Chandelier – Timecode

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(73:47, 77:10, Doppel-CD, Chickadisc, 1997/2019)
Es geht weiter im Wiederveröffentlichungsmodus. Nach den ersten beiden Alben “Pure” und “Facing Gravity” liegt nun – wenig überraschend – auch die Neuauflage des dritten und letzten Albums von Chandelier vor.

“Timecode”

Es hatte seinerzeit eine ganze Weile gedauert, bis das Nachfolgealbum zum 92er Werk “Facing Gravity” bei Inside Out erschien, nämlich immerhin fünf Jahre. In dieser Zeit war einiges im Hause Chandelier passiert. Es gab einige Diskussionen um die zukünftige Ausrichtung und so kam es aufgrund diverser Differenzen dazu, dass sich die Rhythmustruppe verabschiedete. Ersatz wurde allerdings relativ schnell gefunden mit Drummer Tom Jarzina und Bassist Stephan Scholz, der die zwischenzeitlich eingesprungene Bassistin Lerke Tyra ersetzte.

Die Besetzung auf “Timecode” war somit:

Martin Eden – vocals
Udo Lang – guitars
Stephan Scholz – bass / guitars
Tom Jarzina – drums
Tobias Budnowski – keyboards / guitars.

Die beiden Neuen brachten sich gleich an mehreren Fronten ein. Jarzina ist für das Artwork verantwortlich, Scholz war für Aufnahmen und Abmischung zuständig, wobei auch bei dieser Neuauflage wieder Eroc seine altbewährten Hände beim Remastering im Spiel hatte. Doch wichtiger war, dass man mit der neuen Rhythmustruppe etwas heavier und komplexer unterwegs war, ohne jedoch dabei die typischen Chandelier-Merkmale außer Acht zu lassen.

Im Opener ‘Edition’ überraschen zunächst das klassisch anmutende Chor-Intro, vorgetragen vom Venticello Choir, sowie anschließend der feinen Solostimme von Birgit Gotzes, doch schon bald entwickelt sich der Siebenminüter zu einer typischen Chandelier-Nummer. Wobei sie bei manchen Stücken eine Prise frickeliger klingen als auf den früheren Alben. Mit ‘Child Of Hope’ ist auch wieder eine typische Ballade dabei, die noch mit einer Portion Phil Collins-Sound angereichert wird. Einige Songs besitzen Ohrwurmcharakter, ganz besonders der gerade live auch sehr beliebte Titel ‘Ferengi Lover’. Es dürfte nicht besonders wagemutig sein, mindestens einen Trekkie innerhalb der Band zu vermuten.

Chandelier hatten sich in der Neo-Prog Szene zu ihrer damaligen Zeit einen Namen gemacht und konnten auch mit “Timecode” überzeugen. Doch leider sollte dies das letzte Album sein, denn spürbarer Erfolg blieb aus, auch eine Tour zusammen mit Spock’s Beard brachte sie nicht wesentlich weiter, so dass sie im Januar 1998 beschlossen, das Kapitel Chandelier zu schließen.

“Lost & Found”

Das Originalalbum steht für sich und reicht als Bewerbung für einen Griff in die Geldbörse völlig aus, doch man hat sich auch gleich noch einen Kaufanreiz für diejenigen überlegt, die das ursprüngliche Album bereits besitzen. Und dabei hat man sich nicht lumpen lassen, denn es sind nicht nur ein paar Extra-Tracks geworden, sondern gleich ein ganzes Album. Und zwar satte 77:10 Minuten lang – schade, zwei Minütchen mehr und ihre gewisse Nähe zu Grobschnitt wäre noch einmal subtil deutlich geworden.

Wie der Name schon andeutet, haben sie dabei Verschollenes aus verschiedenen Phasen ausgegraben. Und nicht nur das, die ersten drei Songs (und damit schon mal die ersten rund 17 Minuten) sind Aufnahmen aus dem Jahr 2018, also frisch eingespielt und bestes Futter für den Chandelier-Fan. ‘Stone Age’, ‘Flight Of The Raven’ und ‘Therapy’ heißen die Stücke und gerade die beiden neuen Nummern machen gleich Lust auf weitere Chandelier Taten. Danach geht es zurück in “Timecode”-Zeiten, zunächst mit einer schönen Klavierfassung von ‘Mountain High’, gefolgt von einer ersten Version (aus 1993) des längsten Stücks des Originalalbums, dem elfminütigen ‘Half Empty, Half Fool’. Anschließend sind drei ebenfalls 1993 live im Geschwister-Scholl-Haus in Neuss präsentierte Akustik-Stücke zu hören. Die größte Überraschung dürfte dabei die Cover-Version eines Genesis Titels sein. Nicht etwa ‘Firth of Fifth’, das man ja ausschnittsweise gerne mal live eingebaut hat (zum Beispiel auch auf ihrem Loreley-Auftritt). Auch die Dimension eines ‘Supper’s Ready’ erreicht es nicht, aber immerhin darf man sich auf Chandeliers Version des wunderbaren ‘For Absent Friends’ freuen. Auf die akustischen Parts folgen abschließend noch zwei lange Titel mit allerdings eher durchwachsener Soundqualität. Auf dem 14-minütigen ‘Paper in Juice’, einem Rehearsal Track aus dem Jahr 1987, singt ihr erster Keyboarder, gefolgt von einer Demoversion von ‚Glimpse Of Home‘ von Sänger Martin Eden von 1986.

Die beteiligten Musiker auf CD2:

Martin Eden – vocals / acoustic guitar
Udo Lang – guitars / keyboards / programming
Christoph Tiber – bass / acoustic guitar
Herry Rubarth – drums
Tobias Budnowski – keyboards / acoustic guitar
Stephan K. Listier – keyboards / vocals.

Der Chandelier-Fan wird mit dieser Doppel-CD also bestens bedient.

Nach ihrem gelungenen Auftritt beim diesjährigen Night of the Prog Festival scheinen die Aktivitäten nach dieser einmaligen Re-Union noch nicht endgültig beendet. Plötzlich gibt es zwei neue Live-Termine, nämlich am 13.3.2020 im Spirit of 66 in Verviers und am 14.3.2020 in der Zeche Carl in Essen, jeweils zusammen mit “t”, Thomas Thielen.

Außerdem hat Gitarrist Udo Lang gerade mit “Private Galaxy” ein weiteres Soloalbum fertiggestellt. Und Sänger Martin Eden, den man – wie wir seit dem Loreley Festival wissen – auch buchen kann, ist mittlerweile unter die Buchautoren gegangen. Sein unterhaltsames Erstlingswerk ist eine sogenannte Prog-Trash-Novela, deren Titel dem Autor gerade seltsamerweise entfallen ist….

Jetzt mal ehrlich, bei so viel aktueller Kreativität: da geht doch noch mehr, oder?!
Bewertung: 11/15 Punkten

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Chandelier – Timecode

von Juergen Meurer Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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