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    Steve Rothery Band, Dave Foster Band, 06.09.19, Köln, Die Kantine

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    By flohfish on 24. September 2019 Konzertberichte

    Steve Rothery Band live in KölnVielen spät geborenen Marillion-Fans war es nie vergönnt, ihre Lieblingsband noch gemeinsam mit Derek William Dick auf der Bühne zu erleben. Live-Versionen der Marillion-Klassiker aus der Fish-Ära kannten sie nur in der Marillion-Hogarth-Version beziehungsweise in der Fish-Solo-Variante.

    Während Marillion ab 1989 ausschließlich eine kleine Auswahl ihrer alten Lieder live spielten, war bei diesen die Musik zwar original, allerdings fehlte Steve Hogarths Stimme – trotz großer Ausdruckskraft – immer das Gift und der Flow des Originals. Fish dagegen konnte über die Jahre stimmlich immer weniger überzeugen. Seine Interpretationen des eigenen Back.Kataloges reichen heute nicht mehr über die einer schlechten Cover-Band hinaus. Die Stimme des Schotten hat über die Jahre so sehr gelitten, dass alte Lieder seit Jahren in einer anderen Tonart gespielt werden müssen und sich somit meilenweit vom Original entfernt bewegen.

    Dies hatte zur Folge, dass zufriedenstellende Darbietungen alter Marillion-Klassiker von vielen Fans über Jahrzehnte hinweg vermisst wurden. Dies änderte sich erst, als Marillion-Gitarrist und Gründungsmitglied Steve Rothery sich daran machte, im Jahre 2013 sein erstes instrumentales Solo-Album aufzunehmen und in Zuge dessen auf Konzertreise zu gehen. Die mittlerweile regelmäßigen Auftritte der Steve Rothery Band nutzt der Maestro seitdem nicht nur zur Vorstellung seines Solo-Albums "The Ghosts of Pripyat", sondern auch zur Feilbietung von ausgewählten Marillion-Klassikern. Dabei stehen immer wieder jene Lieder im Mittelpunkt, die von seiner Hauptband seit der Abkehr von Fish komplett ignoriert worden sind. Mittlerweile gelten die Interpretationen Rotherys als die authentischsten Versionen des Marillion-Frühwerks, da sie neben dem originalen Trademark-Gitarrensound auch von Fishs Stimme geprägt werden. Nun, ja, eigentlich singt der Schotte Martin Jakubski, doch ist dieser stimmlich näher am jungen Fish, als Mr. Dick es nach 1990 jemals war.

    Aufgrund der großen Nachfrage kommt die Steve Rothery Band im September 2019 für eine Art Fan-Convention für zwei aufeinanderfolgende Tage in die Domstadt am Rhein. Das Wochenende steht unter dem Motto "A Collection of Musical Curiosities": während für den Samstag die Aufführung des '87er Werks "Clutching at Straws" angekündigt worden ist, soll der Freitag ganz im Zeichen des legendären '85er Konzeptalbums "Misplaced Childhood" stehen.

    Schon gegen 19:00 Uhr, zu Einlassbeginn, stehen die Menschen Schlange am Eingang der Kölner Kantine. Zwar erscheinen insgesamt weniger Besucher als zum Konzert der Neal Morse Band wenige Monate zuvor an gleicher Stelle, doch scheint die Kantine auch heute ausverkauft zu sein, da die Halle bis zum Anschlag gefüllt ist. Einziger Unterschied: die Zuhörer müssen heute nicht wegen Überfüllung im Treppenhaus stehen.

    Die Enge im Publikum schlägt sich positiv auf die Atmosphäre nieder, so dass schon ab den ersten Tönen der Dave Foster Band ausgelassene Stimmung herrscht. Bei den Mitgliedern der Band handelt es sich fast ausschließlich um Musiker, die auch später bei der Steve Rothery Band auf den Brettern stehen: Gitarrist und Mastermind Dave Foster, Schlagzeuger Leon Parr (beide vormals Mr. So & So), Yatim Halimi (Panic Room) sowie der Italiener Riccardo Romano (RanestRane). Lediglich die Niederländerin Dinet Poortman nimmt die Stellung hinterm Mikrofon ein, die später für Martin Jakubski reserviert sein soll. Dinet ist neben Dave für das Songwriting in der Band verantwortlich. Ihre ausdrucksstarke Stimme erinnert dabei des öfteren an die von Anneke van Giersbergen, ohne allerdings in deren extraterrestrische Sphären hervorzudringen. Neben Poortmans Gesang steht natürlich vor allem Fosters Gitarrenspiel im Mittelpunkt des Geschehens, welches im Gegensatz zu dem von Rothery eher schnell und technisch wirkt. Die Dave Foster Band vermag es, über die gesamte Länge ihres Auftritts eine dichte Atmosphäre zu erzeugen – allerings ohne dabei mit einem Wiedererkennungswert zu punkten. Zumindest nicht nach dem ersten Hören.

