»Es ist unmöglich jeden glücklich zu machen, also spielen wir das, was uns glücklich macht.«
Nach Veröffentlichung ihres siebten Studioalbums "Reliance" sind die Schwedischen Prog-Metaller zunächst als Co-Headliner mit Dark Tranquillity durch Nordamerika getourt. Frisch nach Europa zurückgekehrt, dürfen sie auf den Andernach Metal Days ihr aktuelles Set als Headliner spielen.
Am Rande des Festivals finden wir in einem Gruppenraum des Jugendzentrums Gelegenheit zu einem ausgiebigen Gespräch über Touren, Konzepte, Fans und Zukunftspläne. Sänger Joel Ekelöf und Schlagzeuger Martin Lopez nehmen sich viel Zeit, zeigen sich sehr gesprächig und bezüglich ihrer Musik ziemlich selbstbewusst.
Ihr wart gerade noch mit Dark Tranquillity auf Tour in den USA, jetzt seid Ihr schon wieder in Deutschland. Wart ihr überhaupt zwischendurch zuhause?
Joel: Drei Tage, glaube ich.
Das war nun schon eure zweite gemeinsame Tour mit Dark Tranquillity. Ist das nur Koinzidenz oder gibt es da eine Art Symbiose?
Joel: Nein, das ist definitiv keine Koinzidenz, wir kommen seht gut mit ihnen zurecht. Und wir passen auch sehr gut zusammen. Der Sound ist irgendwie ähnlich, auch wenn wir unterschiedliche Genres bedienen.
Martin: Wir sind einfach eine gute Kombination.
Joel: Auf der Ultima Ratio Tour in Europa hatten wir eine tolle Zeit miteinander. Also haben wir beschlossen, es bei der US-Tour noch einmal zu versuchen.
Hattet Ihr keine Angst, dass Mikael (Mikael Stanne, Sänger von Dark Tranquillity, The Halo Effect, Cemetary Skyline) euch zu einem Seitenprojekt einlädt? Er hat ja schon einige davon…
Joel: -lacht- Ja, da hast Du Recht. Ich bin mir sicher, er hat da schon irgendwelche Pläne. Er ist einfach ein sehr produktiver Mensch.
In zwei Wochen kommt er mit Cemetary Skyline auf Tour. Er ist immer unterwegs…
Joel: … immer.
Martin: Oh ja! Aber er hat den Erfolg auch verdient, er ist echt ein toller Kerl.
Ihr habt nun Euren ersten Auftritt mit dem neuen Set. Wie immer bei einem neuen Album müssen alte Songs das Set verlassen. Tut das weh?
Martin: Uns nicht, aber besonders den älteren Fans tut es weh. Es ist wirklich schwierig; wir können ja nicht die ganze Zeit herumreisen und die selben Songs spielen. Natürlich gibt es Songs, die wir liebend gern spielen würden, aber es fehlt einfach die Zeit, um sie alle zu spielen.
Joel: Deshalb versuchen wir auch ein bisschen zu tauschen. Wir spielen nicht jeden Abend das selbe Set.
Martin: Da experimentieren wir auch ein bisschen, was sich für uns am besten anfühlt und entscheiden die Setlist nach Gefühl. Und wir werden auf dieser Tour ein paar wirklich alte Songs zurückbringen, aber natürlich auch neues Material spielen. Es ist unmöglich jeden glücklich zu machen, also spielen wir das, was uns glücklich macht.
Viele Fans haben vermutlich diesen einen Song, zu dem sie eine besondere Beziehung aufgebaut haben…
Joel: Wir haben schon von einigen Fans gehört, dass der eine oder andere Song für sie persönlich eine besondere Bedeutung für sie hat. Das ist nicht immer die ursprüngliche Bedeutung. Bei mir ist das genauso bei Songs anderer Bands. Es ist ja auch immer eine Kombination aus dem Song und dem, was in deinem Leben passiert, wenn du ihn hörst, wie er für dich mit anderen Dingen zusammenhängt. Es ist nicht nur das Lied…
Martin: … es ist auch die Situation.
Joel: Ja, das hängt alles zusammen. Genau das ist die Magie.
Martin: Wenn die Musik emotional ist, und du sie hörst, wenn du gerade eine schwierige Zeit durchlebst, hinterlässt sie eine Erinnerung. Wenn wir nur fröhliche Heavy-Metal-Songs über Bier schreiben würden, würdest du sie vermutlich auch nur mit Spaß verbinden. Gute Zeiten gehen schnell vorüber und verlassen deine Erinnerung auch sehr schnell wieder. Die schwierigen Zeiten bleiben, und unsere Musik hören die Leute häufig, wenn sie Hoffnung und eine Art Seelenmassage brauchen.
Eure Musik ist sehr intensiv, sie berührt Eure Hörer persönlich.
