Ebonivory – The Long Dream I

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(59:53, Digital, Vinyl, CD, Wild Thing Records, 2020)
Ebonivory wurde im Jahre 2014 vom Sänger, Komponisten und Multi-Instrumentalisten Charlie Powlett gegründet. Die fünf Kindheitsfreunde haben sich musikalisch einer Mischung aus Alternative Rock, Progressive Metal, Post Hardcore, Modern Punk und Djent verschrieben und über die Jahre zwei EPs, “Ebonivory I” (2014), “Ebonivory II” (2016), sowie den Longplayer “Only Constant” (2015) veröffentlicht. Die Band erspielte sich einen einschlägigen Ruf in der Prog-Szene Down Under, so dass sie im Jahre 2019 neben bekannten Bands wie The Ocean, Monuments und Skyharbor auf dem Progfest in Melbourne, Victoria auftreten durften, was in einem Plattenvertrag beim australischen Prog-Label Wild Thing Records resultierte. Im Anschluss folgten Support-Slots für Dead Letter Circus und Circles, sowie eine erste Headliner-Tour durch Australien.

2020 hätte nun das große Jahr für Ebonivory werden können, denn neben der Veröffentlichung des ersten Teils des Konzeptalbums “The Long Dream” war auch eine Nordamerika-Tour mit den erfolgreichen Label-Kollegen von Caligula’s Horse geplant. Zwar musste die Tournee durch Kanada und die Vereinigten Staaten aufgrund der Covid-19-Pandemie auf das Frühjahr 2021 verschoben werden, doch immerhin konnte “The Long Dream I” wie geplant am 5. Juni 2020 veröffentlicht werden. Das Album schlug ein wie eine Bombe und erreichte prompt Platz 1 der australischen Independent Music Charts. Ebonivory standen kurz vor ihrem Durchbruch.

Doch dann folgte der 10. September 2020:
Wild Thing Records gab auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass sie aufgrund des Fehlverhaltens eines der Bandmitglieder die Zusammenarbeit mit Ebonivory aufgekündigt hätten.

Statement Concerning Ebonivory:

We have been made aware of some serious allegations of a certain band member, of which…

Posted by Wild Thing Records on Thursday, September 10, 2020

Ähnliche Statements waren auf den FB-Profilen der beiden Gitarristen Jake Ewings, Louis Edwards zu lesen. Auch sie gaben ihren Rückzug aus der Band bekannt.

Was war passiert? Ein Blick auf die FB-Seite von Ebonivory brachte etwas mehr Licht ins Dunkel:
Bandkopf Charlie Powlett verkündete hier, dass die Band nicht nur von ihrer Plattenfirma rausgeworfen worden war, sondern dass neben Jake Ewings und Louis Edwards auch Bassist Connor McMillan und Schlagzeuger David Parkes die Band verlassen hätten.

Hello fans, family and friends.

Earlier today, Jake, Connor, Louis and Dave as well as previous representatives…

Posted by Ebonivory on Thursday, September 10, 2020

Die Anschuldigungen richteten sich also gegen den Sänger und Bandkopf. Dieser schreibt in seinem Post, dass bei ihm Autismus und eine Depression diagnostiziert worden wären und er sich nun in Psychotherapie befände. Was dieser sich aber genau zu Schulden hatte kommen lassen bleibt ungewiss. Fakt ist, dass Charlie Powlett seit diesem Tag alleine auf weiter Flur steht und Ebonivory auf Eis gelegt worden ist.

Wie tragisch dies für den Musikfan ist, zeigt sich bei näherer Betrachtung des im Sommer veröffentlichten Werkes, da dieses zu den besten Alben gehört, welches im bisherigen Jahr auf dem fünften Kontinent das Licht der Welt erblickt hat.

“The Long Dream I” ist der erste Teil eines Konzeptalbums, bei dem es um eine Coming-of-Age-Geschichte und Selbstakzeptanz geht. Manche der hier vorhandenen Lieder haben schon viele Jahre auf dem Buckel, so wurde die erste Single ‘A Colour I’m Blind To’ bereits im Jahre 2017 veröffentlicht. Über die Jahre folgten sechs weitere Singles, bevor dann endlich das Album erschien. Insgesamt haben es nun dreizehn Lieder auf “The Long Dream I” geschafft, wobei die Band nach eigener Angabe auf 30 hatte zurückgreifen können.

Ebonivory haben “The Long Dream I” komplett in Eigenregie produziert, so dass sie die totale Kontrolle über ihr Werk behalten konnten. Einzelne Lieder wurden über die Jahre hinweg immer wieder verändert und weiterentwickelt, so dass die jetzigen Endresultate über einen glänzenden Feinschliff verfügen.

Diesen merkt man schon dem ersten Stück der Scheibe an, einem Instrumental, welches mit dem Namen ‘Introduction’ passend benannt worden ist. Hier treffen Heavyness, Theatralik, und himmlische Melodien in einer Manier aufeinander, wie man es nur von Devin Townsend kennt. Es klingt fast wie die Eröffnungssequenz zu einem Soundtrack und bereitet perfekt die Stimmung für das, was den Hörer in der nächsten Stunde erwarten soll.

