicht glaube. Eine Verbindung geschaffen im Epcot Center? Den Osterinseln? Ich weiß es nicht, setzte einfach ein, was Deinem eigenen Himmelsequivalent entspricht, glaub’ ich. Die Werkstatt des Weihnachtsmannes am Nordpol? Grand Canyon …

Dem Anschein nach sind Pain of Salvations letzte Alben hauptsächlich von Mastermind Daniel Gildenlöw geprägt worden. Zuletzt hast Du den zweiten Gitarristen Ragnar Zolberg stärker ins Songwriting einbezogen. Wie wirkt sich das auf die neuen Songs aus?

Es war schön, wieder mit jemandem zusammen zuschreiben. Musikalisch waren wir auf einer sehr ähnlichen Wellenlänge, als wir mit den Arbeiten am neuen Album begannen. Wir hatten beide Ideen für Songs und Passagen, und diese zusammenzufügen fiel sehr leicht.

Ragnar Zolberg lebt in Island und Norwegen. Ist es eine Herausforderung die Entfernung mit dem kreativen Prozess des Komponierens, den Aufnahmen und Proben in Einklang zu bringen?

Ja, sehr sogar. Aber wir haben hart daran gearbeitet damit es funktioniert, und unsere großartigen Frauen und Familien waren eingesprungen und halfen uns sehr.

Normalerweise folgt auf die Veröffentlichung eines neuen Albums eine Tour. Was können wir erwarten?

Das müssen wir abwarten, aber ich vermute, dass wir für das nächste Frühjahr Touren durch die USA und Europa im Sinn haben würden, vielleicht im Februar beginnend. Hoffentlich sehe ich euch alle da. Vollgas! (lacht)

Daniel, wir freuen uns wirklich darauf das neue Material zu hören. Viel Glück für die Veröffentlichung und danke, dass Du uns unsere Fragen beantwortet hast!

Am 21. Oktober werden Fans die Chance haben einem Solo-Auftritt von Daniel Gildenlöw beim diesjährigen GenerationProg Festival in Nürnberg beizuwohnen.

Live-Foto: Monika Baus

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Interview m. Daniel zu „Falling Home“ (2014)
Interview m. Daniel, u.a. zur Tour mit Cryptex (2012)
Interview m. Daniel zu „Remedy Lane“ (2002)

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Über den Autor

Annika Dormeyer

Das Leben ist komplex!

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