The Hirsch Effekt – Gregær

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The Hirsch Effekt – Gregær (Long Branch Records/SPV, 26.03.21)(28:46, Vinyl, Digital, Long Branch Records/SPV, 2021)
Die Hannoveraner Band The Hirsch Effekt hat schon immer musikalische Stile miteinander vereint, die auf den ersten Blick nicht wirklich zueinander zu passen scheinen. Und so, über die Jahre hinweg, einen einzigartigen wie unverwechselbaren Stil kreiert, der Indie-Pop, Math Rock, Grindcore, Progressive Metal und Jazz mit Klargesang, Chorgesang, Gefauche, Screams und Rap verbindet. Die nun vorliegende EP namens „Gregær“, auf der die Niedersachsen einige ihrer Stücke in ein neues Gewand kleiden, ist somit nicht anderes als eine logische wie konsequente Weiterentwicklung ihres Sounds. Denn die Zusammenarbeit mit 17 jungen klassischen Musikern macht die durch Anthony Williams neu arrangierten, von den beiden letzten Studio-Alben stammenden Stücke ‚Natans‘, ‚Domstol‘ und ‚Kollaps‘ nur noch farbenfroher und facettenreicher, ohne dass die bandtypischen Trademarks dabei verleugnet würden. Es ist gleichzeitig eine Art Rückbesinnung auf die Phase der „Holon“-Trilogie , als das Trio, bestehend aus Nils Wittrock (Gesang, Gitarre), Ilja John Lappin (Bass, Gesang) und Moritz Schmidt (Perkussion, Schlagzeug) noch stärker mit klassischen Elementen experimentierte.

Passend gewählt ist dementsprechend auch der Name des Albums, da Gregäres Verhalten in der Biologie das Zusammenkommen von Organismen beschreibt.

Schon der Opener ‚Natans‘, dessen Original sich auf dem 2017er Album „Eskapist“ findet, gewinnt sowohl durch das neue Arrangement als auch durch die veränderte Instrumentierung um ein Vielfaches an Strahlkraft und wirkt an manchen Stellen so, als hätte man die Thank You Scientists zu sich ins Studio eingeladen. Zusätzlich gibt der verstärkte Einsatz von Chorgesang dem Stück eine Tiefe, welche es im Original noch vermissen ließ.

‚Domstol‘ hingegen bleibt von allen drei neu aufgenommenen Stücken wohl am nächsten am Original, wirkt phasenweise allerdings besonders spannend, da bei keinem der anderen Lieder ein so großer Kontrast zwischen klassischen Instrumenten und den harschen Gesangslinien vorherrscht.

Die größte Metamorphose musste wohl ‚Kollaps‘ über sich ergehen lassen, welches in seiner neuen Fassung auf Sounds zwischen Jazz und Big Band trifft und in seinen Klangfarben um Weiten düsterer gezeichnet ist (und mit Abstand mein pers. Favorit, KR).

Die interessanteste Aufnahme ist jedoch das Titelstück ‚Gregær‘, da es sich hier um den einzigen wirklich neuen Song der Platte handelt. Dieser war schon mit dem Hintergedanken geschrieben worden, dass er sich in das Kozept dieser speziellen EP hineinfügen sollte. Gitarrist und Sänger Nils Wittrock hierzu:

Den neuen Song ‚Gregær‘ haben wir letztes Jahr vor unserer ‚Corona-Tour‘ gemeinsam geschrieben. Wir haben den Song von Anfang an so angelegt, dass Anthony Williams möglichst viel Platz für sein Orchester bleibt. Textlich behandelt der Song das Spannungsfeld zwischen meinem eigenen Unmut und der Frustration, durch die Covid-19-Pandemie auf der einen Seite und dem Unmut und Frust derer, die sich in der Querdenker-Bewegung formieren, auf der anderen.

Und was soll man sagen, der Titelsong klingt nach klassischen Hirschen, mit punkiger Attitüde, intelligenten Texten und voll verrückter Ideen. Doch wie auch die drei anderen Stücke ist ‚Gregær‘ weniger hart und metallisch als noch jene Lieder der beiden letzten Alben der Band.

Teapot of the Week

„Teapot of the Week“ auf Betreutes Proggen in der KW12/2021 (mit nur 1-3 Tägelchen Verspätung)

In seinem Ergebnis jedoch haben die Stücke auf „Gregær“ die größere Durchschlagskraft, da die Musik von The Hirsch Effekt hier nicht mehr wie ein Crossover verschiedener Genres klingt, sondern vielmehr wie ein eigenständiger Musikstil. Und somit ist den Hirschen das gelungen, woran so viele Bands gescheitert sind, denn ‚Gregær‘ ist weniger das einfache Zusammenkommen von Band, Chor und Orchester, sondern vielmehr die symbiotische Verschmelzung zu einer harmonischen wie kreativen Einheit.
Bewertung: 14/15 Punkte (FF 14, KR 13)

The Hirsch Effekt – Gregær (Long Branch Records/SPV, 26.03.21)

Credit: Christoph Eisenmenger

Tracklist:
1. ‚Natans‘ (Orchestral Version) (10:11)
2. ‚Domstol‘ (Orchestral Version) (5:40)
3. ‚Kollaps‘ (Orchestral Version) (7:22)
4. ‚Gregær‘ (Orchestral Version) (5:33)

Besetzung:
Nils Wittrock (Gesang, Gitarre)
Ilja John Lappin (Bass, Gesang)
Moritz Schmidt (Percussion, Schlagzeug)

Gastmusiker:
John Winston Berta (Percussion)
Horiat Hosain (Tablas)
Valentin Kollenda (Moog Noise – Track 3)
Malte Winter (Synths)
Anthony Williams (Piano)
Jelto Makris (Nord-Piano – Track 3)
Tom Trabandt (Trompete – Track 3)
Benjamin Stanko (Trompete, Flügelhorn – Track 1, 2, 4)
Volkan Aydogdy (Tenorsaxophon, Klarinette)
Lennart Stünkel (Posaune – Track 3)
Jan F. Schmidt (Posaune – Track 1, 2, 4)
Moritz Aring (Altsaxophon, Flöte, Klarinette – Track 1, 2, 4)
Alina Tümpel (Horn – Track 3)
Friedemann Peter (Bass-Gesang)
Henning Jakob (Bass-Gesang)
Niklas Wienecke (Tenor-Gesang)
Lennart Müller-Wirts (Tenor-Gesang – Track 3)
Katharina Koch (Alt-Gesang)
Katrin Enkemeier (Alt-Gesang – Track 3)
Vanessa Figueroa (Sopran-Gesang – Track 3)
Jan Berger (Sopran-Gesang – Track 1, 2, 4)
Maischa Perdelwitz (Sopran-Gesang)
Gal Golob (Cello)
Jonathan Paulsen (Bratsche – Tracks 1, 2, 4)
Marie Stiller (Geige – Track 3)
Sheila Dirks (Geige – Tracks 1, 2, 4)
Dana Willimas (Geige)

Surftipps zu Anthony Williams:
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Crowdfunding Projekt: Anthony Williams plays The Hirsch Effekt – Solo Piano Album

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Rezension „Kollaps“ (2020)
Rezension „Eskapist“ (2017)
Konzertbericht: 10.10.20, Kaiserslautern, Kammgarn

Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Long Branch Records/SPV zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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