Bring Me the Horizon – amo

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(51:54, Vinyl/CD/MC/Digital, RCA/Sony Music, 2019)
Bring Me the Horizon sind dem klassischen Prog-Hörer wahrscheinlich kein Begriff. Trotzdem gehört die Band aus Sheffield wohl zu den größten und bekanntesten Bands, die good old England derzeit aufzuweisen hat. Ausverkaufte Touren, Grammy-Nominierungen, Top-10-Platzierungen in weltweiten Album-Charts, Slots auf den Hauptbühnen der größten Rock-Festivals, sowie ein ausverkaufter Abend in der altehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall unterstreichen dies.

Schaut man sich die Geschichte der Formation an, so ist dies schon arg verwunderlich, starteten die Herren um Frontman Oliver Sykes doch im Jahre 2004 als Deathcore-Band. Zwar gab es auch schon in diesen Anfangstagen erste Achtungserfolge (die Debüt-EP “This Is What the Edge of Your Seat Was Made For” brachte es bis auf Platz 41 der britischen Charts), doch machte die Band vielmehr mit dem exzentrischen Verhalten ihres Frontmannes auf sich aufmerksam (so zum Beispiel, als dieser nach einem Konzert in Nottingham auf einen weiblichen Fan uriniert haben soll, weil dieser Oliver Sykes einen Korb gegeben hatte).

Über die Jahre hinweg entwickelten Bring Me the Horizon ihren Sound immer weiter. Schon früh fanden rockfremde Genres wie Electronica, Drum’n’Bass, Hip-Hop und Dubstep den Weg auf die Longplayer der Band. Auch leichte Anleihen aus dem progressive Metal waren immer wieder zu hören. Spätestens mit ihrem dritten Album “There Is a Hell, Believe Me I’ve Seen It. There Is a Heaven, Let’s Keep It a Secret” waren die Engländer dann im Olymp des Metalcore angekommen. Es folgten u.a. Touren mit Bullet for My Valentine, Parkway Drive, Architects und Machine Head.

Mit dem Einstieg von Jordan Fish (Keyboards & Synthesizer) im Jahre 2013 und dem Album “Sempiternal” öffneten sich Bring Me the Horizon immer weiter elektronischen und popkulturellen Einflüssen. Fans der ersten Stunde, die hofften, dass mit dem 2015er Album “That’s the Spirit” das Ende der Fahnenstange erreicht sei, wurden im Januar 2019 eines besseren belehrt. Es war der Monat, als “amo” das Licht der Welt erblickte. Der Aufschrei in Teilen der Fangemeinde war riesig.

Auch ich war schwer geschockt, als ich “amo” zum ersten Mal aus dem Internet streamte, da vom Metalcore der Vorgängeralben praktisch nichts mehr übrig geblieben war. Bring Me the Horizon waren augenscheinlich in der Popmusik angelangt. Passend dazu der Titel des Albums. ‘Amo’ ist das portugiesische Wort für Liebe.

Allerdings musste ich schnell feststellen, dass die Musik auf “amo” alles andere als seicht geraten war. Viele der Lieder haben Tiefgang und brannten sich mit der Zeit in meine Gehörgänge ein. Außerdem entpuppte sich die Platte schon sehr schnell als sehr runde und kohärente Angelegenheit, trotz aller stilistischer Vielfalt.

Am Anfang der Scheibe steht mit ‘Apologise If You Feel Something’ ein sehr ruhiges Stück, das von gefühlvollen Synthesizern und Oli Sykes verfremdeter Stimme geprägt ist und als Intro den Weg für das anschließende ‘MANTRA’ bereitet.

‘MANTRA’, die erste Single-Auskopplung des Albums, beschreibt man vielleicht am besten mit den Worten Heavy Alternative Pop. Straighte Gitarrenriffs treffen hier auf Gesangslinien mit Ohrwurmcharakter und elektronische Hintergrunduntermalung. Es ist Stadionrock im Stile von Linkin Park mit starkem Moshpit-Potential.

Die erste wirklich Überraschung des Albums folgt mit ‘Nihilist Blues’, einer Kooperation mit der kanadischen Sängerin Grimes. Würde man es nicht besser wissen, so könnte man denken, man sei in den tiefsten 90ern gelandet. EDM-Beats lassen Erinnerungen an die Berliner Rave-Szene, beziehungsweise an eine durchgetanzte Nacht auf Ibiza wach werden. Was anfangs wie ein musikalischer Fremdkörper erscheint, entwickelt sich mit der Zeit zu einem der stärksten Stücke auf “amo”.

Noch poppiger geht es mit ‘In the Dark’ weiter. Im Mittelpunkt des Songs steht wieder einmal die Stimme Oli Sykes‘ die einem schon nach dem ersten Hören nicht mehr aus den Sinnen gehen will: “Jesus Christ you’re so damn cold, don’t you know you’ve lost control”. Die von sanften Beats und die dezente, aber harten Gitarrenarbeit Lee Malia sorgen dafür, dass einen dieses Stück – ob man will oder nicht – nicht mehr loslässt.

