Progressive Rock • Folk • Neo Prog • Konzeptalbum
(65:39; Vinyl (2LP), CD, Digital; InsideOut Music/Sony Music, 06.02.2026)
35 Jahre nach Bandgründung liefern Big Big Train tatsächlich ihr erstes echtes Konzeptalbum ab. 16 Tracks, 66 Minuten, eine durchgehende Geschichte über Kreativität, Opferbereitschaft und den schmalen Grat zwischen Inspiration und Wahnsinn – also im Grunde über Progressive Rock an sich.
"Woodcut" ist zugleich das zweite Album mit Alberto Bravin. Einen Vergleich mit seinem Vorgänger spare ich mir, fest steht jedoch: Bravins Stimme passt hervorragend zum BBT-Sound. Warm, kontrolliert, mit jener eleganten Melancholie, die diese Musik trägt. Dass er das Album selbst produziert hat, sorgt für Geschlossenheit – hier wirkt nichts beliebig.
Big Big Train sind ohnehin längst mehr als nur eine Band aus Dorset. Sie sind ein internationales Prog-Kollektiv mit Mitgliedern aus halb Europa und den USA – ein Who-is-Who der Szene. Wer sonst hat schon (ehemalige) Frontleute von Spock’s Beard und Beardfish als Backgroundsänger? Das Resultat: mehrstimmiger Gesang auf allerhöchstem Niveau. Die Vielzahl unterschiedlicher Stimmen ist eine der großen Stärken dieses Ensembles. Sie verleihen den Songs unterschiedliche Farben, unterstützen Stimmungen und treiben die Geschichte voran. Satzgesang als dramaturgisches Werkzeug – und das mit Gänsehautgarantie.
Musikalisch gibt es keine Experimente, sondern den bewährten Mix aus klassischem Prog, Folk, Neo Prog, Klassik und Melodic Rock. Pastoral, britisch gefärbt, verspielt, aber nie selbstzweckhaft verfrickelt. Bläser und Streicher erweitern das Klangbild, jedes Instrument bekommt Raum – trotz (oder gerade wegen) der über 400 aufgenommenen Einzelspuren.
'Inkwell Black' eröffnet kammermusikalisch und melancholisch. 'The Artist' führt pastoral-folkig in die Geschichte ein, mit starken Basslinien von Gregory Spawton, frühe-Genesis-Anleihen und einem dramatischen Aufbau samt Gänsehaut-Satzgesang – ganz großes Kino.
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'The Lie Of The Land' überzeugt durch Dynamik, 'The Sharpest Blade' als düstere Folk-Nummer mit starkem Gesang von Clare Lindley.
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'Albion Press' groovt angejazzt mit kernigem Riff.
'Arcadia' beginnt mit leichten Styx-Vibes, wird zur feinen Akustiknummer mit 12-String im Fokus. 'Warp And Weft' setzt als dissonanter, sperriger Ausreißer Spannung, bevor 'Chimaera' mit harmonischem Zusammenspiel von Gitarren und Violine wieder Wärme bringt. 'Dead Point' punktet mit Keyboard-Solo, 'Light Without Heat' als Ballade mit ausladendem Gitarrenfinale.
'Dreams In Black And White' startet Gentle-Giant-artig, danach folgen mit 'Cut And Run' und 'Hawthorn White' zwei Instrumentals – vielleicht dramaturgisch gewagt, aber musikalisch reizvoll: erst 70s-Referenz, dann Piano und Streicher im Vordergrund. 'Counting Stars' ist der klassische emotionale BBT-Moment, 'Last Stand' bildet ein würdiges Crescendo.
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Das schwarz-weiße Holzschnitt-Cover von Robin Mackenzie ist dezent und wirkungsvoll – eine wohltuende Abwechslung nach "Grand Tour" und "Common Ground".
Fazit: "Woodcut" ist keine Neuerfindung, sondern eine Verdichtung des Bekannten. Ein abwechslungsreiches, geschlossenes Konzeptalbum im typischen Big-Big-Train-Sound – pastoral, melodisch, detailverliebt. Und über 66 Minuten hinweg erstaunlich kurzweilig.
Bewertung: 13/15 Punkten
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Besetzung:
• Alberto Bravin - lead vocals, acoustic and electric guitars, keyboards, Moog, Mellotron
• Nick D'Virgilio - drums, percussion, keyboards, acoustic and 12-string guitars, vocals
• Oskar Holldorff - grand piano, Wurilitzer and Fender Rhodes electric pianos, Hammond organ, Mellotron, synthesiszers, vocals
• Clare Lindley - violin, acoustic guitar, vocals
• Paul Mitchell - trumpet, piccolo trumpet, vocals
• Rikard Sjöblom - 6 and 12-string guitars, Hammond organ, vocals
• Gregory Spawton - bass, bass pedals, 12-string acoustic guitar, Mellotron, vocals
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von Oktober Promotion zur Verfügung gestellt.


Ein Kommentar
Ich verfolge BBTrain schon so lange, dass mir gewahr wird, wie alt ich zwischenzeitlich geworden bin. Nervig. Festzustellen ist, dass das Spawton-Projekt im Laufe der Jahre immer professioneller und quasi wie eine europäische (mit US-Einfluss) Alternative zu Transatlantic geworden ist.
Professionell.
Es gab ursprüngliche Zeiten, die eher belanglos waren. Es gab interessante Phasen, die die Band gross gemacht haben. Und es gab verwaltende Zeiten, die die Band noch grösser gemacht haben. Dann gab es so grosse Zeiten, dass die Band wie selbstverständlich Surround-Alben veröffentlichen haben.Ich glaube, das ist ungewöhnlich. Ich will auch nicht im Detail auf Geschichte und Album-Qualitäten eingehen, aber ich möchte mich zu Woodcut äussern.
Der Platte hapert es erneut an Tempo, Druck und Rock. Es ist ein weiteres – so nenne ich es – Landlord-Prog-Scheibchen. Eine Tendenz zur Langeweile ist nicht zu überhören. Aber es hat einen schönen Surround-Sound (auf der BluRay), wirkt relativ „klassisch“, die Violine von Clare Lindley, sowie die Trompete von Paul Mitchell ergänzen grandios das Raumgefühl der Musik. Darüber hinaus gibt es Spock’s Beard Anklänge und – na ja – Ansätze von Fusion. Und über all dem schwebt die Idee, BBTrain-Musik etwas anders zu gestalten als bekannt. Dazu der Wetton-eske Gesang von Alberto Bravin, den ich dem Longdon-„Genesis“-Gesang vorziehe. Das ist alles wohlmeinend. Aber es macht die Platte nicht überragend. Nur besser als vorhergehende. Was allerdings schon eine gute Sache ist.
Fassen wir zusammen; ein bisschen bemüht, aber musikalisch natürlich deluxe, trotzdem könnten sie so viel mehr. Oder sind die alle schon so alt geworden wie ich? NDV?