
Songwriting • Progressive Folk
(36:38; Vinyl, CD, Digital; Rough Trade Records ; 10.04.2026)
Cameron Picton, ehemaliges Mitglied der inzwischen aufgelösten britischen Band Black Midi, bringt sein erstes Soloalbum unters Volk. Dass der Brite Ironie besitzt, beweist er schon mit dem Namen seines neuen Projektes. Ob das allerdings eine Band im herkömmlichen Sinne ist, bezweifle ich sehr, denn Cameron Picton spielt hier mit so vielen Musikern zusammen, dass es eher nach einem ganzen Orchester klingt. Und tatsächlich gib es haufenweise Streicher und Bläser. Dazu noch Kompositionen, die eher an das Leben auf dem Land erinnern mit ihren zahlreichen Reminiszenzen an Bands wie Jethro Tull. Teilweise sehr puristisch und folkig, manchmal wie Songwriting in einer progressiven Version. Zum Nebenbeihören auf jeden Fall komplett ungeeignet. Wer sich diese Musik erobern will, der sollte Zeit mitbringen.
Genau da sind wir beim Dilemma dieses Albums. Die Spielzeit ist ja überschaubar und doch versucht der Musiker, soviel Abwechslung wie möglich zu bieten. Was durchaus lobenswert ist, dürfte sich für viele Hörer aber als Bumerang erweisen. Für Proggies, die eher im Neoprog unterwegs sind, dürfte der rote Faden fehlen, denn hier wird nichts zusammengehalten. So springt das Album von einer Idee zur anderen und diese Ideen sind meist alles andere als einfach zu verinnerlichen. Das Einzige, was tatsächlich über das ganze Album hindurch eine gewisse Konstante besitzt, sind die Instrumente. Diese sind ausschließlich akustisch geprägt. Erstaunlicherweise ist mir das beim ersten Hör nicht mal aufgefallen, denn das Akkordeon übernimmt öfters einen Part und klingt dann auch mal nach einer kleinen Orgel. Verfremdungen von anderen Blas- und Saiteninstrumenten sorgen ebenfalls dafür, dass die fehlende Elektronik nicht auffällt oder zumindest nicht vermisst wird.
Längere Tracks wie 'Actress' und 'Heart of Darkness' bilden das Grundgerüst und die kürzeren Songs kreisen wie Satelliten um sie herum. Selten habe ich proggigeren Folk gehört und wenn, dann ist es sehr lange her. Cameron Picton geht definitiv keinen leichten Weg. Im Gegenteil. Er wechselt die Akkorde innerhalb seiner Songs oft mehrmals und das Album ist somit, trotz seiner kurzen Spieldauer, sehr komplex und fordernd ausgefallen. Die Bewertung fiel mir nicht leicht, denn dieses Album fordert erstaunlicherweise mehr als ich dachte. Was Proggies eigentlich auf den Plan rufen müsste. Wer also mal wieder wissen möchte, wie aktuelles Songwriting im Prog klingen kann (oder sollte), der wird bestens bedient.
Bewertung: 12/15 Punkten
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