Lupo und Eroc zur Lebenswerkschau „79:10“ (Grobschnitt-Boxset)

4

Sahneschnitten in der Box

Lupo, Willi Wildschwein, Eroc (Official Bandpic 2015)

Lupo, Willi Wildschwein, Eroc (Official Bandpic 2015)

Superlative bei den Schnitten: Universal Music (UM) bringt unter dem Titel „79:10″ den kompletten Grobschnitt-Katalog in einem Super-Deluxe-Boxset heraus: 14 von Eroc remasterte Original Alben + üppiges Bonusmaterial, darunter drei bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen von „Solar Music” sowie zusätzliches Bild- und Textmaterial, 17 CDs (à 79:10 Minuten Laufzeit, in Summe über 22 Stunden, davon sieben „Bonus“-Stunden), Charts-Einstieg… Wenn das keine guten Gründe sind, Gerd Kühn-Scholz („Lupo“„) und Joachim Heinz Ehrig („Erke“ bzw. „Eroc“) zu einem „Unboxing“ zu bitten!

Glückwunsch! Eure wunderbare Box hat es in die Charts geschafft, die erste Auflage war zügig ausverkauft. Ab wann ist die Zweitauflage verfügbar?

Lupo: Danke. Aktuell (seit d. 10.07.15, d. Red.) ist die unveränderte Zweitauflage von „79:10“ wieder im Handel verfügbar. Alle Alben sind darüber hinaus auch als separate CDs mit neuen, ausführlichen Booklets erhältlich. Die Euphorie über das Grobschnitt-Vermächtnis zeigt einmal mehr, wie zeitlos unsere Musik immer noch ist. Nicht umsonst heißt es ja „Kein Tag ohne Grobschnitt“.

"Kein Tag ohne Grobschnitt" (1980)

„Kein Tag ohne Grobschnitt“ (1980)

Dass die Box so durch die Decke geht, hätten wir aber ehrlicherweise nicht zu träumen gewagt und haben in weiser Vorausschau sofort folgenden Text auf Facebook veröffentlicht:
»Unsere Box „79:10“ beamt sich binnen einer Woche von „Null“ auf „Platz 25“ in die deutschen Album-Charts. Wir sind baff: Das Universum spielt jetzt völlig verrückt. Scotty, fang uns wieder auf, wenn wir runterfallen.« Leider sind wir dann auch sofort wieder rausgeflogen weil die Erstauflage sofort verkauft war. Mal sehen, wie hoch wir jetzt mit der zweiten Auflage fliegen…

Name und formales sowie optisches Konzept der Box sind ja wirklich originell – wie heftig war der Kampf, jede CD auf genau 79:10 Laufzeit zu trimmen?

Lupo (1977)

Lupo (1977)

Lupo: Das war kein Kampf, sondern purer Zufall. Wir hatten nach dem Remastering von drei Alben festgestellt, dass diese zeitlich immer so bei 77-79-Minuten landeten. Weil die maximale Höchstspieldauer einer CD 79:10 Min. beträgt, kam uns die verrückte Idee, alle CDs mit der gleichen Laufzeit auszustatten. Bonusmaterial hatten wir genügend, sodass wir sogar noch die Alben „Rockpommel`s Land“, „Solar Music Live“ und „Last Party“ mit einer Extra-CD erweitern konnten.

Natürlich musste Remastering-Zauberer Erke Eroc einige Male tief in die Trickkiste greifen, damit alle 17 CDs die Punktlandung bei 79:10 Min. hinlegten. Aber unser Ehrgeiz wurde belohnt und jetzt warten wir auf den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
Damit hatte auch unsere wochenlange Suche nach einem geeigneten Namen für die Box schlagartig ein Ende. Das Gesamtwerk konnte nur „79:10“ heißen.

Zeitgleich hatte ich die Idee mit dem Weltraum-Cover und der digitalen Uhr weil das wiederum zum Digital-Remastering passte. Unserer Plattenfirma UM gefiel das auch alles sehr gut und so entstand das außergewöhnliche Konzept. Insgesamt umfasst die Box mehr als 22 Stunden Musik, davon über sieben Stunden an Bonustracks.
uhr_1972_grobschnitt_mid

Erste Label-Gespräche schon 2006

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit UM? Mal eben ein Box-Set mit 17 CDs und einem 96-seitigen Booklet sowie alle Einzelalben mit komplett neuen Artwork zu veröffentlichen, passiert selbst bei einer solchen Major Company vermutlich nicht jeden Tag?

Lupo: Meine ersten Gespräche mit UM und anderen kleineren Labels gehen bis auf das Jahr 2006 zurück. Allerdings konnten die kleineren Labels in erster Linie nur selektiv wieder veröffentlichen, weil die Rechte für die meisten Alben bei UM lagen.
2012 intensivierte ich die Gespräche mit UM und wir vereinbarten, den gesamten Grobschnitt-Katalog von 1972-1989 mit neuem Remastering und Artwork zu veröffentlichen. Erke hatte parallel zu meinen Gesprächen im Auftrag von UM bereits mit dem Remastering begonnen, so dass wir dann auch zeitnah mit dem Artwork starten konnten.

