Subterranean Masquerade – Mountain Fever

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Subterranean Masquerade – Mountain Fever (Sensory Records/Al!ve, 14.05.21)

Credit: Costin Chioreanu

(54:18, CD, Vinyl, Digital, Sensory Records/Al!ve, 2021)
Progressive Musik ist dem Namen nach eine Musikform, die offen für Klänge jeglicher Couleur sein sollte. Zwar gibt es mittlerweile Prog-Bands in den entlegendsten Winkeln dieser Erde, doch leider mischen diese Exoten die Klänge ihrer Heimat nur viel zu selten mit den progressiven Songstrukturen, die wir alle so lieben, so dass selbst Formationen aus den exotischsten Ländern nur selten auch exotisch klingen.

Anders ist dies bei Subterrenean Masquerade, einer israelischen Band, die spätestens mit ihrem 2017er Album „Vagabond“ auch außerhalb ihrer Heimat für größere Aufmerksamkeit sorgte. Denn bereits seit ihrem 2005er Debütalbum „Suspended Animation Dreams“ experimentieren die Israelis regelmäßig mit Klängen, die aus sämtlichen Ecken des früheren Byzantinischen Reiches zu stammen scheinen.

Subterrenean Masquerade spielen allerdings nicht einfach nur orientalisch angehauchten Progressive Rock bzw. Progressive Metal, sondern folgen vielmehr dem eklektischen Prinzip der Musik ohne Grenzen. Was sich nach einem wilden Crossover verschiedener Musikrichtungen anhört, ist jedoch keinesfalls eine Aneinanderreihung nicht zusammenpassender Stile. Sondern vielmehr die Einflechtung deren Essenz in ein Grundgewebe progressiver Rockmusik.

Bereits im Jahre 1997 vom Gitarristen Tomer Pink gegründet, haben Subterrenean Masquerade, in ihrer fast ein Vierteljahrhundert andauernden Karriere, bis zuletzt erst drei vollwertige Studioalben aufgenommen. Die einzige Veröffentlichung der letzten fünf Jahre, „The Pros & Cons Of Social Isolation“ (2020), war dabei eine Zusammenstellung von sieben überarbeiteten Stücken aus dem Backkatalog der Band.

Die einzige wirkliche Konstante in all diesen Jahren war, neben Tomer Pink, das ständig Drehen des Besetzungskarussels der Band. Bei „Mountain Fever“ hat dieses Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel nun zum ersten Mal auch tiefgreifenden Einfluss auf das Wesen der Musik, denn Tomer Pink zeichnet sich auf der aktuellen Scheibe erstmals nicht alleinig für das Songwriting verantwortlich. Denn nicht nur die übrigen Bandmitglieder waren  in diesen Prozess eingebunden. Nein, sogar den zahlreichen Gastmusikern war die Möglichkeit eingeräumt worden, sich aktiv in das Songwriting miteinzubringen.

Das Resultat dieser für Subterranean Masquerade ungewöhnlichen Herangehensweise ist ein Album, das beim ersten Hören sowohl überfordernd als auch überwältigend ist. Denn auf „Mountain Fever“ scheint es von allem zu viel zu geben: zu viele Gastmusiker, zu viele Stimmungen, zu viele Stile und zu viele Emotionen. Doch gleichzeitig wirkt das Album in seiner Gesamtheit so koheränt und harmonisch, dass man es leicht für ein Konzeptalbum halten könnte.

Uns so ganz falsch liegt man mit dieser Annahme dann auch nicht, denn die Texte der Stücke befassen sich größtenteils mit dem gleichen Thema, das schon immer charakteristisch für die Lieder von Subterranean Masquerade war, nämlich ein Vagabund zu sein und damit ein Ausländer, der sich irgendwo auf einer Reise befindet. „Mountain Fever“ fokussiert dabei jene Gefühle, die man zu Hause hat, wenn man sich gerade einmal nicht auf Reisen befindet und ganz speziell Aspekte wie Exil, Geschichte, Identität und die eigenen Wurzeln.

Dennoch stehen die zehn einzelnen Stücken auf „Mountain Fever“, sowohl textlich als auch musikalisch, auf eigenen Beinen, so dass jedem Lied eine ihm eigene Identität anhaftet. Und trotzdem gibt es ein die Stücke miteinander verbindendes Element, und das ist Subterranean Masquerades Fähigkeit, immer wieder aufs neue zu überraschen und musikalische Haken zu schlagen, die trotz ihrer Unvorhersehbarkeit in den meisten Fällen nachvollziehbar bleiben.

Und so finden sich auf „Mountain Fever“ Stilelemente aus Hardcore Punk und Symphonic Metal neben orientalischer Musik und melodischem Death Metal. Afrikanische und balkanische Blechbläser sind auf diesem Album genauso zu hören wie klassiche Streichinstrumente während die Gesangseinlagen von Shouts über dunkle Growls bis hin zu Gospelchören reichen.

Bleibt am Ende eigentlich nur ein wirklicher Kritikpunkt, nämlich dass „Mountain Fever“ in seinen extremen Momenten einfach viel zu melodramatisch ist. Ein klein wenig Zurückhaltung wäre in dieser Hinsicht nämlich ein deutlicher Zugewinn für das Album gewesen.
Bewertung: 12/15 Punkte


Tracklist:
1 ‚Snake Charmer‘ (4:09)
2. ‚Diaspora, My Love‘ (3:16)
3. ‚Mountain Fever‘ (5:25)
4. ‚Inwards‘ (6:47)
5. ‚Somewhere I Sadly Belong‘ (5:43)
6. ‚The Stillnox Oratory‘ (5:30)
7. ‚Ascend‘ (5:58)
8. ‚Ya Shema Evyonecha‘ (4:36)
9. ‚For The Leader‘ (8:27)
10. ‚Mångata‘ (4:27)

Besetzung:
Davidavi ‚Vidi‘ Dolev (Lead- und Begleitgesang)
Or Shalev (Lead- und Akustikgitarre)
Tomer Pink (Lead – und Akustikgitarre)
Shai Yallin (Keyboards und Glockenspiel)
Golan Farhi (Bassgitarre)
Matan Shmuely (Schlagzeug)
Omer Fishbein (Leadgitarre und Bulbul Tarang)

Gastmusiker:
Yatziv Caspi (Perkussion)
Neta Maimon (Cello)
Oren Tsor (Violine, Bratsche)
Uri Shefi (Bouzouki, Oud, Lavta)
Alon Karnieli (Chorgesang)
Idan Kringle (Chorgesang)
Matan Carlos Mandelbaum (Chorgesang)
Richard Aevum (Chorgesang)
Jackie Hole (Gesang)
Yakir Sasson (Holzblasinstrumente)
Ashmedi Melechech (Growls)
Hadar Levi (Talk Box Gitarre)
Idit Mintzer (Blechblasinstrumente)
Idan Amsalem (Bouzouki und Leadgitarre)

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Rezension „Vagabond“ (2017)
Konzertbericht (PPE 2016)
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Live-Foto: Tobias Berk

Abbildungen: Alle Abbildungen außer der ProgPower-Erinnerung wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Subterranean Masquerade – Mountain Fever

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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