Anders Nyström, Katatonia, zu „The Fall Of Hearts“ und Tourplänen

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»Es ist ein Spiel zwischen hell und dunkel – gäbe es kein Licht, könnte man die Dunkelheit nicht sehen.«

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Im Vorfeld der Veröffentlichung des zehnten Katatonia-Albums „The Fall of Hearts“ am 20. Mai hatte der Rezensent die Ehre, eine halbstündige Telefon-Betreuung mit Gitarrist Anders Nyström durchführen zu dürfen, der auch bereitwilligst von der Entstehung des Albums, neuen Bandmitgliedern und Tour-Plänen der schwedischen Könige des melancholischen Progressive Metal berichtete.

Anders, das kommende Katatonia-Album „The Fall of Hearts“ wird der erste voll verstärkte Release seit dem 2012 erschienenen „Dead End Kings“ sein, von der 2014er-Live-Veröffentlichung „Last Fair Day Gone Night“ mal abgesehen. Die letzten Jahre waren geprägt von der Arbeit an einer komplett unverstärkten bzw. unverzerrten Bearbeitung der „Dead End Kings“-Songs („Dethroned & Uncrowned“, 2013) und vielen auf der empfehlenswerten Live-DVD „Sanctitude“ (2015) festgehaltenen Akustik-Konzerten. Inwieweit hat diese lange Phase, in der Ihr Euch sehr weit von der vollverstärkten Heavyness entfernt hattet, das Songwriting zu „The Fall Of Hearts“ beeinflusst?

Ich denke, mit „Dethroned & Uncrowned“, den akustischen „Sanctitude“-Touren und dem Livealbum haben wir eine neue Tür für unsere Zuhörer aufgestoßen, einen neuen Katatonia-Sound kennenzulernen und zu akzeptieren. Wir haben nie behauptet, dass das ein Anzeichen für unseren neuen Stil war. Es war tatsächlich nur ein kleines Experiment um zu zeigen, dass es mehr als nur einen Stil bei Katatonia gibt. Wir konnten auch eine weichere akustische Seite zeigen, die trotzdem immer noch nach Katatonia klingt. Es war uns immer klar, dass das nächste Album dort ansetzen würde, wo wir mit „Dead End Kings“ standen, was eine Mischung aus beiden Seiten war, von soft und heavy. Doch für das neue Album haben wir versucht, eine größere Balance aus diesen beiden Stilen zu finden. Die heftigen Parts haben wirklich viel Platz auf dem Album bekommen. Es gibt viele Momente, die einfach total heavy und progressiv sind. Wenn also die Leute gedacht haben, es gäbe keine Heavyness mehr bei Katatonia, haben wir sie definitiv eines Besseren belehrt. Ich glaube, wir haben eine gute Balance zwischen beiden Seiten gefunden.

Anders Nyström, Katatonia by Ester Segarra

Die Entwicklung auf den letzten drei Alben, von „Night Is The New Day zu „Dead End Kings“ und jetzt zu „The Fall Of Hearts“, fühlt sich für mich so an, als ob Ihr Euch ganz natürlich immer mehr hin zu einem experimentierfreudigeren Sound entwickeln würdet. Auch die Heavyness scheint insgesamt langsam etwas abzunehmen. Wenn Du anfängst mit Jonas (Renkse, vocals) neue Songs zu schreiben, verständigt Ihr Euch vorher und legt bewusst eine Richtung fest, in die es gehen soll, oder lasst ihr euch vielmehr von der Musik und Inspiration leiten?

Nein, wir setzen uns nicht vorher zusammen wie zu einem Business Meeting oder so. Musik zu schreiben muss irgendwie quasi wie von alleine gehen, wir lassen sie für sich selbst sprechen. Wir lenken sie schon ein bisschen in eine gewisse Richtung, weil wir wissen, was wir wollen. Wir wollen diese Balance, von der ich gerade schon gesprochen habe. Manche Songs gehen mehr in die härtere Richtung, wir haben ein paar Songs, die komplett soft sind, und dann haben wir natürlich die Songs mit der besagten Mischung aus beidem. All das zu haben, macht das Album so viel mehr vielschichtig und abwechslungsreich, es gibt für jeden etwas. Es würde mich sehr langweilen, wenn ein Katatonia-Album komplett nur die eine Seite aufweisen würde. Jetzt kommen bestimmt Leute und sagen: „Aber ihr habt doch gerade erst ein Album gemacht, das komplett nur ein Ding war mit dem akustischen Zeug“. Ja, das haben wir, aber es war nur ein Experiment, ich zähle das gar nicht als reguläres Studioalbum.