1974

1974

Unser Ziel war es, die Grobschnitt-Geschichte möglichst authentisch im Rahmen einer Bilder-Chronologie zu erzählen. Ein großes Lob deshalb auch an die UM-Graphikerinnen, die das 96-seitige Box-Booklet im LP-Format layoutet haben und auch die Idee mit dem handsignierten Rockpommel`s Land-Kunstdruck hatten. Da wir öfters gefragt werden, ob die Kunstdrucke von uns drei Grobschnitt-Gründungsmitgliedern persönlich handsigniert wurden, möchten wir das hier ausdrücklich bejahen. Das Arbeitsgerät war der „Edding 780 Creative Silber“.

Eroc (1977)

Eroc (1977)

Eroc: Wir waren völlig frei in jedweder Gestaltung. Egal, ob Bonustracks, Grafik oder Box-Booklet – UM hat uns in allen Bereichen unterstützt, ermutigt und durch gute Ideen auch oft weiter geholfen. Es gab keinerlei Limit für irgendwas. Auch der Termin der Veröffentlichung wurde ohne Probleme immer wieder nach hinten verschoben, als sich während der Arbeit herausstellte, dass das Projekt von sich aus immer mehr Einsatz forderte. Überhaupt war die Zusammenarbeit mit UM sehr gut weil mit Moritz Trapp ein Labelmanager die Fäden zog, der nicht nur ein ernstes Interesse, sondern zudem eine Menge Spaß an der Grobschnitt-Geschichte hatte.

Lupo: Höhepunkt der Zusammenarbeit war unsere persönliche Box-Set-Präsentation vor mehr als 400 UM-Mitarbeitern in Berlin. Wir hatten eine Grobschnitt-Powerpoint-Präsentation vorbereitet und präsentierten diese live auf der Bühne. Für uns zwei Geschichtenerzähler natürlich eine willkommende Gelegenheit um der UM-Young-Generation die Grobschnitt-Welt etwas näher zu bringen. Die Aktion wurde zu einem grandiosen Unterhaltungsspektakel und hinterließ eine Menge staunender Gesichter bei den Mitarbeitern, die Grobschnitt de facto schon aus Altersgründen überhaupt nicht kannten.

Als der Sprecher in einem Rockpalast-Clip dann noch sagte, dass „Solar Music“ auch schon mal in einer Länge von 90 Minuten live gespielt wurde, hatten wir das Auditorium endgültig erobert. In Zeiten der eher etwas kürzeren Songs klang unsere Musikgeschichte tatsächlich wie aus einem fernen Jahrtausend. Seit dem Tag kennt uns die komplette UM-Belegschaft. Grobschnitt-Herz, was willst Du mehr…

Man liest gelegentlich, „79:10“ sei das Maximum, was eine Musik-CD aufnehmen könne. Tatsache aber ist, dass sich sogar in meiner Sammlung Exemplare mit +80: finden. Oder ist das ein Missverständnis und ab 79:10 gibt es „lediglich“ klangliche Einbußen – wie bei einer LP bei zu „eng“ geschnittenen Rillen?

Eroc: Tatsache ist, dass auf eine CD maximal 79:10 drauf passen. Das schreiben die sogenannten Red Book Specifications vor, das ist technisch genormt. Ich habe hier allein in den letzten Jahren weit über 1.500 CDs bearbeitet, optimiert und zur Fertigung ins Presswerk gegeben. Da ist diese Richtline vorgeschrieben.

Natürlich werden Grenzen allerorts und zu jeder Zeit immer wieder gern ausgelootet und überschritten. Man kann mehr auf eine CD drauf quetschen, indem man die „Steigungsrate“ erhöht, also von der Norm abweicht. In dem Fall werden die Zwischenräume zwischen den Datenspuren auf der CD verkleinert, somit gibt es mehr Platz und man kann sogar 82 Minuten und mehr unterbringen. Das muss aber explizit beim Presswerk beantragt und ein Haftungsausschluss unterschrieben werden.

Denn: diese längeren CDs können zu Problemen und somit zu Reklamationen seitens der Kunden führen. Zunächst mal steigen ältere Player mitunter bei 79:10 rigoros aus, dann hört man den letzten Track nicht bis zum Ende. Zudem kann der Abtastlaser im Player eher mal „springen“, wenn die Datenspuren dichter beieinander liegen. Das passiert sehr schnell, sogar auch bei CDs mit kürzerer Spielzeit, denn die wenigsten Leute reinigen ihren Player regelmäßig bzw. packen ihre CDs auch gern mal mit Fettpfoten an oder lassen Cola drüber laufen. Dadurch arbeitet die Laser-Optik nicht mehr zu 100 Prozent genau, speziell in Raucherumgebungen oder im Auto und das Abspielen wird holperig. Es gibt dann die bekannten Aussetzer und Springer. Mit 79:10 ist man zumindest von der Fertigung der CD her auf der sicheren Seite.

Was bot die größte Herausforderung beim Remastering der Mastertapes (sowie des Bonusmaterials) – wie wurde sie gelöst?

Eroc: Da ich mich seit über 15 Jahren hauptsächlich mit Remastering befasse, gibt es eigentlich kaum Probleme, die ich nicht lösen kann. Hier werden in der Tat mitunter echte „Wunder“ vollbracht (nach Aussagen der Kunden). Wenn z.B. bei einem Orgelkonzert in der Kirche einer hustet oder ein Stuhl umfällt, kann ich das aus der Aufnahme so geschickt entfernen, als sei das überhaupt nicht passiert. Denn so etwas passiert leider immer wieder und meist genau an der falschen Stelle.

