
Progressive Rock • AOR • Hard Rock
(1:05:18; Vinyl (2LP), CD, Digital; Frontiers Music s.r.l./OPEN; 06.11.2026)
Drei neue Musiker und trotzdem klingt das eindeutig nach Asia. Vier Jahre nach der Vorstellung der neuen Besetzung und zwölf Jahre nach "Gravitas" erscheint mit "Indigo" endlich ein neues Studioalbum. Geoff Downes bleibt dabei die Konstante, während John Mitchell, Virgil Donati und Harry Whitley frischen Wind in die Band bringen. Vor allem Mitchell und Donati sorgen dafür, dass Asia weiterhin auch als Zusammenschluss versierter Prog-Musiker funktioniert. Die Produktion klingt zeitgemäß, etwas härter und rhythmisch abwechslungsreicher als zuletzt. Nach dem Ende von Lonely Robot darf sich John Mitchell nun in eine deutlich ältere Geschichte einschreiben. Virgil Donati gehört ohnehin zu den besten Drummern im Rockzirkus, während Harry Whitley mit seiner an John Wetton erinnernden Stimmfarbe, allerdings mit mehr Höhen, keineswegs als bloßer Ersatzmann auftritt. Er bringt jugendliche Frische und Energie mit, ohne die Vergangenheit zu verleugnen.
'The Traveller (Into The Light)' macht gleich deutlich, dass die neuen Musiker nicht vorhaben, die Geschichte von Asia lediglich nachzuspielen. Melodischer AOR trifft auf eine etwas progressivere Ausrichtung, verspielte Keyboards und ordentlich Drive. Auch der mehrstimmige Gesang sitzt.
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'Change Of Heart' schlägt dagegen die vertraute Balladenrichtung ein und zeigt Whitleys stimmliche Nähe zu Wetton, ohne dessen Stimme einfach zu kopieren. Bei 'Arcadia' glänzt Downes mit opulenten Keyboardarrangements und eleganten Piano-Passagen, während Mitchell für eingängige Melodiebögen sorgt. Donati weiß, wann Zurückhaltung gefragt ist und wann Akzente gesetzt werden müssen. Der große Refrain darf natürlich nicht fehlen. 'Is This The Life?' fällt als kompakter Pop-Rock-Song etwas aus dem Rahmen, trägt aber unverkennbar Mitchells kompositorische Handschrift.
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Mit dem dreiteiligen, elfminütigen 'Tattoo Indigo' wird es deutlich progressiver. Der erste Teil lebt von Downes verspielten Keyboards, Donati abwechslungsreichem Drumming und Mitchell melodischen Gitarrenbeiträgen. Das kurze Zwischenspiel in Teil zwei setzt dagegen auf eine elegante Akustikgitarrenmelodie und Whitley warmen Gesang. Das erinnert stellenweise an Camel, Renaissance und das melancholische 'Old And Wise' von The Alan Parsons Project. Teil drei verbindet diese Melodik mit der progressiven Ausrichtung des Auftakts, wird dunkler und entwickelt sich zu einem dramatischen Höhepunkt, bei dem Mitchell und Whitley besonders überzeugen. Eine solche Intensität hätte man dem früheren Asia vielleicht nicht unbedingt zugetraut. Die Bonustrack-Version von 'Tattoo Indigo (Part 3)' mit Mike Portnoy setzt noch stärker auf Virtuosität. Sein kraftvolles Drumming und Whitley durch den Vocoder verfremdeter Gesang geben dem Stück einen anderen Charakter. Als Einzeltrack durchaus reizvoll, fügt sich die Version allerdings weniger gut in die Suite ein.
'Life In The Sun' kehrt auf vertrauteres Asia-Terrain zurück und wird von melodischer Gitarrenarbeit getragen. 'Hymn For The Fallen' versucht sich an einer leichtfüßigen, beinahe hymnischen Ballade, wirkt kompositorisch aber etwas unausgewogen. Die spanisch anmutende Gitarre am Ende entschädigt zumindest teilweise. 'Night And Day' bringt mit seinem eingängigen Pop-Rock-Refrain wieder Bewegung ins Album; der Rhythmus erinnert dabei ein wenig an den treibenden Mittelteil von John Miles 'Music'. 'Valencia (The Ghost Ship)' ist zugänglicher Asia-Rock, vielleicht im Albumkontext eine Spur zu lieblich. Das kurze Instrumental 'An Elegy' bildet einen passenden Nachklang. Bei 'Chesapeake Bay' sorgen Steve Howe Akustikgitarre und Whitley Gesang für eine zurückgenommene, atmosphärische Ballade. Howe unverwechselbares Spiel ist dabei das aromatische Asia-Gewürz in der Suppe. 'On A Winter's Night' bewegt sich wieder auf der leichteren, poppigeren Seite und bleibt vor allem durch die Kirchenorgel am Ende in Erinnerung. Der melancholische Abschluss 'Echo Of You' überzeugt mit abwechslungsreicher Dramaturgie, einem starken Gitarrensolo und Donati markantem Schlagzeugspiel.
Musikalisch bewegt sich "Indigo" insgesamt irgendwo zwischen progressivem AOR und melodischem Prog. Weder unwiderstehlicher Stadion-AOR mit den ganz großen Melodien noch verfrickelter Prog für verkopfte Menschen – Asia sind ein ganz eigener musikalischer Kontinent zwischen diesen Polen. Man könnte das als etwas uninspiriert abtun, denn nicht jede Komposition entwickelt genügend Eigenständigkeit, um nachhaltig hängen zu bleiben. Doch vermutlich ist genau diese Ausrichtung das Ziel, das Downes, Whitley, Donati und Mitchell verfolgen. Für diese Nische ist "Indigo" durchaus gelungen: frisch und modern, ohne seine Herkunft zu verleugnen, und mit einer etwas stärkeren Prog-Schlagseite als die letzten Veröffentlichungen. Dass einige Kompositionen noch gemeinsam mit John Wetton entstanden sind und Steve Howe bei 'Chesapeake Bay' einen Gastbeitrag leistet, vervollständigt das Bild. Die vier Musiker führen den Geist von Asia in die Gegenwart und machen das Album letztlich doch zu einer ziemlich asiatischen Angelegenheit.
Bewertung: 12/15 Punkten
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Besetzung:
• Geoff Downes - Keyboards
• Virgil Donati - Schlagzeug
• John Mitchell - Gitarre
• Harry Whitley - Bass/Gesang
Gastmusiker:
• Steve Howe – Akustikgitarre ('Chesapeake Bay')
• Mike Portnoy – Schlagzeug ('Tattoo Indigo (Part 3)', Bonustrack)
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Alle Abbildungen wurden uns freundlicherweise von cmm zur Verfügung gestellt.

