
Noise Rock • Experimental • Industrial • Avantgarde
(39:53; Vinyl, CD, Digital; Neurot Recordings; 29.05.2026)
Das Cover von "Cicatrizes Do Futuro" sieht aus, als hätten Deafkids die Kostüme von Angine de Poitrine kopiert. Nur halt auf ihre ganz eigene Art. Musikalisch haben die beiden allerdings ungefähr so viel gemeinsam wie ein Mähdrescher und eine Stradivari. Während bei den Kanadiern die Mikrotonalität den Ton angibt, geht es bei den Brasilianern um polyrhythmische, perkussive Tribal-Sounds – diesmal mit deutlich mehr Elektronik als Gitarren.
Beim Roadburn 2023 durfte ich das hochexplosive Duo gleich zweimal erleben: einmal als „comissioned collaboration“ zusammen mit den Kenianern Duma und einmal auf eigene Rechnung als perkussives Intensiv-Erlebnis. Und auch auf "Cicatrizes Do Futuro" wird nicht gerade mit Wattebäuschchen geworfen. Im Vergleich zu "Metaprogramação" rücken die Gitarren etwas weiter nach hinten, während Elektronik und Percussion das Kommando übernehmen. Manchmal wirkt das auf mich, als würden die "Chaos A.D."-Drums von Igor Cavalera auf die elektronische Punk-Energie von The Prodigy treffen. Dazu Noise, D-Beat, Afro-Latin-Rhythmen und allerlei elektronische Gerätschaften, die offenbar ebenfalls der Meinung sind, dass ein normaler Puls völlig überbewertet wird.
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Gerade die Rhythmik ist dabei ziemlich faszinierend. Die verschiedenen Percussion-Traditionen werden nicht einfach als exotisches Dekor über die Songs gestreut, sondern mit Punk, Noise und Elektronik zu diesem völlig eigenen Deafkids-Brett verschraubt. Das Ergebnis ist gleichzeitig hypnotisch und nervös, tanzbar und aggressiv. Und wenn man sich auf die politischen Untertöne einlässt, passt dieser musikalische Kontrollverlust sogar ziemlich gut zum beschriebenen „großen Delirium“ einer kollektiv durchgeknallten Welt.
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Respekt also für die Konsequenz und diese nach wie vor ziemlich einzigartige musikalische Sprache. Für mich liegt das Problem allerdings genau darin, dass Deafkids hier fast vollständig auf Melodien und eingängige Hooks verzichten. Das macht die Platte auf Dauer doch ziemlich anstrengend. Live dürfte "Cicatrizes Do Futuro" wieder ein Hochgenuss werden – für den heimischen Plattenteller ist mir das Ganze dann allerdings doch eine Spur zu harter Tobak.
Bewertung: 8/15 Punkte.
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Besetzung:
• Douglas Leal - Gesang, Gitarre, Elektronik, Sampler, Bass, Percussion
• Marian Sarine - Schlagzeug, Percussion, Elektronik, Bass
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Rarely Unable zur Verfügung gestellt.

