
Progressive Rock • Folk Rock • Art Rock • Classic Rock
(Vinyl (2LP), 3CD + Blu-ray, Digital; InsideOut Music/Sony Music; 14.08.2026)
1999 war das Internet noch etwas, das nach Modem, Einwahlgeräuschen und einer gewissen Aufbruchsstimmung roch. Ähnlich wie Marillion im gleichen Jahr mit "marillion.com" machten Jethro Tull daraus kurzerhand ein Albumthema. "J-Tull Dot Com" war damals ein durchaus zeitgemäßer Blick auf eine Welt, die gerade dabei war, sich digital neu zu sortieren. 27 Jahre später bekommt das Album nun seine längst überfällige Vinylpremiere – und mit "Another Cast Of The Net" gleich noch einen neuen Anstrich von The-Pineapple-Thief-Mastermind Bruce Soord verpasst.
Musikalisch blieb das natürlich unverkennbar Jethro Tull: Ian Anderson flötete, sang, zupfte und kommentierte sich durch eine Mischung aus Folk, Rock und Prog, während Martin Barre, Andrew Giddings, Doane Perry und Jonathan Noyce für das gewohnt souveräne Fundament sorgten. Revolutionär war das 1999 schon nicht mehr und ist es 2026 erst recht nicht. Aber genau darin liegt auch die Stärke des Albums. 'Spiral', 'Dot Com', 'AWOL', 'Nothing @ All' oder 'El Niño' waren keine verzweifelten Versuche, einer alternden Band noch schnell einen modernen Anstrich zu verpassen. Tull klangen vielmehr wie Tull, die neugierig genug waren, den eigenen musikalischen Baukasten weiterhin mit der Gegenwart abzugleichen.
Besonders reizvoll sind dabei Andersons Texte. "Dot Com" nahm die damals noch junge Internetwelt aufs Korn, während 'El Niño' und andere Stücke zeigten, dass sich der Flötenmann keineswegs auf mittelalterliche Folklore und altehrwürdige Prog-Nostalgie zurückziehen wollte. Die Texte wirken heute teilweise fast unfreiwillig nostalgisch: Was damals nach Zukunft klang, ist inzwischen selbst Geschichte. Aus der großen digitalen Revolution ist längst Alltag geworden – und damit funktioniert manches sogar besser als historische Momentaufnahme denn als zeitlose Gesellschaftskritik.
Der neue Remix von Bruce Soord ist dabei weniger spektakuläre Neubewertung als vorsichtige Frischzellenkur. Und das ist vermutlich auch gut so. "J-Tull Dot Com" braucht keinen Produzenten, der 2026 plötzlich entdeckt, dass Jethro Tull eigentlich eine völlig andere Band hätten sein sollen. Der Remix lässt das Material etwas klarer und zeitgemäßer auftreten, ohne ihm seine Herkunft aus den späten Neunzigern auszutreiben. Wer das Album schon damals mochte, bekommt also keine musikalische Operation am offenen Herzen, sondern eher eine gründliche Zahnreinigung.
Für Vinylfans ist die Sache ohnehin etwas eindeutiger: Zum ersten Mal liegt "J-Tull Dot Com" überhaupt auf schwarzem Gold vor. Die 180-Gramm-Gatefold-Doppel-LP bringt neben dem 2026er Remix auch Studio-Bonusmaterial mit und macht aus einem Album, das bislang auf CD und digitalen Formaten herumstand, endlich einen angemessen großen physischen Gegenstand. Dass Jethro Tull inzwischen offenbar jedes noch so kleine historische Seitenfenster ihrer Karriere archäologisch ausleuchten, muss man nicht zwingend problematisch finden. Im Gegenteil: Die sieben bislang unveröffentlichten Studiotracks auf der erweiterten Ausgabe machen durchaus neugierig.
Und dann ist da noch der kleine historische Seitenhieb namens 'The Secret Language Of Birds'. Schon 1999 wurde der damalige Hidden Track als heimlicher Höhepunkt wahrgenommen – und tatsächlich wirkt das Stück rückblickend wie ein ziemlich deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl Richtung Ian Andersons Solokarriere. Auf der neuen Ausgabe bekommt der Song nun sogar einen 2026er Remix spendiert. Wer Tulls Geschichte kennt, darf sich also erneut darüber freuen, dass die Band schon damals nicht ganz genau wusste, wo Jethro Tull aufhört und Ian Anderson anfängt.
"J-Tull Dot Com" wird auch 2026 kein verschollenes Meisterwerk, das plötzlich die Tull-Diskografie auf den Kopf stellt. Dafür ist das Album viel zu sehr in seiner eigenen, angenehm eigensinnigen Komfortzone eingerichtet. Aber vielleicht ist gerade das sein Charme. Zwischen Flöte, Akustikgitarre, Folk-Anleihen, Rock und Andersons gewohntem Blick auf die kleinen und großen Absurditäten des Daseins funktioniert das Album erstaunlich gut. Die ganz großen Überraschungen bleiben aus – dafür bekommt man ein solides, eigenständiges Spätneunziger-Tull-Album, das heute fast schon selbst zum historischen Dokument geworden ist.
Und jetzt eben auch als Vinyl. Weil offenbar selbst das Internet irgendwann wieder auf 180 Gramm landet.
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Besetzung:
• Ian Anderson - Gesang, Flöte, Akustikgitarre, Bouzouki
• Martin Barre - Gitarre
• Andrew Giddings - Keyboards
• Doane Perry - Schlagzeug
• Jonathan Noyce - Bass
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober promotion zur Verfügung gestellt.

