Marillion with Friends from the Orchestra, Harry Pane, 15.12.19, Essen, Colosseum Theater

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Es begab sich im Jahre 1979, dass die Herren Mick Pointer, Doug Irvine, Brian Jelliman und Steve Rothery im englischen Aylesbury eine Progressive Rock-Gruppe namens Silmarillion gründeten. Vierzig Jahre später ist von dieser Ursprungsformation nicht mehr viel übrig geblieben. Das “Sil” im Bandnamen wurde aus Copyright-Gründen fallen gelassen und von den Gründungsmitgliedern ist nur noch Gitarrist Steve Rothery übrig geblieben. Vierzig Jahre, in denen viel geschehen ist: Marillion retteten den totgeglaubten Progressive Rock in die 80er Jahre, erlangten unter Ex-Frontmann Fish mit “Misplaced Childhood” und der Hit-Single ‘Kayleigh’ europaweitem Ruhm, erfanden sich nach Fishs Ausstieg unter dem ewigen Neuling Steve Hogarth komplett neu, schrieben mit “Brave” einen der Prog Rock-Klassiker der 90er Jahre, wurden von ihrer Major-Label EMI fallen gelassen, nur um nach Jahren der Selbstfindung bei Indylabels als Erfinder des Crowdfundings wie Phönix aus der Asche wiederaufzuerstehen. Ihr letztes Studioalbum “Fuck Everyone and Run (F.E.A.R.)” gilt sowohl bei Fans als auch bei Kritikern als eines der besten der Alben der Bandgeschichte. Heute sind Marillion wahrscheinlich – trotz fehlender Top-Charts-Platzierungen – erfolgreicher als jemals zuvor.

Ungeachtet dieser ereignisreichen, vier Dekaden umspannenden Historie entschieden sich Marillion dagegen, auf große Best Of-Tour zu gehen, um ihr Jubiläum zu feiern. Stattdessen beschlossen sie, wie schon vor zehn Jahren zum 30-jährigen Bandbestehen, einige ausgewählte Lieder ihres Backkataloges in neuem Gewand aufzunehmen und diese in einer verhältnismäßig kleinen Auswahl europäischer Städte live zu präsentieren. Im Gegensatz zum 2009er Werk “Less is More” handelt es sich bei “With Friends from the Orchestra” allerdings nicht um akustische Neuinterpretationen, sondern, wie der Name schon sagt, um Arrangements in Kooperation mit klassischen Musikern.

In Deutschland stehen auf dieser Tour lediglich zwei Auftritte auf dem Programm: beide im Essener Colosseum Theater, einer ehemaligen Werkstatthalle der Friedrich Krupp AG. Die beiden Konzerte finden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Es wurde angekündigt, dass es zwei komplett unterschiedliche Setlists geben soll. Schon Monate im Voraus sind beide Abende restlos ausverkauft. Kein Wunder, denn in der heutigen Konstellation, mit klassischer Unterstützung, gab es Marillion noch niemals zuvor auf deutschem Boden zu sehen. Bevor es mit der Show allerdings losgeht, betritt ein einsamer Musiker die Bühne, um den Konzertabend einzuleiten: Harry Pane.

Harry Pane

Alleine, nur mit einer Gitarre bewaffnet, tritt Harry Pane vor das Publikum des 1.500 Menschen fassenden Saales. Anfangs erscheint der Engländer als ungwöhnliche Wahl für einen Opening Act. So hat sein Singer-Songwriter-Stil auf den ersten Blick keinerlei Gemeinsamkeiten mit jenem Marillions. Die intime Musik des Briten steht vielmehr in der Tradition von Damien Rice und Bon Iver. Doch schon nach kurzer Zeit wird klar, dass Marillion für diesen Abend keine bessere Wahl hätten treffen können. Der hallenausfüllende Sound und die warme Ausstrahlung des Musikers lassen das Colosseum Theater zehn Mal kleiner erscheinen als es eigentlich ist. Lieder mit Namen wie ‘Real Souls’ und ‘Beautiful Life’ vermitteln eine fragile Schönheit. Harry Pane vermag es eine solche Intimität zu erzeigen, dass man sich als Zuschauer vor der offenen Bühne eines kleinen Musikvarietés wähnt. Das Publikum ist am Ende des Auftritts sichtlich begeistert. Es dankt Harry Pane mit gebührendem Applaus.

Marillion

Als Marillion etwa eine halbe Stunde später die Bühne betreten, ergiesst sich die von Erwartungen angespannte Atmosphäre in einen kleinen Jubelsturm. Es sind Vorschusslorbeeren, die sich Steve Rothery (Gitarre), Mark Kelly (Keyboards), Peter Trewavas (Bass), Ian Mosley (Schlagzeug) und h aka Steve Hogarth (Gesang) über die Jahrzehnte hinweg verdient haben und, soviel vorweg, denen sie an diesem Abend gerecht werden sollen.

