
Post Hardcore • Screamo • Post Metal
(46:08; Vinyl, CD, Digital; Grand Hotel Van Cleef/Indigo/The Orchard; 20.02.2026)
Normalerweise konsumiere ich Texte eher wie Hintergrundrauschen. Ich nehme sie wahr, ja. Aber ich dekodiere sie nicht zwangsläufig im Vorbeigehen. Stimmen sind für mich Klangfarbe, Druckmittel, Dramaturgie – nicht unbedingt Bedeutungsträger. Das kommt später. Mit Ruhe. Und Papier in der Hand. Bei "belle époque" ist das anders. Schon beim Opener 'messer' trifft die klassische Post-Hardcore-Mischung aus sanften Flächen und aggressiver Wut auf ein musikalisches Brett mit großartiger Dynamik. Man fühlt sich wie beim emotionalen Bungee-Sprung, nur dass die Platte nie Halt gibt.
Bei "belle époque" ist das anders. Und das, obwohl hier mehr geschrien wird als in manchem durchschnittlichen Familienurlaub auf dem Rastplatz. Es ist lange her, dass mir Texte so unmittelbar ins Gesicht gesprungen sind. Nicht subtil. Nicht metaphorisch verklausuliert, sondern mit klarer Ansage:
Wir haben gemordet, gebrandschatzt, geschändet, erdrosselt – wir sind dazu fähig.
Musikalisch startet das Album mit 'messer', klassischer Post-Hardcore, bei dem sanfte Flächen auf aggressive Wut treffen. Eine großartige Dynamik lässt den Hörer wie auf einem emotionalen Bungee springen, ohne dass das Seil je nachgibt.
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'hertz' folgt mit einem Spannungsaufbau, der den erlösenden Höhepunkt verweigert – Vocals pendeln zwischen gesprochenem und geschrienen Ausdruck, nervenkitzelnd bis zur letzten Sekunde. ''43' liefert den textlichen Höhepunkt des Albums, fast theaterhaft inszeniert, und verknüpft Ballade und Schreigesang auf eine Weise, die man kaum anders als spektakulär bezeichnen kann.
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'kalie' verführt mit Gitarrenflächen zwischen Shoegaze und Post Rock; verzweifelte Vocals treiben die dichte Atmosphäre noch weiter an. Mit 'mir' überraschen FJØRT erneut: Eine ungewöhnliche Vocalperformance, die entfernt an Ton Steine Scherben erinnert, perfekt als Kontrast, musikalisch wie textlich. 'ær' ist Noise trifft Ambient – kalt, intensiv, sehr sehr geil.
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Bei 'rott' beginnt es stakkato-artig mit Roboter-Sprechgesang, das Wechselspiel der beiden Sänger macht das Stück spannend; kurz aufblitzender melodischer Chorus à la Sportfreunde Stiller wird gnadenlos von Screams abgelöst. 'danse' ist tanzbar, energetisch und bedrohlich – der Titel sagt alles.
'22:30' ist mein Highlight: textlich satirisch, musikalisch shoegazig unterlegt, ultrageil in der Direktheit. 'yin' zieht die Atmosphäre wieder runter, dunkle Soundscapes mit bedrohlicher Schwere, kurz ein Lichtstreifen in der Pechschwarz-Ära.
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Den Abschluss bildet 'nacht', der knarzende Bass verleiht dem einzigen Stück mit herkömmlichem' Gesang das gewisse Etwas – beinahe zärtlich, fast.
FJØRT machen mit "belle époque" erneut klar: Kunst darf politisch sein, Wut und Ironie sind tragende Säulen. Das Album ist ein Spiegel unserer Zeit – unbequem, sperrig, intensiv – und musikalisch so abwechslungsreich, dass Post-Hardcore, Screamo, Noise, Ambient, Post-Rock und elektronische Elemente zu einem explosiven Ganzen verschmelzen. Keine Luft zum Atmen, nur Sprengstoff und Dringlichkeit.
Bewertung: 13/15 Punkten
Tracklist:
- 'messer' (4:52)
- 'hertz' (3:02)
- '’43' (3:49)
- 'kalie' (4:06)
- 'mir' (5:10)
- 'ær' (4:57)
- 'rott' (3:37)
- 'danse' (3:40)
- '22:30' (4:18)
- 'yin' (4:23)
- 'nacht' (4:14)

Besetzung:
• Chris Hell - Gesang, Gitarre
• David Frings - E-Bass, Gesang
• Frank Schophaus - Schlagzeug
Surftipps:
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Fleet Union zur Verfügung gestellt.

