
Cinematic Post Rock • Instrumental Rock
(49:24; Vinyl (2LP), CD, Digital; Temporary Residence; 12.06.2026)
Was zum Teufel sind eigentlich Snowdrops? Schneetropfen? Geschmolzener Schnee? Die übrigen Songtitel liefern schnell die Antwort, denn hier scheint sich alles um die Welt der Flora zu drehen. Tatsächlich verbergen sich hinter 'Winter Daphne', 'Gerbera', 'Statice', 'Shion' oder 'Bells Of Ireland' verschiedene Blumenarten, deren symbolische Bedeutung eng mit Erinnerung, Abschied, Liebe und Vergänglichkeit verknüpft ist. 'Snowdrop' wiederum ist schlicht der englische Name für das Schneeglöckchen – jenes kleine Pflänzchen, das Jahr für Jahr den Winter durchbricht und als Vorbote des Frühlings gilt.
Womit man bei "Snowdrop" durchaus von einem Konzeptalbum sprechen kann. Und einem, dessen Thema kaum passender gewählt sein könnte. Schließlich entstand das dreizehnte Studioalbum der japanischen Band Mono im Schatten des Todes von Steve Albini. Der legendäre Produzent, Toningenieur und Musiker, bekannt durch seine Arbeit mit Nirvana, den Pixies, PJ Harvey oder seiner eigenen Band Shellac, war für Mono weit mehr als nur der Mann hinter den Reglern. Seit Mitte der 2000er Jahre hatte er zahlreiche Veröffentlichungen der Band betreut und deren organischen, transparenten Klang entscheidend mitgeprägt. Vor allem aber war er ein enger Freund und kreativer Weggefährte. Sein Tod hinterließ daher nicht nur menschlich, sondern auch musikalisch eine Lücke.
An seine Stelle trat mit Brad Wood ausgerechnet jemand, der Steve Albini nicht nur jahrzehntelang kannte, sondern auch mit den Arbeitsweisen von Mono bestens vertraut war. Statt einen radikalen Neuanfang auszurufen, entschieden sich die Japaner bewusst für Kontinuität. Aufgenommen wurde erneut im legendären Electrical Audio Studio in Chicago, wo ein Großteil ihres Katalogs entstanden ist. Schon dadurch wirkt "Snowdrop" weniger wie ein Abschied von der Vergangenheit als vielmehr wie deren behutsame Fortführung.
Wer nun angesichts von Steve Albinis Tod und eines Albums, dessen Stücke überwiegend die Namen von Trauerblumen tragen, einen Ausflug in die emotionale Finsternis erwartet, dürfte allerdings überrascht sein. "Snowdrop" klingt weniger nach Beerdigungsmarsch als nach einer jener Trauerfeiern, bei denen nach den Tränen Geschichten erzählt, Erinnerungen geteilt und irgendwann sogar wieder gelacht wird.
Denn Mono gelingt etwas Bemerkenswertes: Sie machen aus Trauer keine Last, sondern eine Quelle der Kraft. Das Album blickt wehmütig auf die Vergänglichkeit des Lebens, schöpft daraus aber keine Resignation, sondern Hoffnung. "Snowdrop" ist keine musikalische Beerdigung, sondern vielmehr eine „Celebration Of Life“.
Ohne Ausnahme wird jeder Mensch diese Welt eines Tages verlassen und sich von seinen Liebsten trennen müssen. Mit diesem Album wollten wir unsere ‚ewige Dankbarkeit‘ gegenüber all jenen kostbaren Menschen ausdrücken, die uns auf unserem Lebensweg begleitet haben. Wir glauben, dass dieses Empfinden das Einzige ist, das die Leere in unseren Herzen füllen und den tiefen Schmerz und die Trauer des Verlustes lindern kann. Jede Blume trägt ihre eigene, einzigartige Sprache in sich. Für dieses Album haben wir die Bedeutung jener Blumen, die wir den Verstorbenen darbringen, in die Titel unserer Songs einfließen lassen. Unsere Hoffnung ist, dass dieses Album für all jene, die einen geliebten Menschen verloren haben, zu einer Quelle von Licht und Hoffnung wird. – Mono.
Das passt erstaunlich gut zur Entwicklung der letzten Jahre. Bereits "Scarlet Holliday" sowie die beiden "Heaven"-EPs ließen Wärme, Trost und Zuversicht stärker in den Vordergrund treten als die klassische postrockige Weltuntergangsromantik. "Snowdrop" führt diesen Weg konsequent fort. Die Japaner blicken zurück, ohne rückwärtsgewandt zu wirken, und erinnern daran, dass Dankbarkeit manchmal stärker sein kann als Trauer.