Schon beim eröffnenden ‘Gaza’ vom 2012er “Sounds That Can’t Be Made”-Album, offenbart sich, dass Marillions Musik durch die Unterstützung von Samuel Morris (Horn), Emma Halnan (Querflöte) und des In Praise Of Folly Streicherquartetts an Atmosphäre dazugewonnen hat. Wo andere Rockbands aufgrund klassicher Unterstützung von Opulenz fast erdrückt werden, gelingt dem Quintett aus Buckinghamshire das Kunststück, durch den zurückhaltenden Einsatz der klassischen Instrumente subtiler zu wirken. Selbst Steve Rotherys Gitarrensoli werden durch den Streichereinsatz etwas aus dem Vordergrund gedrängt, wodurch die Musik Marillions mehr als jemals zuvor als harmonische Einheit erscheint.
Als das Lied nach gut 18 Minuten zu Ende geht, kommt es bereits zu ersten Standing Ovations.

Auch das anschließende ‘Power’ weiß durch veränderte Arrangements zu überzeugen. Zwar kommt der Song mit weniger Dynamik und Durchschlagskraft herüber als die Originalversion, doch dafür gewinnt das Stück an Sanftheit und Schönheit.

Es ist ein guter Übergang zu den nun folgenden Liedern, die allesamt schon in ihrer Originalversion durch ihre Zerbrechlichkeit und Melancholität herausstachen und durch die neuen Arrangements an Tiegang dazugewinnen: ‘Beyond You’, ‘Seasons End’, ‘Estonia’ und ‘A Collection’.

Im Laufe des Abends zeigt sich vor allem Frontmann Steve Hogarth in bester Laune und überzeugt durch seine Entertainer-Qualitäten. So nimmt er immer wieder auf sarkastische Weise den gerade fest beschlossenen Brexit aufs Korn, zum Beispiel als er das Stück ‘Beyond You’ dem deutschen Publikum widmet: „For the good people of Germany from the bad people of England“.

Bei ‘Seasons End’ scheint der Sarkasmus dann fast in Resignation umzuschwenken, als h eine kurze Ansprache über den Klimawandel mit der Frage „What can you do with the human race” beendet. Das Stück aus dem Jahre 1989 ist mittlerweile aktueller denn je und hinterlässt beim Hören noch immer eine Gänsehaut. Vor allem Samuel Morris am Horn verleiht dem Lied noch einmal eine extra Portion Tiefgang.

Während Hogarth heute besonders durch sein vieles Reden auffällt, glänzen seine Bandkollegen vor allem durch songdienlichen Teamgeist. Heute sticht keiner der vier Musiker besonders hervor. Stattdessen ertscheinen sie als starke Einheit.

Mit ‘The New Kings’ zeigen sich Marillion, vor allem im Schlussteil von ihrer rockigeren Seite, bevor dann mit ‘Man Of A Thousand Faces’ das erste erbauliche Stück des Abends folgt.

Den Abschluss des regulären Sets bildet dann ‘The Space’, bei dem man sich zwangsläufig fragt, warum nicht schon auf der “Seasons End”-Version mit echten Streicherklängen gearbeitet worden ist. Das Stück ist der würdige Abschluss einer dezenten und gleichzeitig überwältigenden Darbietung der elf Musiker auf der Bühne.

Aber natürlich ist es noch nicht das Ende des Abends. Marillion und ihre Freunde kommen noch einmal auf die Bühne zurück und verwandeln das Auditorium mit dem selten gespielten Rocker ‘Seperated Out’ in eine kleine Party, bei der große bunte Bälle über das Publikum fliegen. Aufgelockert wird das Stück von Snippets des Led Zeppelin-Klassikers ‘Kashmir’, die sich harmonsich in den Marillion-Sound einfügen.

Doch auch hiernach ist das Ende noch nicht erreicht, denn bevor sich die Musiker vom Publikum verabschieden, laden sie noch einmal auf eine fulminate, über 15 Minuten dauernde Reise ein. Mit ‘This Strange Engine’ zeigen Marillion noch einmal alle Facetten ihres Schaffens und entlassen die begeisterten Essener Zuschauer in die Nacht.

Es wird wohl einer jener Konzertabende des Jahres 2019 sein, auf den ich auch in Zukunft noch frohen Herzens zurückschauen werde.

Setlist:
Harry Pane
Marillion

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Surftipps zu Marillion:
Rezension “All One Tonight – Live At The Royal Albert Hall”
Rezension “Marbles In The Park (Blu-ray/DVD)”
Rezension “F.E.A.R. (Fuck Everyone And Run)”
Konzertbericht: 25.07.17, Frankfurt am Main, Batschkapp
Konzertbericht: 16.07.17, Sankt Goarshausen, Freilichtbühne Loreley (XII Night of the Prog Festival)
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Über den Autor

flohfish

1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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von flohfish Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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