»Falsche Töne – weg damit, schiet wat op de Authentizität!«

Dementsprechend mussten bei der Bearbeitung unserer Live-Tracks auch sehr viele Dinge zusätzlich zur Klangverbesserung repariert werden. Angefangen von hässlichen Knacksern durch Stromprobleme, über Verzerrungen durch zu hoch ausgesteuerte Elektronik, bis hin zum Knarren und Knistern durch die (alte) Lichtanlage wurde alles perfekt repariert. Auch Feedbacks oder falsche Töne konnte ich entfernen, als seien sie nie da gewesen. In der Regel ist es so, dass der Zuhörer solche Störungen zwar nicht bewusst wahrnimmt, aber sie trüben ihm doch das gesamte Hörbild und reißen den Hörgenuss unterbewusst immer wieder raus. Deswegen – weg damit, schiet wat op de Authentizität!

Wirklich schwierig war das Aufnorden der alten Aufnahme von „Charing Cross“ von 1970, die Lupo auf einer Cassette mitbrachte. Die war damals in Mono (!) offenbar mit einem Diktiergerät oder sowas mitgeschnitten worden. Da habe ich lange dran feilen müssen, das ging über mehrere Tage.

Lupo: ich kann das nur bestätigen was Erke sagt. Wir haben in den drei Jahren sehr oft zusammengesessen und Detailarbeit verrichtet. Das Prozedere lief immer so ab, dass Erke remastert hat und ich mir dann die Aufnahmen im Auto oder zuhause angehört habe. Es sind hunderte von Stunden allein in das Remastering geflossen – auch bedingt dadurch, dass ich tatsächlich Dinge heraus hörte, die Erke mitunter durchgegangen waren und er des Öfteren mehrere klangliche Alternativen zur Diskussion stellte. Das macht letztendlich den unschätzbaren Wert unserer gemeinsamen Arbeit an dem Projekt aus.

Willi ist mit auf dem Bandpic 2015 auf Eurer Homepage und er hat den Kunstdruck mit signiert – war er sonst noch in die Box involviert?

Willi Wildschwein (1977)

Willi Wildschwein (1977)

Lupo: Eroc und ich haben das Projekt seit 2012 in Zusammenarbeit mit UM völlig allein realisiert. Wir zwei verfügen über das umfangreichste Grobschnitt-Archiv und haben unsere Schatztruhen geöffnet. Was da in den Kisten, Ordner und Kartons so alles zum Vorschein kam, hat uns nicht nur überrascht, sondern auch emotional manches Mal innehalten lassen. Wir haben das Material in filigraner Detailarbeit gesichtet, selektiert und restauriert. Immer wenn wir dachten, dass jetzt nichts mehr kommt, tauchten neue Fundstücke auf. Es war eine „Never Ending Story“ und wir hätten ewig weitermachen können. UM hat uns dann irgendwann mal mit dem Hinweis ausgebremst „Jungs, die Booklets sind rappelvoll, nichts geht mehr“. Dass wir das alles trotz unserer Hauptaufgaben als Eventmanager (Lupo) und Remasterer (Eroc) in unserer Freizeit und an den Wochenenden realisiert haben, erfüllt uns schon mit ein wenig Stolz.

Ich sah Euch u.a. mal ’85 bei einem Benefiz-Konzert „Gegen Jugendarbeitslosigkeit“ – wie viel solcher Charity-Aktionen hat es ungefähr gegeben?

Lupo: Ich erinnere mich noch sehr gut an das Konzert im April 1985 in der Dortmunder Westfalenhalle. Der Fußball-Nationalspieler Olaf Thon wirkte bei der Veranstaltung auch mit und wir machten ein gemeinsames Schalker Foto auf Dortmunder Hoheitsgebiet. Es war übrigens eines unserer wenigen Benefiz-Konzerte weil wir ehrlich gesagt auch selten gefragt wurden.

»Wie immer in solchen Fällen zogen wir mit Erkes Backofen den letzten Joker«

Beim „Fährhaus“-Konzert („Solar Music“ CD2) fällt auf, wie relativ individuell diese Show gewesen ist – wie abweichend waren die Einzelkonzerte einer Phase eigentlich, was Musik und Präsentation angeht?
Wenn derartig viel auf der Bühne passiert, muss es doch außerordentlich anspruchsvoll für alle Beteiligten sein, wenn so relativ wenig festgelegt ist?

Die Schnitten vor dem Winterhuder Fährhaus | Lupo: "Schönes Band-Foto auf dem wir nur wenige Meter vom "Winterhuder Fährhaus" stehen. Das Bild entstand tatsächlich am Konzerttag"

Die Schnitten vor dem Winterhuder Fährhaus |
Lupo: „Schönes Band-Foto auf dem wir nur wenige Meter vom „Winterhuder Fährhaus“ stehen. Das Bild entstand tatsächlich am Konzerttag“

Lupo: Die beiden Original-Mitschnitte von „Solar Music“ und „Rockpommel`s Land“ aus dem Jahr 1977 sind ein wahrer Schatz. Mehr live geht gar nicht, zumal wir an den beiden Konzertabenden auch in Höchstform waren. Ich hatte diese einzigartigen Live-Mitschnitte in meinem Archiv aufbewahrt und bei der Recherche einige Male gehört. Das Remastering war eine aufwendige Sisyphus-Arbeit weil wir uns zum Ziel gesetzt hatten auch hier soundtechnisch das Optimum herauszuholen. Wie immer in solchen Fällen zogen wir mit Erkes Backofen den letzten Joker und konnten auch diese Aufnahmen wieder zum Leben erwecken. Aber das erzählt er am besten selbst…

Eroc: Das mit dem Backofen ist kein Witz und kein Weihnachtsmärchen. Im Gegenteil: es ist zwingende Notwendigkeit und oft der einzige Weg zur Rettung alter Aufnahmen. Ich will das mal sehr einfach erklären: bei bestimmten Tonbandsorten treten nach vielen Jahren Zerfallserscheinungen auf, die dazu führen, dass die Bänder klebrig und stumpf werden und nicht mehr einwandfrei abgespielt werden können. Die Maschinen verschmutzen dann sehr schnell und bleiben mitunter sogar stehen, weil nach ein paar Minuten alles vom Abrieb des Bandes zugeschmiert ist.

