
Ambient • Soundtrack • Drone
(1:01:51; Vinyl (2LP), CD, Digital; Century Media/Sony Music, 05.06.2026)
Während andere Bands nach einem gefeierten Album direkt das nächste veröffentlichen, liefern Blood Incantation erst einmal den Soundtrack zur Dokumentation über die Entstehung des gefeierten Albums nach. Man könnte das für Größenwahn halten. Andererseits haben wir es hier mit einer Band zu tun, die inzwischen Kinosäle füllt, um die Entstehungsgeschichte von "Absolute Elsewhere" auf die große Leinwand zu bringen. Da erscheint "All Gates Open" fast schon als logischer nächster Schritt.
Dabei sollte man sich von vornherein von falschen Erwartungen verabschieden. "All Gates Open" ist weder der Nachfolger von "Absolute Elsewhere", noch ein neues Death-Metal-Album. Die vier Stücke entstanden bereits 2021 und dokumentieren gewissermaßen den kreativen Urzustand jener Ideen, aus denen später "Timewave Zero" und schließlich "Absolute Elsewhere" hervorgehen sollten. Growls, Blastbeats oder Morbid-Angel-Riffs sucht man hier daher vergeblich. Stattdessen dominieren Synthesizer, akustische Instrumente und weitläufige Ambientlandschaften.
Für mich selbst fühlte sich das Album beim Hören immer wieder wie eine Rückkehr zum Roadburn Festival 2024 an. Damals führten Blood Incantation "Timewave Zero" in voller Länge auf und lieferten nicht nur für mich, sondern auch für Chef Reckert eines der beeindruckendsten Konzerte des gesamten Festivals ab. Wer diesen Auftritt erlebt hat, dürfte von "All Gates Open" deutlich weniger überrascht sein als jene Fraktion, die Blood Incantation noch immer ausschließlich über Death Metal definiert.
Der mehr als zwanzigminütige Longtrack 'Balance' steht dabei tief in der Tradition von Tangerine Dream. Feine Synthesizerschichten legen sich nach und nach übereinander, während sich das Stück mit bemerkenswerter Geduld entfaltet. Alles wirkt kosmisch, zugleich aber erstaunlich pastoral und deutlich heller leuchtend als die oftmals schattigen Klangräume von "Timewave Zero".
'Flight' verfolgt einen ähnlichen Ansatz, wirkt jedoch beweglicher und weniger kontemplativ. Das Stück entwickelt und erweitert sich permanent, ohne jemals hektisch zu werden. Gerade aus dieser ständigen Veränderung entsteht eine beinahe meditative Wirkung, die einen tiefer und tiefer in die Musik hineinzieht.
Mit dem kurzen 'Dawn' folgt schließlich vielleicht der schönste Moment des Albums. Kaum mehr als fünf Minuten lang, entfaltet das Stück eine beinahe schwerelose Ruhe. Selten klang musikalisches Schweben derart überzeugend.
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Den Abschluss bildet 'Rain', dessen langgezogene Einzeltöne stellenweise fast an Drone-Musik erinnern. Dreizehn Minuten lang verweigert sich das Stück konsequent jeder klassischen Klimax. Das klingt auf dem Papier womöglich riskanter, als es tatsächlich ist, denn 'Rain' lebt vollständig von seiner Atmosphäre. Und genau diese trägt das Stück mühelos über seine gesamte Laufzeit.
In solchen Klangflächen kann ich mich nach wie vor problemlos verlieren. Und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Wo andere möglicherweise Leerlauf hören, entdecke ich Stimmungen, kleine Veränderungen und Details, die den eigentlichen Reiz dieser Musik ausmachen.
Natürlich erreicht "All Gates Open" weder die kompositorische Wucht noch die stilistische Radikalität von "Absolute Elsewhere". Das will das Album allerdings auch gar nicht. Vielmehr fungiert es als faszinierendes Bindeglied zwischen "Timewave Zero" und seinem berühmten Nachfolger sowie als Blick in das kreative Labor einer Band, die mittlerweile selbst ihre Skizzenbücher mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt wie andere Gruppen ihre Hauptwerke.
Für Puristen bleibt das vermutlich weiterhin eine Zumutung. Wer sich jedoch schon auf die Ambient-Seite von Blood Incantation eingelassen hat, findet hier eine Stunde äußerst gelungener kosmischer Versenkung – und vielleicht den fehlenden Mosaikstein zum Verständnis einer der spannendsten musikalischen Entwicklungen der vergangenen Jahre.
Bewertung: 11/15 Punkten
Tracklist:
-
- 'Balance' (20:47)
- 'Flight' (20:38)
- 'Dawn' (5:43)
- 'Rain' (13:44)

Besetzung:
Paul Riedl
Isaac Faulk
Morris Kolontyrsky
Jeff Barrett
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.

