Frank Zappa – The Hot Rats Sessions

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(71:16 + 75:25 + 68:57 + 76:27 + 69:08 + 78:10, 6CDs, Zappa Family Trust, 2019)
Größer, aufwändiger, teurer – seit dem Universal Music die Veröffentlichung des Zappa Nachlasses übernommen hat, sind es fast nur noch die umfangreichen Boxen mit denen der Nachlass Zappas gehuldigt wird. Die neueste Veröffentlichung erschien zum 50-jährigen Jubiläum von “Hot Rats” und umfasst auf 6 CDs alles, was während der damaligen Basic Track Sessions um dieses Album entstand; so auch einiges an bisher unveröffentlichtem Material (u.a. das bisher nur auf Bootlegs kursierende ‘Bognor Regis’). Aktuell ist die Box für satte 110-120 Euro zu erwerben. Ein wirklich stolzer Preis, der zwar noch keine Pink Floyd-Dimensionen erreicht, sich aber dennoch gewaschen hat.

Die Verpackung ist hochwertig und edel gemacht, umfasst ein 28-seitiges Booklet im LP-Format und bietet wieder mal einen Blick hinter den Entstehungsprozess des Albums (u.a. mit Liner Notes von Matt Groening, Ian Underwood und Joe Travers). Dabei sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass die inhaltlichen Zugaben eher als unnötiger Tand durchgehen. Immerhin wurde dieses Mal etwas mehr auf die Umwelt geachtet. Denn während die grünen Plastik Handschuhe aus der “Halloween ’73” Box noch immer auslüften müssen, gibt es dieses mal ein “Zappa Land” Brettspiel mit bunten Plektren als Spielsteine. Nun ja, wer’s braucht…

“Hot Rats” wird aktuell als erstes Zappa-Soloalbum beworben, da es nicht mehr unter dem Banner “The Mothers Of Invention” erschien. Genau genommen war jedoch bereits “Lumpy Gravy” (1967) mehr oder weniger Zappas Solodebüt. Aber egal: in erster Linie ist “Hot Rats” ein Album der beiden Instrumentalisten Frank Zappa und Ian Underwood, die von diversen Gastmusikern, aber auch Mitgliedern der Mothers Of Invention unterstützt wurden. Aufgenommen an gerade mal 3(!) Tagen vom 28.-30.7.1969, spricht es ebenfalls für die Qualität der Musiker. Das zeigt sich auch darin, dass in solch kurzer Zeit nicht nur die Grundlage für ein komplettes Album entstand, sondern Zappa das Material aus den Sessions ebenfalls für andere Alben wie “Burnt Weeny Sandwich”, “Weasels Ripped My Flesh”, “Chunga’s Revenge” (alle 1970) oder “Studio Tan” (1978) verwendete.

Die Box läuft als “Project/Object” – was man bereits von anderen Alben wie “Freak Out”, “Uncle Meat” oder “Apostrophe (‘)” kennt. Sprich, hier sind teilweise nur Fragmente, kurze Ideen, unfertige Arrangements oder Basistracks ohne Overdubs zu hören, die später für das endgültige Album zusammen geschnitten wurden. So bekommt man Stücke in mehreren Versionen im lebendigen Entstehungsprozess im Studio zu hören. Und hier wird es jetzt diffizil. Ein Großteil dieser Box ist wirklich nur etwas für den absoluten Fan, da man verschiedene Takes hört, die teilweise nur wenige Sekunden dauern, bis Zappa sie mit einem entsprechenden Kommentar (‘Again please’, ‘One more please’, ‘Hello!’) abbricht. Das ist teilweise sehr ermüdend, erlaubt aber einen interessanten Blick hinter die Kulissen und der genauen Betrachtung auf die perfektionistische Arbeitsweise von Zappa. Definitiv nichts für den Normalhörer.

Letztendlich sind es vor allem einige ausgiebige Jams bzw. Improvisationen, die teilweise über 30 Minuten dauern, die spannende Musik im Zusammenhang bieten. Die ursprünglichen Versionen der Titel, die auf “Hot Rats” landeten, sind zum Großteil wesentlich länger, noch nicht auf das Wesentliche zusammengestutzt. Eben typisch Zappa: aus den besten Aufnahmen wurden die entsprechenden Schnipsel vereint und zu etwas Neuem zusammengebaut. Zudem sollte man sich nicht durch die teils ominösen Namen wie ‘Arabesque’ oder ‘Transition’ verwirren lassen, da es sich um Arbeitstitel handelt, die später ganz andere Benennungen bekamen.

Die ersten vier CDs enthalten die Basic Tracks für “Hot Rats”, CD5 den Digital Re-Mix von 1987, sowie als Ergänzung diverses Material aus dem legendären “The Vault”, wie auch CD6 mit “The Vault” Material (u.a. diverse Werbejingles, Rough Mixes) aufwartet. Bei den Aufnahmen waren – soweit bekannt – folgende Musiker beteiligt:

Frank Zappa – Gitarre
Ian Underwood – Piano, Orgel, Saxophon
John Balkin – Bass
Art Tripp – Schlagzeug
Buzz Gardner – Trompete
Bunk Gardner – Saxophon
Shuggie Otis – Bass
Johnny Otis – Piano
Ron Selico – Schlagzeug
Don “Sugarcane” Harris – Violine
Max Bennett – Bass
Paul Humphrey – Schlagzeug
John Guerin – Schlagzeug
Don Preston – Piano, Orgel
Roy Estrada – Bass
Jimmy Carl Black – Schlagzeug
Captain Beefheart – Gesang
Jean-Luc Ponty – Violine

Vor allem offenbaren diese Sessions die immer noch vorhandene Kraft, die hinter “Hot Rats” steckt. Im Grunde genommen handelt es sich um eines der ersten Jazz-Rock-Alben in zappaesker Ausprägung, noch bevor diese Stilistik an Fahrt gewann. Zappa ist seiner Zeit wieder mal voraus, selbst wenn parallel dazu auch die beiden stilprägenden Miles Davis-Alben “In A Silent Way” (1969) und “Bitches Brew” (1970) entstanden. Bis auf den von Captain Beefhart gesungenen Blues Rocker ‘Willie The Pimp’ bleibt alles rein instrumental und ist weitab von dem, was man bis dato von Zappa kannte.
Bewertung: 11/15 Punkten

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Über den Autor

Kristian Selm

Höre eigentlich alles quer durch den bunten Gemüsegarten des Progressive Rocks, vergesse dabei aber auch nicht den Blick über den Tellerrand hin zu "normaler" Rock- und Popmusik, auch wenn mir vom aktuellen Mainstream leider immer weniger gefällt.

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von Kristian Selm Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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