Dagegen hilft kein Reinigen der Maschine und des Bandes, es passiert sofort wieder und man sollte ein solches Band auch tunlichst nicht mehr abspielen, denn sonst nimmt es totalen Schaden und ist unrettbar verloren. Das gehört in fachlich qualifizierte Hände.

Das Problem erstreckt sich ja nicht nur auf die Masterbänder deutscher und internationaler Studios und Gruppen oder die Kindheitserinnerungen diverser Heimtonbandler. Da hängen ganze Industriezweige dran. Man denke nur an die Filmbranche, die Plattenfirmen oder den Rundfunk, die in ihren Archiven Millionen von Tonbändern horten. Ein bekannter Hersteller von Magnetbändern hat deswegen eine Lösung ausgearbeitet, als das Problem konkret wurde: die Bänder kommen bei genau 55°C für mehrere Stunden in einen Warmluftofen. Sie werden tatsächlich „gebacken“. Dadurch festigt sich das Material wieder. Danach lässt man sie abkühlen und dann laufen sie auf der Maschine, als seien sie brandneu.

Man hat dann etwa drei bis vier Wochen Zeit, um sie in Ruhe abzuspielen und sie dabei zu kopieren. Danach setzt der Zerfallsprozess langsam wieder ein. Das „Backen“ lässt sich angeblich sogar einige Male problemlos wiederholen, aber es reicht eigentlich, das einmal zu machen und dann die Aufnahmen professionell zu retten.

Lupo: Was die Individualität unserer Liveauftritte betrifft, war alles strategisch perfekt vorbereitet. Das galt gleichermaßen für die Musik und für die immens aufwendigen Showaktionen. Nach außen hin galten wir vielleicht als Die „Verrückten aus dem Sauerland“ trotzdem überließen wir nichts dem Zufall, mit Ausnahme der spontanen Dialoge, die für uns und das Publikum immer das Salz in der Suppe waren.

Bis auf „Solar Music“ waren alle Kompositionen Note für Note festgelegt. Wir legten aber immer großen Wert darauf, die Arrangements bei einigen Titel live zu verändern. Ich habe in den 80zigern ganz bewusst neue Gitarrenelemente bei diversen Stücken eingebaut. Stücke wie ‚Simple Dimple‘ vom „Illegal“-Album oder einige Titel vom „Fantasten“-Album“ haben dadurch live extrem gewonnen. Ein Highlight war auch die rockig gespielte Fassung von ‚Silent Movie Part 2‘ vom „Last Party“ Album oder die ‚Anywhere‘-Version auf der „Rockpommel`s Land“ Bonus-CD, die Willi und ich unpluggend gespielt haben. Was unseren Stücken und den Klangbildern in dieser Zeit auch sehr gut getan hat, war Willis neue Saxophon-Liebe. Er hatte schon seit Ewigkeit davon geträumt, Saxophon zu spielen und es dann auch wahr gemacht.

„Solar Music“ nimmt dagegen in unserer Musikhistorie eine absolute Sonderstellung ein. Kein anderes Grobschnitt-Musikwerk hat so viele Veränderungen erlebt. Deshalb hat und wird es auch nie zwei völlig gleiche Versionen geben. „Solar Music“ ist auch das einzige Stück, das wir bei jedem Auftritt gespielt haben und alles beinhaltete was unseren oft zitierten Kultstatus ausmachte. Live auf der Bühne war Solar Music für uns Musiker immer ein Wechselbad der Gefühle aus fest arrangierten Teilen und Improvisationen. Ich finde gerade auch die späten „Solar Music“-Versionen wunderschön, die wir mit Saxophon und Akustikgitarre gespielt haben. Egal, ob Sun Trip, Solar Music, Powerplay oder Sonnentanz – wir waren diesem Musik-Mythos bis in alle Ewigkeit verfallen.

Haben sich die Schnitten auch manchmal vorab etwas Besonderes für eine bestimmte Location oder Anlass überlegt?

Eroc: Am Anfang (1973 bis 1974) haben wir uns sogar für jede Location was Besonderes überlegt. Zu Beginn der Auftritte kam z.B. vom Tonband ein Begrüßungsliedchen, das ich vorher im Heimstudio mit Akkordeon eingespielt hatte und in dem der jeweilige Auftrittsort beschrieben und gewürdigt wurde („There is no Erz in Meinerzhagen“, „Im wunderschönen Pic, da fand‘ ich manches Glück“, „In Kamen kam zwar keiner, doch Groupies waren da, der Auftritt war im Eimer, das F….. wunderbar“, „Im wunderschö-nen Holzminden, da wissen’s sogar die Blinden, die Grobschnitts spielen für Euch heut‘ und hoffen, dass Euch dieses freut“) und zahllose andere Lieder gab es, von denen einige noch heute fröhlich an den Lagerfeuern gesungen werden.

