Bruce Soord, The Pineapple Thief, zu „Your Wilderness“

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»Muttersprache des Prog«

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Wirklich schon wieder zwei Jahre her seit dem vorzüglichen, aber eher rockigen als „progressiven“ „Magnolia“-Album der Ananas-Entwender? Höchste Zeit für ein Update mit Meisterdieb Bruce Soord. Hauptanlass ist „Your Wilderness“, das in vielen Jahres-Top-10-Listen zu landen verspricht. Und das nicht nur wegen eines erfreulich hohen Prog-Quotienten.

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Guten Abend Bruce und Glückwünsche zum neuen Opus! Mir liegt nur die sehr bewegende Musik vor, noch keine Texte. Gibt es ein Konzept oder zumindest einen inneren Zusammenhang?

Ein emotionales Konzept, ja, denn ich hatte schon beim Schreiben die Vorstellung, dass es einem klassischen „progressiven“ Album ähneln und daher so etwas wie eine Klang- und Gefühlsreise werden sollte. Das unterliegende Thema ist die Beziehung zwischen einem Elternteil, hier: der Mutter, und ihrem Kind. Das drücken auch das Cover und die restlichen wunderbaren Fotografien von Carl Glover im Booklet aus. Die Reise ist das, was die beiden auf ihrem teilweise gemeinsamen Lebensweg erleben, erfahren und fühlen. (Oder, wie es Bruce andernorts auslegte: „separation, estrangement and reconciliation“, d. Red.) Tatsächlich fiel mir auch der Album-Titel ein, als ich Carls Vorschlag für das Cover zum ersten Mal sah. Von ihm stammte auch der Vorschlag für das Konzept. Er hatte u.a. auf Flohmärkten viele solcher alten, teils richtig unheimlichen Fotos gesammelt und die besten zusammengestellt, die zu diesem Thema passten.

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Erstmals ist ein TPT-Album so stark von Gästen geprägt, allen voran Gavin Harrison. Dem Mann, den Richard Barbieri Steven Wilson als Ersatz für den damaligen Porcupine-Tree-Schlagzeuger Chris Maitland empfahl. Der amtierende King Crimson-Schlagwerker hat den Songs einen bezaubernden Mix aus Polyrhythmik und elegant jazzigem Wohlklang verliehen.

Genau. Gavin ist technisch wie musikalisch einfach brillant – sein Spiel hat uns alle inspiriert und angespornt.

Außerdem soll Richard Helliwell von Supertramp an Bord sein. Findet das auf ‚Fend For Yourself‘ statt?

Ja. Weil ich immer schon ein glühender Supertramp-Fan war, kann ich mein Glück darüber immer noch nicht ganz fassen, dass John auf einem meiner Songs spielt. Und dann noch so ein Solo. Ich habe lange nicht mehr so ein Klarinettenspiel gehört.

Der nächste Ehrfurcht gebietende Name ist Geoffrey Richardson (Caravan), der ein Streichquartett beigesteuert hat.

So ist es – Geoffrey hatte dafür komplett freie Hand und hat alle Streicher-Parts im Richardsonics aufgenommen, seinem Studio in Canterbury. Lustigerweise bin ich zufällig über ein Pop-Album („Tangled“, d. Red.) von Nick Heyward auf Geoffrey gestoßen. Ich schaute nach, von wem die Streicher-Arrangements stammten und habe dann gegoogelt, um sicherzustellen, dass es sich wirklich um den Richardson handelt. Übrigens haben The Pineapple Thief ihren ersten Gig als Vorgruppe von Caravan gespielt (lacht).

Schließlich haben wir da noch Darran Charles von den Godsticks. Er ist ein unglaublicher Gitarrist, aber ich hatte Mühe, seine sonst deutlich freakige bis aberwitzige Spielweise auf dem Album wiederzufinden.

Das ist vermutlich so, weil Darran so vielseitig ist! Er war sehr einfühlsam, was den zum Album passenden Stil anging. Beispielsweise die Soli am Ende von ‚In Exile‘ und auf ‚Take Your Shot‘ sind von ihm.

»Da kannst Du vielleicht hören, wie ich den Momenten nachgespürt habe, als ich als Kind Progressive Rock entdeckt habe«

Der langsame Slide- (und E-Bow?-)Part von ‚Where We Stood‘ geht durch und durch. Wer ist dafür verantwortlich?

