Various Artists – The Brain Box – Cerebral Sounds Of Brain Records 1972-1979

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Universal-BrainBox-2017(6x 79:08 + 68:12 + 69:01, 8 CDs, Brain/Universal, 2017)
Allein schon das reine Zahlenwerk beeindruckt an diesem Masterbrain unter den Krautrock-Kompilationen bzw. Labelportraits: 83 Songs, über zehn Stunden Musik, gleich zwei Livealben erstmalig auf CD veröffentlicht – Herz und Hirn, was wollt ihr mehr? Eine überdurchschnittliche Ausstattung der Box? Bitte sehr, die gibt es auch:

  • Geschmackssichere und nachvollziehbare Auswahl der Titel, Check.
  • Remastering für diese Veröffentlichung von, na wem wohl?, Eroc, Check!
  • Ein über 70-seitiges Booklet, kompetent betextet von Mark Powell (englisches Vorwort; er war für die Songauswahl zuständig) sowie Andreas Dewald, in dem viele Musiker in teils langen, fast immer spannenden O-Tönen zu Worte kommen, das Ganze üppig mit teilweise seltenen Bildern illustriert, Check.
  • Die aufnehmende Box – sozusagen der BrainFrame – ist mit grünem Stoff bezogen, ein eingearbeitetes Bändchen schützt die enthaltenen Preziosen beim Transport, Check.
  • Apropos Transport – die ebenfalls enthaltene kultig-grüne Brain-Jutetasche weist ihren Träger als hoffnungslos verkrauteten Musiknerd aus, kann auch als Mütze Verwendung finden, Check.
  • Die Macher sind problembewusst: „Trotz intensiver Bemühungen ist es den Produzenten dieses Box-Sets nicht gelungen, inhaltlich zwingend notwendige Tracks der Formation Neu! zu lizensieren“.
  • Die besonders wertige Box wird zu fairen Preisen zwischen 89 und 95 Euro vertrieben, Check.

Die Label-Retrospektive deckt also die Jahre von der Gründung 1972 (unter dem Dach von Metronome) bis 1979 ab. Den Einstieg auf CD1 machen die Scorpions mit ‚Leave Me‘ vom vorzüglichen Debüt der Hannoveraner noch mit Michael Schenkers Lead-Gitarre – und gleichzeitig dem ersten Album von Brain Records – „Lonesome Crow“. Auf den noch recht bekannten Song folgt das vergleichsweise obskure, aber nicht minder hörenswerte ‚I Turned To See Whose Voice It Was‘ von der Kölner Formation Gomorrha. ‚Daytime‘ von Jane (aufgrund ihrer Bedeutung insgesamt dreimal vertreten) bedarf in diesem Kino keiner gesonderten Vorstellung, das mag beim natürlich sehr östlich gefärbten ‚Kamasutram‘ von der Wolfgang Dauner Group schon anders aussehen, auch wenn Dauner einer von Deutschlands profiliertesten Jazzpianisten ist. Ohne Cluster wäre keine Sammlung dieser Jahre vollständig, hier ist mit ‚Plas‘ ein zehnminütiges „Proto-Industrial“-Monument enthalten. Apropos Denkmäler – Guru Guru sind mit gleich drei Titeln, darunter ‚Oxymoron‘, würdig vertreten. Die bis heute strahlkräftigen Grobschnitt sind mit ‚Wonderful Music‘ und den 18 Minuten von ‚Solar Music, Pt. 1‘ gut repräsentiert. Os Mundi sind zwar keinesfalls Unkraut, aber vielleicht doch eher Grünzeug aus der zweiten Kräuterbeet-Reihe, wiewohl co-produziert von Conny Plank. Auch das Amon-Düül-Spin-off Sameti hatte unsereiner nicht wirklich auf dem Schirm und kann die Wissenslücke hier angenehm stopfen. Dumpf verfügbar war immerhin die Information, dass Udo Lindenberg früher Jazz-Schlagzeug gespielt hat. Der Beitrag von und über die teilweise an Colosseum erinnernden Münchner Emergency bringt hier Licht ins Dunkel.