Besonders deutlich wird dies in 'Gerbera'. Das Stück besitzt eine Erhabenheit und positive Ausstrahlungskraft, wie man sie eher von Sigur Rós als von Mono erwarten würde. Wo die Japaner früher oft die Katharsis im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Schmerz suchten, scheint hier für einen Moment tatsächlich das Licht zu überwiegen. Der Song wirkt weniger wie ein Abschied als vielmehr wie eine dankbare Erinnerung an gemeinsam verbrachte Zeit – und bringt damit die Grundidee von "Snowdrop" vielleicht besser auf den Punkt als jede noch so ausführliche Pressemitteilung.
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Den emotionalen Gegenpol bildet das ergreifende 'Bells Of Ireland'. Getragen von einem Gänsehaut erzeugenden Orchesterarrangement entfaltet sich hier jene tiefe Melancholie, die man bei einem Album über Verlust und Erinnerung erwarten darf. Doch selbst in seinen traurigsten Momenten verweigert sich das Stück der Hoffnungslosigkeit. Wärme und Zuversicht durchziehen die Komposition wie ein Lichtstrahl, der durch schwere Wolken bricht. Gerade dadurch wird 'Bells Of Ireland' zu einem der bewegendsten Momente des Albums.
Das abschließende 'Farewell To Spring' erweitert diese Dramaturgie noch einmal um eine zusätzliche Ebene. Während die sieben vorangegangenen Stücke die Sprache der Blumen sprechen, wirkt dieses Finale wie ein bewusster Bruch – oder vielmehr ein Übergang. Der Abschied vom Frühling ist dabei mehr als nur ein poetischer Titel. Er klingt wie das Akzeptieren eines Zyklus, in dem auf Blüte unweigerlich Vergänglichkeit folgt, ohne dass daraus Verzweiflung entstehen muss. Getragen wird diese Idee von einem intensiv flirrenden Crescendo, das den Moment regelrecht auflädt und emotional aufbricht, ohne ihn je in Hoffnungslosigkeit kippen zu lassen, bevor das Stück schließlich in sanft nachdenklichen Klängen ausklingt und den Kreis behutsam schließt.

Musikalisch bleiben Mono dabei unverkennbar Mono. Stoisch und zurückhaltend in ihrer Herangehensweise, entfalten sie eine beeindruckende Tiefe und Eleganz. Gemeinsam mit einem zehnköpfigen Orchester und einem achtstimmigen Chor errichten sie erneut jene gewaltigen Klangräume, die seit Jahrzehnten ihr Markenzeichen sind. Große Überraschungen sollte allerdings niemand erwarten. Die Dynamikbögen sitzen dort, wo man sie erwartet, die Streicher schwellen zuverlässig an und irgendwann türmen sich auch die Gitarren wieder zu monumentalen Crescendi auf. Nach über 25 Jahren wirkt das allerdings weniger wie Ideenlosigkeit als vielmehr das Werk von Großmeistern ihres Faches, die ihre eigene Sprache längst perfektioniert haben.
Die eigentliche Stärke des Albums liegt ohnehin nicht in stilistischen Experimenten, sondern in seiner Ausstrahlung. Trotz aller Wehmut besitzt "Snowdrop" eine bemerkenswerte Strahlkraft. Es erinnert daran, dass Abschied und Dankbarkeit keine Gegensätze sein müssen. Dass Erinnerungen schmerzen können und trotzdem Trost spenden. Und dass selbst in den dunkelsten Momenten noch Platz für Licht bleibt.
Mono haben kein Traueralbum aufgenommen. Sie haben ein Album geschaffen, das den Verlust anerkennt, ohne sich ihm zu ergeben. Einen melancholischen, würdevollen und erstaunlich lebensbejahenden Blick auf das Vergängliche. Und vielleicht ist genau das die schönste Form, einem Freund die letzte Ehre zu erweisen.
Bewertung: 14/15 Punkten
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Besetzung:
Takaakira 'Taka' Goto (Gitarre)
Tamaki Kunishi (Bass, Piano)
Hideki 'Yoda' Suematsu (Gitarre)
Dahm Majuri Cipolla (Schlagzeug)
Gastmusiker:
Chad McCullough – Orchesterarrangements
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Cargo Records zur Verfügung gestellt.