Mit ‘Hanmer Street’, ‘Persist’ und ‘Patting the Black Dog’ folgen im Anschluss drei Lieder, die alle in eine ähnliche Kerbe schlagen und auch schon alle zuvor als Singles veröffentlicht worden waren.

Schon bei ‘ Hamner Street’ fällt auf, dass Ebonivory im Vergleich zum Vorgängeralbum “Only Constant” sowohl härter, als auch eingängiger geworden sind. Dies drückt sich vor allem in Charlie Powletts Sangesvorstellung aus, da er auf der einen Seite viel öfter seine Harsh Vocals als Stilelement benutzt, während die fast poppigen Gesangsmelodien auf der anderen Seite an moderne Punk- und Post Hardcore-Bands erinnern.

Doch auch die Instrumente kommen extrem heavy rüber und klingen wie moderner djentiger Alternative Prog. Es ist ein grandioser genresprengender Stilmix aus Emotionalität und Komplexität.

Wie bei vielen anderen Stücken auf dem Album, ist der Übergang zum anschließenden ‘Cats’ lückenlos und fließend. Hier schalten Ebonivory zum ersten Mal einen Gang herunter und zeigen sich von ihrer ruhigen Seite. Die luftige Atmosphäre und der fast verträumte Gesang steigern sich im Laufe des Songs immer weiter, bis sie nach gut vier Minuten in einem Klimax enden.

Bei ‘A Colour I’m Blind To’ kehren Ebonivory zurück zu komplexen Rhythmen und Bubblegum-Melodien. Es ist ein Song, der sich durch seine Hookline und den Chorus schnell in Hörgängen und Hirnwindungen festsetzen kann.

Das knapp anderthalb-minütige ‘Sea Sons’ und das nahtlos anschließende ‘In Reverie’ markieren die Mitte des Albums und kehren in die Sphären zurück, die nur zuvor von ‘Cats’ erklommen worden war. Es ist die Ruhe vor dem Sturm und die Einleitung in die deutlich härtere zweite Hälfte des Albums.

Schon bei ‘Window Man’ fällt auf, dass es vor allem bei den Growls plötzlich deutlich aggressiver zu Gange geht, ganz so als wollte sich Sänger Charlie den Frust von der Seele schreien.

‘Explosions After Dark’ legt noch mal eine Schippe drauf und schippert stilistisch in den Hoheitsgewässern herum, die normalerweise von Between the Buried and Me beansprucht werden.

Das nun folgende ‘Tales of Termina’ macht poppig-djentig weiter und erzählt in Anlehnung an den Spieleklassiker “The Legend of Zelda” eine Art Murmeltiertag-Geschichte, welche auf tolle Art und Weise im dazugehörigen Video filmisch umgesetzt worden ist.

Richtig interessant wird es allerdings erst bei ‘The Bluegums’, welches nicht ganz prog-untypisch von Naturgeräuschen eingeleitet wird. Mit seinen wundervollen Arrangements und dem emotionalen Gesang mausert sich das Lied über gebrochene Herzen in einer Spielzeit von fast neun Minuten zu einem Glanzstück des modernen Alternative Prog.

Ähnlich gut ist das abschließende ‘Introvection’, bei dem die fünf Australier noch einmal richtig aufs Gaspedal treten und ihre stilistische Vielfalt in einen Song komprimieren. Es ist ein würdiger Abschluss für ein Album, welches sich nicht in Genregrenzen zwängen lässt.

Ob und wie es mit Ebonivory nun weitergehen wird bleibt fraglich. Werden die alten Mitstreiter noch einmal zurückkehren? Wird sich Charlie Powlett neue Mitmusiker suchen, oder wird die band ad acta gelegt werden? Besonders bezüglich “The Long Dream II” ist dies eine interessante Frage, da das Album laut Interview mit Louis Edwards bis auf die Vocals bereits im Kasten ist. Es wäre schade, wenn die verbliebenen 17 Stücke der Welt für immer verborgen blieben.

Übrigens ist “The Long Dream I” derzeit aufgrund der Kündigung von Wild Thing Records weder in physischer Form, noch als Download erhältlich. Eine Zurverfügungstellung über die Bandcamp-Seite Ebonivorys ist allerdings für die Zukunft geplant. Wer nicht so lange warten möchte, der kann sich das Album auf den eingängigen Streaming-Plattformen zu Gemüte führen.
Bewertung: 14/15 Punkten

Tracklist:
1. Introduction (01:43)
2. Hanmer Street (04:41)
3. Persist (04:25)
4. Patting the Black Dog (05:04)
5. Cats (04:13)
6. A Colour I’m Blind To (04:23)
7. Sea Sons (01:25)
8. In Reverie (02:42)
9. Window Man (05:32)
10. Explosions After Dark (05:44)
11. Tales of Termina (04:19)
12. The Bluegums (08:54)
13. Introvection (06:48)

Besetzung:
Charlie Powlett (Gesang)
Jake Ewings (Gitarre)
Louis Edwards (Gitarre, Begleitgesang)
Connor McMillan (Bass, Begleitgesang)
David Parkes (Schlagzeug, Percussion)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Hold Tight zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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Ebonivory – The Long Dream I

von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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