Folk Prog
(64:42; Vinyl, CD, Digital; Verve Records/UMG; 29.05.2026)
Da ich noch nie in der Heimatstadt des Künstlers war, kann ich nicht beurteilen wie das Leben dort ist. In Anbetracht des ersten Höreindrucks seines neuen Albums geht es dort aber höchstwahrscheinlich ruhig und betulich zu. Anders sind diese zwölf Tracks nicht zu erklären. Einige der Songs sind eine echte Liebeserklärung an seine Heimatstadt, wo er mit zehn Geschwistern aufgewachsen ist und klingen dementsprechend sanft. Da gibt es kein Aufbäumen, keinen schrägen Ton, keinen Protest. Nur schöne Träume, saubere Liebe/Erotik und eine absolut heile Welt. Und das über eine Stunde lang.
Toll werden viele sagen. Langweilig die anderen. Tolle Songs sagen sicher auch viele. Aber immer dasselbe die anderen. Im Endeffekt könnten sich die beiden Parteien aber vielleicht darauf einigen, dass der Sänger interessant klingt. Er ist zwar kein außergewöhnlicher Sänger, beileibe nicht. Aber er hat das gewisse Etwas in der Stimme. Gefühl. Geschichtenerzähler. Poetiker. Träumer. Kumpeltyp. Nicht perfekt, zum Glück. Aber interessant. Fast wie Neil Young in seiner 'After The Gold Rush'-Phase. Manchmal. Man höre 'Every Time I Look At You'. Klingelt's?
Für wen sind solche Alben? Hat der Künstler eine Zielgruppe? Wieso spielt eine ehemalige Gallionsfigur und der Gründer der Band The War On Drugs seit zwanzig Jahren nur noch Folk- und Liebeslieder? Und das über eine Stunde lang? Warum nur so lang? Fragen über Fragen und ich habe... keine Antwort. Diese Musik kann man lieben oder hassen. Oder einfach nebenbei hören. Autsch...
Ein Album das nicht nur unsere Betreuten Progger spalten wird. Wenn progressiv auch bedeutet, dass man eine bestimmte Musikrichtung, wie in diesem Fall die Folkseite, auch mal etwas schräger oder offener spielen darf, dann hat Kurt Vile sein Ziel durchaus erreicht. Dann ist es progressiver Folk. Dann ist der Vergleich mit Neil Young fast schon Pflicht. Und dann ist das Album plötzlich auch für Menschen interessant die sich beim Begriff Folkmusik entsetzt abwenden. Wer zu diesen gehört, der kann die Musik von Kurt Vile auch mal live erleben im Sommer in Köln, München, Hamburg und Berlin.
Das Album besitzt starke Momente und nicht einen einzigen Ausfall. Persönlich hätte mir eine Dreiviertelstunde zwar gereicht, aber wer dem modernen Folk mehr angetan ist als ich dürfte die volle Stunde genießen. Kommt vielleicht noch bei mir. Beim nächsten Album.
Bewertung: 10/15 Punkten
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Abbildungen: Kurt Vile/Bandcamp