Durch die Reduzierung der Härte-Anteile bekommen die atmosphärischen Synthesizer mehr und mehr Raum. Habt ihr dieses Mal auch wieder mit Frank Default zusammengearbeitet, wie auf den vorangegangenen Alben?

Leider war Frank nicht bei den Aufnahmen für „The Fall Of Hearts“ dabei. Wir haben ihn wieder gefragt, aber er hat es ganz aufgegeben Musik zu machen. Ich wusste, dass er Vater geworden war, also hat er genug zu tun, sich um seine Familie zu kümmern. Aber es war nicht wirklich ein Problem, da Jonas und ich uns schon immer auch um die Keyboards gekümmert haben. Wir interessieren uns sehr dafür, haben schon immer eine große Leidenschaft dafür, deswegen war das ganze Keyboard Department schon in der Vergangenheit immer eine Kollaboration mit Frank Default. Also wussten wir, was wir zu tun hatten. Es dreht sich viel um Texturen im Atmosphärischen. Es geht um Soundscapes und Ambience und wir wissen sehr genau, was wir in den Songs haben wollen, es geht weniger um Keyboards, die ein richtiger Keyboarder spielen muss. Wir haben ein paar Piano-Themen, ein paar Streicher-Themen, Mellotron und solche Sachen, aber wir haben keine Keyboards, die die ganze Zeit mit der Gitarre mitspielen oder so.

Der erste Höreindruck von „The Fall of Hearts“ offenbart das experimentierfreudigste Songwriting auf einem Katatonia Album bis jetzt und auch viele Mellotron- und Fender-Rhodes-Klänge. Habt ihr echte Instrumente im Studio verwendet?

Wir fühlen uns vor allem dem Klang dieser beiden Instrumente am meisten verbunden. Er hilft uns, etwas in unseren Sound einzubauen, das klingt, als ob Du das Vintage Feeling der 1970er-Jahre mit einem modernen Klangbild von 2016 verheiratest. Es ist einfach eine wunderschöne Balance von zwei verschiedenen Welten, die wir zusammenzubringen versuchen, und das liebe ich einfach.

Katatonia The Fall of Hearts Cover Artwork by Travis Smith

The „Fall of Hearts“ ist das erste Katatonia-Album mit den neuen Bandmitgliedern Daniel Moilanen (drums) und Roger Öjersson (guitars). Inwieweit hatten die beiden Einfluss auf das fertige Album?

Unser neuer Schlagzeuger Daniel hatte einen sehr großen Einfluss auf das Album, er war sogar sehr wichtig für den Beginn der Songwriting Sessions. Wäre er nicht gewesen, hätten wir das Album gar nicht so schreiben können, denn als wir ihn gefunden haben, wussten wir wie talentiert er ist und wir haben ihn gefragt, ob es irgendetwas gäbe, das er nicht spielen kann oder worauf wir achten sollten. Aber er hat mir nur gesagt: „Nein, ich habe zwei Arme und zwei Beine, solange ihr etwas dafür programmiert, kann ich es spielen. Aber ich bin kein Oktopus, also bitte macht nichts, wofür man acht Arme oder Beine brauchen würde“. Also sagten wir ihm: „Okay, aber es wird eine Herausforderung für Dich werden, weil wir die Drums sehr detailliert programmieren werden, und es wird einige Beats und Patterns geben, die sehr anspruchsvoll sein werden.“ Aber nein, es war keine Herausforderung für ihn. Er hat alles so gespielt, wie wir es programmiert hatten, bis ins kleinste Detail. Wir waren so glücklich ihn im Studio spielen zu sehen, und er hat die Messlatte für das Album wirklich sehr, sehr hoch gelegt von dem Moment an, in dem er ins Studio kam. Deswegen war es auch so angenehm, das Album aufzunehmen.