‘Wonderful Life’ beamt einen abprupt in die guten alten Zeiten zurück, als Bring Me the Horizon noch Metalcore machten. Bei der Kooperation mit Dani Filth von Cradle of Filth wird der Härtegrad, zur Freude der alten Fans endlich hochgeschraubt: Schlagzeug (Matt Nicholls) und Bass (Matt Kean) klingen wieder nach Core-Musik, die Gitarre zeigt einen starken Djent-Einschlag und es gibt den ersten richtigen Breakdown des Albums.

Wer jetzt allerdings hofft, dass es genauso weitergeht, der wird schwer enttäuscht, denn für jeden Metalcore-Fan fühlt sich das folgende Lied genauso an wie es heißt: ‘Ouch’. Drum’n’Bass-Rhythmen, Vocoder und Electronica. Mehr gibt es hiezu kaum zu sagen. Außer, dass der Kontrast zum vorherigen Lied besonders reizvoll ist.

“Some people are a lot like clouds, you know, ’cause life’s so much brighter when they go”. Mit der ersten Zeile von ‘Medicine’ erwecken Bring Me the Horizon nun auch textlich den Anschein, dass sie sich in Richtung Generation-Instagram entwickelt haben. Passenderweise besitzt das Stück mit seinen hymnenhaften Popmelodien und Hooklines wohl auch das größte Hitpotential für eben jene Zielgruppe.

Bei ‘Sugar Honey Ice & Tea’ geht es wieder zurück in Nackenbrecher-Gefilde, denn trotz aller Elektronik Pop-Allüren geht es hier wieder richtig ab. Selbst Oli Sykes kommt seinem alten Gesangstil so nahe, wie bei keinem anderen Lied.

Sprechgesang und Dubstep sind die prägenden Elemente von ‘Why You Gotta Kick Me When I’m Down?’ Trotz alledem schaffen es Bring Me the Horizon auch hier einen Breakdown einzubauen, allerdings einen elektronischen.

‘Fresh Bruises’ ist ein kurzer minimalistischer Track der mit seinen düsteren Beats auch in den verruchtesten Keller-Clubs der Elektro-Metropolen laufen könnte.

Mit ‘Mother Tongue’ legen die fünf Engländer dann ihr Pop-Meisterstück ab, da es mit seinem Chorus, Chören und Streicherklängen schon förmlich nach Radioplay schreit. Ob das nun Ausverkauf oder einfach nur cool ist, wird wohl jeder für sich selbst entscheiden müssen.

‘Heavy Metal’ ist dann vieles, nur nicht das was der Name verspricht. Zwar klingen die Gitarren-Riffs wieder um einiges deftiger als bei den meisten der anderen Liedern, doch spätestens als Gastsänger Rahzel (The Roots) mit seinen Hip-Hop-Einlagen einsteigt, werden den Alt-Fans wieder einmal die Augen und Ohren geöffnet. Daran können auch die letzten sieben Sekunden des Songs nichts ändern, als Oliver Sykes augenzwinkernd ins Mikrofon screamt “This ain’t Heavy Metal”. Was für ein geiler musikalischer Stinkefinger!

Den Abschluss der Platte bildet ‘I Don’t Know What To Say’, welches durch Streicher und Akustikgitarre überrascht, Ein stimmiger Abschluss für ein Album, dass durch seine stilistische Vielfalt provoziert und keine Kompromisse eingeht.

Elf Monate nach dem ersten Hören und unzählige Rotationen des Albums später, zähle ich “amo” trotz bzw. gerade wegen all seiner Brüche zu meinen Lieblingsalben des Jahres 2019. Dies liegt mitunter daran, dass egal welcher Stilrichtung auch immer sich Bring Me the Horizon gerade widmen, immer ein leichter Schatten ihre musikalischen Vergangenheit über den Liedern hängt – eine Art latente Aggression und Heavyness, die an vereinzelten Stellen immer wieder in den Vordergrund rückt. Hierdurch haben es Bring Me the Horizon als wahrscheinlich erste Band überhaupt nicht nur vollbracht, mir moderne Popmusik zugänglich zu machen, nein, sie haben mich diese sogar lieben gelehrt – jedenfalls in ihrer ganz ureigenen Version.
Bewertung: 13/15 Punkten (FF 13, KR 7)

Tracklist:
1. Apologise If You Feel Something
2. MANTRA
3. Nihilist Blues (featuring Grimes)
4. In The Dark
5. Wonderful Life (featuring Dani Filth)
6. Ouch
7. Medicine
8. Sugar Honey Ice & Tea
9. Why You Gotta Kick Me When I’m Down?
10. Fresh Bruises
11. Mother Tongue
12. Heavy Metal (featuring Rahzel)
13. I Don’t Know What To Say

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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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