Mit Electric Sandwich lernen wir nun sogar eine Bonner Formation kennen – und schon aufgrund des hypnotischen Grooves in Pingpong-Stereo von ‚China‘ auch schätzen. Die faszinierenden Embryo muss man Proggern ja hoffentlich nicht mehr gesondert ans Herz legen. Falls doch, geschieht das hier mit dem für ihre Verhältnisse noch relativ allgemeinverträglichen ‚Radio Marrakesch/Orient Express‘ sowie später auf CD2 mit ‚A Place To Go‘.

‚Tears Are Goin‘ Home‘ von Lava hingegen ist ein von den Strukturen und Klangfarben sowie der Gesangsstimme besonders mutiges Unterfangen. Da ist es gut, dass uns im Anschluss Tangerine Dream mit traumwandlerischer Sicherheit wieder beruhigen. Wirklich interessant ist auch die Begegnung mit der jazzigen Psychedelik von Thirsty Moon aus Bremen – Entdeckungen zuhauf!

Novalis sind natürlich allzu bekannt, oder vielleicht doch nicht? ‚Laughing‘ von „Banished Bridge“ (1973) jedenfalls räumt mit einigen der Vorurteile des Rezensenten über die Hamburger aus, etwa dem pauschalen Kitschvorwurf. Tatsächlich sind hier wie auch anderswo die warmen Sounds von analogen Keyboards und Orgeln eine Offenbarung. Wie auch die erste Berücksichtigung der „Supergroup“ dieser Ära, die frühen Elektroniker Harmonia.

Eine erstmalige Begegnung erfolgt auf CD3 mit den elegant klingenden Jazz-Rockern Kollektiv, die angeblich aus Krefeld stammten (hört doch auf, am Ende soll es auch noch Bielefeld geben)! Kollektiv-Bassist Jürgen Karpenkiel wirkte später an drei Alben von Guru Guru mit. Ausgesprochen ambient-erleuchtungsfördernd, sozusagen ambilighted, wird es mit ‚A Meditation Mass‘ von Yatha Sidhra. Die angenehm an Sweet Smoke erinnernde „Messe“ füllte beide Seiten der von Achim Reichel produzierten Original-LP, der hier enthaltene ‚Pt. 3″ bringt es auf knapp zwölf Minuten.

Satin Whale waren ebenfalls ein Bonner Gewächs. Auf Brain erschien das hier auch gefeaturte Debüt „Desert Places“, auf dem Bassist Thomas Brück singt. Also noch nicht, wie auf „Don’t Stop The Show“, der britische (New-)Triumvirat-Sänger Barry Palmer (u.a. Mike Oldfield).

Auf CD4 haben viele schon auf 1-3 vertretene Interpreten eine zweite, meist gut genutzte Chance. Ein besonderes Faszinosum ist für den Rezensenten das sphärisch-psychedelische ‚Des Zauberers Traum‘ von Eroc sowie ‚Explorer‘ von den von Frank Zappa gut geheißenen Oldenburgern Schicke Führs Fröhlich. Where are they now?!?

Unboxing the BrainBox

Der subjektiv gewaltigste Fund auf CD5, vielleicht auch der ganzen Box, ist Lilienthal, ein magisch bis manisch klingendes Studio-Projekt der Cluster-Musiker Dieter Moebius, Studiolegende Conny Plank mit u.a. Hellmut Hattler und Johannes Pappert von der heute wieder fliegenden Legende Kraan. Popol Vuhs „Engel der Gegenwart“ vom Soundtrack für den Werner Herzog-Film „Herz aus Glas“ schmiegt sich hieran an, wie bei einem guten Mix-Tape. Die bis heute bezaubernden Birth Control geben mit der bluesrockigen Live-Aufnahme von ‚Titanic‘ (1979) ihre Visitenkarte ab. Und vier Teile von ‚Adonis‘ von Anyone’s Daughter haben es in die Box geschafft.