»… es gab nur eine ungeheure Druckwelle, so heftig, dass noch am 100 Meter entfernten Bratwurststand die Würste durcheinander bzw. den Leuten der Senf vom Brötchen geflogen war.«

Grobschnitt hat sich auch später für diverse Anlässe spezielle Dinge einfallen lassen.
Eigene Großfeuerwerke bei Open Airs zum Beispiel. Aber wirklich verrückt waren die unbeabsichtigten Vorfälle bei „speziellen Anlässen“. Nur einer der bekanntesten:
Bei einem Open Air 1974 in den Bochumer Ruhrwiesen sollten wir am Nachmittag spielen. Also nix mit Fackeln und Funken, jedenfalls nicht optimal. Deswegen hatte sich unser „Mephisto“ (ein speziell für uns arbeitender Pyrotechniker namens Rolf Kirchheimer, der auch einen Großfeuerwerksschein besaß) etwas Besonderes ausgedacht: er füllte eine Messingkartusche mit einer Mischung, die einen riesigen farbigen Feuerball beim Einsatz von Solar Music in die Luft schießen sollte. Sie musste vor der Bühne auf der Wiese halb in den Boden eingegraben und elektrisch gezündet werden. Leider konnte Kirchheimer bei dem Auftritt nicht dabei sein und hatte die Kartusche mit genauer Anweisung und Zündvorrichtung an uns geliefert.

Unsere Roadies Toni und Porneaux waren mit den Feuereffekten gut vertraut und übernahmen die Sache. Nur machten sie leider den Fehler, die Kartusche verkehrt herum in den Boden zu stecken…

Es kam, wie es kommen musste, exakt an der richtigen Stelle wurde die Bombe gezündet, jedoch ging die Druckwelle nicht farbenfroh in die Luft, sondern direkt in die Erde. Ich erinnere mich, dass mir plötzlich (ich hatte bei diesem Einsatz wie immer die Augen geschlossen wegen der grellen Feuerblitze) plötzlich der Dreck ins Gesicht spritzte und ich wie mit einer Riesenfaust vom Drumhocker gehoben wurde. Ich konnte mich gerade eben noch abfangen. Und das, obwohl ich auf der Bühne oben fast 15 Meter entfernt von der Explosion saß.

Als ich die Augen öffnete, gähnte vor der Bühne ein riesiger Krater, Toni und Porneaux lagen beide auf dem Rücken daneben, ebenso wie die ersten fünf bis zehn Reihen der Zuschauer, die auch nach hinten gekippt waren, sich aber inzwischen lachend bzw. kopfschüttelnd den Dreck von den Klamotten klopften. Es war kein heller Blitz gewesen, es war auch nicht laut gewesen, es gab nur eine ungeheure Druckwelle, so heftig, dass (wie wir später erfuhren) noch am 100 Meter entfernten Bratwurststand die Würste durcheinander bzw. den Leuten der Senf vom Brötchen geflogen war.

"Grobschnittbombe" (Bochum, Ruhrwiesen, 1974)

„Grobschnittbombe“ (Bochum, Ruhrwiesen, 1974)

Glücklicherweise wurde dabei niemand (wie überhaupt in der gesamten Grobschnitt Zeit) verletzt. Nur Porneaux hatte eine kleine Brandwunde weswegen er im Erste-Hilfe-Zelt versorgt wurde. Aber er grinste über alle Backen, als ich ihn nach dem Konzert dort traf und meinte: „Als Söldner muss man auch durch sowas durch.“

Laut den lehrreichen Booklets / dem 92seitigen Mega-Booklet gab es eine Vorgängerformation „The Crew“ bereits ab ’69, ihr wart also früher am Start als z. B. die Scorpions! Welche anderen deutschen, (ggfs. auch deutsch singenden) Bands fandet ihr über die Jahre gut, inspirierend, mit wem seid ihr besonders gerne aufgetreten?

»Wir sind die einzige Band, die nie auf den Brain-Festivals unserer damaligen Plattenfirma Metronome Musik in der Essener Grugahalle gespielt hat«

Lupo: Richtig, mit der Schülerformation The Crew begann Ende 1965 unsere gemeinsame Musikgeschichte. Erke, Willi und ich trafen uns vor 50 Jahren und beschlossen 1966 eine Band zu gründen. Wir können also in diesem Jahr „Goldene-Mucke-Hochzeit“ feiern obwohl die Dreierbeziehung zwischendurch auch schon mal an Liebesentzug litt. Was den Kontakt zu anderen Bands angeht, müssen wir passen. Grobschnitt war immer ein Familienbetrieb auf einer eigenen Insel. Dieses Refugium war für niemanden zugängig. Wir haben auch nur sehr selten auf Festivals gespielt weil die Spielzeiten in der Regel immer sehr begrenzt waren. Bei einer Spielzeit von 90 Minuten konnten wir gerademal „Solar Music“ und einige andere Titel spielen. Wir sind die einzige Band, die nie auf den Brain-Festivals unserer damaligen Plattenfirma Metronome Musik in der Essener Grugahalle gespielt hat, obwohl das Brain-Label zu dieser Zeit die absolute Nr. 1 für deutsche Bands war und sehr namenhafte Bands unter Vertrag hatte. Ich habe das stets mit den o.g. Argument begründet. Hinzu kam noch, dass wir währenden unserer Tourneen sowieso regelmäßig in der Grugahalle aufgetreten sind und das weiterhin auch allein machen wollten.

