Die Physiker
Es war einmal, vor langer, langer Zeit... Anlässlich eines der seltenen Live-Konzerte des Hannoveraner Post-Rock-Trios Lorimer Burst in unserer Region fand sich Anlass zu der Beschreibung:
»Und dann gab es noch… 'Untitled', da neuer Song, grade fertig geworden. Drones, dann Synths mit J. M. Jarre-Sound, über diesem Fundament geht dann die wilde Jagd los. Dennis nach dem Konzert, als man noch erfreulich und erstaunlich lange klönend zusammensaß: "Vermutlich unser proggigster Song bislang". Das lässt noch mehr aufs nächste Album hoffen (genau wie ein paar andere Dinge, die wir aber noch nicht verraten können)…«

Manche Dinge holen einen ein... Die üblen ebenso wie — in diesem Fall — die interessanten. Zwei Jahre später ist nun also das Album ("Ultraviolet") erschienen, für das der damals noch unbenamste Song bestimmt war. 
Das Folgende war überhaupt nicht als klassisches Frage-Antwort-Interview geplant. Dennis war nur neugierig, wie dem Autor bei einem allerersten Hören "Ultraviolet" denn so zusagte. Es entspann sich das Folgende:
'Pegasus' — Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, WAS genau mir am (damals noch) 'Untitled'-Stück live im Kult41 gefallen hatte. Aber DASS es mir gefallen hatte. Und neugierig auf Eure weitere Entwicklung gemacht hatte.
Vor allem aber konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, dass es ja "nur" ein (hübsch perlendes, blubberndes und fiepsenden) Intro von weniger als 1:30 war..?
War es das damals auf der Bühne in Bonn auch nur gewesen?
Haha, es war und ist schon mehr, was da bei 'Pegasus' (unserem Intro) passiert, als nur Fiepsen. Da wird z. B. auch schon die eine oder andere Melodie des Albums angespielt und vorweg genommen, aber halt etwas verfremdet, wo bliebe sonst auch der Spaß?!
Aber ja, von ein paar Details abgesehen haben wir das Intro wie auch die Ideen zum Album schon vor ein paar Jahren fertig und haben den ersten Song auch bei dem Konzert in Bonn bereits gespielt. Weitere waren damals schon fertig, aber wir konnten uns noch nicht dazu durchringen, sie auch schon live zu zeigen.

Innerhalb der Songs macht das Matthieu (Bassist von Lorimer Burst und Synth-Aficionado). Ausgenommen der Interludes und dem Solo in 'Green pea Galaxies", dem letzten Song auf dem Album. Die Interludes hat wieder unser Freund “nthirteen” aus Erfurt übernommen. Seit dem ersten Album und einem gemeinsamen Konzert haben wir uns so gut verstanden, dass er quasi unser vierter Mann ist. Er hat schon auf unserem zweiten Album "Voyager" mitgespielt und da viel Atmosphäre und Ideen eingebracht. Bei “Ultraviolet” haben wir beim Schreiben schon die Songs recht dicht gemacht und es war wenig "Raum" für ihn. Deswegen hat er dann für die tollen Interludes zwischen den Songs gesorgt. Der Hintergedanke ist, dass man die Seiten A und B vom Vinyl in einem durchhören kann. Und das hat er ganz toll gemacht, man sollte unbedingt mal in sein Solo-Werk reinhören, wenn einem diese Interludes gefallen.
'Galex' — Ah, um das NASA ultraviolet space telescope geht es hier...
Schönes Intro (Aber: ein Intro nach dem Intro von Stück 1? Warum?), feine Steigerung, melodisches Thema.
Und endlich flirren hier auch mal Post-Rock-Gitarren 😉
Aber mir persönlich gefällt auch sehr, dass es später (Minute 3) so etwas wie eine langsam, gefühlvoll singende Lead-Gitarre gibt, die wenig mit "Post" zu tun hat.
Wir alle drei hören ja gerne "Post", aber nicht nur. Und in den meisten Fällen an einem normalen Tag dann doch andere Sachen, die uns natürlich auch beeinflussen. Ich sehe uns auch nicht wirklich als reine Post-Rock-Band. Wir machen einfach das, was uns gefällt und was wir selbst gerne hören würden. Meine liebste Post-Band, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann, ist z. B. Mogwai. Und die sind ja auch nicht unbedingt dafür bekannt. sich an jedem Post-Klischee zu bedienen.
