Die Wahrnehmung der Ambivalenz
The Hirsch Effekt (THE) sind anders. Ganz anders. Denn THE sind laut, leise, brutal, zerbrechlich, rough, melancholisch, zermürbend und heilend zugleich. Und sie singen auf Deutsch. Mit ihrem siebenten Album "Der Brauch" scheint die Band eine Zäsur zu durchleben. Längst nicht mehr so sehr auf blastende Konfrontation gebürstet wie noch "Urian", dem letzten Longplayer des Hannoveraner Trios, aber trotzdem noch The Hirsch Effekt in Reinkultur, klingen die Songs auf "Der Brauch" ein wenig versöhnlicher, gedankenverlorener. Mit ihrem deutschsprachigen Artcore hat sich die Band einmal mehr eine Nische geschaffen, welche die Musiklandschaft des Landes zwingend bereichert. Betreutes Proggen sprach mit Sänger und Gitarrist Nils Wittrock.

Das kann man zwar alles googlen, aber O-Ton Band – was genau ist der Hirsch Effekt und warum habt ihr eben diesen als Bandname auserkoren?
Das ist die Durchlässigkeit der Nierenscheidewand für groß korpuskulare Partikel und deren anschließender Übergang in die Nieren, wo sie dann durch den Harn ausgeschieden werden. Wenn ich mich richtig erinnere. Benannt nach der ersten im preußischen Reich zugelassenen Ärztin Rahel Hirsch. All das wussten wir aber nicht, als unser damaliger Schlagzeuger den Namen vorgeschlagen hat. Philipp hat einen Hang zu skurrilen und spleenigen Begriffen. Als ich im Sommer mit ihm ein paar Tage im Urlaub war, hat er ständig was vom Löyly geschwafelt...
Wie fing das damals alles an? Stand schon vorher die Intention fest, eine Artcore-Band mit deutschen Texten ins Leben zu rufen?
Deutsche Texte zu schreiben war für mich nur naheliegend. Ich denke und fühle in meiner Muttersprache und habe nur für diese Sprache ein ausreichendes Gespür. Viele meiner damaligen Lieblingsbands haben auf Deutsch gesungen. Dass wir mehrere Stile zusammengehauen haben und sich daraus der Begriff "Artcore" entwickelt hat, hat sich ebenfalls so ergeben. Wir hatten da damals einfach Lust drauf. Der Konsens war schon etwas härtere, verfrickeltere Musik, aber ich war auch sehr beeinflusst durch mein Studium der klassischen Gitarre zu der Zeit.
Was ist zuerst da bei euch, die Musik oder der Text?
Bei fast allen Songs von uns war die Musik zuerst da. Es gibt immer Ausnahmen. Bei "Holon : Anamnesis" haben wir zu vorhandenen, tagebuchartigen Einträgen aus meinem Notizheft die Musik geschrieben. Bei diesem Album sind die Texte parallel zur Musik entstanden. Ich habe Part für Part geschrieben und die Vocals immer direkt mitgemacht.
Ist euer Publikum genauso ambivalent drauf, wie eure Musik? Denn tatsächlich folgt bei euch wirklich brutaler Mathcore auf fast schon sanftmütiges Balladentum.
Wir haben schon sehr unterschiedliche Leute im Publikum. Ich denke nicht, dass es Menschen gibt, die nur wegen der Balladen kommen und den Rest grausam finden oder dass echte Metalheads kommen, die unsere Balladen peinlich finden. Ich denke eher, dass unser Publikum aus Menschen besteht, die mit beiden Richtungen was anfangen können.
Beeindruckend bei The Hirsch Effekt ist auch der konsequente Zwei-/Dreijahresrhythmus eurer Veröffentlichungen. Zufall?
Da es - wie du ja grad festgestellt hast - nicht immer zwei, sondern manchmal auch drei Jahre oder zweieinhalb zwischen den Alben liegen ist es so konsequent ja nun nicht 😉 Aber ich verstehe schon, was du meinst. Wir haben eigentlich seit der ersten Platte immer denselben Ablauf: Platte schreiben, Platte aufnehmen, Platte veröffentlichen und dann damit auf Tour. Dann vielleicht noch eine Tour und dann wieder von vorne. Das ist ja ein Teil von dem Brauch, den wir uns als Band geschaffen haben, von dem ich auf dem Album singe. Von außen betrachtet, kann es vielleicht schon so wirken, als würden wir uns nie eine Pause gönnen, aber das nicht ganz richtig. Es gab immer mal Phasen, wo nicht viel bei uns passiert ist. 2014 zum Beispiel. Oder eben in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres. Da wir auch die Songs nicht immer zusammen schreiben, geschweige denn, uns dafür treffen müssen, haben wir auch viele Phasen, in denen wir voneinander viel Pause haben. Dass wir regelmäßig Alben veröffentlichen zeigt aber vielleicht auch einfach, dass es uns ein Bedürfnis ist, uns über die Musik auszudrücken.
Die Ambivalenz setzt sich auch in den Themen fort. Hier scheinbare Resignation ('Der Brauch'), dort fast schon positive Vibes ('Die Brücke'). Kann man dabei eventuell auch auf eure Stimmungsschwankungen im "wirklichen Leben" schlussfolgern?