CD6 enthält Tracks aus den von Brain lizenzierten Aufnahmen aus dem Ausland jener Tage, von Steamhammer, Spyrogyra (nicht zu verwechseln mit den Soft-Jazzern Spyro Gyra, wie die Label-Info das tut), Atomic Rooster (fantastisch: ‚Time Take My Life‘), Alexis Korner & Snape, den großartigen Folk-Proggern Gryphon (deren Alben sollte man vielleicht ohnehin kennen, mindestens aber „Red Queen To Gryphon Three“), der niederländischen Formation Light, Locomotiv GT aus Ungarn oder der finnischen Band Tasavallan Presidentti.

Wie gesagt erstmals in diesem Format vorliegend stellen die beiden „Brain Festival Essen“-Doppelalben von 1977 und 1978 gewissermaßen den Bonus der Box dar. Hier präsentierte das hirnige Label seine Künstler exklusiv auf der Bühne der Grugahalle in Essen und dann auf Platte (hier CD7-8) – die bereits etablierten Acts Jane, Guru Guru, Novalis oder RMO ebenso wie die damals neueren Bands Gate, Message, SFF, To Be, Blonker, und schließlich das Jazzrock-Quintett Ruphus aus Norwegen, das beide Male am Ende auftrat.

Für diesen Brocken muss man sich Zeit nehmen, das belohnt er dann aber auch mit zahllosen prächtigen (Wieder-)Entdeckungen. Am besten zehn Stunden am Stück, denn Eroc hat es diesmal geschafft, alle außer der sechsten und achten CD zwar nicht auf 79:10, aber doch immerhin auf 79:08 Minuten zu bringen.

Gab es auch Kritikpunkte? Minimale, ja: Nur das wie gesagt gediegene Beibuch verrät das jeweilige Aufnahmejahr. Da es aber nicht chronologisch oder nach Tracklist, sondern alphabetisch geordnet ist, wird hier einiges an Blättern erforderlich, um eine Information zu ergattern, für die zumindest auch auf der Box-Rückseite noch Platz gewesen wäre. Aber das ist Jammern auf höchstem Hirnf**z-Niveau. Allein schon für den Repertoirewert geht also kein Weg hieran vorbei.
Bewertung: 13/15 Punkten

Hirnkrautdetail

Aus der Label-Info:
„… und 1969 gründete der Journalist Rolf-Ulrich Kaiser das heute nicht minder legendäre Label Ohr, kurz danach auch die Labels Pilz und Kosmische Kuriere. Zwei seiner damaligen Mitarbeiter, Günter Körber und Bruno Wendel, waren allerdings von der zunehmenden Exzentrik und den LSD-Experimenten ihres Chefs bald so genervt, dass sie sich Ende 1971 zum Ausstieg entschlossen, um wenig später unter dem Dach der Hamburger Firma Metronome ihr eigenes Label zu gründen. Einige der Ohr-Acts wie Embryo, Guru Guru und Klaus Schulze nahmen sie gleich mit, jede Menge andere kamen dann auf Brain neu hinzu: Jane, Cluster, Grobschnitt, Os Mundi, Thirsty Moon und Emergency, um nur ein erstes halbes Dutzend zu nennen. Nach dem Ausstieg von Günter Körber um 1975 (er gründete danach Sky Records) verlor das Label seine treibende Kraft und die Ausrichtung, bewegte sich mehr und mehr in eine kommerziellere Richtung. Heute gehört der größte Teil des ehemaligen Programms zum Universal-Repertoire.“

Surftipps zur Brain-Box:
Wikipedia
Discogs
Universal
Promo-Team

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Über den Autor

Klaus Reckert

„everything happy, and progressive, and occupied“
K. Grahame, The Wind In The Willows

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Various Artists – The Brain Box – Cerebral Sound…

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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