Dark Art Pop • Post Pop
(30:20; Vinyl, Digital; La Rubia; 28.08.2026)
Im März 2025 – der Winter war noch sehr präsent zu der Zeit – verzauberte mich das Berliner Projekt Anchoress mit einem ersten sehr intensiven, hippen, dunklen Longplayer namens "Cockdust".
Sängerin Anna Lucia Nissen – gesegnet mit einer unter die Haut performenden Stimme – bringt wirklich alles mit, was Freunde und Hörer von Anna von Hausswolff, Nico, Chelsea Wolfe, A.A. Williams und Jarboe in den Wahnsinn treiben lässt.
Die dunkle, mahnende Art ihrer Vokal-Performance, der konsequent langsame, schleichende Lava-artige Sog hatte mich damals sofort vollumfänglich um den Finger gewickelt – Charisma und Aura hat man oder eben nicht.
Nun steht im September in Berlin in der Galiläa-Kirche mit Unterstützung des guten Andy Aquarius (durfte ich beim wundervollen Ancient Echoes in der Kirchenruine Wachau 2025 erleben) und dem Routinier Kristof Hahn (Swans) eine Live-Performance an und nicht nur das: Die Sängerin bringt mit "Starlink" ein Solo-Album unter dem Namen Anyx an den Start.
Neugierig auf neue Klänge – durfte ich die Künstlerin ja bereits solo on Stage in Berlin erleben und auch persönlich kennenlernen – finden sich neun Songs, nur knapp 30 Minuten (leider), die natürlich im Zentrum erneut die unglaublich präsente Stimme fokussieren. Viele kleine Details machen "Starlink" für mich zu einer Plattform, die letztlich aufzeigt, wie viel Potenzial in der Sängerin noch schlummert, wie viele Möglichkeiten die Stimme, die dunkle Aura, die musikalischen Referenzen und Partner noch offerieren könnten.
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Es wirkt um einiges melancholischer, das Leben passiert jeden Tag und diese Nachdenklichkeit, Verletzlichkeit höre ich in den Texten, der Stimmung jedes Songs nur zu gut heraus. Ein sehr präsenter, richtig starker, klarer Album-Sound gibt den vielen neuen Fragmenten jedweden Raum und es öffnen sich vorsichtig einige Türen, bei denen ich schon jetzt gespannt bin, wohin diese Reise wohl noch gehen mag.
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Anchoress hatten hren ganzheitlich inneren Kreis, Anyx experimentiert mehr mit Loops, Rhythmen, Noise, Drone – streunert natürlich mit einem ähnlich düsteren Stilmix aus Noir Pop, Avantgarde und viel postigen Nischen-Einflüssen. Orchestral, immer im Schatten stehend, geht auch hier in den meisten Momenten das Licht aus, die Nacht kriecht in einen hinein.
Die Sehnsucht nach eben diesem Licht meine ich sehr oft herauszuhören. Ob allein das Flehen nach besseren Zeiten ('Ladybirds Spine') Rettung verspricht, wird uns auch Anyx mit "Starlink" nicht beantworten können. 'Window In Your Eyes' ist minimal, klingt nach einsamen Nächten, kreisenden Gedanken und hat eine fast sakrale Stimmung dank der wunderschön schwebenden Synths und akzentuierten Percussions. Wenn dieser wunderschöne, folk-lastige Song mit schwermütigem Fade-out in die Nacht marschiert, ertappe ich mich zu denken: Warum nicht länger, stürmischer, lauter und noch verzweifelter im Angesicht unserer Rolle im großen, weiten Universum?
Ich liebe die pathetische Phase der Swans mit Jarboe, mich zwingt eine Anna von Hausswolff zu gerne in die Knie und die liebe Anna Lucia passt mit ihrem modernen, düsteren Art Pop da hervorragend hinein. Songs wie 'Strange Times' driften emotional, die Stimme wimmert, tänzelt zu den akzentuierten, dunklen Gitarrenphrasen, ein Glockenklang setzt auch hier feine Nuancen im intimen Raum.
Kurze experimentelle Zwischenstücke wie 'Spring Birds' vereinen experimentell-ambiente Skizzen und ein Flüstern/Raunen in einer pechschwarzen Nacht. 'Sucker' klingt zerbrechlich mit seinen traurigen Akkorden, den wohldosierten Percussions. Ähnlich der Schwedin Anna von Hausswolff lebt das Album von einem maximal dichten, fast kathedralenartigen Sound, über den die dunkle, volle Stimme der Sängerin spielerisch kommuniziert. 'Marian' ist dann wieder so ein großartiger Song voller Potenzial – strange Chöre, Orgel und einnehmende Melodik, wieso der nur knapp drei Minuten Platz bekommt ... Wahnsinn. Mit 'Relic' endet dieses viel zu kurze Album und ich hoffe, die Künstlerin schenkt uns viele weitere. So viel Potenzial!
Bewertung: 13/15 Punkten
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Abbildungen: Anyx/Bandcamp


