
Doom Metal
(35:06; Vinyl, CD, Digital; Relapse Records; 19.06.2026)
Wenn in einer Presseinfo gleichzeitig My Dying Bride und Marillion genannt werden, hat ein gewisser flohfish eines: Blut geleckt. Und zwar richtig. Warning? Doom? Patrick Walker? Na dann mal her mit dem Elend.
Und das ist tatsächlich ziemlich großartig. "Rituals Of Shame" steht natürlich zwangsläufig im Schatten von "Watching From A Distance", klingt für mich musikalisch aber erstaunlicherweise weniger nach dem eigenen Klassiker als nach der Hochphase von My Dying Bride. Sowohl "Turn Loose The Swans" als auch "The Angel And The Dark River" schimmern immer wieder durch – qualitativ und, mit gewissen Abstrichen, auch stilistisch. Die schweren, langsam schleppenden Gitarren, viel Raum zwischen den Tönen und die sich geduldig entfaltenden Melodien kennt man von beiden My-Dying-Bride-Platten. Bei "The Angel And The Dark River" kommen dann noch diese besonders melancholische Grundstimmung und die melodische Eleganz hinzu.
Violinen und Growls fehlen bei Warning allerdings komplett. Und genau dadurch zieht einen "Rituals Of Shame' nicht ganz so erbarmungslos nach unten. Dafür sorgt Patrick Walker mit seinem eigenwilligen Gesang schon für genügend seelischen Flurschaden. Verletzlich, klagend, persönlich und stellenweise näselnd bis quäkend, gelegentlich mit einer fast weinerlichen Note. In dieser speziellen Klagfarbe erinnert er mich sogar ein wenig an Jan Lubitzki von Depressive Age. Auch seine Zeit mit 40 Watt Sun hinterlässt Spuren: In den ruhigeren Momenten wird die Musik beinahe intim und zerbrechlich, ohne ihre Doom-Schwere abzulegen.
Der Marillion-Vergleich bezieht sich weniger auf den Klang als auf die Songarchitektur. Die Stücke entwickeln sich in langen, ausladenden Bögen, wechseln zwischen unterschiedlichen Spannungszuständen und lassen den Melodien Zeit, sich zu entfalten. Gerade beim fast dreizehnminütigen Titelsong funktioniert das hervorragend: keine Prog-Einlagen, kein „Schaut mal, was wir alles können“, sondern eine geschickt aufgebaute Dramaturgie. Die Songs dürfen einfach wachsen, statt nach dem ersten Riff bereits ihre komplette Lebensgeschichte erzählt zu haben.
Überhaupt wird hier nicht gehetzt. "Stations" nimmt sich fast zehn Minuten, die Gitarren bleiben langsam und schwer, lassen viel Luft zwischen den Tönen und setzen ihre Wirkung über Atmosphäre und Melodie. Dazu kommen Texte über Schuld, Scham, Sehnsucht, Trennung und Liebe. Also praktisch alles, was man für einen richtig gemütlichen Abend braucht.
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Und genau deshalb funktioniert "Rituals Of Shame" für mich so hervorragend: Warning beleben nach zwanzig Jahren nicht einfach ihr eigenes Denkmal wieder. "Watching From A Distance" hängt natürlich wie ein riesiger Schatten über dieser Platte. Aber anstatt den Klassiker möglichst detailgetreu nachzubauen, haben Patrick Walker und seine Mitstreiter ein neues, relevantes Warning-Album aufgenommen. Eines, das erstaunlicherweise eher an die großen My-Dying-Bride-Platten erinnert als an den eigenen Klassiker und trotzdem unverkennbar nach Warning klingt.
Wer "Turn Loose The Swans" und "The Angel And The Dark River" noch immer gerne auflegt, darf sich also beruhigt "Rituals Of Shame" vornehmen. Violinen und Growls fehlen zwar, aber für die emotionale Verwüstung reicht es trotzdem.
Bewertung: 13/15 Punkten
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• Patrick Walker - Gesang, Gitarre
• Wayne Taylor - Gitarre
• Marcus Hatfield - Bass
• Andrew Prestidge - Schlagzeug
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Petting Zoo Propaganda zur Verfügung gestellt.

