Psychedelic Rock • Instrumental Stoner Rock • Krautrock
(41:02; Vinyl, CD, Digital; Exile On Mainstream; 30.10.2026)
"Wallensteins Garage" in der Doppelbetreuung
Teil 1: Rajko Baers
Die Berliner SEK stehen nun endlich vor ihrer ersten Studioveröffentlichung mit "Wallensteins Garage". Wer innerhalb der Berliner Underground-Szene live gern einen Abstecher in die Welt des psychedelischen Rock macht, ist unter Garantie schon über die sympathischen Jungs gestolpert. Mit ihrem eingängigen instrumentalen Psychedelic-Jam-Sound wird man schnell warm. Spannend finde ich die konzeptionelle Idee, das Thema Wallenstein, exemplarisch die Schlacht bei Lützen aus dem Jahr 1632, als Mahnung vor Krieg und seinen sinnlosen Opfern für dieses Debüt zu nutzen. Im Video zur Single 'Die Schlacht Bei Lützen' nutzte man eine Dokumentation aus dem Jahr 1978 zu diesem spannenden Teil deutscher Geschichte. Musikalisch macht "Wallensteins Garage" mit organischen, trippigen Jams Laune und wird keinen Freund der Materie überfordern. Fünf Songs zwischen fünf und zehn Minuten, Einflüsse aus Krautrock, Prog, Psych und Experimental Rock – alles schön im Flow, trippy und nie langweilig. Das funktioniert für mich durchgehend mit hohem Unterhaltungsfaktor. Natürlich werden auch die Berliner mit diesen Einflüssen und Melodien keine Neuerfindung des Genres hervorbringen, reihen sich aber unaufgeregt in die große Gruppe der neuzeitlichen Psych-Rock-Armada ein.
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Der benannte Single-Track geht gut rein, und vor allem die längeren Trips/Jams 'Auftritt Zu Pappenheim' und der Titelsong machen was her. Die Band nimmt sich dort mit jeweils knapp zehn Minuten richtig viel Zeit, um stimmungsvolle Akzente zu setzen. 'Amore Mio' ist mir ein wenig zu unkonkret, etwas funky und monoton, dafür driftet 'Amore Mios Ende' schön ziellos psychedelisch, so wie ich das liebe.
Auch wenn mich in Sachen Originalität nicht alles maximal vom Hocker reißt, macht die Rille als Gesamterlebnis einfach nur Spaß, und dem Flow kann ich immer wieder meine Ohren leihen. Wer in Berlin die Möglichkeit findet, sollte SEK besuchen, ob im Paket oder für sich im kleinsten Rahmen. Die Jungs machen Freude auf der Bühne, leben ihren Sound, und ich spreche jedem Fan des modernen Jam-/Psych-/Stoner-Sounds meine Empfehlung für "Wallenstein's Garage" aus. Viel Erfolg nach Berlin!
Bewertung: 11/15 Punkten
Teil 2: Klaus Heuschkel
Wer kommt bitteschön auf die Idee, Albrecht von Wallenstein in seiner Garage an einem ausgestopften Schlachtross namens Amore Mio herumschrauben zu lassen und daraus ein Konzeptalbum zwischen Stoner, Krautrock und Psychedelic zu machen?
SEK!
Und allein dafür gebührt dem Trio schon eine gehörige Portion Anerkennung. "Wallensteins Garage" ist eine dieser herrlich bescheuerten Ideen, die so absurd sind, dass man sich unweigerlich fragt, warum eigentlich noch niemand vorher darauf gekommen ist. Statt den Dreißigjährigen Krieg in staubiger Geschichtsbuchmanier nachzuerzählen, verpflanzen SEK den Feldherrn kurzerhand in eine imaginäre Werkstatt und lassen ihn zwischen Erinnerungen an vergangene Schlachten, verpassten Gelegenheiten und seinem ganz persönlichen Pferdeproblem herumgrübeln. Historisch orientierter Rock, von der Band augenzwinkernd als „Historian Oriented Rock“ bezeichnet – allein diese Selbstbeschreibung zeigt, dass hier jemand nicht nur Musik machen, sondern auch gehörig intelligenten Unsinn treiben will.
