The Kinks – Part1: Lola vs. Powerman And The Moneygoround (Deluxe Edition)

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(59:58/47:32, CD, 2-CD, Box-Set, Vinyl, Digital ABKCO/BMG)The Kinks - Part1: Lola vs. Powerman And The Moneygoround (Deluxe Edition; BMG, 11.12.20)

Anm.: Diese Rezension bezieht sich auf die 2-CD-Variante!

Man hat’s meist nicht einfach als Fan der Kinks. Im Falle der Davies-Brüder plus Kollegen stehen nämlich eine ganze Menge verschiedener Inkarnationen zur Debatte, die man verehren könnte. Die frühen R&B-Rüpel, die effektiv den Punk erfanden? Die fein ziselierten Artpop-Dandys, die wegweisend für den Progressive Rock sein sollten? Die Arena-Rocker der Arista-Phase? Oder gar die zugegebenermaßen meist gehasste, aber unglaublich interessante Variante mit den komplexen, satirischen Rock-Opern?

Das 1970er Album „Lola vs. Powerman And The Moneygoround“ ist so ziemlich das Album, auf das sich die meisten Kinks-Fans dann doch einigen können. Ein Konzeptalbum (check!), das neben zupackenden Rocksongs (check!) urbritisch-folkloristische Akustikstücke (check!) und Vaudeville-Klamauk (uuuund check!) enthält. Dazu kommt auch noch die nicht unwesentliche Tatsache, dass Ray und Dave Davies zur gegebenen Zeit auch beide auf der Höhe ihres kreativen Schaffens waren und neben zwei Megahits auch noch eine ganze Reihe an potenziellen „ewigen Lieblingssongs“ erschafften. Der Unterschied zum Vorgänger „Arthur Or The Decline And Fall Of The British Empire“ könnte dabei nicht größer sein: statt der satirischen Vignetten, die mit versponnenen Artpop-Klängen das „alte England“ beschworen, gab es diesmal meist ziemlich angepisste Abrechnungen mit der von den Davies-Brüdern als dekadenten Irrweg empfundenen Attitüde der Swingin‘ Sixties. Vor allem das „rebellische“ Musikbusiness, das längst eine genauso große Kluft zwischen Establishment und Straße zeigte, bekam sein Fett ab. Und The Kinks wußten, wovon sie sangen: mit ihrer nonkonformistischen Art, die Kunst über Produkt stellte, hatten sie sich kräftig die eigene Karriere ruiniert und waren mehrfach mit Business-Haien vor Gericht gezogen. Dass ausgerechnet das Luftmachen über diese Situation zum kommerziellen Comeback geriet, dürfte vor allem Ray Davies ziemlich gut geschmeckt haben.

Wie „Arthur“ im Vorjahr bekommt nun auch „Lola“ die „Deluxe“-Behandlung. Ob man dabei das fette Drei-CD-plus-zwei-7“-plus-Buch-Boxset bevorzugt oder die abgespeckte Zwei-Disc-Digibook-Variante, entscheidet vermutlich hauptsächlich der Geldbeutel respektive die Intensität des Fan-Daseins. Die interessantesten Raritäten findet man alle auch auf der „kleinen“ Fassung – darunter Remixes, Livesongs und Auszüge aus dem verschollenen BBC-Fernsehfilm „The Long Distance Piano Player“. Natürlich ist auch alles Bonusmaterial der vorangegangenen Remasters und Rereleases vorhanden, darunter mit ‚Anytime‘ einer der großen „verlorenenen“ Kinks-Songs. Die „Vollversion“ wartet zusätzlich mit den eindeutig eher an harte Fans gerichteten „Ray’s Kitchen Sink“-Tracks auf, die Ray wie folgt beschreibt:

„There are some special moments of Dave and I having a chat in my kitchen during the compiling of this Lola Box Set. It occurred to me that it would be better if our audience got to hear Dave and I talking about how we made ‚Lola‘, and in true Kinks style the kitchen sink interview is raw – documentary in style so this is not a normal run of the mill conversation. Enjoy!”


Das Album ist natürlich a) eines der besten der Kinks und b) eines der wenigen wirklich Wegweisenden der Musikgeschichte. „LvPatM“ muss musikalisch nämlich als enorm richtunggebend für das Genre Artrock und die – verwandte – anspruchsvollere Variante des Glamrocks gesehen werden. Hier gibt es nämlich genau die musikalische Mixtur zu hören, die beispielsweise die frühen Sparks, Bowies „Ziggy Stardust“, Steve Harley und Roxy Music für sich beanspruchten. Auch T.Rex haben sich beim Entdecken der elektrischen Gitarre nicht nur ein wenig Inspiration bei den Breitwand-Riffs von Dave Davies, den poppigen Hooks und der Exaltiertheit des Albums geholt. Vom Spiel mit dem Androgynen und dem Überwinden von Gender-Grenzen ganz zu schweigen – ‚Lola‘ sagt mit seinem „sei, wer Du sein willst und liebe, wen Du willst“ mehr über Gender-Befindlichkeiten aus als zehntausend heutige Essays in der New York Post, und ‚Apeman‘ hat schon vor fünfzig Jahren moderne existenzielle Angst besser – und unterhaltsamer – in Worte gefasst als heute üblich.

Die weniger bekannten Albumsongs sind aber keinen Deut schwächer – eher im Gegenteil. Selten haben sich Musik und Lyrik so perfekt verbunden wie auf diesem Album. Auf ‚Get Back In Line‘ wird mit viel Melancholie der Kreislauf von Hoffnung und Frust bei Arbeitslosigkeit in Musik gefasst – das aggressive ‚Rats‘ steht für das daraus resultierende Abdriften in Hass und Gewalt, und ‚Strangers‘ ist ein einfaches, emotionales Plädoyer gegen Isolation. Auch musikalisch ist „Lola…“ also ein wichtiger Meilenstein, nicht nur in der Karriere der Kinks – die naiven Sechziger waren vorbei, hier begannen die Siebziger, for better or for worse.
Bewertung: ohne Bewertung (Re-Release)

Suftipps zu The Kinks:
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Wikipedia (eng.)

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von SaschaG Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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