Ultraviolettes Licht ist beteiligt an der Erschaffung und dem Untergang von eigentlich allem. Überall ist es dabei und wir können es nicht einmal sehen.
Minute 5. Hier fängt etwas völlig Neues an. Fast wie ein neues Stück.
Beep as Beep can, segmentiert von Heavy Riffs.
Warum?
Die Coda klingt wie ein Alptraum von R2D2 🙂
Vertont die das Schicksal von GALEX?
Soweit ich weiß, war das Schicksal von GALEX recht unspektakulär, und es dreht auch immer noch seine Runden um die Erde. Und liefert auch noch Daten. Pegasus, unser Intro vor GALEX, war übrigens die Rakete, die GALEX in die Umlaufbahn gebracht hat.
Viel mehr als um sein Schicksal geht es uns in dem Song aber um die Forschung zum ultravioletten Licht und seinen verschiedenen Eigenschaften. Ultraviolettes Licht ist beteiligt an der Erschaffung und dem Untergang von eigentlich allem. Überall ist es dabei und wir können es nicht einmal sehen. Daher hat der Song verschiedene Themen, die am Ende zusammenkommen und sich vereinen.
'Void' - In dieser "Leere" ist aber ordentlich was los! Soll das die Aussage sein?
erst klirrende Gitarren und sanftes Piano (sehr schön), dann sogar Engelsgesang oder - je nach Gusto - Music from the Spheres.
Das ist genau eine der Stellen die nthirteen so fantastisch verzahnt hat, der Plan war die beiden von uns geschriebenen Stücke zusammen zu führen und das ist ihm mit dieser kleinen Klangcollage extrem gelungen. Das “Thema” der Leere kam später dazu, es passt aber einfach zu gut.
'Astraios' (Part 1: From Dust To Light) — Der Gott der Abenddämmerung?
Hektisch, aufgeregt am Anfang. Staubig? Dann innehaltend, Kraft sammelnd?
Ab 1:25 wird's dann "lighter", bzw. mit der Gitarrenfigur geht die Sonne auf.
4:00: Der Bass knurpselt hier endlich wieder so herrlich (bei 1-3 fand ich ihn sehr im Hintergrund). Und Deine Gitarre klingt für mich hier mehr psychedelisch als sonstwas.
In der griechischen Mythologie ist ASTRAIOS der Schöpfer der Sterne am Firmament.
Part 1 beschreibt musikalisch wie Sonnen entstehen und wie auch mal wieder das ultraviolette Licht dabei eine Rolle spielt. Welche weiß man bis heute noch nicht genau und dass es an der Entstehung überhaupt beteiligt ist, kommt ziemlich überraschend, denn bisher ist man davon nicht ausgegangen. Beim Ende von Sonnen wird auf jeden Fall UV-Licht ausgestrahlt, aber genau dieses alte UV-Licht scheint auch wichtig bei der Entstehung von jungen Sternen zu sein. Somit ist das UV-Licht ein wenig der Schöpfer der Sterne, also Astraios.
'Astraios' (Part 2: From Light To Ultraviolet Radiation) — Jetzt also vom "Licht" zur UV-Strahlung?
Es geht jedenfalls ultrawach, fast kreischig und aggressiv los!
Grooved sich dann aber ein.
4:00 Irgendwas passiert. Das ist wie ein switched-on Light Saber.
=> UV Radiation scheint groovy zu sein.
UV Radiation hat auf jeden Fall mehr mit unserem Dasein zu tun, als man gemeinhin denkt — und das ist schon ziemlich groovy. Und das Ende eines Sterns doch recht dramatisch abläuft, sollte auch der Song dazu so sein. Dazu sollte er überraschen. Und mich überrascht er beim Spielen immer noch an der einen oder anderen Stelle... Und wenn ein Stern vergeht, darf es ruhig auch mal kreischend und aggressiv sein.
'Habitat 67' — eine Wohnanlage in Montreal? Brutalismus und Strukturalismus? Wie passt das ins Konzept?
Das ist für mich typischer Post Rock, die ruhige, sich beruhigend langsam vor sich hin entwickelnde Variante. Zunächst, bis zum Ausbruch.
Dann wieder zurück zur Beschaulichkeit.
Minute 7: schöne, alles einsammelnde Gitarrenfigur. Zwischen "Post" und "richtigem" Gitarrenspiel. Und eine bezaubernde, nachdenkliche Unterhaltung zwischen Bass und Gitarre als Coda.