Und genau darin liegt der besondere Reiz dieses Albums: SEK nehmen ihre Musik ernst, sich selbst jedoch mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern. Die Idee, ausgerechnet aus ausufernden Instrumentalpassagen, schweren Riffs und psychedelischen Klangreisen ein Konzeptalbum über einen historischen Feldherrn und dessen tierische Hinterlassenschaften zu machen, ist derart eigenwillig, dass man sie einfach feiern muss. Wo andere Bands ihre ausufernden Jams mit kosmischen Reisen, Wüstenstaub oder esoterischen Bewusstseinserweiterungen begründen, reichen SEK eine Garage, ein totes Pferd und ein Mann, der mit seiner Vergangenheit hadert. Das ist nicht einfach nur schräg, sondern besitzt einen ganz eigenen Humor, der sich wohltuend vom üblichen Rockmusik-Pathos abhebt.
Musikalisch wird dabei keineswegs gekleckert. SEK entfalten einen schwer groovenden Mix aus Stoner, Krautrock und Psychedelic, der sich mit tief brummenden Bassläufen, fuzzgetränkten Gitarren und treibenden Drums in den Gehörgängen festsetzt. Hypnotische Rhythmen bilden das Fundament für ausufernde instrumentale Passagen, in denen sich die Gitarre in psychedelischen Schleifen verliert, mal funkige Leichtigkeit aufblitzen lässt und dann wieder mit doomiger Schwere alles niederwalzt. Dabei lebt die Musik vom Wechselspiel aus stoischer Wiederholung, eruptiven Ausbrüchen und freier Improvisation. SEK lassen ihren Kompositionen bewusst Luft zum Atmen, geben den Grooves Zeit, sich festzusetzen, und erlauben ihren musikalischen Eskapaden, sich auch einmal genüsslich im eigenen Wahnsinn zu verlieren. Das klingt mal hypnotisch und entrückt, mal dreckig und wuchtig, bleibt dabei aber stets angenehm unberechenbar. Die Musik entwickelt ordentlich Druck, ohne sich in starren Strukturen einzusperren. Statt auf eingängige Songs setzen SEK auf Atmosphäre, Dynamik und kollektiven musikalischen Rausch – eine Herangehensweise, die hervorragend zur grotesken Geschichte hinter dem Album passt.
Doch so überzeugend die Platte als musikalisches Gesamtpaket funktioniert, so richtig entfaltet sich das Wesen von SEK vor allem live. Denn diese Band ist nicht bloß eine Ansammlung von Musikern, die ihre Instrumente beherrschen und sich in langen Jams verlieren können. Auf der Bühne verbinden sich die Absurdität der Idee, die Spielfreude und der musikalische Eigensinn zu einem besonders reizvollen Ganzen. Hier ist das Konzept nicht bloß eine Hintergrundgeschichte für instrumentale Eskapaden, sondern wird zur Haltung: ein augenzwinkerndes Spiel mit den Erwartungen des Publikums, getragen von Musikern, die sich mit sichtbarer Lust in ihre Klangwelten stürzen. Die groteske Geschichte und die ernsthaft vorgetragene musikalische Wucht stehen in einem herrlichen Missverhältnis. Genau daraus bezieht die Band einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung.
SEK beweisen, dass Humor und musikalischer Anspruch keine Gegensätze sein müssen. Im Gegenteil: Gerade weil sie ihre abenteuerliche Idee nicht als bloßen Gag behandeln, sondern ihr mit ausgedehnten Kompositionen, dynamischen Spannungsbögen und schweren Grooves einen ernsthaften musikalischen Rahmen verpassen, funktioniert das Ganze so gut. Der Witz liegt nicht allein in der absurden Ausgangsidee, sondern auch darin, dass SEK sie konsequent zu Ende denken und mit einer Musik unterfüttern, die sich weder anbiedert noch krampfhaft auf die nächste Pointe zusteuert. Das Absurde darf einfach existieren – und sich dann auch gerne minutenlang in einem Gitarrensolo verlieren.
"Wallensteins Garage" ist ein eigenständiges, herrlich absurdes Konzeptalbum, das Stoner, Krautrock und Psychedelic mit einer Idee verbindet, die irgendwo zwischen historischem Größenwahn und musikalischem Nonsens angesiedelt ist. Dass SEK daraus mehr machen als einen originellen Gag, verdient ausdrücklich Anerkennung. Auf Platte funktioniert das als schwere, hypnotische Klangreise; live spielt die Band ihre besonderen Stärken jedoch erst richtig aus. Hier treffen musikalische Wucht, improvisatorische Freiheit und ein Humor aufeinander, der im Rockkontext alles andere als selbstverständlich ist. Ein ausgestopftes Pferd als Ausgangspunkt für ein Instrumental-Konzeptalbum? Das muss man sich erst einmal trauen. Und dann muss man es auch noch so überzeugend durchziehen. SEK können beides.
Bewertung: 11/15
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Sozius PR zur Verfügung gestellt.



