
Psychedelic Rock • Baroque Pop • Art Pop
(38:43; Vinyl, CD, Digital; Martha's Music; 15.05.2026)
Mit "Zodeon At Crystal Hall" veröffentlichen The Smashing Pumpkins mal wieder eines jener seltsamen halboffiziellen Nebenbei-Alben, die Billy Corgan mit schöner Regelmäßigkeit zwischen seine überdimensionierten Konzeptmonster schmuggelt. Jene kryptischen Kapitel der Bandhistorie also, die irgendwo zwischen "Pisces Iscariot", "Machina II/The Friends & Enemies Of Modern Music" und dem komplett aus dem Ruder gelaufenen "Teargarden By Kaleidyscope" wohnen. Platten, bei denen man nie so genau weiß, ob sie nun bewusst als intime Geheimtipps gedacht waren oder ob Billy schlicht vergessen hat, dass andere Menschen Dynamik ebenfalls ganz nett finden.
Entstanden während der Pandemie und laut Corgan massiv von britischer Psychedelia der Jahre 1965 und 1966 beeinflusst, wirkt "Zodeon At Crystal Hall" tatsächlich wie eine kleine Zeitkapsel. Wobei natürlich selbst eine simple Retro-Psychedelic-Platte bei den Pumpkins nicht einfach nur erscheinen darf. Stattdessen wurden die Songs zunächst häppchenweise als Singles im monströsen "ATUM"-Boxset versteckt, ehe das Werk nun endlich so veröffentlicht wird, „wie es immer gedacht war“. Natürlich in Stereo. Billy Corgan macht eben selbst aus entspannter Wohnzimmermusik gerne noch eine kleine Meta-Erzählung.
Dabei klingt "Zodeon At Crystal Hall" tatsächlich erstaunlich unpumpkinhaft. Wer nach dem überraschend bissigen "Aghori Mhori Mei" erneut auf bratzende Gitarren, Shoegaze-Wände oder wenigstens einen kleinen melancholischen Grunge-Ausbruch gehofft hatte, dürfte hier ungefähr so enttäuscht dreinschauen wie Jimmy Chamberlin bei der Idee eines weiteren 33-teiligen Rockopern-Konzepts. Stattdessen regiert tiefenentspannte 60s-Psychedelia im semi-akustischen Wohlfühlformat. Alles schwebt angenehm vor sich hin. Mellotron hier, sanft glitzernde Gitarren dort, warme Orgelsounds, butterweiche Harmonien und Billy Corgan mittendrin mit jener Stimme, die gleichzeitig komplett daneben und absolut perfekt klingt.
Der Opener 'Simmatar' klingt dabei stellenweise so sehr nach 'Here Comes The Sun', dass man fast reflexartig nach einem verbliebenen Beatles-Anwalt Ausschau hält.
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'Magdalena' gehört mit seinen simplen, aber herrlich eingängigen Oldschool-Pumpkins-Vibes zu den stärksten Momenten des Albums, während 'Excelsior' beweist, dass die Band tatsächlich noch Hooks schreiben kann, sofern Billy sich nicht gerade wieder in intergalaktischer Shiny-Mythologie verliert. Überhaupt wirkt "Zodeon At Crystal Hall" wie ein bewusstes Gegenmodell zu den letzten Jahren: keine überladene Rockoper, keine künstlich aufgeblasene Bedeutungsschwere, sondern ein Album, das ständig „hush your mind“ zuzuflüstern scheint.
Das Problem dabei: Irgendwann hört das Gehirn leider tatsächlich auf zu arbeiten. Viele Songs treiben so entspannt vor sich hin, dass sie eher Atmosphäre als echte Stücke werden. 'Huzzah!', 'Automaton' oder 'Story For Another Day' berieseln angenehm, entwickeln aber kaum Konturen. Selbst Corgans Texte über Vergänglichkeit, Altern und das langsame Verschwinden einer einst überlebensgroßen Kunstfigur wirken diesmal weniger wie existenzielle Offenbarung als wie der Soundtrack zu einem sehr gemütlichen Sonntagmittagsschlaf.
Immerhin zeigt Jimmy Chamberlin eindrucksvoll, wie gut Zurückhaltung funktionieren kann. Gerade weil er hier nicht alles kurz und klein trommelt, sondern subtil Akzente setzt, wird sein Spiel zum heimlichen emotionalen Zentrum der Platte. James Ihas Gitarrenarbeit sorgt zusätzlich für jene warme Melancholie, die "Zodeon At Crystal Hall" trotz aller Belanglosigkeit erstaunlich sympathisch macht.
Denn genau das ist dieses Album letztlich: sympathisch. Vielleicht sogar aufrichtig. Billy Corgan muss hier niemandem mehr beweisen, dass er ein Genie ist – das hat er schon oft genug versucht. Vermutlich ist ihm mittlerweile sogar egal, ob überhaupt noch jemand zuhört. "Zodeon At Crystal Hall" klingt wie das Werk eines alternden Musikers, der nach Jahrzehnten voller Größenwahn und Selbstmythologisierung plötzlich einfach nur noch friedlich Musik machen möchte.
Nur hätte ein klein wenig Biss diesem friedlichen kleinen Psychedelic-Wölkchen trotzdem ganz gut getan.
Bewertung: 9/15 Punkten
Tracklist:
- 'Simmatar' (03:40)
- 'Magdalena' (03:24)
- 'Saffron' (02:58)
- 'Huzzah!' (03:02)
- 'Automaton' (03:32)
- 'Burr' (03:39)
- 'Excelsior' (02:21)
- 'Necromance' (03:37)
- 'Apocalypso' (02:51)
- 'MaryQ' (03:36)
- 'Story For Another Day' (03:00)
- 'The Bard' (03:03)
Besetzung:
• Billy Corgan
• James Iha
• Jimmy Chamberlin
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Abbildungen: The Smashing Pumpkins