"Stimmungsschwankungen" klingt sehr negativ. Aber natürlich ist das Leben ambivalent. Es gibt Bereiche in meinem Leben, da läuft es richtig gut und Bereiche, da läuft es nicht so. Und so finde ich es nur logisch, dass sich auch beide Gefühlswelten auf dem Album wiederfinden.
Aber es stimmt eventuell, dass ich jemand bin, der Ambivalenzen sehr stark wahrnimmt.
"Da genau, wo ich 2019 schon war…". Auf was bezieht sich das?
Das bezieht sich auf mein Berufsleben. Bei mir hat sich eigentlich seitdem nicht so viel getan. Ich stehe mit der Band eigentlich immer noch an demselben Punkt wie vor der Pandemie. Während der Pandemie selber, die ich als große Zäsur empfunden habe, habe ich immer gedacht, dass man diese Zeit erstmal ausharren muss. Erst danach kann man wieder messen, wo ich in meiner Musikerkarriere stehe. Dann haben wir 2023 die "Urian" rausgebracht und danach habe ich dann festgestellt, dass sich seit 2019 eigentlich für mich im beruflichen nichts verändert hat. In der Zeit davor hatte ich den Eindruck, dass ich immer den nächsten Schritt gehe. Es waren keine Sprünge, immer nur kleine Schritte. Aber es ging irgendwie voran.
Auffällig an "Der Brauch" finde ich, dass - trotz aller Aggrotracks - die wirklich brutalen Artcore-Attacken, wie sie noch auf "Urian" zu erleben waren ('2054', 'Urian') hier fehlen. Seid ihr vielleicht ein wenig "altersweise" geworden?
Die anderen beiden können da wenig dafür, weil ich das Album mehr oder weniger alleine geschrieben habe. Aber ich gebe dir Recht, dass es eigentlich keine Metalplatte ist. Ich weiß nicht, ob es was mit Weisheit oder Faulheit zu tun hat. Oder Trägheit. In der Retrospektive hatte ich das Gefühl, dass wir seit der Tour mit Dillinger 2013 einen gewissen Pfad eingeschlagen haben. Durch die Auftritte auf dem Euroblast und dem UK Tech Fest haben wir uns selber so ein bisschen in dieser Ecke verortet. Das ist nicht so, dass wir bewusst Musik geschrieben haben, die dorthin passt, aber ich im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass wir einen gewissen Anspruch hatten, dass unsere Musik eine gewisse Härte und Vertracktheit haben muss. Der Pfad, den wir da eingeschlagen sind, war auch in Anteilen auf der „Holon : Anamnesis“ von 2012 schon angelegt. Die erste Platte war ja noch gar keine Metalplatte. Ich hatte bei dem neuen Album den Wunsch, in die Zeit vor 2013 zurückzugehen und zu schauen, welchen Pfad wir noch hätten einschlagen können.
Wie lange dauert es bei euch eigentlich, hinsichtlich Breaks, Polyrhythmik und ungerader Takte, bis ein Song fertig ist?
Ich weiß gar nicht, ob es auf der neuen Platte soviel davon gibt. Was es dort an ungeraden Takten gibt, ist auf jeden Fall organisch entstanden und hat nicht länger gedauert, als Stellen mit 4/4 oder 6/8 Takt. Aber ich glaube wirklich, dass sich solche Stellen auf der Platte an zwei Händen abzählen lassen.
Steht hinter "Der Brauch" auch wieder ein allumfassendes Gesamtkonzept?
Ein Konzept nicht, aber ich würde sagen, dass es eine umfassende Stimmung auf dem Album gibt. Da sitzt jemand und denkt darüber nach, warum er eigentlich noch Musik macht. Warum er noch in einer Band spielt. Und während er anfängt darüber Lieder zu schreiben, versteht er, dass er sich mit diesen Liedern grade selber die Antwort auf diese Fragen gibt.
… und wieso hat man noch die Zeit für diverse Bücher ("Wer jetzt noch umblättert ist selber schuld", "Ein Hirsch, ein Virus und ein Baby")? Und was sollte der gemeine The Hirsch Effekt-Jünger darüber wissen?
Wenn ich nur die Band machen würde und die zwei Bücher geschrieben hätte, dann würde ich die Frage gar nicht berechtigt finden. Ich bin ja auch noch Vater, gebe auch noch nicht wenig Gitarrenunterricht und bin stark involviert in einem relativ umfangreichen Bau- und Wohnprojekt in Hannover. Und dann mache ich zum Geldverdienen von Zeit zu Zeit noch andere Dinge, aber die genannten Sachen, sind momentan meine großen Baustellen. Ich struggle auf jeden Fall manchmal. Aber ich schlafe auch nicht so sonderlich viel und verfolge momentan keine zeitintensiven Hobbies. Und, ehrlich gesagt, bleiben einige sozialen Kontakte neben der Kernfamilie auch auf der Strecke. Die Bücher habe ich immer in Phasen geschrieben, bei denen ich wusste, dass mit der Band nicht viel los sein wird. Im ersten ging es nur um die Bandgeschichte und es war eher anekdotenhaft. Das ist bereits in der zweiten Auflage vergriffen, aber es gibt das auch als Hörbuch. Das zweite hat einen deutlich ernsteren Ton. Ich glaube dadurch hat es noch eine andere Tiefe und ich kann die Lektüre nur jedem, der sich mit der Band beschäftigt, ans Herz legen. Man bekommt dort nochmal einen ganz anderen Einblick.

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