Brutalismus war tatsächlich ein wichtiger Einfluss bei der Erschaffung der Platte und war auch das erste Thema, auf das wir uns für die neuen Songs einigen konnten. Das hat aber weniger mit dem konkreten Gebäude in Montreal zu tun. Das dient nur als Beispiel, sondern eher mit der Bedeutung, die man dem Brutalismus nachsagt und die er anstrebt. Die Gebäude im Brutalismus sind für die Ewigkeit gebaut und wir haben da gar keine so wirkliche Ahnung, was das genau sein soll. Und in Montreal sieht man ganz gut, was dennoch schon nach ein paar Jahren passiert: Materialien und das Gebäute altern und werden brüchig und das vor allem auch wegen des UV-Lichts. Denn das zerstört über einen längeren Zeitraum alle Schutzschichten, die den Beton schützen sollen. Und so beginnt das Symbol von Ewigkeit, das sich der Mensch erträumt hat, innerhalb von wenigen Jahren zu verwittern — und somit wird die gewünschte Ewigkeit doch recht kurz.
Die Struktur sollte langsam aufbauen und vor allem fortlaufend sein. Da tauchen nur kleine Fragmente ab und an wieder auf, der Song läuft ansonsten dahin und entwickelt sich einfach. Bei keinem Stück haben wir übrigens so wenig in die Struktur eingegriffen. Die war nach einem oder zwei Jams schon fast komplett, da mussten wir einfach nicht viel dran tun.

'Chemical Rays' — Inwiefern kann Strahlung "chemical" sein? Mixed das nicht Physik und Chemie? Ach, was weiß ich schon davon...
Um das UV-Licht-Thema weiter zu spinnen, beschreibt der Titel vor allem die Historie. Der Physiker Johann Ritter machte dafür 1801 in Jena Experimente mit Lichtstrahlung und war erstaunt, dass vor allem Licht jenseits des sichtbaren Spektrums einen Einfluss auf seine Experimente hatte. Er dachte jedoch zunächst, das Ganze sei eine chemische Eigenschaft von Licht und nannte es chemisches Licht, also Chemical Rays.
Auch hier hat wieder nthirteen ein wunderschönes Stück geschaffen, das beide Stücke der Platten Seite B zusammenführt.
'Green Pea Galaxies — beim spontanen Hören mein Favorit. Das finde ich von Anfang bis Ende schön, dicht und Geschichten erzählend. Hat auch mit den biestigen, wüst zerrenden Klangfarben in Gitarre und Bass und dem dramatischen Schlagzeugspiel zu tun. Aber auch mit den einfach starken Melodien hier.
Das war die erste Idee, die wir für das neue Album hatten, und es war die schwierigste, um daraus einen Song hinzubekommen. Aber es hat ganz gut geklappt, wie ich finde. Das Ganze hatte für mich immer den Charme von einem fremden Land, das unglaublich weit entfernt ist. Green Pea Galaxies sind die ältesten Galaxien, die wir von der Erde aus beobachten können, und die voller UV-Licht sind. Somit passte das auch sehr gut ins ganze Konzept. Diese Galaxien sind in der Beobachtung nur kleine, grüne, erbsenhafte Punkte.
Die Reise des Albums entwickelt sich quasi rückwärts in der Zeit, es beginnt bei recht aktueller Forschung zum UV-Licht und endet bei den ältesten Galaxien, die wir überhaupt beobachten können. Die Beschäftigung mit dem UV-Licht zeigt, wie wenig wir von den ganzen Zusammenhängen überhaupt verstehen.
Alle die Texte, die man in den physischen Tonträgern ("Ultraviolet" gibt es auch als Coloured Vinyl, natürlich in Violett, d. Red.) nachlesen kann, sind übrigens mit Professor Duncan Lorimer (Professor für Physik und Astronomie an der West Virginia University und ist bekannt für die Entdeckung und Beschreibung des ersten Fast Radio Bursts im Jahr 2007 welche man deswegen auch LORIMER BURST nennt) zusammen überlegt und geschrieben worden. Wir hatten also wirklich tatkräftige Hilfe von professioneller Seite.
Danke für Deine auskunftsreiche Begleitung meiner allerersten Hörerfahrung.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann bursten und forschen sie hoffentlich noch lange!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Bandcamp. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Surftipps:
• Homepage
• Bandcamp
• YouTube
• Rezensionen, Liveberichte & Interviews