Das gilt auch für Roger, unseren neuen Gitarristen, der aber erst sehr viel später hinzukam. Er kam erst in die Band, als das Album schon mehr oder weniger komplett aufgenommen war. Aber wir hatten noch ungefähr eine Woche Studiozeit übrig und ich sagte zu ihm: „Du bist so ein guter Gitarrist, es wäre eine Schande, wenn du dem Album nicht deine Duftmarke hinzufügen würdest, bevor wir die Aufnahmen abschließen.“ Also hat er noch vier Solos aufgenommen, sehr coole, geschmackvolle Gitarrensolos.

 

Ich nehme an, die Lyrics wurden wieder von Jonas geschrieben. Gibt es ein durchgehendes Konzept, vielleicht weniger eine zusammenhängende Geschichte, als viel mehr ein Thema, das sich wie eine rote Linie durch das Album zieht?

Ich denke, die rote Linie für Jonas als Texter ist, dass er mehr oder weniger immer über die gleichen Themen schreibt, aber es ist kein Konzept-Album und er ist auch kein großer Fan von so etwas. Er mag es, sich kleine, abstrakte Storys auszudenken und Texte zu ähnlichen Themenfeldern zu verfassen. Ich glaube, die Leute wissen inzwischen, worum es bei diesen Themen geht. Bei uns ging es schon immer um die dunkle Seite, von Anfang an. Die Band gibt es jetzt schon seit 25 Jahren und wir haben noch nie ein Album aufgenommen, das ‚happy’ klang. Die Leute wissen, was sie von den Lyrics erwarten können, diese dunkle Seite spiegelt sich darin wider. Aber es ist halt nicht so offensichtlich, worum es wirklich geht, weil Jonas es lieber kryptisch belässt.

 

Da Du gerade gesagt hast, dass es noch nie ein fröhliches Katatonia-Album gab: Als ich gestern Abend zur Vorbereitung auf unser Gespräch „The Fall Of Hearts“ zum ersten Mal gehört habe, fiel mir sofort auf, dass der Anfang des ersten Songs ‚Takeover‘ mit einer für Katatonia ungewöhnlich hellen Stimmung überraschte. Natürlich klingt es nicht fröhlich, aber sicher mehr ‚uplifting’ als man es von Katatonia bisher gewohnt war.

Wir wollten, dass es hoffnungsvoller klingt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen fröhlich und hoffnungsvoll, aber wir wollten, dass sich der hoffnungsvolle Teil dieses Mal richtig zeigen kann. Es ist ein Spiel zwischen hell und dunkel – gäbe es kein Licht, könnte man die Dunkelheit nicht sehen. Das ist ein gutes Beispiel für die Gegensätze in unserer Musik. Manchmal fragen wir uns bei bestimmten Abschnitten, ob es zu fröhlich klingt. Nein, es klingt nicht zu fröhlich, es ist eine Balance, es ist ein hoffnungsvoller Klang, eine Art Schimmer am Horizont, der dann von der Dunkelheit verschlungen wird.

Katatonia full Band 2016 by Ester Segarra

Es wird ein paar Bonustracks auf verschiedenen Formaten geben, auf der Deluxe Edition zum Beispiel und auf der LP. Was erwartet uns da?

Diese Bonustracks sind auf keinen Fall Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben, weil sie zu schlecht sind oder so. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis seitens der Fans, die denken: „Oh, die Songs haben es nicht auf das Album geschafft, also müssen sie scheiße sein“. Aber das stimmt so überhaupt nicht. Der einfache Grund ist, dass das Album schon zu lang war, es ist 70 Minuten lang mit den zwölf Songs und wir haben so eine gute Reihenfolge gefunden, mit der wir so zufrieden waren, dass wir uns gesagt haben: „Hier müssen wir aufhören, das ist das fertige Album, das ist, was sich für uns richtig anfühlt“. Die anderen Songs haben wir als eine Art Geschenk für die Superfans noch mit dazu gepackt. Für Leute, die vielleicht mehrere verschiedene Versionen sammeln wollen, die richtigen Sammler, die vielleicht das Vinyl und das Deluxe Book haben wollen, für die sind die Bonustracks eine extra Dreingabe (Nur in Deutschland soll es eine Doppel-LP mit goldenem Vinyl geben, d. Schlussred.).