Grobschnitt-LKW vor Grugahalle

Grobschnitt-LKW vor Grugahalle

»Also lösten wir die triste Zweisamkeit kurzerhand auf und „testeten“ in der Garderobe kurzerhand einige Feuerwerkskörper und Nebelkartuschen«

Eroc: Es wollte auch nie eine andere Band freiwillig hinter uns spielen, weil alle genau wussten, dass nach „Solar Music“ nur noch die Sintflut kommt. Ich erinnere mich ganz schwach an eine Schützenhalle irgendwo in Deutschland. Wir mussten uns mit einer sehr bekannten deutschen Band die Garderobe teilen. Da wir bei der Veranstaltung auch das komplette Sound- und Lichtequipment bereitstellten, hatten unsere Roadies schon früh die Garderobe in Beschlag genommen und mit unseren Bühnen-Requisiten vollgestellt.

Trotzdem ließ sich das Aufeinandertreffen mit den anderen Bandkollegen, die auch den Top-Act-Status für sich beanspruchten und unbedingt nach uns spielen wollten, nicht vermeiden. Von Kommunikation keine Spur, die Szenerie glich eher der aus dem weltberühmten Western „Zwölf-Uhr-mittags“. Also lösten wir die triste Zweisamkeit kurzerhand auf und „testeten“ in der Garderobe kurzerhand einige Feuerwerkskörper und Nebelkartuschen. Danach war sofort Schluss mit Lustig und wir hatten die Garderobe für uns allein. Für uns war es der ganz normale Wahnsinn und nach „Solar Music kam dann wie immer die Sintflut.

Was, wenn überhaupt etwas, könnt ihr mit dem Label „Prog“/“progessiv“ anfangen? Was bedeutet das für Euch?

Eroc: Für mich persönlich bedeutet das gar nix. Ich habe damals, als z.B. Rockpommel’s Land entstand, solche Bands wie Yes oder Genesis nicht gehört. War mir persönlich alles zu schwülstig, zu aufdringlich, zu kompliziert. Auch „Tommy“ von The Who (eine meiner absoluten Lieblingsbands) fand ich enttäuschend langweilig und überkanditelt. Wer Musik mit dem „Arsch“ fühlen konnte, mochte diese Dinge überhaupt nicht. Und damit stand ich nicht allein. Auch z.B. unser Freund und Engineer Conny Plank, dem man gerne den Übervater in Sachen Produktionen andichtet, war da eher bodenständig und sprach immer nur von „College Rock“, wenn das Thema auf oben genannte Bands kam.

Trotzdem – ich bin weit davon entfernt, Rockpommel’s Land zu verteufeln. Wir haben mit ungeheuer viel Liebe und Fleiß dieses Werk auf die Beine und die Bühne gestellt. Es ist „Prog Rock“, wenn man so will. Aber als wir es machten, war es für uns wie so oft einfach nur Herausforderung und Abenteuer zugleich. Wir hatten uns drauf eingelassen und wollten es mit der uns eigenen Perfektion und Kreativität auch konsequent fertig stellen und präsentieren. Das haben wir gemacht. Wie es dann anschließend von anderen aufgefasst bzw. eingeordnet wurde, war nicht mehr unsere Sache. Bekanntlich gab es im Falle Rockpommel’s Land damals ja nicht nur jubelnde Befürworter aus den Kreisen unserer Fans.

Lupo: Ich habe bis zum heutigen Tag nicht kapiert was ProgRock ist, vielleicht sollte ich mal die Rockhistoriker fragen. Wir haben uns früher im Proberaum getroffen und dann hieß die Devise: Nächstes Jahr steht ein neues Album an, wer hat eine Song-Idee oder improvisieren wir erst mal zwei Stunden. Das was uns gefiel kam auf die LP, der Rest landete im Archiv oder im Universum. Die Frage nach dem Genre stellte sich überhaupt nicht. Am treffendsten hat es Conny Plank formuliert als er uns als sein Kurorchester bezeichnete weil wir immer so schöne Melodien spielten.

Und wie sieht es mit der Schublade „Krautrock“ aus?

Eroc: Diesen Begriff habe ich immer gehasst. Die Amerikaner nannten die Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg nur „die Krauts“. Das ist abfällig. Und das spielt für mich in die Bezeichnung „Krautrock“ mit rein. Aber Industrie und Konsumenten brauchen leider Schubladen mit großen Griffen dran. In unserem Fall wäre eine Schublade mit der Aufschrift „Grobschnitt – best before expiration date“ eher angemessen.

Lupo: Der Begriff „Krautrock“ ist eh eine Metapher für endlos lange Improvisationen, die deutschen Bands Ende der Sechziger bis Mitte der Siebziger nachgesagt wurden.

Was „Solar Music“ betrifft“, stimmt das ja sogar. Das Stück entstand bereits 1968 aus einem d-Moll Thema von mir und hat sich durch unzählige Improvisationen immer weiter entwickelt.
Kaum eine andere Band wurde schon zu Lebzeiten mit so vielen Musik-Genres in Verbindung gebracht wie Grobschnitt. Ob Underground-Rock, Kraut-Rock, Psychedelic-Rock, Progressiv-Rock, Art-Rock, Space-Rock, NDW-Rock oder Achtziger-Rock, wir passten scheinbar in jede Schublade obwohl wir immer nur GROBSCHNITT waren. Mir wird immer ganz anders wenn ich diesen ganzen Genre-Quatsch lese…

Die Box von vorne nach hinten (im Rahmen des Möglichen: am Stück) durchzuhören hat ein kostbares Neu- und Wiederentdecken, teils Wiederverlieben ergeben. Es war aber zugegeben auch das Wiederentdecken der Befremdung bezüglich „Kinder und Narren“, bei dem Eroc ja „bewusst“ (wg. „Neustart“, wie’s in den Liner Notes heißt) nicht beteiligt war. Mögt Ihr dennoch etwas dazu sagen?