Das ist von mir. Da kannst Du vielleicht hören, wie ich den Momenten nachgespürt habe, als ich als Kind Progressive Rock entdeckt habe. Steve Hackett hat früher viel mit E-Bow gearbeitet und sein melodisches Spiel hat mich damals schon fasziniert.

Wobei Du dieses Gefühl wunderbar triffst – das, was Steven Wilson das „Einsamer Schwede im Wald“-Feeling nennt , jedoch ganz ohne dass Du Steves Spiel, seinen Anschlag etc. nachahmst. Ganz etwas anderes: Du hattest Katatonia, mit deren Frontmann Jonas Renkse Du schon für Wisdom Of Crowds kooperiert hattest, auf Tournee begleitet. Bist Du nun festes Mitglied bei den Schweden?

Nein, ich bin nur für die Sanctitude-Tour dazu gestoßen. Zu diesem akustischen Konzept passten meine Stimme und Spiel weitaus besser als zu ihrem Heavy-Material. Aber es war definitiv eine tolle Zeit mit den Jungs!

Aber auch ohne das hast Du vermutlich genug um die Ohren. Kannst Du „nur“ von der Musik leben?

Ja, aber erst seit etwa einem Jahr! „Magnolia“ lief recht gut und auch das Mixing- und Produktions-Geschäft für andere hat erfreulich zugelegt. Ich kann mich also glücklich schätzen, jetzt in Vollzeit als Musiker leben zu können.

Wie kommst Du typischerweise an diese Aufträge?

Meist sprechen mich die Bands oder ihr Management oder Label direkt an. Das geschieht besonders häufig, wenn Steven Wilson entweder auf Tour oder zu beschäftigt ist (lacht). Ganz besonders dann, wenn es um 5.1-Mixe geht, weil das nicht so viele anbieten.

Wovon hast Du vorher gelebt bzw. womit dazu verdient?

Von einem „nine to five“-Job in der IT. Der war noch nicht mal so schlimm, aber glaub mir – dennoch ist vor einem Jahr ein Traum in Erfüllung gegangen.

Letztes Jahr hast Du ein ebenfalls hoch spannendes Soloalbum veröffentlicht. Da könnte man sich fragen, was es ist, das Du nur als Solo-Artist ausdrücken kannst oder möchtest?

Das war ein Experiment. „Bruce Soord“ hat es mir gestattet, reine Singer-/Songwriter-Musik von dem bandorientierten Ansatz von The Pineapple Thief zu trennen.

Wie geht es jetzt weiter? Tourneedaten inklusive Deutschland für den Herbst sind erst aufgetaucht und dann wieder verschwunden.

Stimmt, das lag aber nur an unserer Erkenntnis, dass es doch irgendwie möglich sein würde, dass Gavin mit auf Tour geht, der aber jetzt noch mit King Crimson unterwegs ist! Übrigens hoffe ich inständig, dass er auch an unserem nächsten Album wieder beteiligt sein wird, für das ich gern wieder mehrere Kooperationen hätte. Und auch ein weiteres Soloalbum ist für 2017 zumindest angedacht.

Du bist in Deutschland geboren, was empfindest Du als Europäer beim Thema Brexit? (Unser Gespräch fand unmittelbar nach dem Referendum statt, d. Red.)

Ich hoffe immer noch, dass ich aufwache und es nur ein böser Traum war. Ja, ich habe mich immer als Europäer gefühlt und schäme mich jetzt beinahe, Brite zu sein.

ThePineappleThief-YourWilderness-2016-Cover-smallKurzinfo:
The Pineapple Thief – Your Wilderness

(41:09, CD, CD-Hardbook, LP, digital, Kscope/Edel, 2016)
Bewertung: 11/15 Punkten (KR 13, KS 11)
 
 
 
 
PS: Haltet den Ananas-Dieb! Und zwar auf frischer Konzert-Tat und mit ihren Komplizen Godsticks. Hier:
24.01. Aschaffenburg, Colos-Saal
25.01. Oberhausen, Eisenlager
26.01. Berlin, Frannz
28.01. Dresden, Tante Ju
29.01. Hamburg, Knust

Surftipps zu The Pineapple Thief:
Rezension zu „Your Wilderness“ auf BetreutesProggen.de
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Fotos: Kscope-Pressefreigaben, Rob Monk
Live-Foto Gavin Harrison: Lutz Diehl

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Über den Autor

Klaus Reckert

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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