Auf einem der Bonustracks, ‚Wide Awake In Quietus‘, wird es laut Presseinfo einen Gastauftritt von Gregor Mackintosh (Paradise Lost) geben. Wie kam das zustande?

Das ist etwas, wovon wir heimlich träumten seit wir angefangen haben. Wir sind große Paradise-Lost-Fans, sind inzwischen auch mit den Jungs befreundet und waren oft mit ihnen auf Tour. Ihr aktueller Sänger (Nick Holmes) ist sogar in unserer anderen Band, unserem Side Project Bloodbath. Wir stehen uns also inzwischen sehr nahe und sagten: „Wann werden wir das endlich machen? Wir müssen das realisieren bevor wir alt sind und im Altenheim sitzen“. Also sagten wir zu ihm: „Bitte Gregor, könntest Du uns ein Gastsolo für einen Song aufnehmen? Das würde uns sehr glücklich machen!“. Und er war sehr erfreut darüber, das machen zu können. Wir haben einen Song ausgewählt, der schon sehr nach Paradise Lost klang, der hat also auf jeden Fall einen Olds School Vibe.

An der Live-Front habt Ihr für diesen Sommer schon viele Festival-Auftritte in ganz Europa (und einen sogar in Brasilien) angekündigt, zwischen Ende April und Anfang Oktober. Gibt es schon Pläne für eine Headliner Tour im Herbst/Winter?

Die gibt es in der Tat! Es wird eine große Europa-Tour werden, die von Mitte September bis Mitte November gehen wird, also wirklich eine sehr lange Tournee. Wir werden versuchen, alle Länder abzudecken und in den meisten großen Städten spielen. Das Line-up für die Tour wurde noch nicht bekanntgegeben, aber wir werden es Euch sehr bald in einer großen Ankündigung verraten.

Da du gerade vom potenziellen Line-up für die nächste Tour gesprochen hast und wir noch ein bisschen Zeit haben, führt mich das geradewegs zu meiner Bonus-Frage. Ihr wart in den Staaten mit Devin Townsend und Paradise Lost auf Tour, eine reichlich merkwürdige Zusammenstellung wie ich finde, Devins Musik ist ja über weite Strecken wirklich ‚happy’…

Das ist wirklich eine komische Kombination gewesen, aber alle drei Bands haben dasselbe Management. Es war mehr eine geschäftliche Entscheidung, sie zusammen auf Tour zu schicken. Es ist tatsächlich ein sehr unterschiedliches Billing. Devin Townsend, Paradise Lost und Katatonia – da liegen wirklich Welten dazwischen.

Auf der akustischen Tour haben Euch Messenger aus England supportet, was sehr gut gepasst hat, wie ich finde. Könntest Du eine Band nennen, egal ob jung oder alt, mit der du gerne touren würdest? Gibt es vielleicht eine neue Band, die du gerade entdeckt hast, der Du eine Chance geben möchtest Euch zu supporten?

Natürlich, ich bin offen dafür, mit jeder Band zu touren, die ich persönlich gut finde. Wenn ich die Musik mag und dazu auch noch die Menschen, bin ich der erste, der sie mit an Bord begrüßt. Vor allem gibt es da eine Band von einem meiner alten Freunde, Martin Lopez, dem Ex-Drummer von Opeth, sie heißt Soen. Ich liebe deren Musik und sie würde perfekt zu Katatonia passen, aber bei solchen Sachen geht es ja auch hauptsächlich um das Timing, ob sie gerade ein neues Album veröffentlicht haben.

Vielen Dank für dieses Interview, Anders, und alles Gute für die Veröffentlichung von „The Fall of Hearts“ und die Tour!

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Foto/Ausschnitt: Ester Segarra (Pressefreigabe)

Live-Foto: Tobias Berk, 02.12.2012, Köln, Live Music Hall

Artwork/Cover: Travis Smith

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Anders Nyström, Katatonia, zu „The Fall Of HeartsR…

von Dario Albrecht Artikel-Lesezeit: ca. 10 min
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