
Post Rock • Ambient • Downtempo • Indietronic
(41:10; Vinyl (2LP), Digital; Numero Group; 22.05.2026)
25 Jahre alt wird "One Day I'll Be On Time" von The Album Leaf nun also. Ein Album aus einer Zeit, in der Post Rock noch nicht automatisch bedeutete, dass vier bärtige Männer im Gegenlicht auf den finalen Gitarren-Orgasmus nach exakt 8:37 Minuten hinarbeiten mussten. Stattdessen: Jimmy LaValle zwischen Tristeza, Indie-Underground, San-Diego-DIY-Romantik und jener speziellen Jahrtausendwenden-Melancholie.
Numero Group spendiert dem Album nun eine Vinyl-only-Wiederveröffentlichung zum 25-jährigen Jubiläum. Remastert, hübsch aufbereitet, inklusive neuer Liner Notes und unveröffentlichter Fotos. Bonusmaterial? Fehlanzeige. Wer das Original ohnehin schon im Regal stehen hat, bekommt hier also eher ein Sammlerstück als eine Offenbarung. Oder anders gesagt: Das Album heißt zwar "One Day I'll Be On Time", aber mit zusätzlichen Songs wollte man sich offenbar nicht stressen.
Dabei ist die Platte historisch durchaus interessant. Zwischen den Tourneen von Tristeza entstanden, wirkt sie heute weniger wie klassischer Postrock als vielmehr wie die Schnittmenge aus späten Talk-Talk-Ambientfragmenten, frühem Indietronic und jener schwer greifbaren nordischen Wehmut, die später auch Sigur Rós kultivieren sollten. Nicht umsonst luden die Isländer LaValle damals ein, mit ihnen auf Tour zu gehen – vermutlich nachdem sie festgestellt hatten, dass beide Parteien dieselbe Vorliebe für schwebende Klangflächen, verlangsamte Zeitwahrnehmung und Musik zum aus-dem-Zugfenster-Starren teilten.
Und tatsächlich besitzt "One Day I'll Be On Time" noch immer diesen eigentümlichen Zauber. Die zwölf Instrumentalstücke aus Piano, dezenten Beats, Field Recordings, Gitarrenflächen und zurückhaltenden Synthesizern wirken wie Momentaufnahmen einer Welt kurz vor dem digitalen Dauerrauschen. Die Stücke entfalten eine stille, fast unbeholfene Schönheit, die sich wohltuend gegen jede Form von Pathos stemmt. Keine Crescendi fürs Festivalpublikum, keine kalkulierten Gänsehautmomente – nur introvertierte kleine Klangskizzen, die lieber flüstern als posen.
Allerdings flüstert das Album mitunter auch ein bisschen zu konsequent. So angenehm unaufgeregt diese Musik ist, so sehr plätschert sie stellenweise eben auch vor sich hin. Ein wenig mehr Dynamik, ein paar schärfere Kontraste oder wenigstens ein Moment, der den Hörer kurz aus seiner melancholischen Tagtraumstarre reißt, hätten der Platte durchaus gutgetan. Gerade gegen Ende verschwimmen Tracks und Stimmungen zunehmend zu einem langen, warmen Ambient-Nebel, aus dem man irgendwann nicht mehr sicher herausfiltern kann, ob gerade 'In Between Lines' oder doch schon 'Vermillion' läuft.
Trotzdem bleibt diese Wiederveröffentlichung reizvoll – vor allem für Menschen, die wie ich bislang nie wirklich mit The Album Leaf in Berührung gekommen sind. Denn auch wenn das Album aus heutiger Sicht weniger revolutionär wirkt als sein Ruf vermuten lässt, versteht man schnell, warum diese Platte Anfang der 2000er für viele zur heimlichen Blaupause introspektiver Indie-Ambient-Musik wurde. Und seien wir ehrlich: Es gibt deutlich unangenehmere Arten, 50 Minuten lang melancholisch zur eigenen Zimmerdecke zu starren.
Ohne Bewertung
Tracklist:
- 'Gust Of'
- 'The MP'
- 'Story Board'
- 'Wet The Day'
- 'The Audio Pool'
- 'Hang Over'
- 'In Between Lines'
- 'Last Time Here'
- 'Asleep'
- 'The Sailor'
- 'Vermillion'
- 'Glimmer'
Besetzung:
• Jimmy LaValle - Instrument
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Cargo Records zur Verfügung gestellt.

