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    Du bist hier:Home»Reviews»BIG|BRAVE - Grief Or In Hope

    BIG|BRAVE - Grief Or In Hope

    0
    By flohfish on 15. Juni 2026 Reviews
    BIG|BRAVE - Grief Or In Hope (Thrill Jockey, 12.06.2026)
    Credit: Mat Ball

    Drone • Post Metal • Doom
    (44:05; Vinyl, CD, Digital; Thrill Jockey/Indigo; 12.06.2026)

    "Grief Or In Hope" in der Doppelbetreuung

    Teil 1: Carsten Agthe
    Eruiert man das Stimmungsbarometer zum neuen BIG|BRAVE-Œuvre, dann dürfte wohl die erste Charaktereigenschaft des Albumtitels von bestimmender Gültigkeit sein. Zugegeben waren die Kanadier schon immer Kinder von Traurigkeit. Beziehungsweise tiefgründiger Melancholie.

    Ein Aspekt, der auf dem neuen Album eine deutliche Verstärkung erfährt: Schlagzeugerin Tasy Hudson hat auf unbestimmte Zeit das Bandgefüge verlassen, weswegen die übriggebliebenen Mitglieder Robin Wattie und Mat Ball die Flucht nach vorn antraten und mit "In Grief Or In Hope" ein Album gänzlich ohne Schlagzeug einspielten. Live-Bassist Liam Andrews wurde festes Bandmitglied und der Fokus auf intensive Vocal-Schwankungen im „Flüstern und Schreien“-Modus sowie dröhnende (oder „Drone“ende) Gitarrenfeedbacks gelegt. Womit die Band gerade mit ihrem zehnten (!) Album eine eindeutige Zäsur hinlegt und sich vom Noise vergangener Produktionen entfernt.

    BIG|BRAVE vollziehen hier die Dead Can Dancierung des Noise-'n'-Drone-Rock (wobei gerade der schamanisch erscheinende Opener 'What May Be The Kindest Way To Leave‘ zum bandeigenen 'Spirit Dance‘ gerät), ergehen sich in dramatisch schleifender Ekstase ('Verdure‘) oder erschaffen mit an den Knochen nagenden Gitarren und selbstvergessenen, durch den Vocoder gejagten Vocals pure Suspense ('An Uttering Of Antipathy‘).

    Es ist gut, dass dieses Album im Sommer erscheint, da es die dunklen Nächte in der kalten Jahreszeit noch viel dunkler werden lassen würde. Soviel Kummer…
    Bewertung: 12/15 Punkten


    Teil 2: flohfish
    BIG|BRAVE gehören zu jenen Bands, die ich für ihre Kunst aufrichtig bewundere, deren Alben aber nur selten den Weg auf meinen heimischen Plattenteller finden. Nicht etwa, weil sie schlecht wären. Im Gegenteil. Vielmehr verhält es sich mit ihrer Musik ähnlich wie mit hochprozentigem Schnaps: Man erkennt die Qualität, verspürt aber nur gelegentlich das Bedürfnis, sich davon die Sinne vernebeln zu lassen. Live hingegen sieht die Sache anders aus. Dort verwandeln sich die Sperrigkeit, die Drones und die scheinbar endlosen Feedback-Schleifen in eine mitreißende physische Erfahrung, wie ich inzwischen dreimal beim Roadburn Festival feststellen durfte.

    Auch ihr zehntes Studioalbum "In Grief Or In Hope" macht es seinen Hörern nicht unbedingt leicht. Allerdings verfügt das Werk über eine Musikalität, die man weder von BIG|BRAVE noch vom Drone Metal im Allgemeinen unbedingt erwartet hätte. Robin Wattie hatte im Vorfeld von eingängigen Melodien gesprochen – ein Satz, der bei BIG|BRAVE ungefähr so glaubwürdig klingt wie die Ankündigung eines Tornados, heute lediglich als leichte Brise aufzutreten. Tatsächlich aber finden sich auf dem Album immer wieder Gesangslinien und wiederkehrende Motive, die erstaunlich direkt wirken.

    Verantwortlich dafür dürfte nicht zuletzt die veränderte Besetzungssituation sein. Während Schlagzeugerin Tasy Hudson eine Pause einlegt, verzichtet die Band vollständig auf Drums und integriert stattdessen ihren langjährigen Live-Bassisten Liam Andrews erstmals als vollwertiges Studiomitglied. Dadurch entstehen offenere Arrangements, in denen Robin Watties Stimme stärker in den Vordergrund rückt. Dabei bleibt ihr Vortrag unverwechselbar. Oft wirkt er weniger wie klassischer Gesang als vielmehr wie Lautmalerei, die sich zwischen den Gitarren- und Bassdrones hindurchschlängelt. Und doch transportiert Wattie diesmal erstaunlich greifbare Texte.

    Diese kreisen um Trauer, Schuld, Scham, Hoffnung und die Frage, wie Menschen miteinander und mit sich selbst umgehen. Zeilen wie „the truth of grief lies in what is left of hope“ oder das beinahe erschreckend direkte „do you like who you are“ verleihen den Songs eine emotionale Offenheit, die man bei BIG|BRAVE in dieser Form selten erlebt. Das titelgebende Spannungsfeld zwischen Trauer und Hoffnung zieht sich dabei durch das gesamte Album. Nicht als Gegensatz, sondern als zwei Zustände, die untrennbar miteinander verbunden sind.

    Musikalisch bleibt das Trio dennoch seiner DNA treu. Mathieu Ball türmt weiterhin gewaltige Gitarrenlandschaften auf, lässt Verstärker leiden und Feedbacks kreisen, bis aus purem Krach plötzlich Schönheit entsteht. Stücke wie 'The Ineptitude For Mutual Discernment' oder der abschließende Titeltrack verbinden dabei die vertraute Wucht der Band mit einer neuen Klarheit. Dass BIG|BRAVE mittlerweile über Melodien sprechen, bedeutet schließlich nicht, dass sie plötzlich Popmusik machen. Es bedeutet lediglich, dass der Betonklotz diesmal ein paar Fenster bekommen hat.

    "In Grief Or In Hope" wirkt daher wie eine Rückschau auf die bisherige Karriere der Kanadier und gleichzeitig wie ein vorsichtiger Blick nach vorn. Die Band bleibt kompromisslos, erweitert ihren Klangkosmos aber um neue Nuancen. Wer bislang keinen Zugang zu BIG|BRAVE gefunden hat, wird vermutlich auch hier nicht bekehrt werden. Wer sich jedoch auf diese Mischung aus Drone, Verletzlichkeit und kontrollierter Klanggewalt einlassen möchte, findet eines der zugänglichsten und zugleich emotional unmittelbarsten Alben ihrer Diskographie.
    Bewertung: 12/15 Punkten


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    Weitere Informationen

    BIG|BRAVE - Grief Or In Hope (Thrill Jockey, 12.06.2026)
    Credit: Stacy Lee

    Besetzung:
    • Robin Wattie - voice, electric guitar, amplifiers
    • Mat Ball - electric guitar, amplifiers, acoustic guitar, harmonic tube
    • Liam Andrews - electric bass, amplifiers, harmonica, prepared speaker
    • Seth Manchester - synthesizer
    • Luc Van Weeldan - spring reverb box

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    Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Rarely Unable zur Verfügung gestellt.

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    BIG | BRAVE CD Digital Doom Doppelbetreuung Drone Indigo Kanada Liam Andrews Luc Van Weeldan Mat Ball Montréal Post Metal Québec Rarely Unable Robin Wattie Seth Manchester Thrill Jockey Vinyl
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    flohfish
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    1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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