Fractal Universe – The Impassable Horizon

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Fractal Universe – The Impassable Horizon (Metal Blade Records, 25.06.21)(52:55, 2, Vinyl, Digital, Metal Blade Records, 2021)
Progressive Death Metal und Technical Death Metal sind die beiden Labels, die am häufigsten benutzt werden, um die Musik von Fractal Universe zu beschreiben. Diese Begriffe mögen vielleicht in der Vergangenheit noch zutreffend gewesen sein, doch so richtig passend erscheinen die hier genannten Genres für das aktuelle Album „The Impassable Horizon“ nicht mehr. Denn die Musik der vier Franzosen ist in erster Linie lupenreiner Progressive Metal. Tech und Death sind zwar allzeit gegenwärtig, doch fungieren diese lediglich als musikalisches Handwerkszeug bzw. Stilmitttel. Die Titelierung Tech & Death ist daher vielleicht ein wenig ungünstig gewählt, da so einige potentielle Hörer abgeschreckt werden könnten, für die vor allem Death Metal ein rotes Tuch ist. Denn „The Impassable Horizon“ ist vom Sound klassischer Death Metal-Bands wie Canibal Corpse oder Morbid Angel meilenweit entfernt. Wollte man Fractal Universe nämlich mit anderen Bands vergleichen, so wäre es ratsamer, eine Gruppe wie Between The Burried And Me als Referenzpunkt heranzuziehen. Eine Band, die zwar technisch versiert und anspruchsvoll ist und auch immer wieder gerne auf Growls zurückgreift, sich aber vielmehr über ihre stilistische Vielfalt und progressiven Strukturen definiert. Zudem weckt der Sound des Quartetts immer wieder Erinnerungen sowohol an die Landsleute von Gojira einerseits als auch an die US-Amerikanische Band Cynic andererseits.

Und so verwundert es dann auch nicht, dass es sich beim dritten Longplayer, der aus dem lothringischen Städtchen Nilvange stammenden Band, um ein komplexes thematisch zusammenhängendes Album handelt, welches das Konzept des Todes und die Beziehungen erkundet, welche wir Menschen mit diesem haben. Und so folgte man einer sehr philosophischen Herangehensweise an das Thema, indem man bei der textlichen Umsetzung des Albums eng mit Arthur Massot zusammenarbeitete, einem befreundeten Doktor der Psychologie.

Es ist teilweise inspiriert von Heideggers Konzept des ‚Sein-zum-Tode‘. Die Frage im Geiste des Philosophen ist nämlich nicht ‚Was kommt da nach dem Tode?‘ sondern ‚Was bedeutet es für uns, uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst zu sein und wie gehen wir bewusst und unbewusst damit um?‘. „The Impassable Horizon“ ist genau das, es fasst alles in wenigen Worten zusammen.

It partly draws inspiration from Heidegger’s concept of ‚being-towards-death‘. In the philosopher’s mind, the question is not ‚What is there after death?‘ but rather ‚What does it mean for us to be aware of our own finiteness, and how do we deal with it consciously and subconsciously?‘ „The Impassable Horizon“ is just that, it sums it all up in a few words.

Vergleicht man „The Impassable Horizon“ mit seinem direkten Vorgänger „Rhizomes Of Insanity“ (2019), so ist eine deutliche Weiterentwicklung im Bandsound erkennbar. Denn Fractal Universe klingen durch den vermehrten Einsatz von Klargesang nicht nur weniger todesbleiern, sondern sie sind durch den erhöhten Grad an Melodiösität auch zugänglicher geworden. Zudem hat Sänger und Gitarrist Vince Wilquin das Spielen des Saxophons erlernt, so dass diesem Instrument auf dem neuen Album ein integrale Rolle zukommt, was der Platte ein leichtes Jazz-Flair verleiht. Und so sind es vor allem die epischen Saxophone-Soli, die „The Impassable Horizon“ ihren unverkennbaren Stempel aufdrücken.