Martin: Das ist Absicht, das ist die Musik, die sich für uns am besten anfühlt.
Ich habe ja eine sehr persönliche Beziehung zu 'Modesty'.
Joel: Oh, das ist einer der Songs…
Martin: .. einer von denen, die wir nicht spielen werden.
Joel: Wir mussten ihn aus dem Set nehmen, auch wenn es ein großartiger Song ist.
Spielt ihr heute das komplette Set der kommenden Tour oder musstet Ihr für das Festival kürzen?
Joel: Heute Abend sind wir der Headliner. Da ist es gut möglich, dass die Leute möchten, dass wir ein bisschen länger spielen. Es gibt also eher ein längeres Set.
Martin: Aber im Prinzip probieren wir heute das Set für die kommende Europa-Tour.
Seid ihr da manchmal spontan und nehmt ein Stück auf, das ihr länger nicht gespielt habt?
Martin: Wir haben zwei Songs hinzugefügt, die wir für längere Zeit nicht gespielt haben. Wir werden sie heute ausprobieren und sehen, wie sie sich für uns und das Publikum anfühlen. Vielleicht behalten wir sie, vielleicht tauschen wir sie auch aus.
Joel: Wir sind inzwischen auch größer geworden. Da müssen natürlich auch berücksichtigen, dass die Arbeit anderer Leute davon abhängt, was wir machen. Wenn wir einfach alles ändern, machen wir den Kollegen von Licht und Sound das Leben schwer.
Als ich euer aktuelles Album zum ersten Mal gehört habe, war es als würde ich einen alten Freund treffen. Alles ist vertraut, man fühlt sich sofort geborgen, aber er hat viele neue Geschichten zu erzählen. Hat sich das für euch ähnlich angefühlt?
Joel: Das ist schon gewissermaßen Absicht… Wir haben das Album "Reliance" (Verlässlichkeit) genannt. Das bedeutet, dass du deine Beziehungen zu anderen Menschen wertschätzen und ihnen vertrauen solltest, und dass du Menschen brauchst, auf die du dich verlassen kannst. Insofern ist dein Vergleich mit dem alten Freund sehr treffend. Das ist das, was du tust – du verlässt dich auf einen alten Freund.
Also können sich die Fans auf eure Musik verlassen?
Martin: Ich denke, das tun sie. Sie wissen ja auch, dass wir nicht plötzlich Bossa Nova spielen werden.
Es macht den Eindruck, dass ihr nach euren Stil mit "Imperial" gefunden habt und ihn nun weiter ausbaut und verfeinert, aber nicht mehr viel experimentiert…
Martin: Mit "Imperial" haben wir den Ort gefunden, an dem wir uns sehr wohl fühlen. Aber in dem Rahmen, den wir uns als Soen geschaffen haben, fühlen wir uns frei, weiter zu experimentieren, musikalisch und insbesondere textlich.
Joel: Vor "Imperial" gab es dann aber auch die Seite von Soen, die manche Leute vermisst haben. Wir können auch sehr kraftvoll und direkt sein – explosiv, nicht nur dynamisch und experimentell. Diese neue Seite haben wir mit "Imperial" gezeigt und damit seitdem weitergemacht.
Martin: Ich denke, das hängt auch mit dem Gemütszustand zusammen. Das erste Album hat sich gut angefühlt, mit dem zweiten und dritten wurde es besser, aber dann wollten wir auch ein bisschen heavier werden. Das ist uns mit "Imperial" sehr gut gelungen. Keine Ahnung, wie sich das zum nächsten Album weiter entwickeln wird. Ich weiß nicht, ob wir ein weiteres "Imperial" machen werden. Das schöne an dieser Art Musik ist, dass wir nicht für irgendetwas verantwortlich sind, außer gute Musik abzuliefern. Du kannst jede Art von Musik abliefern, wenn die Qualität stimmt.
Joel: Wir hätten mit den experimentellen Alben weitermachen können, aber dann wäre es immer nur wie ein netter Abend mit The Pineapple Thief oder Porcupine Tree geblieben. Das ist nett, aber manchmal möchtest Du auch einfach nur…
Martin: … headbangen.
Das Musik-Business hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Sind Touren wichtiger geworden um neue Fans zu finden?
Martin: Für uns eigentlich weniger. Wir sind jetzt seit 14 Jahren unterwegs und haben noch nie eine Support-Tour gemacht. Die Leute sind immer wegen uns auf die Konzerte gekommen. Wir touren nicht um erfolgreicher zu werden. Wir spielen, weil wier es lieben. Wir sind Musiker und deshalb machen wir Musik. Touren macht uns Spaß und deshalb touren wir so oft wir können. Wir sind nicht die Leute, die sich mit einem Social-Media-Manager hinsetzen und planen, wie man neue Fans bekommt. Wenn wir größer würden, wäre nett, aber wenn nicht, bleiben wir einfach eine starke Band. Egal, was wir spielen, wir werden immer irgendjemanden finden, der hochwertige Musik zu schätzen weiß.
