Jail Job Eve – Wildfire

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(41:58, Digital, CD, Haensel und Gretel/MIG Music/Indigo, 2021)
Das Vorgängeralbum hierzu aus dem Jahr 2018 (“The Mission”) hatte hierorts ganz ehrlich gesagt wenig Eindruck hinterlassen (was ja nicht immer an der Musik, sondern mindestens ebenso häufig simpel am Reviewer liegt). Jedenfalls nicht genug, damals auch noch dem Debüt “Bird Of Passage” von 2015 nachzusteigen. Umso größer die reumütige Überraschung angesichts des aktuellen, sich hoffentlich wirklich wie ein Lauffeuer verbreitenden Albums der Osnabrücker! Dabei gibt es hier eigentlich gar keinen Paradigmenwechsel – wir reden immer noch von bluesigem Hard Rock oder teils heftigem Bluesrock. Dem man allerdings a) aufgrund der allgegenwärtigen Klangfarben von Jens Niemanns Hammond, die von von samtig bis zur Leslie-rotierenden Explosion reichen und b) von der generellen Weiterentwicklung der Band her sowie c) der textlich-gesellschaftlichen Relevanz auch gewisse progressive Elemente zusprechen möchte. Doch selbst wenn die Etikettenanbeter die nicht hören oder finden sollten – eine schweinegeile Platte bleibt “Wildfire” so oder so. Und übrigens auch eine von denen, die auf geheimnisvolle Weise immer noch besser zu werden scheinen, je lauter man sie aufdreht. Oder nochmals – und dann endgültig völlig mysteriös – wenn man lauthals mitsingt oder zu singen versucht.

Beim schon recht knalligen Aufmacher ‘Down The Rabbit Hole’ waren es zunächst die warm-atmosphärischen Slide-Gitarrenparts von Benedikt Schlereth, die aufhorchen ließen. Und dann die Überlegung, ob das überhaupt noch die gleiche Sängerin sein kann, wie dunnemals. Denn was Victoria Semel hier in einer Skala von sanft-lockend bis zu röhrender Attacke auffährt, braucht sich auch vor keinerlei internationalem Wettbewerb mehr zu verstecken (Elin Larsson, Linda Perry, Heidi Solheim, Suze DeMarchi, you name it)! Doch nochmals heißer wird es mit ‘Mid-Flight’ und hier speziell den textlos gesungenen Passagen des Refrains – einfach strahlend schön.

‘Hit Me With A Lightning’ haut blitzartig in ähnliche Kerben, wobei z.B. Verzerrung und Tapping auf der Gitarre metallischere Regionen aufsuchen und der sich gegen übergriffige Einflussnahme vehement zur Wehr setzende Text das Erlebnis intensiviert. Der sich anschließende Title- und mit knapp 7:30 Long-Track des Albums startet zumindest langsam und sanft – und mit fast Anneke-van-Giersbergen-haft wiegendem Gesang. Natürlich baut sich aber auch dieses hörenswerte Epos noch gewaltig aus und auf.

Die Vorab-Single ‘Lost’ ist noch expliziter emanzipatorisch geraten als ‘Hit Me…’.
Anlass, solche Themen aufzugreifen, gibt es ja weiterhin wirklich mehr als genug…

Anscheinend nicht als Single geplant (im Gegensatz zu beispielsweise dem trocken rockenden ‘No Means No’), aber dennoch eindeutiger persönlicher Favorit des Albums noch vor ‘Mid-Flight’ ist ‘Keep It Quiet’. Weil Victoria und Band hier in einem Song wirklich die komplette Bandbreite und das ganze Drama von kontemplativem Sprechgesang über sanft gezupftem Bass bis hin zu orgiastischem Durchdrehen inklusive Nina-Hagen- bzw. für die Oper ausgebildet klingendem Vortrag innerhalb weniger Takte hin und zurück vorführen. Und statt langweilig wird es von mal zu mal nur immer schärfer. Darf man in einem Prog Mag “mega sexy” sagen? Selbst wenn nicht – genau das ist Victorias Gesang nicht nur hier in hohem Maße.

Das langsam und vergleichsweise hart rockende ‘Riot’ beschließt ein Album, das laut Label-Angaben komplett live aufgenommen wurde. Vielleicht erklärt u.a. das ja diesen reproduzierbaren enormen Abgeh-Effekt.


 
 
Den Jubelsack bei unserem Album der Woche zu macht ein auffallend detailverliebtes Artwork zwischen Steampunk, Perry Rhodan und alteb Kupfersticheb von Sebastian Jerke. Der z.B. schon beim Thema My Sleeping Karma positiv aufgefallen war (völlig anders, aber genauso begeisternd; “Moksha” ist auch rein optisch eine der ästhetischsten Platten, die der Autor je betrachtet, in die Hand genommen und aufgelegt hat).

Teapot of the Week

“Teapot of the Week” auf Betreutes Proggen in der KW43/2021

Bewertung: 12/15 Punkten

PS: Und versprochen, jetzt nehmen wir uns sämtliche Voralben doch nochmal gründlich vor…

Line-up:
Victoria Semel – Gesang
Jens Niemann – Orgel
Benedikt Schlereth – Gitarren
Tim Beckers – Bass
Josef Röhner – Schlagzeug

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Konzertbericht 2019

Abbildungen: Sebastian Jerke / Jail Job Eve / MiG Music

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Über den Autor

"everything happy, and progressive, and occupied" K. Grahame, The Wind In The Willows

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Jail Job Eve – Wildfire

von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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