
Skygaze • Shoegaze • Post Rock
(59:54; Vinyl (2LP), CD, 2CD, Digital; Prophecy Productions; 12.06.2026)
Es gibt diese Bands, die seit über zwanzig Jahren Alben veröffentlichen, Kritiker begeistern und eine treue Fangemeinde um sich scharen, während man selbst ihnen konsequent aus dem Weg geht, ohne es zu merken. Klimt 1918 gehören für mich genau in diese Kategorie. Vier Alben lang haben die Römer unter meinem Radar hindurchgeglitten, bevor mich "Àmor" nun erstmals mit ihrer selbstgetauften „Skygaze“-Vision konfrontiert. Und tatsächlich: Der Begriff ist gar nicht so verkehrt. Während sich Shoegaze traditionell auf die eigenen Schuhe konzentriert, wagen Klimt 1918 gelegentlich den Blick zum Horizont.
Das Ergebnis klingt entsprechend luftig. Ätherischer Gesang schwebt über permanent flimmernden Gitarrenflächen, irgendwo zwischen Post Rock, Shoegaze, Darkwave und Alternative Rock. Tony Doogan und Frank Arkwright haben dem Ganzen einen Sound verpasst, der so makellos schimmert, dass man ihn beinahe als Einrichtungselement im Wohnzimmer installieren möchte. Atmosphärisch ist "Àmor" eine Wucht.
Inhaltlich kreisen Marco Soellners Texte um Sehnsucht, Leidenschaft, Einsamkeit und die seltsame Erkenntnis, dass Nähe nicht automatisch Distanz auflöst. Gerade Stücke wie 'Petricore' offenbaren hinter all der sommerlichen Sinnlichkeit eine tiefe Melancholie, die sich wie ein Schatten durch das Album zieht. Das verleiht den Songs eine emotionale Glaubwürdigkeit, die weit über die üblichen Romantikfloskeln hinausgeht.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Leider zeigt sich schon nach einigen Stücken die Kehrseite des Konzepts. Die Presseinfo feiert ausdrücklich, dass Klimt 1918 lieber auf „kalkulierte Hooks“ verzichten. Das ist künstlerisch ehrenwert, rächt sich hier aber zusehends. Über knapp eine Stunde hinweg verschwimmen viele der elf Songs zu einer einzigen, angenehm temperierten Klangwolke. Das stimmige Saxofon in 'Eros' oder die dezent elektronischen Akzente von „Un Ètè Invincible“ sorgen zwar für willkommene Abwechslung, bleiben jedoch Ausnahmen in einem Album, das sich beharrlich weigert, nachhaltige Widerhaken auszubilden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
So bleibt "Àmor" letztlich ein Werk, dessen Atmosphäre ich mehr schätze als seine Songs. Der Sound ist exzellent, die Stimmung oft betörend, doch je länger die Platte läuft, desto stärker stellt sich das Gefühl ein, einer sehr schönen Idee beim Ausufern zuzuhören. Wer sich gern in schimmernden Gitarrenlandschaften verliert, dürfte hier glücklich werden. Mir fehlte dagegen zu oft der Moment, der mich aus diesem Traumzustand heraus tatsächlich packt.
Bewertung: 9/15 Punkten
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

• Marco Soellner - Gesang, Gitarren, Drones, Synthesizer
• Claudio Spagnuoli - Gitarren, Rhodes, Synthesizer
• Davide Pesola - Bass
• Paolo Soellner - Schlagzeug
Gastmusiker:
• Domenico Vellucci - Altsaxofon ('Eros')
Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Wikipedia
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews
Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Starkult zur Verfügung gestellt.