Lupo: Es ist richtig, dass wir 1984 einen Neustart vollzogen haben. Dazu gehörte auch, auf eine mögliche Zusammenarbeit mit Erke ohne jegliche Animositäten im Studio zu verzichten. Siggi Bemm machte seine Sache als Engineer im Woodhouse-Studio richtig gut, nicht umsonst standen später viele internationale Bands bei ihm auf der Matte. Mit Peter Jureit kam ein neuer Schlagzeuger, während Jürgen Kramer ja bereits auf der „Razzia“-Tour im Einsatz war.

(1984)

1984

Beide waren außergewöhnlich gute Musiker, sonst hätten wir sie auch nicht genommen. Was ihnen vielleicht fehlte, mag das vielgerühmte charismatische „Grobschnitt-Gefühl“ gewesen sein. Das brauchte aber auch Zeit – und die hatten wir leider nicht. Du kannst auch keinem neuen Musiker glaubhaft vermitteln oder gar aufoktroyieren, so zu spielen wie seine Vorgänger. Auf der anderen Seite ist es natürlich immer so, dass neue Musiker das Bild einer Band auch verändern. Insofern war das aber auch für uns wieder eine neue Herausforderung.

Mir war von Beginn an klar, dass „Kinder und Narren“ ein Experiment mit unbekannten Ausgang sein würde. „Razzia“ hatte ja musikalisch bereits einige Alt-Grobschnitt-Enthusiasten mehr als nur überrascht. Bei der Präsentation des Albums rannten wir bei unserer Plattenfirma in Hamburg offene Türen ein. Alle waren euphorisch und lobten das Konzept in höchsten Tönen. Mit diesem Rückenwind bereiteten wir dann die sehr aufwendige Tournee vor. Leider blieb das Album hinter den Erwartungen zurück. Trotzdem würde mir heute nicht im Traum einfallen, alles in Frage zu stellen was wir damals gemacht haben. Stücke wie ‚Könige der Welt‘, ‚Wie der Wind‘, ‚Keine Angst‘ oder ‚Die Kinder ziehn zum Strand‘, die in der Grundkomposition allesamt aus meiner und Willis Feder stammen, halte ich nach wie vor für Perlen und das Remastering hat dem Album auch richtig gut getan.

Eroc: Natürlich hatte ich im „Hintergrund“ sehr wach beobachtet, wohin die Reise mit Grobschnitt nach meinem Ausstieg ging. Und es ist klar, dass etliche Dinge anders gelaufen wären wenn ich dabei geblieben wäre. Man sollte aber meinen Ausstieg nicht immer als „den“ Knackpunkt in der Bandgeschichte betrachten. Ich denke, es war ebenso gravierend, dass zuvor Volker Mist weg war. Und zu einem Neustart, wie ihn die Band hinlegen wollte und musste, gehört in erster Linie Konsequenz. Klar, dass etliche alte Fans absprangen, als sie z.B. „Kinder und Narren“ hörten.

Mist (1977)

Volker Mist (1977)

Man darf aber auch nicht vergessen, dass Grobschnitt in der Zeit nach mir eine ganze Reihe neuer Fans und Freunde hinzu gewann, die mit unseren alten Alben (bis auf „Rockpommel’s Land“ und „Solar Music“) mitunter auch recht wenig anfangen konnten, eben weil die neue Richtung genau ihren Geschmack traf. Ich habe das Ganze stets im Sinne des bewährten Grobschnitt-Humors gesehen, z.B. auch, als ich aus Spaß am Spaß den Song ‚Ich liebe dich‘ vom Album „Kinder und Narren“ für mein fünftes Solo-Album „Changing Skies“ auf die Schippe nahm und zu ‚Ich hasse dich‘ umarrangierte. Ich konnte herzlich drüber lachen. Übrigens Milla Kapolke auch, aus dessen Feder das Stück ja stammt.

»…wie „Weihnachten, Silvester und Omas Geburtstag“ an einem Tag.«

Wie steht ihr zu der Formation, die unter dem Schnitten-Banner von 2007 bis 2012 Konzerte gespielt hat?

Lupo: Das „Banner“ war eine Leihgabe von mir an unseren Sänger Willi Wildschwein (Stefan Danielak), ohne seine Mitwirkung hätte es dieses Banner nie gegeben. Willi und ich haben als Gründungsmitglieder das Projekt Grobschnitt bekanntermaßen 1989 nach mehr als 1.300 Konzerten und vierzehn eingespielten Alben beendet. Danach gab es auch keine offiziellen Live-Bandmitglieder mehr. Die von Willi oft zitierte „Hobbyband“ war dann ab 2007 für die Grobschnitt-Fangemeinde wie „Weihnachten, Silvester und Omas Geburtstag“ an einem Tag. Alle hatten bei den Konzerten einen Riesenspaß und konnten nach ewig langer Zeit mal wieder einige der Grobschnitt-Klassiker live erleben. Die Vater/Sohn-Formation war natürlich keine Reunion, was übersetzt ja bekanntlich „Wiedervereinigung“ heißt. Die Bandmitglieder der ersten Dekade von 1971 bis 1979, die Grobschnitt gegründet, gelebt, ihren Stempel aufgedrückt und musikalisch nachhaltig geprägt haben, waren ja hier mit Ausnahme von Willi und Toni allesamt nicht am Start.