Und trotzdem wirken die Franzosen nicht wirklich leichtfüßiger oder erquickender als noch auf „Rhizomes Of Insanity“, da die Gesamtatmosphäre des Albums, dem übergeordneten Thema Tod entsprechend, düsterer und schwermütiger klingt. Deprimierend hingegen stimmt einen „The Impassable Horizon“ auch nicht, da es hierfür musikalisch viel zu abwechslungsreich und dynamisch ist.

Uns so kommt es, dass die elf Stücke, von denen nur ‚Godless Machinists‘ mit gut acht Minuten, die fünfeinhalb Minuten-Marke reißt, durch die Bank länger erscheinen als sie eigentlich sind, da sie nur so vor Ideenreichtum sprudeln.

Sollte nun der ein oder andere mit dem Gedanken spielen, „The Impassable Horizon“ eine Chance zu geben, obwohl er mit Death Metal nichts anfangen kann, so ist eine kleine Vorsichtsmaßnahme geboten. Denn mit ‚Autopoiesis‘ haben Fractal Universe das härteste Stück an den Anfang der Platte gestellt. Doch wer die erste Minute aggressiver Death-Growls übersteht, auf den wartet ein wunderbar abwechslungsreiches Albums, das vor allem aufgrund Vince Wilquins recht dunkler Stimmlage und seiner Gesangsharmonien an BTBAMs Automata I & Automata II erinnern. Für viele vielleicht ein weiterer Anreiz, in einer Progressive Metal-Welt, die haupsächlich von Engelskehlchen geprägt ist.

Hat man sich erst einmal mit dem Gesang angefreundet, so eröffnen Fractal Universe ein wahres Freudenfest für Freunde des Progressive Metal. Denn „The Impassable Horizon“ geht in seiner Gesamtheit runter wie Öl, während sich auch technikaffine Fans in den zahlreichen Details des Albums verlieren können. Ein Album also, das sowohl oberflächlich als auch tiefgründig überzeugen und zudem durch eine glasklare Produktion aufwarten kann.

Highlights herauszustellen fällt bei „The Impassable Horizon“ schwer, da alle Songs auf einem ähnlich hohen Niveau agieren. Stattdessen gibt es aver einzelne Momente, die herausstechen und einem in Erinnerung bleiben. Allen voran das überraschende Saxophonsolo in ‚A Clockwork Expectation‘, da dieses genau in jenem Moment einsetzt, in dem man eigentlich mit einer ultrabrutalen Death Metal-Sequenz gerechnet hat.

Es bleibt zu hoffen, dass Fractal Universe mit „The Impassable Horizon“ auch ein Publikum außerhalb der Death-Metal-Szene erreichen werden. Es wäre viel zu schade, wenn diese aufstrebende Band nur der Prog-Metal-Szene vorenthalten bliebe.
Bewertung: 12/15 Punkte (FF 12, KR 12)

Fractal Universe – The Impassable Horizon (Metal Blade Records, 25.06.21)
Tracklist:
1. ‚Autopoiesis‘ (4:01)
2. ‚A Clockwork Expectation‘ (5:12)
3. ‚Interfering Spherical Scenes‘ (3:58)
4. ‚Symmetrical Masquerade‘ (4:20)
5. ‚Falls of the Earth‘ (5:04)
6. ‚Withering Snowdrops‘ (3:30)
7. ‚Black Sails of Melancholia‘ (4:46)
8. ‚Cosmological Arch‘ (5:20)
9. ‚Epitaph‘ (4:48)
10. ‚Godless Machinists‘ (8:10)
11. ‚Flashes of Potentialities‘ (Unplugged) (3:46)

Besetzung:
Vince Wilquin (Gitarre, Gesang, Saxophon)
Hugo Florimond (Gitarre)
Valentin Pelletier (Bass)
Clément Denys (Schlagzeug)

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Metal Blade Records zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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