Spoiwo – Martial Hearts

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Spoiwo – Martial Hearts (Eigenveröffentlichung, 29.01.21)

© Aleksandra Godlewska/Piotr Gierzyński

(57:56, Digital, CD, Eigenveröffentlichung, 2021)
Schon lange hatte mich meine Freundin Simona Jambor dazu aufgefordert, doch endlich einmal einem Konzert ihrer Band Spoiwo beizuwohnen. Spoiwo, so viel wusste ich spielen Post Rock, und da ich dieser Stilrichtung durchaus zugetan war, wollte ich ihrer Bitte auch nachkommen. Dies war jedoch leichter gesagt als getan, da Spoiwo aus Danzig/Gdańsk stammen und ihre Live-Auftritte in Deutschland spärlich gesät waren. So wurde es denn letztendlich ein Auftritt im Mai 2016 im Hamburger Schanzenviertel, wo Simona und ihre Bandkollegen in einem kleinen Live-Club namens Bar 227 auftraten. Das Datum hätte ich wohl nicht besser wählen können, denn die fünf Polen waren an diesem Abend on Fire und spielten das Publikum mit ihren düsteren, cineastisch-ambienten Drone-Sounds fast in Trance. Wahrscheinlich war die Band selbst noch nicht richtig von dem Auftritt runtergekommen, den sie am Tag zuvor auf dem Dunk!Festival im belgischen Zottegem gespielt hatten, einem der renommiertesten Post Rock-Festivals Europas. Spoiwo waren dort neben Szene-Größen wie Russian Circles, This Will Destroy You, 65daysofstatic, und Tides From Nebula aufgetreten und von den Zuschauern als „die große Überraschung“ der Veranstaltung abgefeiert worden. Auch ihr ein Jahr zuvor veröffentlichtes Debüt-Album „Salute Solitude“ schlug in der Post- Rock-Szene große Wellen und fand sich in einigen der Bestenlisten des Jahres 2015 wieder.

Nachdem Simona Jambor und Gründungsmitglied Paweł Bereszczyński im Jahre 2019 die Band verließen und Patryk Piątkowski als Neuzugang dazustieß, haben Spoiwo Ende Januar 2021, sechs Jahre nach „Salute Solitude“, endlich ihr langerwartetes Zweitwerk „Martial Hearts“ veröffentlicht. Es waren sechs Jahre, in denen sich nicht nur die Besetzung der Truppe verändert, sondern in welchen sich auch ihr Sound dramatisch weiterentwickelt hat. Während „Salute Solitude“ ein bitter-süßer fesselnder Soundtrack zur Einsamkeit war und trotz massiven Einsatzes von Synthesizern sehr organisch und emotional klang, ist Spoiwos aktuelles Werk ein Tagebuch der Veränderung, der Anstrengung und der Beharrlichkeit, was musikalisch-künstlerisch vor allem durch den vermehrten Einsatz von Industrial und Electronic Sounds zum Ausdruck gebracht wird. Das Album ist ein Kampf um Identität und der Versuch, neue musikalische Ausdrucksmittel in einem neuen Kontext zu entwickeln.

Krzysztof Zaczyński hierzu:

Als wir an „Martial Hearts“ arbeiteten, wollten wir uns auf die elektronische Seite des musikalischen Spektrums konzentrieren, im Gegensatz zum Gitarren-lastigen Kompositionsstil, den wir davor hatten,

While working on „Martial Hearts“, we wanted to focus on the electronic side of the musical spectrum, in contrast with the guitar-based composing style we had before.

Das Resultat ist ein Album, das zwar mindestens genauso emotional und atmosphärisch daherkommt wie sein Vorgänger, doch aufgrund der veränderten Klangfarben um weite Strecken unterkühlter wirkt.
Besonders deutlich wird dies bereits bei ‚Wild Eyes‘, dem ersten Stück des Albums. Obwohl die zu Grunde liegende Atmosphäre des Stückes anfangs ganz in der Tradition von „Salute Solitude“ steht, verwandelt sich diese schnell in eine Art elektronische Eiswüste, als kalt-vibrierende Synthies und elektronisch Rhythmen einsetzten. Falls es dieser Genre bisher noch nicht gegeben haben sollte, so haben die Pommern mit diesem Stück den Industrial Post Rock erfunden.

Fast noch abweisender wird die Stimmung beim anschließenden ‚Two Mountains‘, bei welchem Spoiwo – zum ersten Mal in ihrer Bandgeschichte – mit Gesang experimentieren und hierdurch Beklemmungsgefühle auslösen. Denn die zu hörende Stimme verbreitet keinen liebenswerten Gesang für Schöngeister, sondern erklingt verzerrt, verfremdet und wie in Zeitlupe aufgenommen. Die Stimme übernimmt so die Funktion eines zusätzlichen synthetischen Instruments und ist nicht wirklich als herkömmlicher Gesang wahrnehmbar.

Im weiteren Verlauf der Platte bleibt zwar weiterhin allzeit erkennbar, wo Spoiwo musiklaisch ihre Wurzeln haben, doch Stücke wie ‚Riot Sons‘ oder auch die erste Single ‚Verge‘ stehen in ihrem klanglischen Erscheinugsbild IDM-Bands wie The Orb, Boards Of Canada oder Future Sounds Of London sogar näher wie dem klassischen Post Rock.

‚Taur‘ ist wahrscheinlich das „klassischste“ Spoiwo-Stück auf „Martial Arts‘ und am wenigsten elektronisch, wohingegen das schleppende ‚Wounds‘ zu einer Art Slow Motion-Post Metal tendiert.

Das abschließende ‚Ghost Of Chance‘ hingegen klingt wieder fast ausschließlich elektronisch und lässt das Album auf eine gechillt-atmosphärische Art und Weise und in sich schlüssig ausklingen.

Vergleicht man Spoiwos jüngstes Album nun mit den beiden Genregrößen des Post Rock, welche im Jahre 2021 bereits Alben herausgebracht haben, so muss man den Polen gestehen, dass sie gegenüber Mogwai mit „As The Love Continues“ und God Is An Astronaut mit „Ghost Tapes #10“ um Weiten experimentierfreudiger sind, da sich sowohl die Schotten als auch die Iren nicht wirklich außerhalb eingelaufener Post Rock-Pfade bewegt haben. Spoiwo hingegen beschreiten mit „Martial Hearts“ neue Wege für die Musikrichtung und erweitern diese sowohl um Sounds aus der Intelligent Dance Music als auch aus dem Industrial. Dies ist zwar nicht immer so leicht zu verdauen wie der klassische Post Rock-Sound, aber definitiv um einiges spannender und interessanter.
Bewertung: 13/15 Punkte

© Tomasz Cieślikowski

Tracklist:
1. ‚Wild Eyes‘ (5:08)
2. ‚Two Mountains‘ (6:47)
3. ‚Riot Sons‘ (5:52)
4. ‚Verge‘ (4:47)
5. ‚Oyum‘ (3:22)
6. ‚Taur‘ (4:40)
7. ‚Wounds‘ (4:46)
8. ‚Ghost Of Chance‘ (3:49)

Besetzung:
Piotr Gierzyński
Krzysztof Sarnek
Krzysztof Zaczyński
Patryk Piątkowsk

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Abbildungen: Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Spoiwo zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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