    Als nach kurzer Pause die Dave Foster Band ohne Sängerin, dafür aber unter anderem Namen und zusammen mit Steve Rothery zurück auf die Bühne kommt, schweben Teile des Publikums bereits auf Wolke Sieben. Obwohl die meisten Zuhörer wahrscheinlich wegen der Marillion-Klassiker zum Konzert gekommen sind, brechen bei der Darbietung der instrumentalen Stücke von Rotherys Solo-Albums erste Beifallsstürme im Publikum aus. Als nach vier Stücken und einer kleinen Pause endlich Martin Jakubski zur Band dazustößt und die unverwechselbaren Keyboardklänge von 'Pseudo Silk Kimono' erklingen, ist im Publikum fast keiner mehr zu halten: "Misplaced Childhood" wird von vielen der Anwesenden von der ersten Zeile an lautstark mitgesungen. Es ist eine Zeitreise in das Jahr 1985. Das Partyvolk der Ü50-Fete schwebt in Jugenderinnerungen. Die bestens aufgelegte Band und das Auditorium scheinen sich im Laufe des Abends immer weiter gegenseitig nach oben zu schaukeln und anzuspornen. Dies liegt natürlich vor allem an der sympathischen Ausstrahlung Steve Rotherys, seiner Bühnenpräsenz und seinem unvergleichlich gefühlvollen und unaufgeregtem Gitarrenspiel. Es ist aber auch ein Abend von Fans für Fans, denn nichts anderes sind die Musiker, die Herr Rothery um sich versammelt hat. Auch nach unzähligen Auftritten ist es den Herren Jakubski, Foster, Parr, Romano und Halimi noch immer anzusehen, dass sie selbst die allergrößten Fans der Musik sind, die sie gerade spielen. Dies wird vor allem bei Dave Foster deutlich, der als zweiter Gitarrist zwar nicht immer auf der Bühne gebraucht wird, aber trotzdem auch in seinen Auszeiten die Texte der Lieder im Seitenbereich der Bühne mitsingt.

    Wer nun denkt, dass mit "Misplaced Childhood" der Höhepunkt des Abends erreicht ist, der hat die Rechung ohne den Backkatalog Marillions gemacht. Was im Anschluss folgt ist ein Feuerwerk alter und neuer Fanlieblinge. Jakubskis Interpretationen von 'Afraid of Sunlight', 'Waiting to Happen' und 'Easter' geben eine leichte Ahnung davon, wie diese Songs geklungen hätten, wären sie in einem Paralleluniversum von Fish gesungen worden. Martin bleibt bei beiden Liedern, im Gegensatz zu Hogarth, stets sehr nah an der Albumversion, was es den anwesenden Fans um einiges leichter macht, auch diese Stücke mitzusingen. Welche Qualität das Frühwerk Marillions in seiner Breite besitzt, wird spätestens dann klar, wenn man sich vor Augen führt, dass mit 'Cinderella Search' und 'Freaks' zwei B-Seiten nicht nur aufgeführt, sondern förmlich abgefeiert werden.

    Die Highlights des Abends stellen allerdings die beiden Longtracks des "Fugazi"-Albums dar. Ob es an den Liedern selbst liegt, oder einfach nur an der Tatsache, dass sie von Marillion selbst seit 1988 nicht mehr live gespielt worden sind – sowohl 'Fugazi' als auch 'Incubus' bringen das Fass der Ausgelassenheit zum Überlaufen. 'Fugazi' als letztgespieltem Lied des Abends, kommt dann noch einmal eine ganz besondere Rolle zu. Viele Fans haben vergessen, dass sich Marillion schon vor 'Gaza' politischen Themen gewidmet haben. Heute wird an diese Tradition noch einmal angeknüpft. Mr. Rothery widmet das Stück dem Brexit und der Situation im Vereinigten Königreich: This World is totally Fugazi!

    Als die Band dann nach knapp zweieinhalb Stunden die Bühne verlässt, haben alle Anwesenden ihre Arme in den Himmel gestreckt und fordern nach mehr. Dabei erschallt aus dem Publikum ein Lärm, der fast lauter als jener ist, der noch kurz zuvor aus der PA ertönte. Eine Publikumsreaktion, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt habe.

    Als Steve Rothery und seine Musiker sich dann gemeinsam vom Publikum verabschieden, sind die wenigsten traurig. Viele der anwesenden Fans werden am nächsten Tag wiederkehren und neben "Clutching at Straws" auch in den Genuss eines lange vergessenen Monsters kommen. Alle anderen können wahrscheinlich noch Tage später in Erinnerungen an einen formidablen Auftritt schwelgen.

    Fotos: Andrew Ilms

    Setlist:
    Dave Foster Band
    Steve Rothery Band

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    1978 in Traben-Trarbach geboren und seit 2014 in Köln ansässig bin ich noch immer ein echter Globetrotter. Ziehe ich gerade einmal nicht trampend und couchsurfend mit meiner Frau Inga durch die Welt, so arbeite ich als Sozialpädagoge in der Inklusionsbegleitung sowie in der Einzelfall- und Familienhilfe. Nebenberuflich bin ich als Stadtführer für Free Walk Cologne tätig. Außerdem nähen Inga und ich hin und wieder noch immer unsere Travelling Monkeys, handgefertigte Stoffaffen. Musikalisch in den 90ern sozialisiert, wuchs ich mit Grunge (Pearl Jam, Nirvana), Prog (Marillion, Dream Theater), Punk (Bad Religion, NoFX), Gothic Metal (Paradise Lost, My Dying Bride) und Crossover (Rage Against the Machine, Faith No More) auf. Für mich sind die letzten zehn Jahre musikalisch so ziemlich die spannensten, die ich bisher erlebt habe, da in dieser Zeit viele jener verschiedenen Stile musikalisch zusammengführt worden sind.

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