Joel: Wir sind da schon ein bisschen speziell. Wir machen unser Ding und zwar so, wie wir es machen wollen. Manchmal überraschen wir die Leute auch. Soen? Was ist Soen? Man kann uns nicht so einfach ein Label aufdrücken wie das mit manchen anderen Bands geht. Aber die Fans wissen genau, was sie bei uns bekommen. Manche finden das vielleicht frustrierend, aber andere mögen es.
Ihr seid ja schon eine der Bands, die Leute durch Zufall entdecken, und dann gleich den kompletten Backkatalog auf Vinyl kaufen, wenn sie Gefallen an euch gefunden haben…
Joel: Die Leute finden uns tatsächlich über die Musik, nicht über einen bestimmten Stil oder ein bestimmtes Genre, nach dem sie suchen.
Martin: Da haben wir einen Punkt: Die Leute, die anfangen, uns hören, wollen tatsächlich gleich alle Alben hören. Wir sprechen hauptsächlich Musikliebhaber an, nicht die Leute, die hören, was gerade im Trend ist.
Was hat Euch seinerzeit dazu bewegt, "Atlantis" aufzunehmen? Unplugged zu spielen ist ja aus der Mode gekommen, aber Ihr habt es trotzdem gemacht.
Joel: Wir sind ja alt genug, die MTV-Unplugged-Ära miterlebt zu haben. Und ich glaube, alle Musiker unserer Generation haben diesen Traum, das auch einmal zu machen. Da ist es egal, ob das gerade trendy ist oder was die Leute von einem erwarten. Wir machen, was wir möchten. Dann war es eben auch diese Zeit, die Covid-Pandemie, wir konnten nicht touren. Also hatten wir Gelegenheit, viel Zeit zuhause zu verbringen und es zu machen, also haben wir es auch gemacht.
Martin: Es war natürlich auch eine Herausforderung, sich in das Studio zu setzen, auf „Record“ zu drücken und einfach aufzunehmen. Du hast nur die eine Chance – was du spielst, kommt auf das Album. Das macht man heute eigentlich nicht mehr. Es ist ein bisschen wie live. Jeder Fehler, den du machst, wird aufgenommen.
Ich hab noch keinen gefunden…
Martin: Da sind schon ein paar, aber genau die verstärken ja die Aufrichtigkeit und Authentizität des Albums. Es war schon eine spezielle Herausforderung, wie man sie sehr selten hat. Normalerweise geht man ins Studio und hat zwei Wochen nur für das Schlagzeug, dann zwei weitere Wochen für die Gitarren. Du kannst jederzeit Sachen löschen oder neu aufnehmen. So nimmt man ein Album auf, aber das ist nicht die Realität eines Musikers. Die Musik kommt einfach in dem Moment. Das ist die ultimative Herausforderung.
Fühlt es sich auch besser an, mit der ganzen Band zusammen zu spielen, als jeder einzeln?
Martin: Zu 100%!
Joel: Yeah! Wir können ja miteinander interagieren. Wir folgen uns gegenseitig.
Habt Ihr mit euren Gastmusikern geprobt?
Martin: Nö. Wir haben das Set aufgebaut und dann einfach drauf los gespielt.
Joel: Wir haben natürlich auch sichergestellt, dass wir die besten Musiker haben. Wir hatten die besten Streicher Schwedens und zwei tolle Sänger. Die gleichen sind dann auch mit uns auf Tour gegangen, das war fantastisch.
Würdet ihr so etwas noch einmal machen?
Joel: Ich weiß es nicht. Bei allem, was wir machen, gibt es Leute, die uns sagen wollen, was wir tun sollen. Wir wollen uns aber auch nicht kommerzialisieren lassen. Eine Marketing-Abteilung, die uns vorschlägt, welche Orchester-Musiker wir anheuern sollten, wäre der Selbstmord unserer Musik. Aber wir hätten schon Lust.
Martin: Wir werden uns natürlich immer an diese Shows erinnern, aber wir machen so etwas nicht, um eventuell 500€ mehr zu verdienen. Es sind einfach diese Erinnerungen, die wir sammeln. Und bestimmt machen wir so etwas eines Tagen wieder.
Ich werde da sein.
Es folgt noch ein netter Smalltalk über mein IOTUNN-Shirt und deren erste Tour als Headliner, über meine persönliche Beziehung zum Song 'Modesty', über Ronnie Romero und Rainbow, über das Festival, über die nächsten Konzerte, die ich besuchen werde...
Das gehört hier aber alles nicht hin.
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