Gerade deshalb hat die Formation mit den Youngstern ihre Sache aber auch völlig okay gemacht. Willi hat die Richtung vorgeben und ihnen eingeimpft, dass Grobschnitt keine Tabakmarke ist, sondern Kulturgut. Ich habe die Formation aus der Ferne immer als Grobschnitt-Erinnerungsband wahrgenommen, zumal unter dem Grobschnitt-Banner auch keine kompositorisch neue Alben veröffentlich wurden. Nach rund 40 Live-Konzerten beendete Willi 2012 das Live-Projekt auch wieder. Ich bin sehr stolz darauf, dass viele Gitarristen mittlerweile meine Partituren nachspielen, davon habe ich immer geträumt.
K800_GrobschnittBoxPackshotsNeu
Wenn Spiegel Online um Euch und die Box herum ein „ArtRock-Revival“ ausruft, scheint das Eisen ja JETZT wieder heiß zu sein… Wie geht es von hier aus weiter: remasterte Konzertfilme? Grobschnitt, der Kinofilm, das (politische) Theaterstück? Die Reunion-Tournee?

Lupo: Wir sollten Dich als Ideengeber engagieren und am besten alles machen.
„Artrock Revival“ hört sich sehr nach Feuilleton an und dokumentiert, dass wir endgültig im Rock-Olymp angekommen sind. Was das Thema Grobschnitt-Film betrifft, haben wir gerade erst fünf YouTube-Episoden ins Netz gestellt (hier Episode 5) und lassen darin in Kurzform die Grobschnitt-Geschichte Revue passieren.
Die Reunion-Tournee ist natürlich ein Dauerthema und wir denken auch pausenlos darüber nach, wieder eine Schleswig-Holstein-Tour zu machen.

Aber jetzt mal realistisch: Tatsächlich sind wir drei Gründungsmitglieder im Moment mehr damit beschäftigt, die vielen Interview-Anfragen zu erfüllen und unsere neue Facebookseite und Homepage nonstop zu aktualisieren. Alles andere steht in den Sternen oder wie ich bereits 1990 gesagt habe: „Manchmal gibt das Universum vielleicht auch wieder etwas frei“.

Vielen Dank für die freundlichen und ausführlichen Auskünfte!

PS: Ergänzende Rückblicke auf die Geschichte der Band Grobschnitt und weiterer Vertreter der Hagener Musikszene der Siebziger und Achtziger Jahre kann man übrigens am Mittwoch, den 12.08.2015 ab 21:30 Uhr im Fritz-Steinhoff-Park in Hagen-Emst erhalten. Im Rahmen der Kulturveranstaltungsreihe „Muschelsalat“ wird der Projektions- und Animationskünstler John McGeoch die Fassade der Turnhalle in eine künstlerische Collage zu diesem Thema verwandeln. Auch ein Liveauftritt der ebenfalls aus Hagen stammenden Band Extrabreit ist Bestandteil der Show. (Eintritt frei, weitere Informationen).

Schnitten-Surftipps:
Homepage
Facebook
Umusic
Interview: Lupo & Eroc zu „Solar Movie“
Wikipedia
Wikipedia (Eroc)

© aller Bandfotos: grobschnitt.rocks

Print Friendly, PDF & Email
Teilen.

Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

4 Kommentare

  1. Pingback: Texte der KW30: Grobschnitt-Interview, Tim Bowness, Joe Satriani

  2. Toller Bericht!
    Als Nachtrag mein kleiner Beitrag. Bei einem Treffen der betreuten progger sagte mir Wolfram, der die Box bereits sein eigen nennen konnte, das eine CD falsche gepackt sei ( eine doppelt, dafür fehlte eine). Er hatte bei JPC angerufen, die ihm einen kostenlosen Umtausch zusagten. Ich hatte bei Amazon geordert, also machte ich mir keine Sorgen. Nachdem auch ich die Box in Händen halten durfte habe ich diese natürlich sofort geprüft. Auch ich hatte das mangelhafte Exemplar. Kein Problem dachte ich, kurz bei Amazon melden die machen das schon. Der freundliche Amazon Mitarbeiter kannte leider das Problem nicht und hatte auch nicht die unkomplizierte ersatzloeferung im Angebot. Er bot mir an die Box zurück zu senden, allerdings konnte er mir keine neue senden, da schon ausverkauft. Macht ja keinen Sinn!
    Darauf habe ich Eroc angeschrieben, ihm den Sachverhalt geschildert. Die prompte Antwort lautete sinngemäß: Problem bekannt, grobschnitt lässt seine Fans nicht im Stich und er wolle sich drum kümmern. Was er dann auch tat, nach kurzer Zeit kam die korrekte CD mit einem kleinen anschreiben. So einen Kundenservice hat auch nicht jede Band vorzuweisen. Daher an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an Eroc für die schnelle, unkomplizierte und nette Hilfe

  3. Pingback: Various Artists - The Brain Box - Cerebral Sounds Of Brain Records 1972-1979

  4. Pingback: Grobschnitt - Grobschnitt (Black & White Vinyl-Serie, Reissue)

Antworten

Lupo und Eroc zur Lebenswerkschau „79:10“ (Grobs…

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 22 min
4